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Heldenzorn von Jonas Wolf

 

Rezension von Oliver Kotowski


Rezension:

In den Weiten der Steppe macht der Stamm der Kinder der Weite eine seltsame Entdeckung: Eine Schar von Harten Menschen aus dem Dominum lagert dort und ist anscheinend nicht auf der Jagd nach Sklaven. Sie sind mit Geschenken gekommen, man feiert, es gibt ein Feuerwerk – und bald darauf das Ende des Stammes. Nur ein Junge hat auf wundersame Weise überlebt: Ein Pferd war ins brennende Zelt gekommen, um ihn in die Schulter beißend herauszuziehen. Der Junge wird von den Schwarzen Pfeilen mit dem Namen Teriasch adoptiert und soll Jahre später als junger Mann ein Schamane werden. Ungeduldig wie er ist, begibt er sich alleine in die Geisterhütte. Dort erhält er schwer zu durchschauende Visionen der vier Elemente – besonders seltsam ist der Geist des Feuers: Er scheint sehr störrisch und wenig mitteilsam. Dauernd stellt er seltsame Fragen, mal behauptet er ein Mann zu sein, dann spricht er wieder von „Euch Menschen“ – im letzten Moment warnt er zwar Teriasch, doch zu spät, der Menschenjäger Spuo fängt ihn. Zusammen mit einigen anderen Steppenmenschen soll er ins Dominum gebracht werden. Teriasch wird an den Milchbauchkrieger Dokescha gekettet. Teriasch stellt bald fest, dass er mit seinem Zorn Tiere aufstacheln kann – und dass Dokescha und die anderen versklavten Krieger noch nicht aufgegeben haben. Aber der Geist des Feuers scheint eher auf eine Befreiung in der Ferne zu deuten.

 

Teriaschs Geschichte trägt sich auf der Welt des Skaldat zu. Sie beginnt in der Steppe mit den Steppenkriegern, die der Leser schon in Heldenwinter als grausame Bedrohung aus dem Süden hatte kennenlernen können. Tatsächlich spielt die Steppe selbst keine große Rolle, denn der Protagonist wird bald von den Menschenjägern aus dem fernen Westen gefangen und ins Dominum verschleppt. Über dieses mächtige Reich herrscht der Dominex, der als Sohn des Reichsgründers und Gottes Subveheros gilt. Herrschaftssitz ist die in Luxus schwelgende Stadt Kalvakorum, denn dort ist die Quelle seiner militärischen Macht: die vier Türme der Elemente, mit deren Hilfe er über die Probaskas (eine Art Elefanten) und die Flugechsen herrscht – es müssen den Elementen allerdings regelmäßig Menschen geopfert werden. Aber wozu gibt es denn Sklaven? Überhaupt sind die Sklaven die wichtigste Säule der zivilen Gesellschaft, denn sie erarbeiten den wirtschaftlichen Wohlstand der Elite und kompensieren die Frustration der Armen mit ihrem Tod in der Arena. Insgesamt erinnert das Dominum ein wenig an das Dominat, das Spätrömische Kaiserreich, was vor allem an den lateinelnden Worten liegt: In der Akademia Arma werden die zukünftigen Offizierskader ausgebildet, Kustoda ist der Rang einer Offizierin und Radius und Rota sind Münzen des Reichs. Es gibt aber auch erhebliche Unterschiede: Die Armeen des Dominums sind keine Legionen, die Provinzen werden nicht entwickelt, Worttreue spielt keine besondere Rolle, es gibt keine einzige Toga, dafür aber jede Menge Streitkolben.

Phantastische Elemente gibt es wiederum zahlreiche: Da ist zunächst Teriasch, eine Feuerseele, der andere Lebewesen mit seinem Zorn anstecken kann, Halblinge, einer aus dem Alten Volk und natürlich das Skaldat, um nur ein paar Dinge zu nennen. Wie bei Heldenwinter entstammen die Wunder dem Genre-typischen Inventar, sieht man von der mythischen Sicht der Schamanen ab.

Da der Fokus recht eng den Figuren und deren Handlungen folgt, bekommt man von der Welt trotz allem relativ wenig zu sehen – das Setting ist somit am besten als eher schwach ausgeführtes Ambiente zu begreifen.

 

Das Dramatis Personae listet insgesamt achtundvierzig Figuren auf – für einen gut dreihundertfünfzig Seiten langen Roman eine große Anzahl. Es sind aber auch Figuren dabei, die nach wenigen Zeilen wieder ausscheiden – oder gar nur als Leiche auftauchen wie Dentilegus, das tote Probaska. Da Teil der Spannungsquellen die Frage ist, welcher von Teriaschs Begleitern – der mitgefangene Milchbauchkrieger Dokescha, der gutherzige Dominumsoldat Arka, der zwielichtige Halblingsdieb Rukabo (der Kater von Kalvakorum), das eigenwillige Sklavenduo Gigas und Paetus, die Ränke schmiedende Adlige Nesca und ihre harsche Leibwächterin Carda, um nur einige zu nennen – ihn denn auch länger begleitet, will ich hier nur Teriasch weiter vorstellen – bei den meisten anderen Figuren handelt es sich ohnehin um exzentrische, gradlinige Typen, bei denen Charaktereigenschaften und Motivation Hand in Hand gehen.

Teriasch ist ein Kind der Steppe, ein Schamane und eine Feuerseele noch dazu – mehr muss man eigentlich nicht sagen, um ihn zu charakterisieren. Er ist im Wesentlichen ein netter, mitfühlender junger Mann, der manchmal etwas naiv und ungestüm ist – es fehlt ihm noch an Weisheit. Gelegentlich führen ihn sein (gerechter) Zorn und seine Mitmenschlichkeit in Interessenkonflikte – seine Offenheit lässt ihn dann daraus lernen.

 

Teile des Plots weisen die Züge einer Bildungsgeschichte auf: Teriasch muss sein eigentliches Umfeld verlassen, begibt sich auf Reisen und muss seinen Platz in der Gesellschaft finden. Dies ist mit dem üblichen Aufstiegsduktus verknüpft – Teriasch bleibt kein einfacher Sklave. Außerdem gibt es Züge des Polit-Thrillers: Es geht weniger um soziale und charakterliche Anpassungsfähigkeit als vielmehr um physische Lösungen – es gilt mit Soldaten, Gladiatoren, Assassinen, wilden Tieren usw. fertig zu werden. Natürlich wird nicht nur gekämpft (es gibt, wenn ich mich recht entsinne, nur einen Kampf pro Plotabschnitt), sondern auch geschlichen, gerannt usw. Zudem gilt es für Teriasch, so einiges zu lernen: Wie die Gesellschaft funktioniert – und wer die Strippen zieht.

Und es gibt noch eine Plotstruktur: Wo in Heldenwinter die Canterbury Tales angegangen wurde, verweist Heldenzorn auf das Evangelium nach Lukas und daran angelehnte Heiligenviten. Teriasch ist aber nicht der neue Messias, sondern ein Geschäftsführer des hegelschen Weltgeists: Dieses Schicksal gibt Teriasch hier und da einen Stups, bringt ihn mit den richtigen Menschen zusammen und verleiht ihm im richtigen Moment die Kraft des Zorns.

Neben diesen Spannungsquellen gibt es einige intertextuelle Momente: Beim Drachen Schwarzschwinge, der von einem Berg weit im Osten stammt, mag man an Smaug und den Einsamen Berg denken, bei Julanesca Venustas Gramenita Ignissetta Nata Grandus an Pippilotta Viktualia Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf.

All diese Spannungsquellen und Strukturen sind sauber verknüpft, nichts behindert den recht hohen Plotfluss.

Barbarei bzw. Natürlichkeit vs. Zivilisation bzw. Dekadenz, Sklaverei und Freiheit, Schicksal, Rettung und Heiland. Der Roman schneidet einige große Themen an. Ist Teriasch der Jesus des Weltgeistes, Spartacus – oder doch eher Hermann der Cherusker, der Edle Wildem der quasi das Römische Reich zu Fall bringt? Allerspätestens seit Tacitus ist der Edle Wilde Drohung und Heilsversprechen für die als dekadent wahrgenommene eigene Gesellschaft zugleich. Wie geht Wolf an die Thematik heran? Schon durch die Perspektive des Protagonisten, des ‚Wilden‘ Teriasch, übt der Roman erhebliche Zivilisationskritik. Verstärkend kommt hinzu, dass Wolf einen leichten Zugang ermöglichen will. Dies gelingt ihm gut, doch auch wenn er andeutet, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, die Steppenkrieger das eine oder andere Positive vom Dominum lernen können, sind die Grautöne der Stämme doch sehr hell und die der Zivilisierten doch arg dunkel geraten. Zudem fehlt mir eine klare Ansage, warum Zivilisation doch nützlich sein könnte. Die ‚schweren Fragen‘ – und besonders die Antworten – vermeidet Wolf nämlich: Das Sklaverei schädlich und Zivilisation nützlich ist, wird wohl jeder westlich geprägte Leser unterschreiben, doch was am Wesen der Sklaverei schädlich (man vergleiche hier mit dem Wesen von Gefängnishaft und Lohnarbeit im Kontext moderner, vielleicht neoliberaler Wirtschaftsstrukturen), was am Wesen der Zivilisation nützlich ist, das wären spannende Fragen gewesen, die man zumindest hätte anreißen können.

 

Erzähltechnisch ist der Roman wiederum recht konservativ. Er ist weitgehend aus der personalen Perspektive Teriaschs erzählt. Die Handlung ist zwar im Wesentlichen dramatisch, wirkt ob der Zeit- und Ortssprünge sowie des stark wechselnden Personals gelegentlich episodisch. Die Grundausrichtung ist progressiv, es gibt aber auch erhebliche regressive Momente im Rahmen des Thriller-Aspekts. Und ob die Handlung eine Entwicklung oder eine Desillusionierung darstellt, bleibt eine Frage des Plotaspekts: Hinsichtlich der Bildungsgeschichte kann man sehr ins Grübeln geraten.

Die Sätze sind eher länglich: Selten sind sie eingliedrig, meisten zweigliedrig, in beschreibenden Szenen können sie sogar erheblich länger werden. In Szenen schneller Handlung erzeugt Wolf Kürze durch Ellipsen. Doch so oder so, die Sätze bleiben stets gradlinig. Die Wortwahl ist zumeist neutral bis salopp mit gelegentlichen vulgären Einsprengseln. Wie in Heldenwinter verwendet Wolf viele fremd klingende, z. T. erfundene Worte. Diesmal aus dem Lateinischen: Feles, die Säbelzahntiger, Lexis, ein Abgesandter, Primigladius, ein Kommandant.

 

Fazit:

Der angehende Schamane der Steppenkrieger Teriasch fällt den Sklavenjägern des dekadenten Dominums in die Hände und gelangt in die Hauptstadt – was wird der Zorn der Feuerseele dort bewirken?

Mit Büchern ist es wie mit Urlaubsreisen: Man geht sie aus sehr unterschiedlichen Gründen an. Manch einer will etwas Aufregendes erleben, eine fremde Kultur authentisch kennenlernen, Kulturgüter oder Naturschönheit besichtigen. Andere wollen nur in der Sonne liegen, ein Kaltgetränk genießen und entspannen. Heldenzorn ist ein kurzes, in sich geschlossenes und schönes Buch für die letztere Fraktion.

 

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Eure Meinung:

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Roman:

Heldenzorn

Reihe: Die Welt des Skaldat 2

Autor: Jonas Wolf

Piper (Juli 2012)

Taschenbuch, 384 Seiten

Titelbild: Alan Lathwell

 

ISBN-13: 978-3492268691

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 20.07.2012, zuletzt aktualisiert: 12.03.2019 09:32