Gaston (Klassiker der Comicliteratur Bd. 18)
 
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Gaston

Reihe: Klassiker der Comicliteratur Bd. 18

Rezension von Christian Endres

 

André Franquin (1924-1997) hätte gleich mehrmals in dieser Klassiker-Bibliothek vertreten sein können, ohne dass es jemanden gestört hätte oder dieser Mehrfach-Auftritt unverdient gewesen wäre: Spirou & Fantasio (die man bei der BILD-Reihe mit aufgenommen hat), ja und auch sein Marsupilami wäre nicht fehl am Platze gewesen und hätten mit Sicherheit ihr Publikum gefunden. Letztlich hat es aber »nur« eine von Franquins Schöpfungen in die Klassiker der Comicliteratur der FAZ geschafft – nämlich Gaston, dem der achtzehnte Band der Reihe gewidmet ist, und der stets als Franquins persönlichster und liebster »Held« gegolten hat ...

 

Gaston ist der Schrecken jedes Büros, jedes anständigen Mitarbeiters und insbesondere der Schrecken von seinem Kollegen Fantasio, für den er als Büroboten fungiert. In kleinen Strips zu in der Regel vier Panels hat Franquin die beiden unterschiedlichen Kollegen in die aberwitzigsten Situationen gebracht, in denen Gaston es dem lieben Fantasio nicht leicht macht. So bringt er Igel, Kühe und Katzen mit ins Büro, züchtet Champignons in der Fotodunkelkammer, treibt seine Umwelt mit einem Duplikat seiner selbst aus Gummi in den Wahnsinn und scheut sich auch nicht davor, der Welt stets neue Erfindungen zu präsentieren, die den Verlagsalltag angeblich leichter machen sollen, im Endeffekt aber genau das Gegenteil bezwecken. Und selbst wenn er schläft (was häufiger vorkommt, als man sich nun vielleicht vorstellen kann ...), ist der schusselige Bürobote mit dem gebeugten Gang und dem schlurfenden Schritt manchmal ein echtes Ärgernis, der es sogar schafft, wichtige Vertragsunterzeichnungen immer und immer wieder zu durchkreuzen (und damit einen der witzigsten Running-Gags der Serie liefert), Polizisten in den Wahnsinn (etwa mit Pferden, die er durch die Rush Hour reitet) zu treiben oder einfach nur mit wenigen langsamen Handgriffen und Denkfolgen die Welt von Fantasio und anderen Mitarbeitern des Verlages komplett auf den Kopf zu stellen – oder manchmal auch einfach nur in Schmerzen, seelische Qualen oder Lachanfälle zu baden ...

 

Der vorliegende Band nun versammelt auf knapp 230 Seiten Comic eine Vielzahl Strips, vom brillianten Anfang der Serie 1957 bis zu ihrem Ende 1996. Hervorzuheben sind dabei vor allem die ersten zwei Drittel des Bandes mit den älteren Episoden rund um den Meister der Fettnäpfchen, welche mühelos das etwas schwächere letzte Drittel des Bandes aufwiegen und wett machen können.

 

Franquins Artwork ist der kongeniale Begleiter seiner extrem humorvollen Kurzgeschichten, voller Einfallsreichtum und Finesse, zeugt von wahrem Können und ist der eindrucksvolle und homogene Beweis dafür, dass Franquin über jeden Zweifel erhaben ist und auch heute noch zu den wahren großen Meistern der grafischen Erzählens aus Frankreich und Belgien zählt und sich insbesondere mit Gaston auch nicht hinter einem Charles M. Schulz und dessen Rasselbande um den ewigen Verlierer Charlie Brown und dessen Wunderhund Snoopy (siehe Band zwei der Klassiker-Bibliothek) zu verstecken braucht. Die Verkleinerung hat Franquins Artwork übrigens gut überstanden, was vor allem daran liegen mag, dass Franquin zwar einen sehr guten, jedoch nicht gar so feinen Strich wie andere Kollegen hat, weshalb Gaston trotz der Tatsache, dass auch er ursprünglich ein größeres Originalformat besitzt, im kleineren Taschenbuch der FAZ erheblich besser weg kommt als beispielsweise Blueberry und sich von der Lesefreundlichkeit auf einer Ebene mit den Schlümpfen sieht.

 

Der achtzehnte Bandes der Klassiker der Comicliteratur ist ein wenig dünner als seine Vorgänger, doch ist das nicht weiter tragisch, und nach dem etwas schwachen Dilbert-Layout ziert ihn dann auch wieder ein hübsches Cover samt schön gestalteter Rückseite (diesmal wieder mit Freisteller – brav!), und wieder einmal weiß ein üppig illustriertes Vorwort zu gefallen. Bei diesem sollten wir diesmal einen Augenblick länger verweilen, denn Andreas Platthaus gelingt etwas ganz Vorzügliches: Auf weniger als zehn Seiten gibt er dem geneigten Leser einen umfassenden Einblick in die faszinierende Welt von Titelheld Gaston und das Leben seines Schöpfers André Franquin, erzählt obendrein aber auch noch viel Wissenswertes und Interessantes zur Frankobelgischen Szene mitsamt ihren Meistern. Einmal mehr also ein gut geschriebenes, hübsch aufgemachtes und sehr informatives Vorwort, das diesmal aber sogar noch aus den bisherigen Paradebeispielen von Platthaus hervorsticht und eigens erwähnt und gewürdigt werden sollte.

 

Fazit: Gaston hat ein Problem: Sein letztes Drittel ist einfach nicht so gut, und gerade nach Lektüre der ersten beiden Drittel, in denen man zudem auf jeder Seite mit spritzigem Humor und tollen Strips verwöhnt wurde, vermisst man zum einen den Esprit und den Charme der ersten knapp zweihundert Seiten, aber insbesondere auch Fantasio. Aber Gaston hat andererseits auch wieder unverschämt großes Glück: Besagte zweihundert Seiten sind inklusive dem voran gestellten Vorwort nämlich so gut, dass es trotz des eher schwächeren Abschluss des Bandes zu einer satten Empfehlung reicht, zumal es hier für knappe fünf Euro wahrlich einen echten Klassiker der Comicliteratur zu kleinem Preis geboten gibt, den man sich nicht entgehen lassen sollte – weder als Kenner, noch als Gaston-Neuling. Aufgewacht und zugreifen heißt es also, denn nach Dilbert, der einfach nicht jedermanns Sache ist, gibt es hier wieder einen unangefochtenen Klassiker zu bestaunen, der sich ganz weit vorne innerhalb dieser Serie einreiht.

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 2024071319224490e9c0d4
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Comic:

Gaston

Reihe: Klassiker der Comicliteratur Bd. 18

Autor: André Franquin

Verlag: Frankfurter Allgemeine Zeitung

Format: Softcover

Sprache: Deutsch

ISBN-Code: 3899810953

Anzahl Seiten: 240

Erhältlich bei Amazon


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Erstellt: 07.01.2006, zuletzt aktualisiert: 05.07.2024 16:16, 1742