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Glennkill von Leonie Swann

Rezension von Christian Endres

 

Wenn man über ein Jahr nach seinem Erscheinen noch allerorts über ein Buch und das damit verbundene Debüt einer Autorin spricht, das mittlerweile sogar in über 20 Länder verkauft bzw. übersetzt wurde und obendrein auch noch in diversen Club-Ausgaben oder als Hörbuch erhältlich ist, dann muss besagtes Buch etwas Besonderes an sich haben. Im Falle von Leonie Swanns Glennkill liegt diese fast schon offenkundige Besonderheit wohl irgendwo zwischen einem blutigen Spaten, einem seltsamen irischen Örtchen, ein bisschen Gras und selbstverständlich einer Herde cleverer, verfressener oder einfach nur schrullig-liebenswerter Schafe ...

 

Schäfer George ist tot! Leblos liegt er im feuchten, taufrischen Gras der irischen Weide nahe dem kleinen Dörfchen Glennkill. Ein hässlicher Spaten steckt in seinem Leib – woran auch das langsamste Schaf erkennt, dass hier etwas gar nicht stimmt und George augenscheinlich doch eher keines natürlichen Todes gestorben ist. Georges Herde – eine einzigartige Mischung nicht weniger einzigartiger Schafs-Individuen – beschließt also, sich des Falles anzunehmen und herauszufinden, wer ihren Schäfer umgebracht hat. So kommt es, dass die Schafe – allen voran Miss Maple, das intelligenteste Schaf von ganz Glennkill – sich einer abenteuerlichen Ermittlung und dabei nicht nur die Weide und den dazugehören Schäferwagen auf den Kopf stellen, sondern auch vor »Gottes« Kirche, der offiziellen Testamentsvorlesung unter der Dorflinde oder dem Rest von Glennkill keinen Halt machen, ehe sie nicht den Mörder an ihrem George gefunden haben ...

 

Mopple the Whale, Miss Maple, Othello, Sir Richfield – ob es tatsächlich Schäfer gibt, die ihre vierbeinigen Wolllieferanten so nennen, sei einmal dahin gestellt. Dennoch hat Leonie Swann bei der Auswahl der Namen ihrer blökenden Protagonisten großes Geschick und Fingerspitzengefühl bewiesen. Griffige, markante, aber eben auch vertraut klingende oder wohl-charakterisierende Namen, die nicht selten – wie zum Beispiel im Falle von Mopple the Whale, dem verfressenen Gedächtnisschaf der Herde – schon alleine um ihrer selbst Willen zum Schmunzeln einladen.

 

Leider nutzt sich auch der »Namenseffekt« der Vierbeiner nach den ersten siebzig Seiten schnell ab, und so bleibt, klammert man die kluge Miss Maple einmal aus, vorerst nur eine blökende, unsichere Herde verhinderter Helden und Detektive, die mit ihrem Schafslatein und -Gehabe schnell einen gewissen Abnutzungsfaktor zu reklamieren haben und den Leser mit ihrem störrischen Im-Dunkeln-Tappen manchmal sogar ein bisschen zu schafsmäßig auf die Nerven gehen. Für mich war dies während der Lektüre manchmal so schlimm, dass das Daumenkino rechts unten am Seitenrand interessanter war als das eigentliche Geschehen auf den Buchseiten ...

 

Stichwort Daumenkino. Das ist es dann auch, was der Aufmachung des ansonsten eher schlicht gestalteten Hardcovers einen kräftigen Schub verpasst: Blättert man die Seiten nämlich schnell durch, springt doch tatsächlich ein putziges Schäflein ganz Daumenkino-like auf und ab. Eine sehr schöne Idee, die auch noch toll umgesetzt worden ist und dem gebundenen Buch mit Schutzumschlag (aber zum Beispiel auch dem Weltbild-Reader) das gewisse Etwas gibt und es angenehm herausstechen lässt. Hervorragend!

 

Fazit: Leider kann ich nur bedingt in die allgemeinen Lobeshymnen für »Glennkill« mit einstimmen: Ich sehe die nette Idee, ja, auch die flauschig-lustigen Helden und auch das vermeintlich Außergewöhnliche an dieser Krimi-Persiflage mit mehr oder minder tierischen Protagonisten – aber ich sehe nicht das gehypte, bestsellerlistenbeherrschende Phänomen um die Schafsdetektive und den Mordfall an ihrem Schäfer George. Dazu steht sich Leonie Swanns Roman-Debüt einfach zu oft selbst im Weg – oder besser gesagt, die meckernden Helden ihres Debüts, die Fluch und Segen zugleich für den Drive der Story sind und genauso oft Punkte einfahren, wie sie auch Verluste eben solcher verschulden.

 

Ein nettes und gut geschriebenes, letztlich aber doch eher triviales Buch, das streckenweise durchaus zu unterhalten, aber nie völlig zu überzeugen weiß – und das zudem noch mit dem zweifelhaften Kompliment leben muss, dass das Daumenkino manchmal interessanter war als das Geschehen auf der Weide oder im Dorf.

 

Reinschauen könnte sich trotzdem für den ein oder anderen lohnen, der hier keinen zweiten Richard Adams erwartet und sich auch nicht von einem stellenweise einfach etwas zu flachen Spannungsbogen oder zu einfältigen Helden im Schafspelz abschrecken lässt.

 

Ein kleiner Tipp vielleicht noch am Rande: Wer das Hardcover scheut, kann sich ja mal nach einer günstigeren Buchclub-Ausgabe (Club, Weltbild ...) umsehen – oder wartet einfach auf das Taschenbuch, das auch nicht mehr so lange auf sich warten lassen dürfte ...

 

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Glennkill. Ein Schafskrimi

Autor: Leonie Swann

Hardcover, 384 Seiten

Goldmann, August 2005

ISBN: 3442301297

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 13.11.2006, zuletzt aktualisiert: 01.12.2018 14:46