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Endstation Louisiana von Lucius Shepard

Rezension von Christian Endres

 

Das Paperpack-Programm der Edition Phantasia speist den deutschen Phantastik-Markt regelmäßig mit kleinen Perlen von außergewöhnlichen (zumeist amerikanischsprachigen) Schriftstellern: Ray Bradbury, Peter Straub, Fritz Leiber und J. G. Ballard sind nur ein paar der illustren Namen, die in den Reihen Edition Phantasia Horror, Fantasy, Science Fiction und – neuerdings – auch Crime mit kleinen, aber sehr feinen Ausgaben ihrer Bücher vertreten sind. Einer der Autoren, der sowohl in Bereichen der Science Fiction, als auch in denen des Horrors zu finden ist, hört auf den Namen Lucius Shepard, gilt gemeinhin als einer der wichtigsten, innovativsten und stilsichersten Autoren moderner unheimlicher Phantastik und ist nach »Aztech« mit »Endstation Louisiana« (»Louisiana Breakdown«) nun schon zum zweiten Mal in der Paperback-Reihe der EP vertreten, bevor im Sommer 2006 mit dem »Handbuch amerikanischer Gebete« sein dritter Auftritt folgen wird.

 

Grail ist kein Gralsstädtchen, und Parzival und die Ritter der Tafelrunde hätten es mit Sicherheit in Brand gesetzt und zu einem qualmenden Häufchen Asche niedergebrannt, um all das Hexenwerk auszuräuchern, das dort seit Gründung des Örtchens munter vor sich hin schwelt und im Sumpf vor sich hin brodelt. Rockmusiker Jack Mustaine strandet gewissermaßen in diesem Kaff inmitten der Sümpfe von Louisiana, als sein roter BMW in der Nähe des eigentümlichen Ortsschild den Geist aufgibt, und ehe Jack sich versieht, ist er Bestandteil einer uralten Tradition in Grail – der nämlich, dass alle zwanzig Jahre eine neue Mittsommernachtskönigin gekürt wird, um den Guten Grauen Mann zu besänftigen und dem seltsam-spirituellen Örtchen im versprochenen Austausch gegen diese Königin eine Etappe des Heils zu erkaufen. Das Problem mit Jack nun ist nur, dass er sich nicht an die Regeln halten und die amtierende Königin Vida Summers sogar sehr gerne retten möchte – womit er am Ende in direkter Konfrontation mit dem Guten Grauen Mann steht; einer Konfrontation, die er nicht gewinnen kann, und die für ihn sehr leicht zur seelischen, aber auch moralischen Endstation werden könnte ...

 

Lucius Shepards Novelle besticht vor allem durch drei Dinge: Eine äußerst dichte Atmosphäre, einen unterschwelligen, sekundären und bestenfalls subtilen Horror mit hohem Mystery-Faktor und natürlich einen hervorragenden Schreibstil, der gerade in Dialogen und inneren Monologen oder Charakterstudien, genauso aber bei Beschreibungen der Sumpf- oder Kleinstadtkulisse voll zum Tragen kommt und die Geschichte vom sprachlichen Niveau her zu einem Erlebnis macht. Mit leisen Tönen erzeugt Shepard Seite für Seite eine dichte, atmosphärische Story und führt sie zu einem nicht minder leisen, aber stimmigen und passenden Ende, ohne von seiner konsequenten Linie bzw. seinem Verständnis von Horror abzuweichen. Damit erzählt er trotz der Tatsache, dass dieser Horror-Roman ohne Eimer voll Blut und Leichen und mit knapp 150 Seiten auskommt, eine ansprechende Geschichte über Traditionen, Aberglaube und die Geister und verlorenen Seelen, welche die Menschheit einst rief und hie und da auch heute noch anzurufen scheint ...

 

Wie üblich weiß die Aufmachung des EP-Paperbacks zu überzeugen: Ein gutes Druckbild, eine gelungene Übersetzung und eine hübsche Klappenbroschur sind ein ansprechendes Mitgift, das der Verlag seinen großformatigen A5-Taschenbüchern stets mit auf den Weg gibt. Das Cover hat mir farblich und typographisch in der Vorschau ehrlich gesagt ein wenig besser gefallen, und auch das Vorwort der Ausgabe (welche meines Wissens auch schon in der amerikanischen Paperback-Ausgabe enthalten war) ist nun nicht wirklich die Quintessenz einer gelungenen Einstimmung, doch sind das nur kleine Kritikpunkte auf einer ansonsten tadellosen Liste.

 

Fazit: In »Endstation Louisiana« verschmelzen die Atmosphäre von Len Weins oder Alan Moores Swamp Thing-Comics mit der amerikanischen Kleinstastmythologie von beispielsweise Terry Bissons Roman Talking Man zu einem einzigartigen, in sumpfigem Grün glühenden Cocktail aus mystischer Lust, nebeliger Phantasie und blumiger Sprachgewalt. Shepard ist ein vollendeter Stilist, und sein »Endstation Louisiana« eine Musterbeispiel moderner, dunkler Phantastik, das durch leise angeschlagene Akkorde große Musik für den Liebhaber von Streichkonzerten für die Sinne bereit hält und, als echte, schön aufgemachte Liebhaberausgabe ihrem etwas höheren Preis mehr als nur gerecht wird und die Anschaffung zweifellos lohnt.

 

Wenn es so etwas wie »idyllischen Horror« gibt, dann ist Shepard sein oberster Priester und trägt mit seiner Predigt namens »Endstation Louisiana« indirekt all die angestaubten, blutgetränkten Horrorromane früherer Tage mit einer Mischung aus Mystery und New Wave sowie einer Prise Sex und Rock’n’Roll zu Grabe.

 

So. Endstation, Freunde.

 

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Titel: Endstation Louisiana

Autor: Lucius Shepard

Klappenbroschur - 160 Seiten

Edition Phantasia

Erscheinungsdatum: Februar 2006

ISBN: 3937897143

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 21.02.2006, zuletzt aktualisiert: 12.01.2019 12:03