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Frostfeuer von Kai Meyer

Rezension von Linda Dannenberg

 

Maus lebt seit ihrer Geburt in dem Luxushotel „Aurora“ in St. Petersburg. Noch nie hat sie es verlassen oder auch nur mit dem Gedanken gespielt, einen Fuß in die Welt außerhalb der Hotelmauern zu setzen. Sie ist eine unscheinbare Bedienstete, die nachts die Schuhe der Gäste putzt und wird wegen ihres knabenhaften Aussehens von allen nur als der „Mädchenjunge“ bezeichnet. Sie nutzt ihre Unscheinbarkeit und ihre Kenntnis des Hotels aus, um hin und wieder die Gäste zu bestehlen, dabei ist ihr der Rundenmann, ebenfalls ein Angestellter des Aurora, dicht auf den Versen. Maus hat niemanden auf der Welt, ihre Mutter war eine Nihilistin und wurde kurz nach ihrer Geburt hingerichtet, ihren Vater kannte sie nicht. Einzig und allein Kukuschka, der Tanzlehrer, ist ihr Freund und gibt auf sie acht.

 

Da taucht eines Tages die schrill gekleidete und extrovertierte Tamsin Spellwell auf und freundet sich mit Maus an. Tamsin kleidet sich nicht nur komisch, auch ihr Verhalten ist merkwürdig und ihre Vergangenheit rätselhaft. Doch auch ein anderer Hotelgast gibt Maus Rätsel auf – eine Frau, die unglaublich schön ist, von der aber auch große Kraft und eisige Kälte ausgeht. Schon bald erfährt Maus, dass die Märchen von der Schneekönigin wahr sind, dass Tamsin dieser einen Splitter ihres Herzens gestohlen hat und das junge Mädchen wird in ein magisches Duell hineingezogen, in dem sie ihre Ängste überwinden und schwere Entscheidungen treffen muss. Denn Tamsin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Schneekönigin zu töten, ohne Rücksicht auf Verluste.

 

Kai Meyer gehört zweifellos zu den besten Autoren Deutschlands, besonders seine Jugendbücher begeistern junge wie alte Leser. Nachdem er bereits ein magisches Venedig und eine phantastische Karibikwelt geschaffen hat, entführt er seine Leser nun in das Russland der Zarenzeit.

Leider bleibt St. Petersburg relativ blass, da sich fast der komplette Roman in dem Hotel „Aurora“ abspielt. Dieses ist zwar plastisch geschildert, als Schausplatz der Geschichte aber bisweilen etwas eintönig. Alles andere als eintönig sind die Charaktere dieser Geschichte.

Maus bietet sicher vielen jungen Lesern eine Identifikationsfigur, vor allem weil sie keine unfehlbare Heldin ist, sondern sehr menschlich agiert und eine glaubhafte Entwicklung durchmacht. Tamsin dagegen bleibt oft ein Geheimnis, der Autor verzichtet darauf, jede Einzelheit über sie zu enthüllen, dennoch ist sie facettenreich und ihrer Verrücktheit und Tollpatschigkeit sehr sympathisch.

Noch weniger erfährt man über die Schneekönigin – ihre Herkunft, ihre Beweggründe, ihr Wesen, das alles bleibt größtenteils verborgen, sie ist schlichtweg die Personifikation des Bösen, selbst, wenn der Leser an einigen Stellen keine Abneigung, sondern lediglich Mitleid für die Königin aufbringt. Die nur wenig ausgeprägten Graustufen der Charaktere sind allerdings kein großer Makel, denn „Frostfeuer“ ist eher als wunderbares Wintermärchen zu verstehen und als solches darf es sich auch der Gut-und-Böse-Klischees bedienen.

Manchmal jedoch tritt das mystisch-phantastische, die Märchenwelt, in den Hintergrund um einer nur allzu realen Handlung Platz zu machen. Während Tamsin gegen die Schneekönigin kämpft, führen die Nihilisten im Verborgenen noch immer einen Kampf gegen den Zaren. Oft scheint es, als nutze Meyer die Schneekönigin nur als Allegorie für einen Herrscher, der sein Volk unterdrückt und auf den kalten Straßen Russlands erfrieren lässt. Dabei schwingt er keinesfalls eine Moralkeule oder drängt dem Leser irgendwelche politische Gesinnungen auf, sondern gibt dem Buch einfach sehr subtil ein wenig mehr Tiefgang.

 

Auch Meyers Stil ist märchenhaft schön und sehr atmosphärisch. Das Buch liest sich nicht nur ob der spannenden Handlung flüssig, auch die Sprache ist ausgereift und sprudelt vor wunderbaren Formulierungen und Metaphern über. Kai Meyer schafft es genau den Nerv der Jugendlichen zu treffen und dabei trotzdem noch anspruchsvoll genug zu schreiben, dass auch Erwachsene großes Vergnügen an seinen Büchern haben können.

 

Fazit:

„Frostfeuer“ ist ein phantastisches Wintermärchen, das sich hinter seinem Vorbild „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen nicht verstecken muss. Wieder einmal hat Kai Meyer ein hervorragendes Jugendbuch geschaffen, das den Leser packt und nicht mehr los lässt. Charaktere, Plot und Sprache überzeugen von der ersten bis zur letzten Seite, jedoch wird aufgrund der Kürze der Erzählung und des räumlich eingeschränkten Handlungsortes nicht die Komplexität und epische Breite erreicht, wie bei den Trilogien „Seide und Schwert“ oder „Die fließende Königin“. Aber immerhin ist „Frostfeuer“ rund und in sich abgeschlossen und Meyer beweist, dass er auch auf wenigen Seiten eine herrliche Geschichte erzählen kann.

 

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Frostfeuer

Autor: Kai Meyer

Verlag/Jahr: Heyne, 06/2008

Format: Broschiert

Seitenzahl: 299

ISBN 13: 978-3453532786

ISBN-10: 3453532783

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 15.07.2008, zuletzt aktualisiert: 28.10.2019 13:53