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Eine schöne Geschichte von Ricarda Junge

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Die Studentin Marie ist todkrank: Sie hat eine Lungenfibrose – ihr Immunsystem zerstört den eigenen Körper, wobei das Zerfressen der Lunge am bedrohlichsten ist. Lange hat sie nicht mehr zu leben, aber wie lange, ist unklar. Marie beschließt, dass sie ihre letzte Zeit nicht damit verbringen will um ihren eigenen Tod zu trauern. Sie will leben, lernen, lachen, Peter lieben. Die Stadt erschwert dieses jedoch, denn in der Stadt kommen Dinge abhanden. Gleich als Marie ankommt, verschwindet ihr Koffer am Bahnhof. Geklaut! – vermutet sie. Der tauche schon wieder auf, nichts verschwinde auf Dauer, beruhigt die Tutorin sie. Es bleibt allerdings nicht bei Zigaretten, Schlüsseln und Kleingeld: Es verschwinden Katzen, Kinder – alles Mögliche. Es kann leicht passieren, dass man morgens das Haus verlässt und am Abend das Haus oder gleich die ganze Strasse fehlt. Die Stadt ist ständig im Wandel – wie kann man dort leben?

 

Würde man mit dem Wagen durch die namenlose Stadt fahren, so sähe sie für den flüchtigen Betrachter wohl aus wie eine x-beliebige deutsche Kleinstadt, vielleicht fiele die ungewöhnlich starke Bautätigkeit auf. Doch das Leben in der Stadt gestaltet sich deutlich anders: Zwar gibt es immer wieder Momente, in denen alles ganz normal scheint – wenn Arndt über seine Internet-Flirts spricht, wenn das Leben im Studentenwohnheim oder Peters Arbeit in der Backstube thematisiert werden – aber diese sind blitzschnell vorbei. Dann wird gegrübelt, wohin Colina verschwunden ist, wundert man sich über die vielen halbfertigen Eisenbahnbrücken oder freut sich über das Bündel Geldscheine, welches unerwartet in der Tasche aufgetaucht ist. Etwas geht verloren, aber kein Platz bleibt leer – etwas taucht die Lücke ausfüllend auf. Diese beständige Unstetigkeit verändert die Menschen: Das Fahrrad ist weg – nun ja, gestern hatte man neue Schuhe im Schrank, geht man halt zu Fuß. Die Kneipe, in der man jobbte, ist weg – ach, dann arbeitet man halt in der Bäckerei, die jetzt dort steht. Planung ist fruchtlos, die Menschen nehmen den ewigen Wandel hin. Man veranstaltet spontane Frühstücke mit Fremden und verwaltet riesige Depots, wo sich jeder unentgeltlich benötigte Fundstücke abholen darf – doch nicht beliebige, wobei die Regeln völlig willkürlich scheinen wie alles in der Stadt.

Das Setting ist damit anscheinend ein Milieu, dem sehr viel Raum gewährt wird; damit würde der Roman zur ambivalenten Utopie, für viele sogar zur Dystopie. Aber bisweilen kommen Zweifel auf, ob die Wahrnehmung der Ich-Erzählerin Marie nicht vielleicht gestört ist. Vielleicht hat die Krankheit nicht nur ihre Lungen, sondern noch andere Organe angegriffen. Was würde das für das Setting bedeuten? Würde es damit zur atmosphärischen Untermalung? Die Ambivalenz ob des ontischen Status' der Stadt machen die Geschichte jedenfalls zur todorovschen Phantastik.

 

Die Unberechenbarkeit findet sich in mancherlei Hinsicht auch bei den Figuren. Das fängt damit an, dass der Leser nicht weiß, welche wichtig sind und welche nicht. Maries Studenten-Clique besteht aus Arndt, Peter, Constanze, Colina und Marie selbst. Aber wie wichtig ist z. B. Arndt? Wie wichtig ist Constanze? Bei den randständigeren Figuren wie Ilona, Frau Fickeisen oder Nathalie gerät der Leser noch mehr ins Grübeln. Auch verschwinden die Figuren einfach aus der Geschichte – plötzlich ist Peter weg. Das muss der Leser wie Marie akzeptieren. Auch hier gilt: Keine Lücke bleibt – aber nichts kommt unverändert zurück. Diese Brüche finden sich bei einigen Figuren: Mal ist Peter ein liebevoller Freund, der sich für seine kranke Freundin aufopfert, mal ist er ein egoistisches Arschloch, das sie roh anfährt. Marie ist die Hauptfigur. Sie wird massiv durch ihre Krankheit geprägt. Ihre unbeschwerte Art wird im Laufe der Zeit immer mehr von der Fibrose und den Begleiterscheinungen zerfressen, doch ihr unbändiger Lebenshunger bleibt. Sie will Leben und nicht an den Tod denken. Sie kämpft mit aller Kraft – aber ihr Körper und ihr Unterbewusstsein arbeiten beharrlich gegen sie.

 

Bei vielen Utopien ist der Plot nur schwach ausgeprägt – es geht um die Darstellung der fremdartigen Umgebung, physischer wie sozialer Art. Bei Milieus spielen zudem die Charaktere eine größere Rolle. So weit trifft es auch auf Eine schöne Geschichte zu. Es geht immer wieder um die Unbeständigkeit der Stadt und deren Auswirkungen. Um das zentrale Thema – Entfremdung – besser zur Geltung zu bringen, muss es natürlich auch banalen Alltag

geben. Hier sind das Fragmente einer ménage à trois von Marie, Peter und Arndt, Studentenpartys, Vorlesungen, Arbeit usw. An Spannungsquellen geben diese Aspekte nicht viel her – in diesem Roman geht es um das doppelte Rätsel, dass die Stadt und Marie repräsentieren. Ob sich die Rätsel letztlich sauber auflösen lassen, weiß ich nicht.

 

Schließlich findet sich die Sprunghaftigkeit auch in der Erzähltechnik wieder. Es gibt nur einen Erzählstrang, der von der Ich-Erzählerin Marie geschildert wird, wobei es eine handvoll von Einschüben aus der Perspektive Colinas gibt. Die für solche Geschichten übliche Linearität wird allerdings komplett aufgebrochen – Peter will Marie erzählen, woher der See seinen Namen hat, was sie nicht hören will. Da es eine schöne Geschichte ist, erzählt Peter sie trotzdem. An dieser Stelle bricht die Erzählung unvermittelt ab und eine Rückblende wird eingeschoben. Ebenso plötzlich setzt die Erzählung wieder ein – als Peters Geschichte fertig ist; eine schöne Geschichte gibt es in diesem Roman nicht. Da neben werden Dinge vorweggenommen oder vorausgedeutet, Szenen werden doppelt erzählt, aber unterscheiden sich deutlich (oder es sind zwei sehr ähnliche Szenen). Dann sind die Anbindungen zuweilen sehr unklar, so dass man mit einigen Szenen nur wenig anfangen kann. Kurzum: Der Handlungsaufbau ist sehr chaotisch. Es wirkt, als habe jemand drei Puzzles mit ähnlichen Motiven in eine Pfütze fallen lassen und die Steine hastig wieder in die Schachteln gelegt. Puzzelt man nun eines zusammen, so hat man einige Steine, die klar zu einander passen, einige, die vielleicht zusammengehören, aber nicht recht passen, weil sie aufgequollen sind, und einige, die einfach nicht dazu gehören, aber ähnlich aussehen.

Der Stil ist dem natürlichen Redefluss nachgebildet, es wirkt beinahe, als würde eine Studentin erzählen. Meist ist die Wortwahl neutral, manchmal wird sie auch salopp oder vulgär, wenn es z. B. um Sexualität geht. Auffällig sind die Wiederholungen: Als Marie und Colina ihren ersten Abend in einer Kneipe verbringen, klopft Colina penetrant mit der Hand auf die Tischplatte, so dass es "tap, tap, tap" macht. Später wird dieses "tap, tap, tap" noch öfters ertönen – und immer an die verrückte, verschwundene Colina erinnern.

 

Fazit:

Die sterbenskranke Studentin Marie will den Rest ihrer Zeit nicht ihren baldigen Tod betrauern, sondern intensiv leben – die bizarre Stadt, in der alles stets im Fluss ist, macht es ihr jedoch nicht immer leicht. Eine schöne Geschichte ist es gewiss nicht – es ist eine faszinierende, aber bittere Geschichte, die ihre Stärke aus der krankheitsbedingten Degeneration Maries und der surrealistischen Stadt zieht. Ricarda Junge hat eine sehr offene Geschichte voller Ambivalenz geschrieben. Fantasy-Mainstream ist das keineswegs, aber wer über Gelesenes nachdenken mag, wer sich daran reiben mag, der braucht nicht zu zögern.

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Titel: Eine schöne Geschichte

Reihe: -

Original: -

Autor: Ricarda Junge

Übersetzer: -

Verlag: S. Fischer (2008)

Seiten: 256-Gebunden

Titelbild: Gundula Hissmann und Andreas Heilmann

ISBN-13: 978-3-10-039328-9

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 10.09.2008, zuletzt aktualisiert: 30.06.2017 15:01