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Frankenstein - Die Urfassung von Mary Shelley

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Der legendäre Roman über die Erschaffung eines künstlichen Menschen wird erstmals in der Neuübersetzung der Urfassung aus dem Jahre 1818, der ungekürzten und unzensierten Version des berühmten Klassikers, im Taschenbuch vorgelegt. Ein umfangreicher Anhang gibt Auskunft zu Leben und Werk der Autorin sowie zur Wirkungsgeschichte des faszinierenden Romans.

 

Rezension:

Die Geschichte um Frankenstein und seine Kreatur gehört für uns heute zum festen Bestandteil der Kultur. Als Synonym für die Verantwortung des Wissenschaftlers und auch als Horror-Urgestein kennen die meisten die Geschichte eher aus Filmen, als tatsächlich durch Lektüre des Buches.

Wer sich jedoch zusätzlich noch die Urfassung von 1818 anschaut, wird erstaunt feststellen, dass Mary Shelley selbst nicht frei von den Auswirkungen der Wirkungsgeschichte ihres Werkes war. Entgegen der eigenen Beteuerung im Vorwort der bekannten Ausgabe, sind die Änderungen im Vergleich zur Urfassung nicht nur umfangreich, sondern auch essentiell. Die bekannte Fassung von 1831 stellt Frankensteins Schöpfung als Anmaßung in den Mittelpunkt, ein Konzept, dass die 18jährige zunächst gar nicht im Sinn hatte, jedoch ihre Leser und vor allem die verschiedenen Adaptionen für die Bühne, ziemlich massiv mit dem Werk verbanden.

Diese religiöse Wertung lag natürlich im 19. Jahrhundert nahe. Frankenstein spielt Gott und haucht seinem Wesen Leben ein. Das ist Blasphemie und eben Anmaßung. Ein Mensch kann Gottes Werk nachvollziehen!

Daraus lassen sich viele Schlüsse ziehen, bis hin zur Frage nach der Notwendigkeit von Göttern. Shelley begann offenbar erst durch die Auseinandersetzung der Öffentlichkeit mit ihrem Werk, über diese Implikationen nachzudenken. Ihre persönliche Lebensgeschichte, insbesondere die frühen Tode ihres Vaters William Godwin und ihres Ehemanns Percy Shelley, zwangen sie, die rebellischen Standpunkte der beiden zugunsten einer angepassteren Darstellung umzuschreiben. Wirtschaftlich war sie lange Zeit von ihrem konservativen Schwiegervater abhängig. Vermutlich änderten sich aber auch einige ihrer Ansichten, man darf nicht vergessen, dass sie eine Jugendliche war, als sie Frankenstein schrieb und entsprechender Enthusiasmus und politischer Antagonismus in der Natur der Sache liegt.

Für den heutigen Leser sind die moralischen Selbstzerfleischungen im Frankenstein jedoch eher enervierend - die Urfassung liest sich daher nicht nur wesentlich moderner, sie fokussiert auch vielmehr auf das Unheimliche in Frankensteins Motivation.

Er bereut zwar, dieses Monster geschaffen zu haben, aber nie aus moralischen Gründen. Er zweifelt nicht an seinem Recht auf Erforschung der Lebensquelle, er sieht sich nicht als Übertreter eine Grenze. Wenn er seiner Schöpfung das Recht auf Glück verweigert, dann geschieht das aus Angst vor seinem Werk.

Nach dem manischen Prozess, durch den der künstliche Mensch entstand, der wie ein Rausch die Realität ausschloss, erschreckt Frankenstein die Hässlichkeit seiner Kreatur und flieht. Er stiehlt sich feige aus der Verantwortung. Sein verstoßenes Kind muss sich nicht nur allein in der Welt zurechtfinden, es hat auch keine Chance in der unerbittlichen Gesellschaft der Menschen Anerkennung und Liebe zu finden. Da niemand da ist, der ihm in der Stunde der Verzweiflung zur Seite steht, greift es zu radikalen Mitteln. Damit erhält es endlich die Aufmerksamkeit seines Vaters. Doch Frankenstein kann nicht über seinen Schatten springen. Es bleibt auch in der Urfassung unklar, ob der künstliche Mensch sich mit einer Gefährtin zufrieden gegeben hätte, Frankenstein verweigert ihm diese Möglichkeit. Obwohl er nicht mehr hat als die Vermutung, dass das Monster trotzdem morden wird, verrät er das von ihm in die Welt gesetzte Wesen und verdammt es zur Existenz, dessen einziger Sinn darin zu bestehen scheint, sich an seinem Schöpfer zu rächen.

Shelley zeigt keine Alternative auf. Zu keiner Zeit kommen dem Wesen andere Ideen. Seine Antworten sind einfache Lösungen, er reagiert nicht viel anders als ein Kind.

Auch Frankenstein spielt eine schwer nachzuvollziehende Taktik des Zauderns. Er bleibt blind gegenüber dem Offensichtlichen und rennt in sein Unglück wie ein Lemming. Sein ganzes Leben wird zum Horroralptraum ohne eine Chance auf ein Entkommen.

 

Das Fehlen der ethischen Selbstgeißelung trägt sehr zu einer Steigerung des Grauens bei, vielleicht, weil der heutige Leser nicht durch die Drohung von Hölle und Fegefeuer zu beeindrucken ist. Aber der Kontrollverlust und das überraschende Zuschlagen eines übermächtigen Rächers ist ein wohlbekanntes Motiv diverser Horror-Filme. Dadurch entspricht die Story eher den gewohnte und nachvollziehbaren Topoi.

 

Die Urfassung von Frankenstein ist eine Neuentdeckung des Werkes und man kann zu den Erfolgen der Editionswissenschaft stehen wie man will, in diesem Fall sollte man für die Zukunft auf das originäre Werk zurückgreifen, es ist einfach besser.

 

Die Qualität der dtv-Ausgabe ist lobenswert. Mit umfangreichem Material ausgestattet, erschließt sich das Werk auf mehrere Arten. Fundierte Anmerkungen, zeitgeschichtliche Zeugnisse und ein sehr lesbares Nachwort machen daraus einen literarischen Schatz, den zu entdecken man jedem Leser nur wärmstens an Herz legen kann.

 

Fazit:

So bekannt die Geschichte von Frankenstein auch sein mag, mit der Urfassung der 18jährigen Mary Shelley von 1818 liegt eindeutig die modernere und inspirierendere Textfassung vor. Man sollte die spätere Fassung ins Museum bringen und fortan nur noch diese hier herausgeben.

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Buch:

Frankenstein - Die Urfassung

Autorin: Mary Shelley

Original: Frankenstein or the modern Prometheus, 1818

Übersetzer: Alexander Pechmann

dtv, Dezember 2009

Taschenbuch, 303 Seiten

 

ISBN-10: 342313836X

ISBN-13: 978-3423138369

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 16.05.2010, zuletzt aktualisiert: 01.07.2018 15:19