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Implantiert von Scott Sigler

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Xenotransplantation. Klingt nach Science Fiction, ist es aber nicht. Bereits 1964 wurde einem Patienten (erfolglos) das Herz eines Schimpansen eingesetzt. seit den 1970ern ist die Xenotransplantation von menschlichem Gewebe auf Versuchstiere (den sogenannten »Xenografts«) ein völlig normaler Eingriff. Na ja, nicht völlig normal; zugegeben. Und wem läuft es nicht eiskalt den Rücken runter, wenn er sich an die Aufnahme der Maus erinnert, welche ein menschliches Ohr auf ihrem Rücken mit sich trägt als Resultat einer Knorpelverpflanzung? Wenn die Grenzen verwischen, Vernunft und Rationalität einfach über den Haufen geschmissen werden; wenn sich die moderne Wissenschaft dazu aufschwingt, in gottesgleiche Schuhe zu schlüpfen … wir alle wissen doch, was dann passiert, nicht wahr?

Die Mär von dem genial-verblendeten Forscher, der sich auf die Stufe des Schöpfers schwingen möchte, ist wahrlich nichts Neues. Bereits 1818 warnte Mary Shelley mit ihrem wegweisenden Klassiker Frankenstein davor, welch grausige Folgen jenes Treiben haben könnte. Doch werden ihre gleichermaßen gut gemeinten wie berechtigten Warnungen heute noch beachtet? Eher nicht. In Zeiten von außer Kontrolle geratener Stammzellenforschung und Genexperimente wirkt das Manifest der Londoner Autorin aktueller denn je.

 

Xenotransplantation also. Im Mikrokosmos von Implantiert, Scott Siglers viertem, ins Deutsche übersetztem Techno-Thriller, stellt sie nicht nur den Mittelpunkt dar, sondern hat zudem einen wesentlich bedeutsameren Stellenwert zugesprochen bekommen als in der Realität. Hier erweist sich das – vermeintlich – revolutionäre Verfahren, die Herstellung von verträglichen Ersatzorganen, als wegweisend und gleichermaßen umsatzträchtig.

Besonders letztgenannter Punkt hat für die Paglione-Brüder Danté und Magnus einen besonders hohen Stellenwert. Und dafür nehmen der knallharte Geschäftsmann und sein psychopathischer Bruder gerne auch den einen oder anderen Kollateralschaden in Kauf. Hauptsache, der Laden läuft – beziehungsweise deren global operierendes Unternehmen »Genada«.

Doch ein Mann ist den beiden ein Dorn im Auge: General Evan Curry. Mit der gleichen Härte, mit der die Pagliones ihr Ziel verfolgen, geht er gegen all jene Biotech-Firmen vor, denen ethische Grundsätze egal sind, um an ihr Ziel zu gelangen. Und dafür ist ihm kein Mittel zu schade. Die komplette Zerstörung einer geheimen Forschungsanlage auf Grönland mittels Brandbomben spricht Bände.

Kein Wunder also, dass das Genada-Brudergespann äußerst nervös ist. Zumal es keinen Zweifel gibt, dass sich Curry Genada als nächstes Ziel ausgesucht hat. Und so verfrachten die beiden in einer Nacht- und Nebelaktion Angestellte und Equipment ihrer streng geheimen und gleichermaßen bedeutsamsten Forschungseinrichtung von der Baffininsel auf ein verlassenes Eiland inmitten der Einöde der Großen Seen; kurz vor dem womöglich alles entscheidenden Durchbruch.

Doch trotz der unvorhergesehenen Komplikationen und der hektischen Verlegung verläuft alles nach Plan. Endlich hat das Forscherteam das hochsteckte Ziel erreicht: die Erschaffung einer Art Urwesen, das sich dank seiner genetische Zusammensetzung als perfekter Organspender erweisen kann.

Allerdings besitzen jene Kreaturen eine weiteres, höchst prägnantes Merkmal: Es sind perfekte Raubtiere; ausgemachte Tötungsmaschinen, die nur von einem Instinkt angetrieben werden: Fressen.

Und die Jagd auf die menschliche Beute hat begonnen …

Das erste, was an „Implantiert“ auffällt, ist die Länge des Buches. Mit fast 640 Seiten ist es ein ziemlicher Wälzer geworden. Reichlich Lesestoff also – und die Hoffnung, dass sie Sigler auch adäquat zu nutzen weiß.

 

Der Start von »Implantiert« ist auf jeden Fall furios: ein schweißtreibendes, spannendes Inferno, das ein versierter Hollywood-Regisseur nicht besser hätte inszenieren können. Danach schaltet Sigler allerdings vom fünften Gang in den Leerlauf; lässt sich Zeit, um jedes einzelne Mitglied seines Ensembles näher zu beleuchten. Damit offenbart er aber auch zwei eklatante Schwächen. Zum einen, dass seine Pro- und Antagonisten einfach zu zahlreich sind, und im weiteren Verlauf dadurch eventuell leichte Konfusion entstehen kann und zum anderen, dass seine präzise Skizzierung zwar durchaus gut gemeint sein mag, aber viel zu ausführlich ausgefallen ist. Von daher lassen sich die kommenden 200 Seiten auch nicht so flüssig lesen wie der grandiose Einstieg. Doch spätestens mit den ersten Anzeichen der drohenden Katastrophe kehrt Sigler wieder zu jenen Tugenden zurück, die besonders seine beiden Werke Infiziert (2008) und Virulent (2009) ausgezeichnet hatten: atemlose Spannung und rasante Action. Da nimmt man es ihm auch nicht übel, dass sein Roman oftmals überdeutlich Referenz an Klassikern wie etwa John Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt (1982), Ridley Scotts Alien (1979) oder Michael Crichtons Andromeda (1969) nimmt. Wobei Crichton zu Lebzeiten wohl kaum so blutig und gnadenlos zu Werke gegangen ist. Freilich zeigt auch der Action-Part im weiterführenden Verlauf immer größere Risse; wirken die konstanten Verfolgungen und Schießereien schließlich irgendwann nur noch willkürlich und unmotiviert, ehe das gelungene Finale die Schwächen von neuem einigermaßen entschädigt.

 

Fazit:

Mit „Implantiert“ greift Scott Sigler eine gleichermaßen faszinierende wie erschreckende Thematik auf, weiß sie aber nicht vollends für seinen Vorteil zu nutzen. Die überlangen Charakterskizzierungen sowie zu viele, beliebig erscheinende Actionsequenzen sorgen dafür, dass der Roman nicht über das Mittelmaß hinauskommt. Schade!

Eure Meinung:


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Buch:

Implantiert

Original: Ancestor

Autor: Scott Sigler

Übersetzer: Martin Ruf

Taschenbuch, 640 Seiten

Heyne, 9. November 2010

 

ISBN-10: 3453434358

ISBN-13: 978-3453434356

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 24.02.2011, zuletzt aktualisiert: 18.07.2017 18:11