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Flieg, Hitler, flieg! von Ned Beauman

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Kevin Broom – "Fishy", weil er unter Trimethylaminurie leidet, eine Krankheit, die ihn nach verrottetem Fisch riechen lässt – erhält vom schwerreichen Nazi-Memorabiliensammler Grublock den Auftrag, kurz zum Privatdetektiv Zroszak zu fahren. Außer, dass es irgendwie um Seth Roach geht, sagt er nichts. Mit Zroszak gibt es allerdings ein Problem – er wurde erschossen. Grublock vermutet, dass die Japaner dahinter stecken. Fishy stößt noch auf zwei weitere interessante Dinge beim Toten. Zum einen auf ein Dankesschreiben von Adolf Hitler an einen Dr. Erskine und zum anderen auf einen Killer mit einer Tätowierung an der Hand, die ihn als Mitglied der Thule-Gesellschaft und Ariosophen ausweist. Roach und Erskine waren zwei junge Männer, die im Vorfeld des 2. Weltkriegs lebten. Seth "Sinner" Roach war ein kleinwüchsiger Jude mit nur neun Zehen – und einer der besten aufstrebenden Boxer Londons. Voller Zorn zermalmte er jeden Gegner im Ring – wenn er sich nicht gerade außerhalb davon in Schwierigkeiten brachte. Philip Erskine war ein junger Aristokrat. Er war ein Faschist, weil er ihre Vorstellungen von Rassenhygiene für zukunftsweisend hielt. Die Schwarzhemden konnte er nicht leiden – sie gaben dem Faschismus einen schlechten Ruf. Für Erskine war Sinner ein Faszinosum: Einerseits war der missgebildete Jude abstoßend, andererseits war der erfolgreiche Sportler anziehend. Aber was hat das alles mit dem ermordeten Zroszak zu schaffen?

 

Die Geschichte spielt zu weiten Teilen in London, sieht man von kurzen Abstechern nach New York, Polen und dem Landsitz der Erskines ab. Allerdings spielt Fishys Strang in der Gegenwart und die beiden anderen Stränge zwischen 1934 und 1936, sieht man wiederum von einigen Rückblenden ab. Bei der Beschreibung des Settings spielen Gegenstände jenseits der konkreten Handlung so gut wie keine Rolle – es gibt keine Panoramen, der Fokus liegt auf den Figuren. Auch bei deren Beschreibung ist Beauman eher zurückhaltend. Detaillierte Panoramen bietet der Roman allerdings, wenn es um die bizarren Ideen der Faschisten geht. Es geht besonders um die Rassenhygiene, also die Vorstellung, dass bestimmte Eigenschaften aus dem "Volkskörper" herausgezüchtet und andere veredelt werden müssten. Darüber hinaus kommen noch andere groteske Projekte wie die Kunstsprache Pangaea zur Sprache. Auch erfährt man einiges über die Mentalität und Lebensumstände von armen Juden im London der 30er Jahre. In Fishys Strang werden knapp die modernen Nazi-Memorabiliensammler und (rechten) Verschwörungstheoretiker angegangen.

Die Frage nach den phantastischen Elementen ist schwer zu beantworten, da der Roman einerseits vor bizarren, unglaublichen Dingen nur so strotzt, aber andererseits viele reale Absurditäten aufgegriffen werden. Der Titel des Romans bezieht sich z. B. auf den Käfer Anophthalmus hitleri, der immer wieder eine Rolle spielt. Dieses Tier existiert tatsächliche, doch im Roman werden sich in dessen Darstellung einige zuspitzende Freiheiten genommen. Vieles ist also grotesk und überzogen, manches spielt vielleicht in die SF hinein (wie etwa die Gadgets von James Bond), aber nichts ist klar phantastisch oder gar übernatürlich.

 

Die Anzahl der zentralen Figuren ist relativ gering – es gibt drei, von denen nur zwei in einer wechselseitigen Beziehung stehen. Dafür ist die Zahl der Nebenfiguren recht groß und zur Herausforderung an den Leser gehört, dass einige ein wenig aufgebaut werden, dann aber fallen gelassen werden oder vielleicht später in einer Kleinstrolle wieder auftauchen; zusätzlich werden immer wieder neue Figuren eingeführt. Die drei zentralen Figuren sind natürlich Sinner, Erskine und Fishy. Sinners Vater ist ein polnischer Auswanderer. Eigentlich wollte die Familie nach Amerika, doch dann ist man in England hängen geblieben. Dort fristet man nun ein Leben in Armut. Seinen Frust gibt der Vater an die Kinder weiter: Sinner wird ein unglaublich zorniger, gewalttätiger Mann und Anna wird vom Vater geschlagen, weil er Sinner nicht schlagen kann – obwohl Sinner kleinwüchsig ist, konnte er schon als Zwölfjähriger seinen Vater zusammenschlagen. Sinner ist voller Hunger, unkontrolliert und ziemlich egoistisch – nur manchmal, wenn ihn eine junge Frau an Anna erinnert, wird er weich. Außerdem ist Sinner ein schwuler Jude. Während er seine Homosexualität ungeniert auslebt, würde ihn sein jüdischer Hintergrund überhaupt nicht tangieren, wenn ihn die Faschisten nicht immer wieder mit Nachdruck daran erinnern würden. Erskine dagegen ist urenglisch. Er ist ein reicher Schnösel. Anders als seine Mitschnösel geht er allerdings weitgehend in seinem 'Hobby', der Rassenhygiene, auf. Für ihn gilt tatsächlich, dass der Weg in die Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist – er will den Menschen ein besseres Leben ermöglichen, nur seine Theorien stoßen den modernen Lesern sauer auf. Er selbst indes testet sie zunächst an seinen Käferpopulationen. Anders als seine Mitfaschisten will er Juden nicht völlig aus dem "Volkskörper" entfernen, sondern prüft, ob sich die guten Eigenschaften irgendwie weitergeben lassen, ohne dass die negativen weitervererbt würden. Sinner ist hier ein besonders interessantes Studienobjekt ("Objekt" bringt Sinner sofort auf die Palme) für ihn. Außerdem ist Erskine ein schwuler Engländer, doch er gesteht sich seine Homosexualität nie ein. Fishy, der Dritte im Bunde, wird am geringsten ausgeführt. Er ist eine erbärmliche Kreatur. Einst war er Buchhalter, doch dann machte er sein Hobby zum Beruf und begann mit Memorabilien zu handeln. Er selbst sammelt Nazi-Memorabilien. Er ist zwar kein Nazi, bringt aber auch nur das Minimum des von der Gesellschaft geforderten Abscheus mit. Vermutlich sammelt er, weil er in anderen Gemeinden nicht angenommen wird. Er riecht nach totem Fisch, verhält sich seltsam, ist arm – er ist durch und durch erbärmlich. So bleiben ihm nur seine "Internetfreunde", die er eigentlich selbst nicht ausstehen kann.

Daneben gibt es noch zahllose weitere Exzentriker: Albert Kömel, ein jüdischer Gangster, Erskines Schwester Evelyn, die mit atonaler Zwölftonmusik die Dissonanzen der Moderne einfangen will, oder die zwölfjährige Millicent Bruiseland, die nach einer Therapie bei einem finnischen Psychiater gerne einmal Nachrichten wie "liebe miss erskine, ich wünsche ihre vulva zum nachmittagstee zu treffen. hochachtungsvoll mr. morton" verfasst und verteilt.

 

Der Plot ist nicht leicht zu beschreiben, da die Stränge doch recht unterschiedlich sind. Am leichtesten ist es bei Fishys Strang. Hierbei handelt es sich um einen schnörkellosen Verschwörungsthriller – warum wurde Zroszak erschossen, wer sind die Hintermänner und wird Fishy Zroszaks Schicksal teilen? Diese Szenen können allerdings nur wenig Spannung aufbauen, dazu sind sie zu kurz und die Probleme werden zu beiläufig gelöst. Fishys Strang ist vielmehr eine Rahmengeschichte, sie ist das Vehikel für Sinners und Erskines Geschichten.

Sinners Geschichte scheint eher eine Entwicklungsgeschichte zu sein. Man erfährt etwas über seine Jugend, seinen Höhepunkt als Boxer und seinen langen Fall. Es ist die Geschichte eines talentierten Jungen, der trotzdem chancenlos ist. Erskines Geschichte ist noch schwerer zu fassen. Auch hier gibt es Züge einer Entwicklungsgeschichte, doch es fehlt die Ausgangsfrage und es fehlt diesbezüglich ein befriedigendes Ende; besser lässt es sich als eine sehr bizarre Liebesgeschichte zwischen Erskine und Sinner lesen – da Erskine sich seiner Homosexualität nie stellt, verläuft sie in sehr ungewöhnlichen Bahnen.

Die Spannungsquellen entstammen zum größten Teil dem bizarren Setting und den exzentrischen Figuren; daraus resultiert auch, dass der Spannungsbogen nur sehr flach verläuft.

 

Die Erzähltechnik ist relativ ungewöhnlich und unterscheidet sich von Strang zu Strang bzw. es gibt deutliche Unterschiede zwischen dem Rahmenstrang und den Binnensträngen. Fishys Strang ist wie erwähnt der Rahmen, erzählt wird er vom Ich-Erzähler Fishy. Der Handlungsaufbau ist dramatisch – im Großen und Ganzen werden die Ereignisse zweier Tage erzählt. Regressivität und Progressivität halten sich dabei die Waage; der Umgang mit dem Killer ist progressiv, die Aufklärung des Mordes regressiv. Die beiden Binnenstränge werden aus auktorialer Perspektive erzählt. Der Handlungsaufbau ist episodisch – es wird ein Zeitraum von etwa zwei Jahren behandelt, hinzu kommen noch ein paar Rückblenden. Damit wird es wiederum zu einer Mischung aus progressivem und regressivem Aufbau.

Der Stil der Binnenerzählungen ist eher konservativ, der der Rahmenerzählung (sehr) gemäßigt experimentell – es gibt Einschübe in Forensprache, SMSsprache und der Autor selbst tritt als Handpuppe des Schurken auf. Die Wortwahl ist trotz des verkommenen und provokativen Sinner überraschend zurückhaltend:

Sinner drang umstandslos in sie ein, und sie keuchte und biss ihn in die Lippe. Der Winkel war ungünstig, sodass er unbequem auf den Zehenspitzen stehen musste und das Gefühl hatte, eine spezielle Übung in Frinks Sporthalle zu absolvieren, […]

Vulgärer wird es nie.

 

Fazit:

Fishy, ein Kenner von Nazi-Memorabilien, wird in den Mord an einem Detektiv verwickelt, der für ein Dankschreiben von Adolf Hitler an Dr. Erskine erschossen wurde; es stellt sich die Frage, was das Ganze mit dem jüdischen Boxer Seth Roach zu tun hat. Ned Beaumans Debüt ist eine Ansammlung von bizarren Vorstellungen und exzentrischen Figuren, die von drei unterschiedlichen Strängen zusammengehalten werden. Mir ist der Roman zu zerfasert, um nachhaltig überzeugen zu können, doch wer gerade dieses nur zufällig Zusammenhängende mag, wie man es etwa bei Pynchon findet, mag es mit dieser durchaus komischen Kuriositätensammlung versuchen.

 

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Roman:

Titel: Flieg, Hitler, flieg!

Reihe: -

Original: Boxer, Beetle (2010)

Autor: Ned Beauman

Übersetzer: Sophie Kreutzfeldt

Verlag: Dumont (April 2010)

Seiten: 285 Gebunden

Titelbild: Zero, München

ISBN-13: 978-3-8321-9541-0

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 10.07.2010, zuletzt aktualisiert: 26.04.2018 19:05