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Horror im Orient-Express 1

Rezension von Karl-Georg Müller

 

Den echten Cthulhu-Jüngern wird die beinahe legendäre Chaosium-Box „Horror on the Orient-Express“ aus dem Jahre 1991 in lebhafter und in sehr guter Erinnerung sein; noch heute geht sie bei Ebay zu horrenden Preisen über den virtuellen Ladentisch. Es wurde also höchste Zeit, dieses Kleinod (betrachte ich mir die dick gefüllte Pappschachtel, dann passt der verniedlichende Redefigur sicher nur bedingt) nicht nur auszupacken, sondern für die Spielerschar wieder zu akzeptablen Preisen zugänglich zu machen. Und nicht nur das, denn die amerikanische Ausgabe wurde nie übersetzt: eine deutsche Fassung wäre doch ein Schmankerl.

 

Das sagte sich offenbar auch das Team mit und um Frank Heller, das sich der ohne Frage nicht einfachen Aufgabe gestellt hat, das ursprüngliche Original nicht einfach 1 : 1 zu übersetzen, sondern gleich noch um einige Details zu ergänzen. Ach, ergänzen wäre etwas untertrieben, die deutsche Version scheint noch einen Deut besser zu werden als das fremdsprachige Pendant (wobei ich anmerken möchte, dass ich auch nichts anderes erwartet hatte nach den bisherigen Produkten, die in der hauseigenen Pegasus-Schmiede geformt wurden!)

 

Auf eine Pappschachtel wurde verzichtet (gleich jedoch auch da eine Einschränkung: passend zu Band 4 wird ein Sammelschuber zur sorgsamen Aufbewahrung lieferbar sein), was mehrere Gründe haben dürfte: fast 550 Seiten werden die vier Softbücher haben, dazu die reiche Zahl an Handouts. Wer soll das verschicken, wer soll das tragen – und wer soll das auf einen Schlag berappen? Insofern begrüße ich den Gedanken, alles in appetitlichen Happen zu offerieren, zudem nach dem dünnsten Band 1 (96 Seiten) gleich Band 2 mit deutlich höherem Umfang aufwartet. Mir wären zwar zwei Hardcover zu ähnlichem Preis auch angenehm gewesen, da ich das doch etwas läppische Umschlagpapier nur für leidlich reißfest halte, aber in der dargebotenen Form ist es auch in Ordnung …

 

Die Reise im Orient-Express wird in London beginnen und in Konstantinopel enden; sie orientiert sich an den ursprünglichen Routen des bekannten Zuges, dessen Werdegang in einem ausführlichen Beitrag dargestellt wird. Nach dem Vorwort startet damit auch der eigentliche Quellenteil, und alles, was im folgenden Kapitel „Der Orient-Express“ erzählt wird, liest sich fast spannend wie ein Roman, sehr viel Historie eben, die dazu gehört, aber auch spielleiter-relevante Einträge, die sich speziell auf die Zusammensetzung des Zuges (dazu gehören auch Übersichtspläne und antiquarisch getrimmte Handouts) und das Leben an Bord (inklusive Speisekarte) beziehen. Ins Auge stechen die sehr anschaulichen und passend ausgewählten Fotografien und Zeichnungen, die dem Spielleiter einen nützlichen Eindruck vermitteln, wie das Interieur ausschaut oder der Lokführerstand aufgebaut ist.

 

Da in Band 1 außer zwei sehr knappen einführenden Abenteuern, die jedoch unabhängig vom Orient-Express gesehen werden können, noch nicht in den Kampagnen-Zug eingestiegen wird, bietet eine komplette Übersicht aller Etappen zumindest ein Vorgefühl dafür, was alles auf die Charaktere zukommen mag. Weshalb es die Spieler überhaupt in den Express verschlägt, verschweige ich der Spannung wegen, außerdem steht in diesem Band das Abenteuer „Zug der Verdammten“ im Mittelpunkt (das zweite Kurzszenario „Schemen im Abendnebel“ konnte mich nicht überzeugen, weshalb ich nur kurz darauf hinweise), eine alptraumhafte Reise, die für mindestens einen Charakter ein Ticket in den Tod sein kann, wenn die Freunde nicht zügig und entschlossen handeln. Die Ereignisse sind für den Spielleiter leicht überschaubar, so dass er mit der Leitung keine größeren Schwierigkeiten haben sollte. Zudem ist es vom Umfang her moderat gestaltet, womit es ein für eine längere Abendsession bestens geeignet ist.

 

Außerdem halten sich die Charaktere damit gleich in London auf und hängen fast am Haken, der Orient-Express wartet bereits. Bevor das Pfeifsignal zur Abfahrt jedoch erklingt, werden sie in London mit einigen haarsträubenden Erkenntnissen konfrontiert, die dann letztlich zu ihrem Entschluss führen müssen, sich auf die Reise zu begeben.

 

Man könnte es also Manko ansehen, dass der Spielleiter zu einem Quellenbuch wie diesem noch unabwendbar einen weiteren Quellenband braucht, um im erforderlichen Maße Atmosphäre durch gezielte Beschreibungen heraufbeschwören zu können. Natürlich, eine Kampagne, die in London anfängt, wird kaum umhin können, sich nicht auch auf das gleichnamige Hardcover „London – Im Nebel der Themse“ zu beziehen. Ich sehe es nicht als Nachteil an, sondern viel mehr als eine gute Gelegenheit, all die wunderbaren Details aus dem besagten Quellenband ins Spiel bringen zu können. Da beißt halt keine Maus den Faden ab: London ist ideal für nebulöse Geschehnisse und mysteriöse Gestalten.

 

Mit diesem Quellen- und Kampagnenband wird der Hunger nach den drei nachfolgenden Büchern so richtig angeregt. Das liest sich alles bereits sehr viel versprechend. Wer das Original kennt, weiß zwar in groben Zügen, was ihn erwartet, aber die deutsche Ausgabe erfuhr eben eine besondere Behandlung: Hintergrundberichte wurden ergänzt und erweitert, zudem wurden Zeitzeugentexte an geeigneter Stelle eingebaut. Besser geht’s kaum (ich schreibe das einmal etwas zurückhaltend, um noch Steigerungschancen für die bevorstehenden Bände zu lassen).

 

Und damit bleibt nur: Eine der besten Cthulhu-Kampagnen hat endlich den finsteren Tunnel verlassen, in dem sie jahrelang feststeckte, weil sie nicht mehr lieferbar war. Auf dem Abstellgleis hat sie nichts zu suchen, dafür ist das ganze Setting viel zu interessant und bravourös umgesetzt. Der Start ist gelungen, die Abfahrt des Orient-Express steht an. Zeit, die Koffer zu packen und mit frischem Elan (und schlimmen Befürchtungen) auf den wartenden Zug aufzuspringen.

 

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Eure Meinung:

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Horror im Orient-Express 1

Cthulhu-Abenteuerband

96 Seiten

Softcover

ISBN: 3-937826-11-4

Erhältlich bei: Amazon

 

weitere Infos:


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Erstellt: 18.07.2005, zuletzt aktualisiert: 15.02.2015 03:45