Zurück zur Startseite


  Platzhalter

German Kaiju herausgegeben von Markus Heitkamp

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Mit »Kaiju« werden die Riesenmonster bezeichnet, die besonders durch die Gozilla-Filme weltberühmt wurden. Mit German Kaiju feiert Herausgeber Markus Heitkamp nicht nur das entsprechende Filmgenre, sondern auch die ganz besondere, phantastische Kurzgeschichte.

 

Der wunderbare Band mit rotem Seitenschnitt startet mit drei Vorworten. Zunächst darf Kaiju-Experte Detlef Claus seiner Freude darüber Ausdruck verleihen, dass seinem Lieblingsthema eine ganze Anthologie gewidmet wurde und verweist zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema auf seine Seite godzilla-germany.com.

 

In seinem Vorwort erzählt Herausgeber Markus Heitkamp, dass er etliche der Kaiju-Filme in seiner Jugend im Kino sah, dadurch angefixt wurde und dass es beim Kuscheln hilft.

 

Zu guter Letzt erläutert Verleger Marc Hamacher, wie es dazu kam, dass der Leseratten Verlag dem Ego des Herausgebers keinen Widerstand entgegenzusetzen vermochte, um dann bereitwillig dessen Herzensprojekt umzusetzen.

 

Jede Geschichte beginnt mit einer kurzen Vorstellung der Autorinnen und Autoren und einem ganzseitigen Schwarzweiß-Bild von Christian Günther, auf dem wir schon einmal das zu erwartende Kaju bewundern können. Auf der ersten Seite prangt zudem ein fetter Spritzer – eine durchaus notwendige Contentwarnung.

 

Die Auftaktstory Nakama, der Schrecken vom Mond liefert Thomas Heidemann.

Eine riesige Nazi-Kampf-Maschine, (deshalb Nakama genannt), seit Jahrzehnten auf dem Mond im Schlummermodus, wird erweckt, als sich ein Nazi-Politiker in Frankfurt am Main zum Sieger der Bundestagswahl erklärt. Auf dem Weg zu seinem neuen Führer, den eine GSG9-Einheit unter Führung einer Muslima einkassierte, legt der Roboter die halbe Stadt in Schutt und Asche …

Wer da inzwischen nicht gleich an die skurrile »Erstürmung« der Reichstagsstufen denkt, kann zumindest die latente Möglichkeit hinter der Geschichte erkennen. Alte Nazi-Wunderwaffen und ein akutes Nazi-Problem passen ganz hervorragend in eine Kaiju-Story.

 

Als Berliner hat Wolfgang Schroeder seinen ganz eigenen Rochus auf das geldverschlingende Monster namens BER. Kein Wunder, dass er sich in Chaodoru – Das Grauen aus der Tiefe mit der geplanten Eröffnungsfeier diesen Jahres auseinandersetzt und einen Urzeitwurm auf den Flughafen und gleich ganz Berlin ansetzt.

Pragmatische Lösungen, satirische Einzelschicksale und das übliche militärische Versagen – eine rasante und amüsante Katastrophe.

 

1977: Die Gebrüder Förster haben komplett konträre Lebenswege eingeschlagen. Wieland Förster betreibt in Duisburg eine Chemiefabrik, sein Bruder Markward hingegen wurde Förster mit Leib und Seele. Die Zerstörung der Natur durch seinen Bruder bringt ihn dazu, das Erbe seines Vaters in sich wachzurufen. In einem geheimen Ritual beschwört er den Naturgeist Kyrillion, um ihn der Fabrik seines Bruders einen Besuch abstatten zu lassen. Doch der entwickelt eigene, zerstörerischere Pläne …

Der Bruderzwist nimmt in Der Keim von Tom Daut einigen Raum ein, gefolgt von diversen Einzelschicksalen bis hin zur Gründung einer gewissen Partei. Interessant ist die Umsetzung des finalen Kampfes, der letztlich auf den Wesenszügen der Brüder fußt; insgesamt konnte der Text aber nicht gänzlich überzeugen.

 

Horror-Spezialist Torsten Scheib lässt seine Story Symbiogenese auf See vor Wilhelmshaven beginnen. An Bord eines Containerschiffes wird eine Flüchtlingsfamilie entdeckt. Mitten in die Auseinandersetzung mit einem fremdenfeindlichen Matrosen bricht die Entdeckung einer Art riesigen Müllstrudels. Schon bald kämpft nicht nur die Besatzung des Containerschiffes um ihr Leben, denn der Müll einer verschwenderischen Zivilisation hat sich zu einer neuen Lebensform transformiert. Sein Weg durch Deutschland hinterlässt leergesaugte Chemieanlagen und jede Menge Tod …

Dass Torsten sich der Aufgabe, ein Megamonster zu erschaffen, auf eine Horror-lastige Weise entledigen würde, verwundert wohl niemanden. Sein prägnanter, auf knallharte Situationen fokussierter Stil treibt die Handlung mit hoher Dichte voran. Dabei schafft er es, typische Charakterfiguren der Kaiju-Filme unterzubringen. Den hochnäsigen Militär, der sich der Wissenschaft unterordnen muss, der geniale, aber ohne seine kluge Assistentin lebensunfähige Biologie-Professor, der das Rätsel des Monsters lüftet und viele kleine Episoden mit Menschen, die auf dem Weg des Monsters um ihr Leben kämpfen. Inklusive eines ganz »normalen« Scheib-Schlusses.

 

Thomas Williams setzt mit Frankensteins Raketenmonster im Blutrausch nach.

Die Bundeswehr wird zu einem Evakuierungseinsatz nach Bielefeld gerufen. Dort brach während eines Fußballspieles ein riesiger Wurm aus dem Rasen und saugt seitdem alles Lebende in sich hinein und zerschreddert es im riesigen Maul. Doch der Hubschrauber stürzt ab und der einzige Überlebende wird von einem Verschwörungsfanatiker gerettet, der in dem Monster die Bielefeldverschwörung bestätigt sieht.

Die Geschichte lebt vom skurrilen Hintergrund der Bielefeldverschwörung und entwickelt sich zu einer lustigen Buddy-Story, ohne der Kaiju-Idee untreu zu werden. Der Titel ist natürlich ein rein reißerisches Plakat, das an die plumpe Benamsung alter Monsterfilme erinnert. Die Rettung kommt passenderweise aus einem anderen Film-Franchise.

 

Der Anteil von Autorinnen, die sich dem Kaju-Thema stellen ist sehr klein. Aber die Kollaboration Hansebiker gegen Mutant X von Hanna Nolden mit ihrem Mann und Herausgeber Markus Heitkamp weiß dafür zu entschädigen.

Ein kleiner Teil (500 Tonnen) einer Milliarden Jahre alten außerirdischen Lebensform macht sich vom Grund der Nordsee auf, im Hamburger Hafen das »Brummen« zu suchen, was ihm bisher beim Dahindämmern half. Dabei stößt es auf eine Bikergang, die seit 15 Jahren im Juni den Tod eines Clubmitglieds und das darauf folgende Ende ihrer kriminellen Vergangenheit begeht …

»Hansebiker gegen Mutant X« stellt die bis hier lustigste und vor allem warmherzigste Geschichte der Anthologie dar. Hanna Nolden und Markus Heitkamp gelingen wunderbar menschliche Dialoge, die sowohl norddeutsche Trockenheit als auch russische Schwere einzufangen wissen. Der Kampf gegen das Monster ist so munter wie albern und trotzdem gibt es die zu erwartenden zerfetzten Menschen. Atmosphärisches Hamburg-Flair noch obendrauf.

Der Schluss bietet dann noch einen charmanten Schwenker und fast möchte man, dass es der »MC Hansebiker« in eine Fortsetzung schafft.

 

Mit Simona Turini begrüßen wir dann leider auch schon die letzte Autorin der Runde.

In Karlsruhe wacht ein kleiner Kreis von Illuminaten über den Heiligen Gral, der unter der berühmten Pyramide verborgen wurde. Oder ist es nur der Wächter des Grals? Die Illuminaten führen darüber seit langem Streit. Da erwecken die berüchtigten Tunnelarbeiten in der Innenstadt einen riesigen Spinnenläufer – doch zum Glück hat gerade Doktor Evermann seine Arbeit am KIT begonnen, mit Zugang zu einem alten Forschungsreaktor …

Leider kann die Autorin aus dem Plot von Flammen über Karlsruhe nicht wirklich Spannung generieren. Der Ich-Erzähler bleibt trotz der gewählten Perspektive sehr blass, die Illuminaten wirken aufgesetzt und unglaubwürdig. Auch die Katastrophe selbst gewinnt nicht wirklich Wucht, zumal viele Szenen nur in Berichten auftauchen. Es fehlt der ganzen Geschichte irgendwie das Feuer.

 

Finnley »Gun« McKinley gelingt das in Saibotoru greift an schon eher.

Ein geheimes Militärprojekt am Bodensee gerät außer Kontrolle, als ein Lurch-förmiger Cyborg während eines Tests von einem riesigen Wels gestört wird und daraufhin unplanmäßig ein paar Übungsziele in Ludwigshafen aufsucht …

Wiederum eine neue Variante des Supermonsters, zumindest innerhalb dieser Anthologie: Der Supersoldat. Wir haben hier die typischen Bestandteile, als da wären: ein skrupelloser Militär, der mitlaufende Wissenschaftler und seine hübsche Assistentin und jede Menge sterbender Elitesoldaten. McKinley liefert eine spannende Militärstory mit feindosierten Seitenstichen und einem ungewöhnlichen Endkampf, den man gern verfilmt sähe.

 

Wie auch die letzte der regulären Storys der Anthologie, Die Großen Alten.

Im idyllischen Staufen, südlich von Freiburg, führen Erdwärme-Sondierungsbohrungen nicht nur zu Rissen in altehrwürdigen Mauern, sondern in letzter Konsequenz zum Erwachen eines verbannten Dunklen Gottes, dessen Name sich am Besten mit Plitsch-Platsch ausdrücken lässt. Er schöpft seine Kraft aus Wasser und somit aus Grundwasser, Fluss und Menschen. Klar, dass Staufen dieses Erwachen nicht lange überlebt. Nicht weit entfernt in Bad Krozingen erwacht in der 87jährigen Kunigunde Cieslarczyk eine Fähigkeit, die die unter Demenz Leidende schon lange nicht mehr aktiv eingesetzt hatte: Sie assimiliert Materie. Bei Menschen klappt das ebenfalls, nur dass sie sich dann auch deren Bewusstsein einverleibt, so wie das von Dr. Horst, dem alten Nazi-Arzt, dem sie ihre Mutation verdankt. Der ist nun ganz erstaunt, dass die alte Dame wieder mit dem Aufsaugen beginnt und sich bald, beständig wachsend, mit ihrem Rollator aufmacht, dem anderen Großen Alten entgegen zu treten …

Markus Kastenholz gibt sich gar nicht erst große Mühe, seine muntere Genre-Persiflage wissenschaftlich zu unterfüttern. Lovecraft wird ebenso geplündert wie alte Nazimythen von Wundersoldaten. Auch schreibt er sich gleich selbst hinein, mitsamt darbendem Verleger und irreführenden Spoilerwarnungen – und wer da tatsächlich auf Erbarmen für uns und das Universum hoffte, sollte sich mit lieber mit Erdwärme-Sondierungsbohrungen befassen. Die ganze Geschichte ist ein großes Fest des schwarzen Humors.

 

Klar, dass man nach einem derart schröcklichen Ende zur Notfall-Story greifen muss: Auf der letzten nummerierten Seite des Buches klebt ein Umschlag mit den hilfreichen Worten: Nur im Notfall öffnen. Darin finden sich die zwei doppelseitig mit Schreibmaschine beschrieben Blätter mit der Beichte Ken Kawashimas, Großes grünes Monster oder eine retrojapanische Hausmeisterbeichte, in der Übersetzung des Herrn Christian von Aster. Darin offenbart uns der nun 98jährige Hausmeister, wie das damals tatsächlich mit jener Filmgesellschaft ablief, die 1954 mit Godzilla einst begann groß zu werden und der er heute den angenehmen Aufenthalt in einem Luxus-Altersheim verdankt.

Gewohnt lakonisch, in tolle Sätze gefasst, umreißt der Autor noch einmal kurz die für diese Anthologie so wichtige filmhistorische Geschichte und erweitert sie um ein ganz brisantes Element: die Fantasie.

 

Ein perfekter Abschluss dieser so krachend kunterbunten Geschichtensammlung, die durch das nicht minder perfekte Retro-Cover von Christian Günther sofort ins Auge sticht.

 

Fazit:

»German Kaiju« herausgegeben von Markus Heitkamp ist nicht nur eine bibliophile Schönheit, die Anthologie vereint in großem Abwechslungsreichtum eine rundum gelungene Auswahl von Kurzgeschichten, die sich mit Riesenmonstern und Menschen befassen, wobei die Unterscheidung zwischen den beiden Gruppen nicht immer leicht fällt.

Ein Herzensprojekt, dass man getrost ins eigene Herz schließen kann – ein wahrlich riesiges Vergnügen.

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:

botMessage_toctoc_comments_9210
Platzhalter

Buch:

German Kaiju

Herausgeber: Markus Heitkamp

Vorworte: Detlef Claus, Markus Heitkamp und Marc Hamacher

Taschenbuch, 378 Seiten

Leseratten Verlag, März 2019

Cover und Zeichnungen: Christian Günther

Fotografien: Harald Melcker, Tom Daut, Nolden & Heitkamp

 

ISBN-10: 3945230381

ISBN-13: 978-3945230381

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B07NL6DSL1

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Inhalt:

  • Thomas Heidemann: Nakama, der Schrecken vom Mond
  • Wolfgang Schroeder: Chaodoru – Das Grauen aus der Tiefe
  • Tom Daut: Der Keim
  • Torsten Scheib: Symbiogenese
  • Thomas Williams: Frankensteins Raketenmonster im Blutrausch
  • Hanna Nolden und Markus Heitkamp: Hansebiker gegen Mutant X
  • Simona Turini: Flammen über Karlsruhe
  • Finnley »Gun« McKinley: Saibotoru greift an
  • Markus Kastenholz: Die Großen Alten
  • Christian von Aster: Großes grünes Monster oder eine retrojapanische Hausmeisterbeichte (Bonus)

Weitere Infos:


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 15.09.2020, zuletzt aktualisiert: 29.10.2020 17:41