Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Feuervolk von Joanne Harris

Rezension von Christine Schlicht

 

500 Jahre nach dem letzten Weltuntergang …

Das Dorf Malbry im Tal des Strond liegt weit ab von dem, was man die zivilisierte Welt nennt, aber eben noch in ihrem Einflussbereich. Die Leute gehorchen den neuen Herrn der Welt, die in „Weltenende“ weit im Süden des Landes regieren, dem Orden, der die Träume verbietet und alle, die zu fantasievoll sind, als Bedrohung betrachtet. Das Mädchen Maddy, die unkonventionelle Tochter des Schmieds, ist vielen daher ein großer Dorn im Auge. Einerseits macht man sich ihre Zauberkräfte gern zu Nutze, wenn zum Beispiel wieder einmal Kobolde im Keller der Schänke zu den Sieben Schläfern ihr Unwesen treiben. Andererseits wird vehement bestritten, dass es Kobolde gibt und so behauptet die Wirtin, Mrs Scattergood, steif und fest, es seien bloß Ratten. Ist aber froh, wenn Maddy sie beseitigen kann.

 

Maddy, die in ihrer Hand ein Runenmal hat und damit ohnehin als Ausgestoßene gilt, in einer Zeit, in der alles, was mit Magie, Zauberei oder auch nur mit Fantasie und Träumen zu tun hat, seit der "Orden" das Sagen hat, ist das alles wohl bewusst. Sie fürchtet sich dennoch nicht, ihre Sicht der Welt offen zu zeigen und die Magie zu benutzen, die in ihr steckt, und die von ihrem Freund, dem Vagabunden Einauge, geschult wird. Sie hält es nicht mal wirklich geheim, obwohl sie befürchten muss, dass sie eines Tages möglicherweise an den Orden verpetzt wird, der auf Geheiß des unbekannten Namenlosen ein strenges Regime führt und für den nur gilt, was im "Buch der Bücher" steht. Die Geschichten, Sagen und Legenden des Feuervolks, der alten Götter, werden vom Orden als Unsinn und Lüge gebrandmarkt. Alle, die dem nicht entsprechen, werden examiniert oder sogar geläutert – was wohl gleichbedeutend mit dem Tod ist.

 

Was sie wirklich anrichtet, erfährt Maddy von Einauge, ihrem einzigen Vertrauten. Der Fremdländer, der im Gesicht ein ähnliches Runenmal trägt wie sie auf der Hand, macht das Mädchen schon seit ihrem siebten Lebensjahr mit den Geschichten der alten Götter, des Feuervolks, vertraut. Er hat ihr auch das Lesen beigebracht und ihre Fähigkeiten immer weiter geschult und verbessert. Als sie mit den Kobolden im Keller kämpfte, hat sie einen Weg in die Druntenwelt geöffnet.

 

Damit ist die Zeit gekommen, da Maddy eine besondere Mission erfüllen soll. Durch den Rotpferdhügel soll sie in die Druntenwelt hinabsteigen und dort den "Flüsterer" bergen. Wer oder Was das ist, und was es mit dem „Flüsterer“ auf sich hat, verschweigt ihr Einauge allerdings. Sie erfährt nur so viel, dass der Namenlose die Welt ins nichts stoßen will und es nur aufhalten kann, wer den Flüsterer als Faustpfand besitzt.

 

Maddy vertraut ihm und öffnet einen Zugang, nachdem sie sich eines unliebsamen Beobachters entledigt hat. Adam Scattergood beobachtet sie und will sie und Einauge verpetzen, doch er bekommt erst einmal eine Lehre erteilt.

 

Sie macht sich auf den Weg in die unbekannte unterirdische Welt. Dort begegnet sie erst einmal wieder dem Kobold, den sie schon im Keller gebannt hatte und dessen Namen sie kennt. Sie kann ihn damit zwingen, ihr zu helfen.

 

Obwohl sie Einauge versprochen hatte, niemandem zu trauen, der ihr dort unten begegnet, vertraut sie sich einem Jungen an, der dort unvermittelt auftaucht. Zu spät erkennt sie, dass es sich um einen der wenigen Götter handelt, der den letzten großen Krieg und den „Weltuntergang“ überlebt hat – niemand anderer als Loki der Listenreiche. Er hat den Flüsterer einst gebannt und hält ihn in einer Feuergrube gefangen, jedoch reicht seine Macht nicht mehr aus, ihn dort wieder heraus zu holen.

 

Loki enthüllt Maddy die wahre Identität Einauges – er ist niemand anderes als Odin selbst, der Herrscher der Alten Zeit. Es wird wieder Krieg geben und den kann nur entscheiden, wer das allwissende Orakel auf seiner Seite hat – den Flüsterer, der Stein, den Maddy bergen soll. Sie, das Mädchen mit dem unversehrten Runenmal, das niemand anderes ist, als die Tochter des Donnergottes Thor, die Enkelin Odins.

 

Maddy gerät in Wut über das Intrigenspiel Lokis und es stellt sich heraus, das ihre Macht sehr viel größer ist, als die der alten Götter. Sie kann Loki bannen und das Runennetz, das den Flüsterer gefangen hält, lösen. Der Stein mit der seltsamen Fratze ist tatsächlich ein Orakel – aber ein schlechter Ratgeber. Doch als Maddy das erkennt, ist es fast schon zu spät und der neu entflammte Krieg droht alles zu vernichten.

 

 

Da kommt man richtig ins Schwärmen, wenn man ein Buch von cbj in die Hände bekommt. Diese Aufmachung ist immer wieder eine Augenweide und ein Schmuckstück für das Bücherregal, auch wenn man sich wünschen würde, dass man sich bei cbj mal für Bücher des gleichen Genres auf ein Format einigen würde (Feuervolk ist ein üppiges Großformat und hat so biblische Ausmaße. Die Anthologie „Flammenflügel“, die man zwangsläufig auch in die Kategorie „Fantasy“ einreihen muss, ist deutlich kleiner). Nichtsdestotrotz – ein Hardcover mit einem aufwändigen, geprägten Schutzumschlag, hervorragendes Papier und sauberer Druck auch bei den Grafiken, einfach ein haptischer und optischer Genuss, davon wünscht man sich doch gern mehr.

 

Das Buch wird als Lesestoff ab 12 Jahren angeboten, doch das dürfte etwas niedrig angesetzt sein. Die Sprachfülle und der Schreibstil von Joanne Harris sind wirklich grandios – für Erwachsene. Jugendliche dürften ihn als etwas zäh empfinden, außer vielleicht, sie sind schon durch den Herrn der Ringe an epischen Lesestoff gewöhnt. Nur weil ein 14-jähriges Mädchen die Protagonistin ist, müssen Jugendliche mit dem Stoff nicht klarkommen. Harris benutzt eine höchst anspruchsvolle Sprache.

 

Leider wird das ständige ausführliche Runengewirke ist auf die Dauer etwas langweilig. Es hätte genügt, es am Anfang ausführlich zu beschreiben, was es bewirkt und was es damit auf sich hat, aber das die gleichen Sätze immer wieder auftauchen bremst die Lesegeschwindigkeit stellenweise ganz schön aus. Wenn Maddy zum zehnten Mal Yr, Naudr oder Bjarkan wirkt, überspringt mal die Textstellen.

 

Die Welt von Maddy ist eine interessante Variante des alten nordischen Weltbilds der Weltenesche und ihrer Aufteilung in Ober-, Mittel- und Unterwelt und deren verschiedenen Stufen. Man vermeint, die Welt von der Joanne Harris spricht, genau zu kennen, zumal die Karte von Maddys Teil der Mittelwelt (oder vielleicht doch besser Midgard?) Welt eine vage Entsprechung von England und Irland zu sein scheint. Auch Namen und Ortschaften lassen auf diesen Hintergrund schließen, aber es komme doch immer wieder Dinge, die dem widersprechen. So kann man den Eindruck bekommen, es handele sich doch um eine ganz andere, eigene Fantasywelt. Man kann aus Bekanntem also doch wunderbar Unbekanntes machen und umgekehrt. Oder kommt Maddys Welt erst noch, weil Ragnarröck für uns noch bevorsteht? Eine Zukunftsvision vielleicht? Zurück ins Mittelalter?

 

Wie auch immer, die Freunde epischer Fantasy werden mit Joanne Harris Feuervolk für die kommenden langen Winterabenden gut gewärmt sein.

 

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:

Durch einen Wechsel der Kommentarfunktion unterscheiden sich diese Einträge von neueren.

Anzeige: 1 - 3 von 3.

Timo
Dienstag, 05. Januar 2010 17:40 Uhr
Ich finde das Buch genial und kann es nur jedem empfehlen, der spannende und gut geschriebene Bücher mag. Die Geschichte ist verdammt gut und die Welt welche außenherrum aufgebaut wird ist einfach gigantisch.
Im Buch gibt es sehr viele Parallelen zur unserern Welt wodurch man eine Verbindung zu den Charakteren aufbauen kann.

Ich hoffe einfach mal auf eine Fortsetzung.

Moni
Montag, 15. Dezember 2008 13:42 Uhr
ich hab Feuervolk verschlungen! Und das mehrmals. Weil das noch nicht reichte, habe ich mir das Hörbuch auch noch gekauft, damit ich im Auto jemanden habe, der mir vorliest. Leider scheint es hier nur eine gekürzte Lesung zu geben, doch diese ist recht annehmbar.
Die Rezension hier finde ich ziemlich gelungen, allerdings fehlt hier noch der Hinweis, dass der Schluss auf eine Fortsetzung hoffen lässt... immerhin gilt es nun, "die Burg Asgard wieder aufzubauen, neue Freundschaften zu schließen, einen Bruder zu suchen und eine Unmenge Geschichten und Sagen zu entdecken und zu erzählen."
Ich persönlich halte das für einen guten Hinweis auf eine Fortsetzung, die ich mir wieder mit viel Spannung bestellen würde! Oder hoffe ich zu Unrecht? Das wäre dann allerdings total fürchterlich!!!
Ich kann mich Leonie nur völlig anschließen, die sich so für die Figur des Loki begeistert - auch ich muss sagen: von allen Charakteren wirkt er am lebendigsten, ein echter Sohn des Feuers, und ich habe ebenfalls des öfteren herzhaft über diverse Kommentare gelacht.
Auch Skadi ist sehr gut getroffen und erfüllt ihr "Klischee" perfekt, so dass man sie einerseits ablehnen und doch irgendwie mit ihr fühlen muss - es geht einfach nicht anders.
Wenn man sich als Leser in der herrlichen Ausdrucksweise von Joanne Harris verliert (was unweigerlich geschieht, sobald man den ersten Absatz gelesen hat), tut man sich sehr schwer damit, daraus wieder aufzuwachen. Und als Schreiberling wird man schlichtweg neidisch!

Leonie
Sonntag, 07. September 2008 18:59 Uhr
O.O eine sehr ausführliche rezesion!
Für ein ganz erstaunliches buch.
Bei mir muss echt anständig was passieren, dass mich ein Buch richtig beeindruckt, aber Feuervolk hat mich wahrlich umgehauen. Die liebenswerten Charaktere (Besonders Loki war klasse... Manchmal hab ich mir echt beim lesen die hand vor den Kopf geschlagen wenn er wieder einen seiner sprüche abgelassen hat...) und die tolle Strory halten einen total auf trab! Normalerweise brauche ich wochen für ein buch, weil ich sehr unruhig bin und nicht lange still sitzen kann (und will), Feuervolk hingegen hatte ich nach 2 tagen schon durch. Und habs noch dreimal gelesen. Das mit dem ganzen Runengewirke fand ich halb so wild, immerhin kann ich die ganzen Runen jetzt auswendig. Was mir das bringt? Komische Blicke wenn ich in einer passenden Situation (und glaubt mir, da gibt es mehr als man denkt!) damit anfange. Wundervoll. Wirklich.
Wie auch immer, als ich gelesen habe dass das Buch ab zwölf ist, dachte ich auch, dass das... nicht ganz so passend ist. Weil die Sprache wirklich sehr komplex ist. Ich hatte mit dem lesen keine Probleme, bin aber schon sechzehn und somit, das schließt man wohl daraus, keine zwölf.
Um es kurz zusammenzufassen: Der Review ist sehr passend und das Buch ist auch klasse.
So.
Das wars. ^___^

Zum Seitenanfang

Platzhalter

Feuervolk

Autor: Joanne Harris

Gebundene Ausgabe: 544 Seiten

Verlag: cbj (September 2007)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3570132196

ISBN-13: 978-3570132197

ab 12 Jahre

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 29.10.2007, zuletzt aktualisiert: 10.09.2019 19:06