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Eine andere Wildnis

Autor: Jakob Schmidt

 

Die Geschichte ist aus der Anthologie:

 

Michael Schmidt - Zwielicht und wurde für den Vincent Preis 2009 nominiert.

 

In einer warmen Herbstnacht, irgendwann Ende der Neunziger Jahre, betrat eine gutaussehende Frau das Molly’s. Wohlgemerkt, sie war gutaussehend, nicht hübsch. Hübsch waren die meisten sechzehn- bis siebzehnjährigen Kleinstadtmädchen hier, gerade erst der Zahnspange entwachsen, die nachts mit dem Fahrrad zum Kiffen an den Waldsee fuhren. Die Frau dagegen war Ende zwanzig oder Anfang dreißig, hatte einen dunklen Teint und einen lockeren, aber zielstrebigen Gang. Sie trug ein schwarzes T-Shirt, Jeans und Turnschuhe, aber es bestand kein Zweifel daran, dass sie in einem maßgeschneiderten Kostüm zur Arbeit erschien. Falls sie Drogen nahm, musste sie dazu nirgendwohin fahren.

Selbstredend zog sie die Blicke auf sich, als sie an der leeren Tanzfläche vorbei zur Bar ging und einen Gin Tonic bestellte. Dann verteilte sie ein wohldosiertes Lächeln unter den Anwesenden, die ausnahmslos mindestens zehn Jahre jünger oder älter als sie waren. Die an der Tanzfläche aufgereihten männlichen Jugendlichen schauten hastig weg und beeilten sich umso mehr, einander in die Rippen zu stoßen, als der Blick der Fremden weitergewandert war, und die massigen Körper der älteren Herren in Holzfällerhemden erzitterten leicht, als sie sich lautlos schnaubend wieder ihren Weizenbieren zuwandten. Die Finger der Frauen, die in Begleitung hier waren, schlossen sich hastig und fest um Männerhände, und die, die alleine waren, konnten ein hasserfülltes Funkeln nicht unterdrücken. Doch alle wandten den Blick hastig und ertappt ab.

Bis auf eine.

Der Frau an der Südkurve der Bar fiel das lange, schlohweißes Haar in einem breiten Fächer über die knochigen Schultern. Ihre große Nase hatte nichts von der aufgeblähten Knolligkeit des Greisenalters, sie war gekrümmt und schmal, so dass man deutlich sehen konnte, wie ihre Nasenflügel sich bei jedem Atemzug bewegten. Ihre Brauen waren zusammengewachsen, wie eine fast unsichtbare, leicht geschwungene Staubspur über den kleegrünen Augen. Ihre Finger, die um ein halbvolles Whiskyglas lagen, hatten holzige, gelbe Nägel. Sie trug eine rosageblümte Bluse und einen braunen Filzrock, doch trotz dieses Aufzugs war ihrer Erscheinung eine gewisse Majestät nicht abzusprechen.

Das Lächeln der Ortsfremden brach sich am Anblick der Alten. Einen Moment lang musterten die beiden Frauen einander forschend, dann wandte die Jüngere sich zu dem Wirt um, der ihr ihren Gin Tonic auf den Tresen knallte.

Der Wirt, ein feister Mann mit verwegen zurückgekämmten Haaren, nahm seine Zigarette aus dem Mundwinkel, beugte sich vor und legte verschwörerisch die Stirn in Falten. „Schauen Sie besser nicht zu lange hin, Lady.“

Die gutaussehende Frau lächelte einmal mehr ihr bemessenes Lächeln. „Wieso? Sollte ich mich vor ihr in Acht nehmen?“ Aus dem Augenwinkel beobachtete sie verstohlen, wie die Greisin mit gespitzten Lippen einen Schluck aus ihrem Glas nahm.

Der Wirt stieß ein räusperndes Lachen aus. „Wenn Sie mich fragen.“

Der lange Aschefinger löste sich von seiner Zigarette und fiel auf die Theke. Er wischte ihn mit dem Handrücken beiseite und streckte der Frau dann, nach kurzem Zögern, selbige Hand entgegen. „Marko“, stellte er sich vor.

Die Frau neigte sich auf ihrem Barhocker zurück und musterte den Wirt leicht argwöhnisch.

Marko hob die Hände. „He, ich will nicht aufdringlich sein.“ Er wollte sich gerade wegdrehen, da räusperte die Ortsfremde sich.

„Nein, schon gut. Mein Name ist Carolin.“

„Na schön“, erwiderte Marko, als sei es an ihm, Zugeständnisse zu machen. „Carolin. Was führt also eine Frau wie Sie in unser gottverlassenes Kaff?“

Carolin verzog das Gesicht. „Mein Mann.“

Marko hob die Brauen. „Und, wo ist er?“

„Genau das möchte ich herausfinden.“

„Ah.“ Marko nickte weise. „Auf Abwegen, also.“

„Befürchte ich zumindest.“

„Verdammter Idiot, wenn Sie mich fragen.“ Er zuckte die Schultern. „Tja, hier ist heute Abend niemand Fremdes gewesen.“

Carolin seufzte und winkte ab. „Vergessen Sie’s. Erzählen Sie mir mehr von der Dame?“

Marko stützte sich mit einem Ellbogen auf die Theke und grinste. „Lange Geschichte.“

Carolin ließ den Blick durch den spärlich gefüllten Raum schweifen. „Erzählen Sie mir nicht, Sie hätten was Besseres zu tun“, erwiderte sie mit freundlichem Spott.

Marko nickte zufrieden. „In Ordnung, wenn Sie’s unbedingt wissen wollen. Aber ich warne Sie: Was sich unsereins hier am Ort von dieser Dame erzählt, ist nämlich schwerwiegender Unsinn ...“

 

Der alte Watermann lebte seit seiner Geburt auf dem Gänsehof oben am Waldrand, gut sechs Kilometer vom Ort entfernt. Die Leute nannten das baufällige Haus noch immer Gänsehof, obwohl es seit zwanzig Jahren keiner mehr war. Watermanns Frau war lange tot, die Angestellten und der einzige Sohn fortgezogen, das letzte Tier in den Ofen gewandert. Watermanns einzige Gesellschaft war die ehrwürdig ergraute Huskyhündin Saskia, die er vom Welpenalter an aufgezogen hatte.

Watermann gehörte zu der Sorte Männer, die jahrzehntelang alt blieben. Beim Gehen schlackerte er immer leicht mit der linken Hand, als hätte einer der Fäden des großen Marionettenspielers im Himmel sich irgendwo verfangen. Dazu hatte er ein steifes Knie und den krachenden Husten eines langjährigen Rauchers. Aber sein Nacken war gerade und sein Arm immer noch kräftig genug, um Saskia in den seltenen Fällen, in denen er sie an der Leine hielt, zu bändigen. Nicht, dass das in den letzten Jahren noch oft nötig gewesen wäre.

Die meiste Zeit blieb Watermann auf dem Gänsehof. Mehrmals die Woche fuhren Geschäftsinhaber aus dem nahen Ort den kleinen Waldweg zu ihm hoch, um einen Kaffee bei ihm zu trinken und ihm Milch, Brot und sogar frische Wäsche zu bringen. Wenn man bedenkt, wie sehr diese Besuche dem Eigenbrötler Watermann das Leben erleichterten, darf man seiner Freundlichkeit bei diesen Anlässen wohl durchaus ein gewisses Maß an Berechnung unterstellen.

Watermanns Sohn, ein recht erfolgreicher Anwalt aus Berlin, hatte es sich in den letzten Jahren zur Gewohnheit gemacht, ihn regelmäßig zu besuchen. Drei Tage in jedem Monat war sein roter Volvo vor dem eingestürzten Schuppen auf dem Hof zu sehen. Vater und Sohn unternahmen in diesen Tagen ausgedehnte Waldspaziergänge, oft bis zum alten Steinbruch hinauf, und sahen Saskia dabei zu, wie sie - meist erfolglos und eher der Form halber - dem einen oder anderen verräterischen Knacken im Gebüsch nachhechtete.

Manchen Ortsbewohnern fiel auf, dass die Besuche des jungen Watermann immer auf die Nächte um Vollmond fielen, doch sprach man über diese sonderliche Eigenart nur selten und dann im Scherz. Wenn man sich das Maul zerreißen wollte, wies man lieber hinter vorgehaltener Hand darauf hin, dass Watermanns Sohn noch nie seine Frau mitgebracht hatte. Ob er sich vor ihr für seine provinziellen Wurzeln schämte oder ob es vielmehr ihr an Vorzeigbarkeit mangelte, war Gegenstand von Spekulationen, nicht aber von konkreten Ermittlungen.

Eines Nachts, nach einer Exkursion mit seinem Sohn, wurde Watermann von Saskias lautem Bellen aus seinem erschöpften, aber vom Alter ausgedünnten Schlaf gerissen. Er warf sich seinen wollenen Morgenmantel über, trat in seine Schlappen und humpelte so schnell er konnte die schmale, schiefe Treppe hinab. In der Kammer lehnte ein Schrotgewehr in der Ecke, und jetzt holte Watermann es hervor und lud es mit steifen Fingern. Leise verfluchte er seine Langsamkeit, als er hörte, wie Saskias Bellen sich zu einem schrillen Jaulen steigerte.

Als er auf den mondlichtübergossenen Hof trat, sah er als Erstes Saskia, die mit gesträubtem Nackenfell und gesenktem Schädel in der Ausfahrt stand und der Dunkelheit die Zähne entgegenbleckte. Watermann kniff die Augen zusammen. Im Unterholz, das nur wenige Meter jenseits des Hofes begann, regte sich etwas geschmeidig wie eine Würgeschlange. Watermann legte an und näherte sich in einem weiten Bogen der treuen Hündin. Er spürte mehr, als dass er sah, wie ein mächtiger, keilförmiger Kopf in der Finsternis herumschwang, um seinen Bewegungen zu folgen. Etwas Schweres schleifte durchs feuchte Laub.

Neben Saskia angekommen erkannte Watermann, womit er es zu tun hatte, und die klamme Oktoberluft biss ihm plötzlich schmerzhafter in die Lungen als der schlimmste Raucherhusten. Keine fünf Meter von ihm entfernt, erhoben sich die Schultern eines mächtigen Wolfes. In den Kiefern hielt das nachtschwarze Ungetüm ein Reh am fast durchtrennten Genick. Als Watermann scharf einatmete, trat der Wolf ins Mondlicht. Er bewegte sich lautlos, bis auf das schleifende Geräusch des Rotwilds, das er so beiläufig mit sich zog, als hätte er vergessen, dass sich überhaupt etwas zwischen seinen Kiefern befand.

Mit dem schrillen Kläffen, das normalerweise Pinscher von sich geben, wenn sie sich todesverachtend auf ausgewachsene Schäferhunde stürzen, schoss Saskia der Bestie entgegen.

Widerwillig ließ der Wolf seine Beute los, um die Angreiferin zu empfangen. Im nächsten Moment waren Hund und Wolf ein zappelndes Bündel Finsternis geworden, in dem hier und da Saskias helles Fell aufblitzte. Nur das Knacken dürrer Zweige unter den Kämpfenden und Saskias hektisches Japsen und Knurren waren zu hören.

Watermann legte die Flinte an und verharrte hilflos. Dann krümmte Saskias gequältes Jaulen ihm den Finger um den Abzug, und Schrot und Pulverdampf peitschten einen guten Meter über die kämpfenden Tiere hinweg in den Wald. Ein kleiner Krähenschwarm stieg krächzend aus den Wipfeln auf.

Saskia stand in der Ausfahrt, eine Vorderpfote gehoben, die Schulter darüber und die Erde darunter schwarz von Blut. Rückwärts hoppelnd entfernte sie sich von ihrem Gegner. Vor Watermann blieb sie stehen, um dem Wolf knurrend die Stirn zu bieten.

Die Bestie verharrte am Rand der Auffahrt. Sie wandte den Kopf und fing das Mondlicht in gelben Augen, die sich auf Watermann richteten. Das Gewehr glitt Watermann aus den plötzlich schlaffen Fingern.

Dann wandte der Wolf sich ab, packte den zerschmetterten Leib des Rehs und war mit einem Satz zwischen den Bäumen verschwunden.

Ächzend trug Watermann die Hündin ins Haus. Reißzähne hatten ihr das Fleisch vom linken Vorderlauf geschabt. Watermann brachte es nicht über sich, sie in seinen Lieferwagen zu bugsieren und am Ende doch nur zuzusehen, wie sie auf der holpernden Fahrt zum Tierarzt oder auf dem Operationstisch verendete.

Also legte er sie auf ein weißes Laken, presste ein zweites Laken auf die Wunde, und schlurfte hustend in die Kammer, um zusammenzusuchen, was er brauchte. Saskia heulte laut auf, als er ihre Wunde desinfizierte, und Watermann biss sich auf die blutleere Unterlippe. Zitternd, blinzelnd und unendlich langsam nähte er die Wunde. Als er fertig war, schnaufte Saskia schnell und flach, und ihre Augen waren glasig.

Watermann ließ sich neben sie in den Ledersessel fallen, legte ihr die Hand auf die hervortretenden Rippenbögen, und schlief.

Als der Alte erwachte, waren Saskias Atemzüge zu seiner Überraschung tiefer geworden. Watermann lachte, hustete und begann, leise auf sie einzureden. Wenig später betrat Watermanns Sohn die Stube. Er trug nur seine Pyjamahose und hatte lange, rote Kratzer auf der Brust und im Gesicht. Vater und Sohn starrten einander wortlos an. Beim Frühstück sprachen sie kaum mehr als drei Worte. Der Alte schlug das Angebot seines Sohns, Saskia zum Tierarzt zu fahren, brummend aus, und so stieg der junge Watermann allein in seinen roten Volvo und fuhr zurück nach Berlin.

Saskia erholte sich unglaublich schnell. Schon nach zwei Wochen war von ihrer Wunde nichts als eine hässliche, gezackte Narbe geblieben. Wenn Watermann mit ihr zum alten Steinbruch ging, verschwand sie manchmal für zehn oder fünfzehn Minuten im Unterholz und kehrte dann mit einer Feldmaus oder sogar einem Hasen in den Fängen zurück.

Im November kam Watermanns Sohn nicht zu seinem üblichen Besuch, und Watermann war nicht verwundert. Sie hatten seit seiner Abreise nicht ein einziges Mal telefoniert. Dafür hatte der Alte um diese Zeit herum einen anderen Besucher.

In der Nacht vor Vollmond weckte ihn ein Poltern, gefolgt von einem leisen, verwirrten Aufschrei. Einen Moment lang glaubte Watermann, sein Sohn habe sich spät abends doch noch entschlossen, von Berlin hierher zu fahren, doch die Stimme, die aus der Stube drang, klang hoch und brüchig, und sie wimmerte und murmelte, anstatt Worte zu bilden.

Watermann wusste, dass der Versuch, mit seinem steifen Knie die knarrende Treppe hinabzuschleichen, fruchtlos bleiben musste, also stieg er, bewaffnet nur mit Morgenmantel und Schlappen, laut ächzend die Stufen hinunter. Wenn es ein Einbrecher war, wollte Watermann ihm genug Zeit geben, aus dem Haus zu fliehen. Beunruhigt fragte er sich, warum Saskia nicht angeschlagen hatte.

Im vom Fensterglas verwaschenen Mondlicht stand, reglos und leicht geduckt, eine weiße Frau in der Mitte der Stube. Nicht nur ihre Haut war weiß, auch die langen Haare, die sich über ihre schmalen, knochigen Schultern fächerten. Unter ihren kleinen, schlaffen Brüsten traten die Rippenbögen deutlich hervor. Ihre Scham war schneefarben. Ihre dürren Arme waren angespannt, die Finger weit gespreizt. Sie zitterte vor Anspannung und Kälte. Ihr Blick huschte von Watermann zum Fenster und dann zu Watermann zurück. Der Alte schnappte nach Luft.

„He“, sagte er mit zitternder Stimme. „Hallo.“

Die Besucherin zuckte zurück, als er sich ihr näherte, doch sie ließ zu, dass er ihre Hand ergriff. Die knochigen Finger mit den dicken, langen Nägeln wogen erstaunlich schwer in seiner Hand. Watermann sah, dass sich eine lange gezackte Narbe von ihrer Schulter bis zum Unterarm zog.

Er gab der Frau eine Decke und einen heißen Tee. Sie sprang heulend auf, als sie sich die Zunge verbrannte, und verschüttete den Inhalt ihrer Tasse über die Dielen. Watermann ergriff behutsam ihren Arm und redete leise auf sie ein, bis sie sich wieder setzte. Dann gab er ihr eine Schale Wasser und lief ins Gästezimmer, das vor vielen Jahren seiner Frau gehört hatte und in dem noch immer eine Truhe mit Kleidern stand, aus denen er das wenige, was nicht den Motten zum Opfer gefallen war, heraussuchte.

Bei Morgengrauen war die Frau verschwunden, ohne auch nur ein einziges Wort gesagt zu haben. Doch Watermann machte sich keine Sorgen. Er ging mit Saskia hinaus in den Wald. Am Nachmittag versuchte er, seinen Sohn anzurufen, erfuhr jedoch, dass er, wie jeden Monat um Vollmond, für drei Tage verreist war.

Die folgenden beiden Nächte kehrte die Greisin zurück. Sie sprach nicht, doch sie musterte Watermann aufmerksam bei seinen geduldigen Versuchen, ihr zu erklären, wozu man Kleidung brauchte, wie man aus einem Glas trank, wie man die Toilette benutzte.

Dann und wann schweifte der Blick der Frau zum Fenster, und für Watermann sah es aus, als ob sie die Ohren spitzte und auf etwas lauschte. Dann ergriff er ihre Hand und fragte leise: „Der Wald? Hörst du den Wald?“ Doch sie erwiderte seinen Blick verständnislos.

In der Nacht nach Vollmond nickte Watermann auf seinem Stuhl ihr gegenüber ein. Als er erwachte, hatte der Himmel die königsblaue Farbe des nahenden Morgens, und die Frau war fort.

Watermann schaute auf den Hof hinaus und sah sie auf der Auffahrt stehen. Die Kleidung, die er für sie herausgesucht hatte, trug sie nicht mehr. Sie blickte die Straße entlang, die zum Ort führte. Watermann trat leise hinaus in den Novemberfrost. Sie wandte sich zu ihm um, doch ihr Blick schweifte an ihm vorbei zum Horizont, wo sich die Sonne langsam über entfernte Hügel fingerte.

An diesem Morgen sah Watermann die Verwandlung.

Von da an kam die Besucherin jeden Monat in den Nächten um Vollmond. Auch der junge Watermann nahm seine monatlichen Besuche auf Drängen seines Vaters wieder auf, denn schließlich, so betonte der Alte, hatte der nächtliche Vorfall zwischen ihnen keine schlimmen Folgen gehabt. Im Gegenteil.

Der junge Anwalt war schweigsamer geworden. Tagsüber begleitete er seinen Vater und Saskia auf ihren Spaziergängen, und alles schien in bester Ordnung. Am späten Nachmittag jedoch stellten sich die Ohren der alten Schäferhündin auf, wenn der junge Watermann sich ihr näherte, und ein verstörtes Geräusch, halb Winseln, halb Knurren, drang aus ihrem Brustkorb. Dann nickte der Sohn seinem Vater zu, lächelte verlegen und ging eilig in den Wald, um nicht vor Morgengrauen zurückzukehren.

Watermann konnte sich indes bereits auf den Besuch der alten Dame freuen. Zwar sprach sie nie ein Wort, doch ihr Blick war wach, und er mochte das Gefühl ihrer schmalen Hand in der seinen. Nur dann und wann fröstelte er, wenn sie aufstand, ans Fenster oder an die Tür trat und Richtung Tal blickte, wo die entfernten Ortslichter zu sehen waren. In diesen Momenten sah sie aus, als spürte sie einem vage vertrauten Geruch nach.

In der Vollmondnacht im darauf folgenden Januar schlief Watermann früh ein. Als er erwachte, strich ihm ein kalter Luftzug übers Gesicht, und in der angelehnten Haustür tanzten Schneeflocken. Er trat hinaus und erwartete, seine Besucherin auf der Auffahrt zu sehen, doch er fand nur die Spuren nackter Füße im Pulverschnee. Die Luft war kalt genug, um die Krähen gefroren von den Ästen fallen zu lassen. Die helle Mondnacht sah aus wie ein Tag, aus dem die Kälte jede Farbe bis auf Weiß und Blau herausgebleicht hatte.

Watermann lief ins Haus und machte sich hastig winterfest. Dann raffte er Decken, Socken und Wollpullover für die Greisin zusammen, eilte hinaus und warf alles auf den Beifahrersitz seines Lieferwagens. Er fluchte leise über den widerspenstigen Motor, der schließlich mit einem Ruck und einem Husten in Gang kam.

Halb durch die dicke Schneedecke rutschend, halb fahrend lenkte Watermann den Wagen Richtung Ort hinab. Mit mehr Glück als Verstand ließ er das Wäldchen schließlich wohlbehalten hinter sich und bog auf die gestreute Landstraße ein. Am schneebeladenen Ortsschild stieg er aus und fand die erwarteten Fußspuren im frischen Schnee auf dem Bordstein. Flocken ließen sich nieder und rundeten die Abdrücke langsam zu ovalen Mulden.

Die Spuren der alten Dame führten Watermann zur einzigen Diskothek am Ort, dem Molly’s. Ein Schriftzug aus Glühbirnen tauchte den frischen Schnee am Eingang in rosafarbenes Licht. Auf dem Parkplatz standen ein Streifen- und ein Notarztwagen. Einen Moment lang zögerte Watermann vor der Tür - er hatte das Molly’s in seinem langen Leben nicht ein einziges Mal betreten und empfand ein tiefes Misstrauen gegen jede Art von Tanzwirtschaft. Doch dann fasste er sich ein Herz, spuckte Schleim in den Schnee und öffnete die Tür.

Das bunte Licht drinnen flackerte müde über eine leere Tanzfläche und hochgestellte Stühle. Eine Handvoll Halbstarker stand mitten im Raum und glotzte mit offenem Mund Richtung Bar. Dort saß, schmal und aufrecht auf ihrem Barhocker, der einzige andere späte Gast: Eine Frau in geblümter Bluse und einem braunen Filzrock, der das schlohweiße Haar über die knochigen Schultern fiel. Ihre bloßen Füße waren frostblau. Der Blick der Greisin streifte durch den Raum, von der blitzenden Diskokugel zum Elvis-Poster über der Theke und schließlich wieder zurück zu den drei Männern, die unmittelbar vor ihr standen und bei denen es sich um den Besitzer des Molly’s, einen Sanitäter und einen Polizisten handelte. Auf ihren blutleeren Lippen lag ein erstauntes, glückliches Lächeln, als ob sie die geheimnisvollen Gerätschaften eines Zauberkünstlers bewunderte, einschließlich der Tauben und Kaninchen, die in einer fremden Sprache auf sie einredeten.

Als Watermann eintrat, forderte der Wachtmeister die Dame gerade auf, ihn zu begleiten, und sein Tonfall schwer geprüfter Geduld ließ darauf schließen, dass er es nicht das erste Mal tat. Schließlich schnaufte er schicksalsergeben und nickte dem Sanitäter zu, worauf die beiden sich rechts und links neben der Greisin aufstellten und sie fest an den Oberarmen ergriffen.

Das war es zumindest, was sie versuchten - doch der alte Wachtmeister war behäbig, und die Dame war flink. Ihre Schulter zuckte zurück, ihr Arm schnellte nach oben, und im nächsten Moment presste der Wachtmeister sich schreiend eine Hand in den Nacken. Erschreckt stolperte auch der Sanitäter von ihr fort. Die Greisin sprang auf und war mit drei langen Sätzen am Rand der Tanzfläche. Ihr Blick streifte die Halbstarken, die ein schrilles Gemenge von Lachen und Angstschreien von sich gaben. Einige sahen aus, als wollten sie vorspringen, um die Flüchtige zu packen, andere hätten wohl am liebsten selbst die Flucht ergriffen, doch keiner rührte sich von der Stelle.

Die Greisin verharrte mit gespreizten Fingern. Blut glänzte an den Nägeln ihrer rechten Hand.

Der Wachtmeister hatte Glück gehabt. Er hatte den Kopf reflexartig fortgedreht, so dass die Klauen der alten Dame seinen Nacken getroffen hatten und nicht die Halsseite oder gar die Kehle. Das breite, rote Band, das unter seinem Haaransatz herabströmte, verriet, welch nicht wiedergutzumachenden Schaden die scharfen Nägel an diesen empfindlicheren Stellen angerichtet hätten. Nach und nach verstummten die Halbstarken unter dem wachsamen Blick der Greisin. Schließlich war nur noch das leise Fluchen des Wachtmeisters zu hören.

Endlich fand Watermann den Mut, in die Mitte des Raums zu treten. Die Greisin wandte sich zu ihm um. Ihre Mundwinkel zuckten und ließen gelbe Zähne sehen.

„Schsch“, machte der alte Watermann, hob beschwichtigend die Hände und wurde langsamer. „Schsch.“

Als er zu dem Schritt ansetzte, der ihn auf Armeslänge an sie heran bringen würde, erkannte er das leise Schaudern, das ihre Flucht ankündigte. So instinktiv, wie ihre Krallen eine blutige Spur in den Nacken des Wachtmeisters gezogen hatten, formten Watermanns Lippen das Wort, das er der alten, weißhaarigen Dame gegenüber noch nicht ein einziges Mal in den Mund genommen hatte.

„Saskia“, sagte er scharf.

Und sie lief nicht fort.

Unter den fassungslosen Blicken der anderen Anwesenden ließ die Alte sich von Watermann hinausführen. Während er ihr im Auto hastig und wortlos Socken und Pullover anzog und sie in muffige Wolldecken wickelte, löste ihr Blick sich nicht einmal von der Molly’s-Leuchtreklame.

Schließlich flackerten die rosafarbenen Glühbirnen kurz auf und erloschen. Der Sanitäter brachte den Wachtmeister hinaus und ließ ihn hinten in den Notarztwagen einsteigen. Langsam wandte Saskia den Blick zu Watermann, und ihre Augen waren von einem dünnen, trotzigen Raureif überzogen.

Watermann fröstelte und ließ den Motor an.

Man ging dem tätlichen Angriff auf einen Polizeibeamten aus Rücksicht dem alten Watermann gegenüber nicht weiter nach. Seine Besucher aus dem Ort wurden jedoch weniger. Diejenigen, die weiterhin kamen, hatten es meistens eilig, und ihr ausweichender Blick verriet, dass das, was sie herbrachte, Mitleid oder ein schlechtes Gewissen war.

All das hätte Watermann vielleicht hingenommen im Austausch für die stille Freude, die ihm die monatlichen Besuche der alten Dame schenkten. Doch zu der Sehnsucht in ihrem Blick gesellte sich nun immer öfter eine anklagende Kälte. Längst hatte Watermann begriffen, dass es nicht der Ruf des Waldes war, den Saskia in jenen besonderen Nächten verspürte, in denen sie aufrecht und wortlos in seiner Stube saß. Es war eine andere Wildnis, die im bunten Spiegelschein der Diskothek, in geschmacklosen Postern und im nervösen Lachen der Kleinstadtjugend ihre kargen Ausläufer hatte.

Also begann er im Frühjahr damit, sie zum Molly’s zu fahren. Die ersten fünf oder sechs Male verbrachte er die Nacht in unruhigem Schlummer auf dem Parkplatz, immer wieder gestört von leisem Flüstern und unterdrücktem Gegacker. Betrunkene Mädchen und Jungen zeigten durchs Autofenster auf ihn, und er wandte sich schweigend ab. Jeden Morgen um zwei oder drei erwachte er schließlich und fand kleegrüne Augen auf sich gerichtet, in denen sich Versonnenheit und ein noch immer ungestilltes Verlangen mischten, das die Landstraße nach Osten eilte, wo die Lichter heller waren und länger brannten.

Doch Watermann fuhr mit ihr zum Gänsehof zurück und freute sich auf den langen Monat, in dem es ihr größtes Glück war, durchs Gebüsch zu brechen und sich abends am Ofen den Rücken zu wärmen.

 

Carolin leerte ihren Gin Tonic. „Das war’s?“, erkundigte sie sich, fischte die Zitronenscheibe aus dem Glas und biss hinein. Ihr Tonfall war betont beiläufig, aber ihre nachdenkliche Miene verriet, dass ihr die Frage ernster war, als sie zugeben wollte: Mehr ist nicht passiert?

Marko zuckte mit den Schultern und machte ein unschuldiges Gesicht. „Was weiß ich. Ich war nicht dabei.“

„Und? Glauben Sie es?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein.“ Er beugte sich vor. „Aber ich weiß, dass sie seit zwei Jahren fast jede Vollmondnacht hier an der Theke sitzt und noch nie ein Wort geredet hat.“ Dann zuckte er erneut die Schultern und wandte sich ab, um das Glas eines anderen Gasts aufzufüllen.

Carolins Blick huschte zu der weißhaarigen Frau. Marko hatte seine halb verschwörerische, halb scherzhafte Erzählung das eine oder andere Mal unterbrochen, um der Alten Whiskey nachzuschenken. Ihre pergamentenen Wangen waren inzwischen rotfleckig. Das Molly’s hatte sich ein wenig gefüllt, und zwei lederbejackte Schüler moschten verhalten auf der Tanzfläche. Doch außer Marko begab sich niemand in Reichweite der Greisin, und kein Blick verharrte länger als einen argwöhnischen Sekundenbruchteil bei ihr.

„Was ist mit Ihnen?“

„Was?“ Carolin schreckte auf.

„Sie wollten mir doch sagen, was sie herbringt“, fuhr Marko fort. „Die Sache mit Ihrem Kerl.“

Nachdenklich strich Carolin über ihren Ehering. „Nein, das wollte ich nicht. Ich glaube, es ist am Besten, wenn ich einfach zurückfahre.“

Marko legte enttäuscht die Stirn in Falten, als Carolin ihr leeres Glas von sich schob und abrupt aufstand. Sie wandte den Kopf ein letztes Mal in Richtung der Greisin und hielt inne, als sie feststellte, dass ihre kleegrünen Augen direkt auf sie gerichtet waren. Carolins Blick huschte unwillkürlich zu den gekrümmten, leicht zuckenden Fingernägeln der Alten, doch dann erkannte sie, dass die Haltung der Alten nicht etwa drohend war, sondern hoffnungsvoll.

Wie hätte Carolin diese Hoffnung enttäuschen können? Also atmete sie tief durch, trat vor und streckte der Greisin die Hand entgegen. „Hallo. Ich bin Carolin.“

Die Alte legte den Kopf in einer Weise schief, die verriet, dass sie nicht auf Carolins Worte, sondern auf ihre Stimme lauschte.

Alle Augen waren auf das seltsame Paar gerichtet, als Carolin mit einer Spur Verlegenheit in der Stimme fortfuhr: „Ich fahre jetzt zurück nach Berlin. Die Nacht ist jung, und ich kenne ein paar gute Clubs. Vielleicht möchten Sie ja mitkommen?“

Dürre Finger lösten sich vom Whiskyglas und ergriffen Carolins ausgestreckte Hand. Lautlos glitt die Alte von ihrem Barhocker. Marko stieß einen leisen, verblüfften Pfiff aus.

„Würden Sie mir einen Gefallen tun?“, wandte sich Carolin leise an Marko, der die Handflächen ergeben zum Himmel hob.

Ohne die Hand der Alten loszulassen, kramte Carolin ihr Portemonnaie hervor und zog umständlich eine Visitenkarte heraus.

„Geben Sie die dem alten Herrn Watermann. Sagen Sie ihm, er soll sich keine Sorgen machen. Ich bringe seine Freundin in ein paar Tagen zurück. Nichts gegen das Molly’s, aber ich denke, die Dame wäre anderswo glücklicher.“

Marko warf einen Blick auf die Karte und grinste, als er den Namen las. „Klar doch.“

Carolin Watermann, die Schwiegertochter des alten Watermann, die ursprünglich hergekommen war, um herauszufinden, ob ihr Ehemann hier tatsächlich Monat für Monat niemand außer seinem Vater besuchte, und die nun eine sehr viel interessantere Aufgabe gefunden hatte, nickte der geduldig wartenden Greisin zu. Zwischen den erstarrten Gästen hindurch gingen die beiden Frauen auf die Tür zu, und aus dem einen oder anderem Blick, der sich vor kaum zwei Stunden misstrauisch oder feindselig auf Carolin geheftet hatte, sprach nun widerstrebende Dankbarkeit. Das Gemurmel und Gekicher der Halbstarken ertrank in den schweren Bässen der Tanzmusik, doch als Carolin die Tür öffnete und hinaustrat, wehte ein Fetzen Stille herein, in dem man deutlich hören könnte, wie sie zu der Alten sagte: „Wer weiß, vielleicht habe ich ja sogar noch was Anständiges zum Anziehen für Sie.“

 

 

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Erstellt: 03.06.2010, zuletzt aktualisiert: 18.03.2017 12:10