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In der Hölle von John Shirley

Rezension von Christian Endres

 

Was passiert, wenn Menschen zu Versuchstieren übersinnlicher Mächte ohne Gestalt und Skrupel werden? Wie schnell kann man die leiderprobte, selbstzerstörerische Spezies Mensch an ihre Grenzen bringen? Und wie interessant würde sie dadurch für eine fremde, nebulöse Kultur »morbid sensibilisierter« Wesen werden? Die Vertreter eben jener dämonenhaften Rasse aus einer anderen Dimension machen sich auf, das Wesen Mensch genau dahingehend zu erforschen – und unterziehen ahnungslose Männer und Frauen schrecklichen Tests, in denen sie diese mit grausamen Entscheidungen, Problemen oder Situationen konfrontieren und an die Grenze des Erträglichen treiben – und weit darüber hinaus. Am Ende führen sie die einzelnen Versuchspersonen sogar in einer künstlichen Umgebung zusammen, wo sie den Wahnsinn weiter schüren und schließlich eine finale Orgie von Mord und falscher Wiedergeburt inszenieren...

 

Als Veteran des Cyberpunks (und damit eher neuerer Strömungen der Phantastik) legt John Shirley mit »In der Hölle« (orig. The View From Hell) einen Roman vor, der mit einem schonungslosen, harten Prolog beginnt und dann im Grunde drei recht moderne Horror-Kurzgeschichten bietet, ehe er seine Charaktere aus den ersten Kapiteln auf den letzten 50 Seiten noch einmal unvorhergesehen zusammenführt und in der Folge aufeinander losgehen lässt. Dadurch ergibt sich eine sehr eigenwillige, innovative Struktur dieses Kurzromans, die selbst dann, als er zum Schluss endgültig eskaliert und sich seiner eigenen Gewalt, ja seinem eigenen brutalen Rausch ergibt, noch auf gewisse Art und Weise fasziniert.

 

Stilistisch ist Shirley ein kompromissloser Grenzgänger, der einerseits an Clive Barker und dessen manchmal schon obszöne Offenheit erinnert, gleichzeitig aber auch frisch und unverbraucht wirkt, da z. B. die Verpackung der Gedanken und »Dialoge« [etwas, das zwei sich bewegenden Lippenpaaren am nächsten kommt] der höheren Wesen Z, H und V von ihm sehr interessant, ja sogar recht außergewöhnlich gestaltet worden sind und dem Roman trotz seines Kurzgeschichtencharakters in den ersten beiden Dritteln eine feste, klare Struktur geben, damit am Ende auch die Auflösung im gewaltsamen Kollektiv funktioniert.

 

Hinter dem im wahrsten Sinne des Wortes »starrenden« Cover der hübschen Klappenbroschur verbirgt sich also ein eindringlicher und sehr moderner, aber gerade zum Ende hin auch unglaublich brutaler Horror-Thriller mit einer übersinnlichen Rahmenhandlung, der dem klassischen »Gruppe/Experiment-Topic« zwar eine ganz neue Note verleiht, als extrem harter Genre-Vertreter jedoch sicher nicht nur mit offenen Armen empfangen wird.

 

Doch wahrscheinlich war sich Shirley dessen nur allzu bewusst, als er »In der Hölle« schrieb - und damit ein Experiment startete, das so eindringlich und intensiv ist, dass es auch dann noch nicht ganz zu Ende ist, wenn der Leser das Buch zuklappt...

 

 

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In der Hölle

Reihe: Phantasia Paperback Horror 3008

Autor: John Shirley

Klappenbroschur, 152 Seiten

Edition Phantasia, Juli 2007

ISBN: 3937897224

Erhältlich bei Amazon

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Erstellt: 22.07.2007, zuletzt aktualisiert: 18.07.2017 18:11