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Eine Insel von Terry Pratchett

Rezension von Carina Schöning

 

Mit „Eine Insel“ – im Original „Nation“ hat der englische Bestsellerautor Terry Pratchett nach langer Zeit wieder einen eigenständigen Roman außerhalb seiner berühmten und berüchtigten Scheibenwelt geschrieben. Der Roman handelt von nichts Geringerem als Leben und Tod, das Erwachsenwerden an sich und auch von scheinbar belanglosen Dingen wie anständige Tischmanieren oder das angemessene Benehmen Damen gegenüber.

 

In einer fiktiven Welt, die unserer frappierend ähnlich ist, lebt auf einer kleinen Insel im großen, weiten pelagischen Ozean der junge Mau, der kurz vor der „Mannwerdung“ steht. Bevor er von den Männern seiner Nation vollständig anerkannt wird, muss er sich verschiedenen Ritualen unterziehen und so seine maskuline Kraft und Stärke beweisen. Die Prüfung selbst hat Mau erfolgreich überstanden, aber auf dem Rückweg entkommt er mit seinem selbstgebauten Kanu nur knapp den Ausläufern einer Riesenwelle. Wieder in seiner Nation angekommen, stellt er erstaunt fest, dass die Riesenwelle alle seiner Verwandten und Freunde hinweg gespült hat. Die Insel liegt verwüstet vor ihm und selbst die großen Steine, ehrfürchtig Gottesanker genannt liegen verstreut am Stand und im Wasser der Küste herum. Mau ist fassungslos und verzweifelt, gleichzeitig sprechen aber die Geister der Großväter in seinem Kopf von dem Neuaufbau der Nation. In seiner naiv-liebenswerter Art entscheidet sich Mauletztendlich dafür und beginnt die Insel aufzuräumen.

 

Zur gleichen Zeit ist die junge Ermintrude Fanshaw, die an der 138. Stelle in der Thronfolge des englischen Empires steht, auf dem Weg zu ihrem Vater in die entfernten Kolonien. Die „Sweet Judy“ ist zwar ein anständiges Schiff robuster Bauart, aber auch an ihr geht die plötzliche Riesenwelle nicht problemlos vorbei. Das Schiff zerschellt in den Wassermassen und wird an der Küste einer unbekannten Insel angespült. Ermintrude war als einziger Passagier sicher unter Deck und hat die Katastrophe überlebt, der Rest von Mannschaft und Passagiere wurde fortgespült und ist aller Wahrscheinlichkeit nun schon längst tot. Die junge Dame fühlt sich zwar immer noch den alten Traditionen verwurzelt, aber gleichzeitig ist sie sich auch der neuen Situation bewusst. Sie entschließt sich selbst den neuen Namen Daphne zu geben und den komischen herumlaufenden Inseljungen trotz des Fehlens einer angemessenen Anstandsdame zu Tee und Gebäck einzuladen.

 

„Eine Insel“ wird im Original als das große Opus magnus von Terry Pratchett gefeiert. Der leider seit einiger Zeit an Alzheimer erkrankte Autor zeigt in diesem Roman eine außergewöhnliche Bandbreite an verschiedenen Themen. Anfangs erinnert die Handlung noch ein wenig an „Robinson Crusoe“ oder „Die blaue Lagune“, später jedoch, wenn die praktischen Probleme mehr oder weniger gelöst sind, kommen die philosophischen und ethischen Aspekte stärker zum Tragen. Das Wesen von Gott bzw. der Götter wird hinterfragt, der Sinn des Lebens diskutiert, das System der Schuld in Frage gestellt und so weiter. In einem vordergründig sehr simplen und schlichten Erzählstil wird auch die unethische und unmoralische Kolonialpolitik Englands Ende des 19. Jahrhunderts kritisiert und deren Umgang mit den „unzivilisierten Wilden“. Natürlich darf dabei aber auch Terrys berühmter Humor nicht fehlen und das Aufeinandertreffen der beiden gegensätzlichen Kulturen sorgt sowohl für witzige Missverständnis als auch liebenswerte Denkanstösse. Der Roman ist gespickt mit humorvollen, teils auch bösen Anspielungen und etwas alberner Situationskomik.

Während „Nation“ nun in England ein großes Meisterwerk darstellt, wird der Roman in Deutschland von einer anderen Problematik überschattet. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der ansonsten erstklassige Übersetzer Bernhard Kempen sich ein wenig mit Verlag und Lektorat gestritten hat. Das Original ist ein Buch für Erwachsene, zwar kindlich-naiv geschrieben aber mit einer ernsthaften Thematik. Die deutsche Übersetzung sollte sich jedoch mehr in Richtung Jugendbuch bewegen. Letztendlich hat sich der Übersetzer von seiner Arbeit distanziert und die deutsche Ausgabe erscheint unter dem Anagramm Peder Brehnkmann. Mit dieser Problematik im Hinterkopf fällt die Bewertung des Romans natürlich schwer. Einige Szenen – besonders mit den Göttern Imo und Locaha sind grandios geschrieben und wecken alte Erinnerungen an die Scheibenweltromane. Auch der Running-Gag mit dem plappernden Papagei sorgt für Schmunzeln, aber andererseits fehlt an vielen Stellen einfach der richtige Biss. Humor und Kritik kommen stellenweise einfach zu zahm und zaghaft rüber, was nicht nur sehr schade ist, sondern wahrscheinlich die Aussagen von Sir Terry auch nur verwässert wiedergibt.

Positiv ist jedoch dass im Gegensatz zu der inhaltlich-gleichen Manhattan-Ausgabe das schönere Original-Cover übernommen worden ist. Zudem gibt es auch einige hübsche Karten und Innenillustrationen des englischen Künstlers Jonny Duddle.

 

Insgesamt hinterlässt „Eine Insel“ einen zwiespältigen Eindruck. Das große Opus magnus von Terry Pratchett hat viel gesellschaftskritisches Potenzial, letztendlich fällt die zweifelhafte Übersetzung aber doch zu zahm aus. Vielleicht werden jüngere Leser dies kaum bemerken, wer aber mit den alten Scheibenwelt-Romanen aufgewachsen ist und jedes Jahr voller Ungeduld auf die nächste Veröffentlichung gewartet hat, wird wenig Gefallen an diesem Roman finden. Es bleibt zu hoffen, dass „Eine Insel“ ähnlich wie auch Tolkiens „Herr der Ringe“ irgendwann in mehreren Übersetzungen vorliegen würde.

 

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MEDIUM:

Eine Insel

Autor: Terry Pratchett

Deutsche Ausgabe 2009

Englische Originalausgabe 2008 „Nation“

Übersetzung Peder Brehnkmann

Umschlag- & Innenillustration Jonny Duddle

Umschlagkonzeption basic-book-design, Karl Müller-Bussdorf

cbj Verlag

gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, 447 Seiten

Altersempfehlung ab 12 Jahre

ISBN 978-3-570-13726-0

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 08.10.2009, zuletzt aktualisiert: 10.09.2019 19:06