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Hüter der Erinnerung von Lois Lowry

Rezension von Tamara Nahm

 

Zusammenfassung:

Der elfjährige Jonas wächst in einer Welt ohne Gefühle, ohne Musik, ja sogar ohne Farben auf. Die Gemeinschaft, in der er lebt, unterbindet jede Art von Menschlichkeit sofort. Die aufgrund ihrer Interessen und Begabungen zusammengeführten Erwachsenen beantragen ein Kind, strenge Regeln beherrschen die Erziehung, mit zwölf Jahren wird jedem der neuen ‚Zwölfer’ ein Beruf zugeteilt. Für Jonas ist der Moment der Zwölfer-Zeremonie gekommen, seine Ungewissheit wird endlich ein Ende finden. Im Gegensatz zu seiner Freundin Fiona hat er noch keine Ahnung, welche Aufgabe für ihn ausgewählt wurde. Zur Überraschung aller wird ihm das wichtigste Amt in der Gemeinschaft übertragen: Er wird zum neuen Hüter der Erinnerungen ernannt und beginnt seine Ausbildung bei dem alten Hüter – dem Geber – höchstpersönlich. Zwar wird ihm mitgeteilt, dass seine Ausbildung schmerzhaft sein kann, doch auf die seelische Pein, die sich sobald einstellen wird, war er nicht vorbereitet. Der junge Hüter hört von einer Zeit vor der Gleichheit. Von Gefühlen – seien sie positiv oder negativ – und von Familie. Schnell werden Jonas und der Geber zu Vertrauten. Als er in Rahmen seiner Ausbildung die Wahrheit über die ‚Freigebung’ erfährt, plant er zusammen mit dem Geber seine Flucht aus jenem unmenschlichen System, in dem es nur Gehorsam oder den Tod zur Auswahl gibt.

 

 

Inhalt:

Jonas’ Familie entspricht dem wünschenswerten Standard – wie sollte es in der Gemeinschaft auch anders sein? Sein Vater ist Säuglingspfleger (ein sehr begabter sogar), seine Mutter arbeitet bei Gericht und die kleine Lily ist ein Siebener. Ohne Rebellion oder Fragen zu stellen hat er sich wie alle anderen auch in das System aus Regeln, Höflichkeit und Gleichheit eingefügt. Er kannte es ja nicht anders. Und wie jeder Mensch, dem Scheuklappen angelegt worden waren, hielt er sein Leben, das System für perfekt. Nicht einmal der Tod ist den Menschen in der Gemeinschaft wirklich bewusst. Alte Menschen werden ‚freigegeben’, das heißt nach ‚Anderswo’ gebracht, den Erzählungen zur Folge eine Art Paradies. Regelbrecher und die wenigen, die nicht in der Gemeinschaft leben wollen, bringt man ebenfalls dort hin. Hinter schweren Eisentüren wartet jedoch nicht der Garten Edens auf sie, sondern die Giftspritze.

Das einzig ungewöhnliche an Jonas’ Familie ist Gabriel, ein Säugling, der sich nicht so schnell entwickeln will, wie seine Altersgenossen und den sein Vater – mit vorher eingeholter Genehmigung, selbstverständlich – von nun an jeden Abend mit von der Arbeit nach Hause bringt. Zu dieser Zeit bemerkt Jonas, dass Dinge anfangen, sich vor seinen Augen plötzlich zu verändern, auch wenn er nicht dazu im Stande ist, diese Veränderung zu benennen.

Schließlich, am zweiten Tag der alljährlichen Zeremonie, wird er vor den Augen aller zum neuen Hüter der Erinnerungen ernannt. Keiner weiß wirklich, welche Geschehnisse ihm in Zukunft anvertraut werden würden, doch die Wichtigkeit dieses Berufes stellt kein Bürger Infrage. Wieder zurück in seinem Zimmer findet Jonas äußerst seltsame Anweisungen zu seiner Ausbildung vor: Es ist ihm untersagt, über seine Träume zu reden, so wie es jeden Morgen im Kreise der Familie zu geschehen pflegt. Auch über seine Ausbildungsstunden darf er kein Wort verlieren, er ist von nun an von den Regeln der Höflichkeit befreit und darf jedem Bürger jede beliebige Frage stellen und Lügen ist ab sofort erlaubt. Wieder beschleichen Zweifel den Jungen. Denn was wäre, wenn jeder Einwohner, ganz egal, welchen Beruf er ausüben wird, ab seinem zwölften Lebensjahr lügen dürfte? Wie oft haben ihn seine Eltern schon belogen?

Nervös tritt er seinen ersten Arbeitstag an. Doch seine Aufregung verschwindet, sobald ihm der Geber durch Handauflegen die erste Erinnerung aus seinem Kopf in den von Jonas übertragen hat. Der Junge weiß nun von etwas, was er am eigenen Körper noch nie spüren konnte. Und meistens kann er die neuen Eindrücke auch instinktiv benennen. Sonnenschein, Schnee, Berg… Nach den ersten Tagen seiner Ausbildung hat er mehr erlernt, als in seiner gesamten Schulzeit. Da er mit niemand anderem frei sprechen kann und er keine Freizeit mehr hat, die er mit seinen Schulkameraden hätte verbringen können, wird der Geber zu seinem Freund. Dieser erzählt Jonas, dass die Veränderung von Gegenständen, die er beobachten konnte, die Farbe Rot sei, die er von nun an wahrnehmen könne und dass unzählige Farben folgen würden, dass die Erinnerungen aus seinem eigenen Kopf verschwinden würden, wenn er sie Jonas überträgt und dass seine gesammelten Erinnerungen zu den Menschen der Gemeinde zurückkehren würden, wenn er sie verlassen würde. In der Vergangenheit sei dies schon einmal passiert. Die Tochter des Gebers war zu der neuen Hüterin ernannt worden. Doch sie hielt die Qualen der Erinnerungen an Leid und Tod nicht aus, worauf sie einen Antrag stellte, freigegeben zu werden. Am Ende setzte sie sich die Todesspritze selbst. Das Mädchen war erst wenige Wochen in ihrem Amt gewesen und hatte doch so viele Gedanken in sich versammelt gehabt, dass das Chaos ausbrach, als die Erinnerungen zurück zu den Bürgern geströmt waren.

Diesen Effekt wollen die beiden Hüter sich zu Nutze machen, nachdem Jonas die Aufzeichnung von einer Freigebung gesehen hat: Sein Vater setzt dem Schwächeren eines eben erst geborenen Zwillingspaares reuelos die Spritze mitten in die Stirn. Er spricht sogar noch mit dem toten Körper, als begebe er sich nur auf eine Reise und kehre bald wieder zurück. Zutiefst schockiert über die Erkenntnis, was sich wirklich bei einer Freigebung abspielt, schnappt sich Jonas den kleinen Gabriel, dem das selbe Schicksal bevorstehen würde und begibt sich mit dem Fahrrad seines Vaters auf eine gefährliche Flucht. Er ist sich sicher, dass es eine Welt voller Farben und Emotionen gibt, die er schon so oft in den Erinnerungen des Meisters gesehen hat. Jede Nacht fahren sie viele Meilen immer geradeaus. Nur weg. Immer ins Ungewisse. Am Tage müssen sie sich verstecken. Ihr verschwinden ist wahrlich nicht unentdeckt geblieben und so dröhnen die Motoren vieler Flugzeuge über ihren Köpfen. Langsam werden die Suchtrupps weniger, langsam wird es kälter und viel zu schnell schwinden Jonas’ Kräfte. Er leitet seine letzten tröstenden Erinnerungen an den völlig erschöpften Gabriel. Doch er weiß, er ist auf dem richtigen Weg. Nur noch schleierhaft kann er sich an die Gaben des Gebers erinnern. Sie sind zurückgeströmt in die Köpfe derer, denen sie zustehen.

Es beginnt zu schneien. Hinter einer Bergkuppe erkennt Jonas den Platz der ersten Erinnerung, die der Geber ihm übertragen hatte: Ein Schlitten steht auf einem eingeschneiten Berg. Und noch bevor er losfährt weiß Jonas, dass er es geschafft hatte. Er ist an einem Ort, an dem er Gefühle und Familie finden wird.

Und zum ersten Mal in seinem Leben hört er Musik.

 

 

Zitat:

Kapitel 10, Seiten 92 und 93:

Er verstummte für einen Moment und holte tief Luft. „Auf mir lastet ein riesiges Gewicht“, sagte er.

Jonas verspürte plötzlich großes Mitgefühl mit dem Mann.

„Es ist, als ob…“ Wieder machte der Alte eine Pause, um die richtigen Worte zu finden. „Es ist, als führe man einen Berg hinunter, durch tiefen Schnee, auf einem Schlitten“, sagte er schließlich. „Zuerst ist es anregend: die hohe Geschwindigkeit, die beißende, kalte Luft. Doch dann wird der Schnee tiefer, lastet auf den Kufen und man wird langsamer, immer langsamer. Man muss schieben, um weiterzukommen und…“ Plötzlich schüttelte er den Kopf und sah Jonas durchdringend an. „Mein Vergleich sagt dir wohl nicht viel, nicht wahr?“, fragte er.

Jonas war verwirrt. „Ich habe nichts verstanden, Sir.“

„Natürlich hast du das nicht, du weißt gar nicht, was Schnee ist, oder?“

Jonas schüttelte den Kopf.

„Oder ein Schlitten? Kufen?“

„Nein, Sir“, sagte Jonas kleinlaut.

„Den Berg hinunter? Das sagt dir auch nichts?“

„Nichts, Sir.“

„Nun, das wäre ja schon einmal ein Anknüpfungspunkt. Ich habe mich schon gefragt, womit ich anfangen könnte. Geh hinüber zum Bett und lege dich hin, das Gesicht nach unten. Aber zieh zuerst deine Tunika aus.“

[…]

„Schließ die Augen. Entspanne dich. Keine Angst, das hier wird nicht schmerzhaft sein.“

Jonas fiel ein, dass es ihm erlaubt war, ja, dass er sogar dazu aufgefordert worden war, Fragen zu stellen. „Was werdet Ihr tun, Sir?“, fragte er und hoffte, seine Stimme würde nicht verraten, wie nervös er war.

„Ich übermittle dir eine Erinnerung an Schnee“, sagte der Alte und legte seine Hände auf Jonas’ nackten Rücken.

 

 

Kritik:

Die Hauptpersonen in diesem Buch – es gibt lediglich zwei, die sich aktiv in das Geschehen einmischen, nämlich Jonas und den Geber – wirken bis zum Ende hin ein wenig hölzern. Zwar macht Jonas eine Veränderung weg von dem alten Alltagstrott mit sich, doch reicht sie mir nicht, um den Charakter wirklich menschlich zu gestalten. Sein Denken ist teilweise sehr objektiv. Ob es nun die Absicht der Autorin war, um die Ferne von Gefühlen in der Vergangenheit der Personen dar zu stellen oder nicht fände ich es besser, wenigstens Jonas ein stück weit kindlicher zu gestalten, damit sich der Leser besser in seinen Standpunkt hinein versetzen kann.

 

Der Schreibstil Lowrys ist gleichbleibend flüssig und recht simpel gehalten, was das Buch auch für jüngere Leser zu einer geeigneten (Schul)Lektüre macht. Die größeren Buchstaben und die relativ kurzen Kapitel von im Schnitt 10 Buchseiten tun ihr Übriges. Zu bemängeln ist allerdings, dass die Verfasserin dazu neigt, das selbe Wort einmal als Adjektiv und im folgenden Satz als Substantivierung zu verwenden. Ebenso häufen sich an manchen Stellen die Stilmittel. Auf einer Seite findet man so auffallend viele Verkleinerungen während man anderswo auf handlungsbedingt viele Rückblicke stößt. Es gibt gegen Ende hin viele Dialoge, welche ermüdend wirken. Dem Lesespaß tut dies jedoch keinem starken Abbruch und sollte viele nicht stören. Was mich stutzig gemacht hat ist die Tatsache, dass im Text immer die Rede von einem Hüter der Erinnerungen ist, der Titel jedoch im Singular abgedruckt ist.

Alles in Allem ist der Schreibstil nicht herausragend doch durchaus gut.

 

Der Handlungsstrang wird – für einen Roman untypisch – nicht durch andere Vorhaben unterbrochen, was jedoch auch an dem geringen Umfang des Werkes (knapp über 200 Seiten) liegen kann. Außerdem darf man nicht vergessen, dass es sich in erster Linie um ein Buch handelt, dass auf Kinder ausgelegt ist. Trotzdem ist das Geschehen in meinen Augen zu vorhersehbar. Ich kann mich nicht daran erinnern, mir beim Lesen gedacht zu haben, „das überrascht mich nun wirklich!“ Zudem setzt die eigentliche Handlung sehr spät ein, erst nach ca. 70 Seiten, was den Anfang jedoch nicht unbedingt langatmig gemacht hat, sondern viel eher den Rest der Handlung quetschte. Das Buch trägt nun einmal den Titel „Hüter der Erinnerung“, der jedoch in seiner Person erst auf Seite 87 auftritt, was ich etwas enttäuschend fand, da er neuen Schwung in das Geschehen gebracht hat.

 

 

Fazit:

Als ich Lois Lowry’s „Hüter der Erinnerung“ zum ersten Mal in den Händen hielt, dachte ich, dass mir eine typische Zukunftsvision ins Haus stehen würde deren Abschluss sein wird, dass die Menschheit durch das Drücken eines einfachen Schalters gerettet wird. Nun, was soll ich sagen? Ich irrte und bin zur Abwechslung froh darüber. Dadurch, dass die Autorin die SF-Elemente mit denen, der Gegenwart verknüpfte, erscheint ein völlig anderes – ein reelleres – Bild von dem System, nach dem die Gemeinschaft aufgebaut ist. Ich möchte betonen, dass in diesem Roman keine Maschinen die Kontrolle haben. Die Auslöser der fatalen Gleichheit, der am Ende die Erinnerungen der Menschen zum Opfer gefallen sind, sind einzig und allein bei den Menschen zu suchen. Bei ihnen und ihrem allgegenwärtigem Streben nach Perfektion. Es handelt sich im einen Roman, der mit der Handlung, die nieder geschrieben wurde, natürlich zu überzogen ist um sie als bare Münze zu werten, doch die Grundzüge des Systems sind in der heutigen Gesellschaft durchaus schon vorhanden. Genforschung, die Hochzüchtung von Lebensmitteln, das Werten von Lebewesen als Gegenstände. Ein Buch, das manchen Leser sicher zum Nachdenken anregen wird.

 

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Eure Meinung:

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Jannis
Sonntag, 22. Februar 2015 18:04 Uhr
Vielen Dank für diese ausführliche Inhaltsangabe!

Wir lesen gerade dieses Buch in der Schule -allerdings auf englisch, wodurch mir das Verstehen des Inhalts schwer gefallen ist.
Daher vielen Dank für die Hilfe!

albert
Donnerstag, 20. November 2014 07:24 Uhr
Sehr spannendes und interessantes Buch doch das Ende ist nicht besonders und sehr entteuschend bei so einem spannendem Buch

Dome
Samstag, 17. Mai 2014 14:20 Uhr
Ich hab des Buch schon mehrmals gelesen und immer nicht verstanden doch danke euch kann ich es nun nachvollziehen danke

Alexander
Samstag, 29. März 2014 17:05 Uhr
Hallo,
ich finde das Buch richtig spannend.
Wir haben es gerade in der Schule und
da wir zu wenig Zeit dafür kriegen,ist dies eine echt große Hilfe.
Vielen Dank an die Autoren dieses Beitrages

Lina
Donnerstag, 27. März 2014 23:51 Uhr
das buch ist sehr spannend und wer meit es ist langweilig findet kann anscheinend nicht lesen oder tut zu langsam lesen um dabei einzuschlafen

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Buch:

Hüter der Erinnerung

Autor: Lois Lowry

dtv-junior, Mai 2008

Hardcover

Original: The Giver, 1993

Übersetzerin: Anne Braun

Gestaltung: Eva Schöffnamm-Davidov

 

ISBN-10: 3423713143

ISBN-13: 978-3423713146

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 15.05.2008, zuletzt aktualisiert: 03.01.2020 12:37