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Eyes

Autorin: Maike Häußler

 

Durch die eisig klare Nacht klang das helle Bimmeln der Pferdeglocken, das Traben der schweren Hufe dämpfte der Schnee. Weiß bedeckte die entfernten, schwarzen Kiefern, die wie drohend emporgereckte Schwerter am Feldrand standen; und darüber der stille Wintermond.

 

Schnell glitten die Kufen über den Weg, ließen den Schnee zur Seite spritzen, zogen hinter sich eine breite Spur. In graue Decken gehüllt, die Fellgefütterte Kapuze tief ins Gesicht gezogen, kauerte eine dunkle Gestalt auf dem Kutschbock, die Zügel fest in den klammen Händen. Mit jedem Schritt des starken Pferdes hallte wie ein leises Leuchten das Geräusch der Glöckchen hinüber zum Wald, verirrte sich zwischen den Stämmen. Irgendwo traf es auf die scharfen Ohren dessen, der den Schnee fallen hört. Er hob den Kopf, die glühenden Augen wachsam zum Weg hingewandt, verfolgte nur kurz die Bewegung des Gefährts und machte sich dann auf den Weg, parallel zum Schlitten durch den Wald. Federnd trugen ihn seine langen Beine, spreizten sich die hellen Pfoten auf dem Schnee. Und wäre jeder Andere eingesunken bis zur Brust, er hielt sich. Leicht, leise, und so schnell wie das trabende Pferd. Mondlicht fing sich im silbergrauen Schweif, als er auf das freie Feld trat.

 

Bald hatte er endlich die Stadt erreicht. Nikolai fröstelte. Bald, sagte er sich immer wieder. Dann flüsterte er durch die Kälte: „Halte durch, Taras, bald sind wir da." Doch seine ermutigenden Worte an das Pferd blies der Fahrtwind mit der weißen Atemwolke weg. Nikolai blickte auf zum Mond. Wie hell er doch war... Dann, wie zufällig, senkte er den Blick auf den schwarzen Wald. Eine Weile betrachtete er die hohen Bäume, bevor er den grauen Schatten davor ausmachte, der auf der Höhe des Schlittens vor der Mauer aus Bäumen wanderte. Nikolai kannte den Gang. Kopf und Rückgrat auf einer Linie, hochbeinig und den Schwanz fast zwischen den Hinterbeinen, so lief nur ein Wolf. Er hielt das Pferd an. Im selben Moment hielt auch der Wolf und hob den Kopf in seine Richtung. Lange standen sie so, einen Langbogenschuss voneinander entfernt, und sahen sich reglos an.

 

Er ist es, dachte Nikolai , Er ist gekommen!

 

Es war wie ein Pakt, den der Junge mit dem Wolf geschlossen hatte, damals, in der Nacht. Nikolai hatte davon gehört, dass Wolfsaugen einen festhalten können. Die Leute im Dorf hatten es erzählt. Er hatte es für eines von den Schauermärchen gehalten, die an kalten Wintertagen vor dem Kachelofen geraunt wurden und auf die er nichts gab. Was wussten denn diese Dörfler, die ihn dann mit argwöhnischen Blicken musterten, was wussten sie von den Wölfen. Nicht mehr, als dass sie um die Häuser strichen, wenn der allzustarke Hunger sie dazu trieb, wussten vielleicht, wie man sie vergiftet oder wie viele Pfeile sie töteten. Bei diesem Gedanken musste Nikolai seufzen. Den grossen Grauen, der sich seiner angenommen hatte als er einst allein im Wald Hunger und Kälte ausgesetzt gewesen war, hatte ein Bolzen in den Kopf getroffen.

 

Er mochte die Wölfe. Ihre Kraft und Klugheit, und ihre Bernsteingelben Augen. Warum um alles in der Welt sollten diese Augen einen Menschen festhalten wollen? Das hatte er den Schmied gefragt.

 

„Um zu warten, bis du starr bist und um dann dich zu reißen.", war die Antwort gewesen.

 

Der Schmied hatte gegrinst. Nikolai lachte schon längst nicht mehr über solche Meinungen. Sie wussten es halt nicht besser. Und er war in den Wald gegangen, um die Wahrheit heraus zu finden. Mitten in der Nacht hatte er sich aus dem Haus gestohlen, in dem man ihn in diesem Winter aufgenommen hatte.

 

Und am Fluss, letztes Frühjahr zur Schneeschmelze, dort hatte er die Erfahrung gemacht, die er während seiner ganzen Zeit bei den Wölfen tausendmal hätte machen müssen, von der er aber verschohnt geblieben war, da die Wölfe ihn als ihnen zugehörig angesehen hatten.

 

So hatte er den unendlich tiefen Augen des Tieres versprochen, treu zu bleiben. Denen treu, die versuchten, auch im Schlechten das Gute zu sehen. Und vor allem, seine Träume nicht zu verlieren. Denn oft sind die Träume der Schlüssel zur Zukunft.

 

Die Gespräche, die du mit den Augen des Anderen führst, sind die klarsten. Das hatte der grosse Graue gesagt. Gewissermaßen.

 

Den Augen des Wolfes, der ihn nun von so fern beobachtete, diesen Augen hatte Nikolai das Versprechen gegeben. Es hatte ihn weise gemacht. Und hier war er nun, hier, am Don. Und auch der Wolf war da. „Gut.", sagte Nikolai.

 

Gut, dachte der Wolf, und Beide setzten ihren Weg fort.

 

Du hast dein Versprechen also gehalten, Nikolai.

 

Der Junge, der wieder in sich zusammengesunken war, schreckte auf. Ein verstörter Blick auf den Wolfsschatten am Waldrand erinnerte ihn: der grosse Graue hatte ihn die Gedankensprache gelehrt.

 

Habe ich, Wolf, dachte Nikolai.

 

Ich darf nur bis zum Stadtrand mitkommen, Junge.

 

Ich weiss. Sie sind wütend auf dich und deine Brüder, Wolf.

 

Dann müssten sie doch wütend auf sich selbst sein, Nikolai...

 

Warum das, Wolf?

 

Weil Mensch und Wolf Brüder sind, Junge.

 

Das hat der grosse Graue auch gesagt, Wolf.

 

Ich weiss, Junge.

 

Schweigend zogen sie weiter. Irgendwann graute der Morgen auf der Ebene im Osten. Die ewige Dämmerung setzte ein. Nunja, ewig war sie eigentlich nicht, aber es wurde nicht heller, bis plötzlich der Tag da war. Und mit dem ersten Grau tauchte die Stadt auf.

 

Nikolai...

 

der Junge blinzelte.

 

Ich muss jetzt meinen Weg gehen.

 

Wirst du rufen, Wolf?

 

Nicht, solange du darin bist, Junge.

 

Hüte dich vor deinem Bruder, Wolf.

 

Wenn du vor die Stadt kommst, rufe ich, damit du weisst, das es mir gut geht. Hüte auch du dich, Nikolai.

 

Und ohne ein weiteres Wort verschwand der Wolf im Wald.

 

Als Nikolai an diesem Abend vor das Tor der Stadt trat, tat er es mit gutem Gewissen. Gestern hatte er Quartier gefunden, gestern hatte der Wolf gesungen. Und heute würde er es wieder tun. Er lief das erste Stück des Wegs, bis hinunter zum Wald, dann bewegte er sich so, wie es ihn die Wölfe gelehrt hatten. Leise. So spurlos wie möglich, und genau so unsichtbar. Unsichtbar sein, das war die letzte Zuflucht des Gejagten, unsichtbar sein war die gefährlichste Waffe des Jägers.

 

Weit genug entfernt von den Ohren der Stadt hob er den Kopf und rief den Ruf des Einsamen in die klare Abendluft. Einmal. Und einmal erhielt er Antwort. Der Wolf war noch da.

 

Die Wachen schienen wieder nichts gehört zu haben. Das war gut, denn nur allzu schnell kamen Gerüchte auf, das wusste Nikolai. Aus seiner Heimat hatten sie ihn vertrieben wegen seiner Liebe zu den Wölfen. Die, die seine Wolfsbrüder töteten und ihn bei sich aufnahmen, vertrieben ihn ein zweites Mal. Und wenn ihn die Gerüchte bis hier herunter an den Don erreichten, dann würde man ihn auch von hier vertreiben. Vorurteile greifen schneller um sich als Feuer in der Nacht. So lange aber wollte er bleiben, denn die Flucht allein tötet, wenn man sie nicht manchmal unterbricht.

 

Eine Woche vielleicht lebte Nikolai in der Sicherheit, dass es dem Wolf gut ginge, doch eines Abends, als er rief, antwortete nur das Echo. Wieder heulte er, laut, gen Himmel, der Gesang hallte durch den Wald, verstummte; ungehört.

 

Nikolai stieß die Luft zwischen den zusammengepressten Zähnen hindurch. Weiß hing sie eine Weile in der Windstille, dann löste sie sich langsam auf. Der Junge spielte mit dem Gedanken, noch einmal zu rufen, doch wenn man es in der Stadt hörte, dann würde aus ihm in Windeseile ein blutrünstiger Werwolf. Das Risiko war zu groß. Morgen, dachte er, Morgen.

 

So machte er sich auf den Weg zurück, doch heute schien alles anders. Argwöhnische Blicke auf der Straße, seine Wirtin war unfreundlich und das Pferd Taras unruhig. Einmal meinte der Junge gehört zu haben, wie die Frau etwas von „verdammten Wölfen" murmelte. Alles Einbildung, alles nur Einbildung, versuchte Nikolai sich Mut zu machen, als er ins feuchte Heu kroch. Doch das dumpfe Gefühl in seinem Magen wollte nicht verschwinden. Die ganze Nacht lag er wach und lauschte, doch der einzige, der sang, war der Wind, der draußen um die Häuserecken fegte und den Schnee vertrieb.

 

Tage wartete der Junge auf ein Lebenszeichen von dem Wolf. Tage geschah nichts. Längst war das ungute Gefühl zu Angst geworden, längst traute er sich nicht mehr, zu heulen. Er war noch stiller geworden, als er es eh schon gewesen war, noch abweisender den Menschen gegenüber. Alles schien sich zu verdunkeln, wenn der Wolf wieder nicht gerufen hatte. Und irgendwann wartete er nicht mehr. Er rannte des Tages ziellos durch die Straßen der Stadt und warf sich Nachts unruhig im Heu herum. Die Sicherheit des Wolfes war verschwunden.

 

Eines Tages dann, gegen Abend, sah er einen Fallensteller über die Hauptstraße ziehen, lief auf ihn zu in der Hoffnung, von ihm etwas über den Wolf zu erfahren. Wollte fragen, ob er einen einsamen Wolf gesehen hatte. Hatte er. Über seiner Schulter hing hell ein Wolfsfell, ohne Kopf und Pfoten, der buschige Schwanz fast ganz zwischen die Hinterläufe gesunken. In seinen silbergrauen Haaren fing sich Sonnenlicht.

 

Nikolai rannte los, zum Stadttor hinaus, rannte und rannte, verließ den Weg und lief, bis er die Ebene erreicht hatte. Dort blieb er Minuten hilflos stehen, ließ den Blick schweifen über den rötlich wirkenden Schnee und setzte dann langsam und bestimmt seinen Weg fort : hinaus in die Tundra. Der scharfe Wind hatte ihm Tränen in die Augen getrieben.

 

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Erstellt: 25.07.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58