Interview: Christoph Marzi
 
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Interview mit Christoph Marzi

Das nachfolgende Email-Interview führte Valentino Dunkenberger am 25.11.2006 mit Christoph Marzi.

 

Zwei Jahre ist es her, dass der deutsche Schriftsteller Christoph Marzi mit seinem Roman „Lycidas“ einen Überraschungserfolg vorgelegt hat, der daraufhin in der Kategorie „Roman-Debüt Deutschsprachig“ mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet wurde. Mittlerweile sind auch die beiden Folgebände der Trilogie um das Mädchen Emily Laing und die uralte Metropole, eine Stadt weit unterhalb der Straßen und U-Bahn-Schächte Londons, unter den Titeln „Lilith“ und „Lumen“ erschienen und setzten den Erfolg des Auftaktbandes fort. Nun, am Ende einer langen Reise, ist es wohl an der Zeit, das abgeschlossene Romanprojekt zu reflektieren und einen Blick auf Christoph Marzis zukünftige Projekte zu werfen.

 

Fantasyguide: Hallo Christoph! Freut mich sehr, dass du dir die Zeit nimmst, mir einige Fragen zu beantworten.

 

Bevor wir auf deinen aktuellen Roman und die „Emily Laing“-Trilogie zu sprechen kommen, zunächst einmal zu dir: Man sieht deinen Namen auf dem Cover der Bücher, kennt ein Foto von dir und bekommt vom Verlag einen kurzen biografischen Text. Aber wer verbirgt sich hinter dem Namen „Christoph Marzi“? Und wie würdest du dich selbst beschreiben?

 

Christoph Marzi: Ich bin 36 Jahre alt und 1,95 groß. Das ist cool, weil man abends lange aufbleiben darf und nie so richtig den Überblick verliert. Es ist schlecht, weil man als Erwachsener erwachsene Dinge tun muss und meistens immer gesehen wird (auch dann, wenn man als Erwachsener kindische Dinge tut). Ich lese viel und schreibe gern – und manchmal viel. Musik ist wichtig. Tee ebenso. Ich bin Ehemann und Vater – und das sind auch schon die Dinge, die wirklich wichtig sind in meinem Leben.

 

Fantasyguide: Nicht nur für uns Leser kam der große Erfolg von „Lycidas“ überraschend, sondern vermutlich auch für dich. Wie bist du „damals“ mit diesem Erfolg umgegangen? Wie war das für dich, plötzlich im Rampenlicht zu stehen?

 

Christoph Marzi: Wenn ich schreibe, dann sitze ich meist allein oder nicht allein in meinem Arbeitszimmer oder sonst wo. Es ist also keine Tätigkeit, bei der man im Rampenlicht steht. Ich führe ein ganz normales Leben, würde ich sagen.

 

Fantasyguide: Wie gehst du vor, wenn du einen Roman schreibst? Folgst du bei deiner Arbeit einem von dir fest vorgegebenen Handlungsverlauf oder entwickelt sich die Geschichte erst während des Schreibens?

 

Christoph Marzi: Am Anfang steht eine Idee, über die ich solange nachdenke, bis ein Konzept daraus geworden ist, das funktioniert. Die Geschichte beginnt Gestalt anzunehmen, wenn ich die Charaktere kenne. Alles bis ins kleinste Detail im voraus zu planen, ist „Plotting“. Ich persönlich mag eher den Ansatz, den man als „Storytelling“ bezeichnet. Ich habe viele Eckpunkte in der Geschichte, kenne das Ende (heißt: die letzte Szene) meist schon am Anfang, und arbeite mich dann vor. Das lässt den Figuren mehr Raum, sich zu entwickeln. Darüber hinaus ist es auch für mich spannender, auf diese Weise zu arbeiten. Ich überrasche mich gerne selbst, könnte man sagen. Tristan Marlowe hat mich überrascht. Emily ebenso. Einige Male...

 

Fantasyguide: „Lycidas“, „Lilith“ und „Lumen“ stecken voller Märchen, Mythen und Sagen. Wie groß war der Recherche-Aufwand, um sich ein solches Wissen auf diesem Bereich der Literatur anzueignen?

 

Christoph Marzi: Ich habe mich schon immer für Märchen und Mythen interessiert. Von daher waren mir viele der Dinge, über die ich geschrieben habe, schon vorab bekannt, so dass die Recherche selbst oftmals ein „Wiederauffrischen“ alten Wissens war. Darüber hinaus gab es aber noch genügend Recherche-Notwendigkeit, was die Schauplätze und einige historische Fakten anging.

 

Fantasyguide: Wie reagierst du auf die Kritik, du hättest dir alle deine Ideen „zusammengeklaut"?

 

Christoph Marzi: Es gibt gewisse Leser, die nichts anderes zu tun scheinen, als nach Gemeinsamkeiten mit anderen Werken zu suchen. Anspielungen als solche zu verstehen setzt natürlich voraus, dass man sich gut auskennt im Genre und darüber hinaus. Die Trilogie um die uralte Metropole nutzt Mythen und literarische Quellen natürlich explizit als Anspielungen. Die „Diebstahl“-Kritik, so habe ich es erfahren, wird vornehmlich von Lesern geäußert, die (meist aufgrund ihres Alters) nicht wirklich bewandert sind in der alten Literatur. Meistens reagieren die Leser überaus versöhnlich und interessiert, wenn sie erfahren, wo die vielen Anspielungen ihre eigentlichen Ursprünge haben (ich habe da einige Mails bekommen und am Ende, denke ich, zufriedene Leser bzw. Kritiker zurückgelassen). Eine häufige Parallele wird zu Neil Gaimans „Neverwhere“ gezogen. Die Charaktere Mr. Fox und Mr. Wolf sind aber nur zum Teil Anspielungen auf Gaimans Figuren. Gaiman selbst bediente sich bei Carlo Collodi und einigen anderen Büchern. So stand Chestertons „The Napoleon of Notting Hill“ Pate für die Grundidee zu „Neverwhere“. Nur kennt dieses Buch (zumindest im deutschsprachigen Raum) kaum jemand mehr (leider, leider). Die Hölle als Eispalast zu schildern, soll angeblich (so ein Leser) eine Idee von Hohlbein gewesen sein („Geklaut! Geklaut!“ schrie es mir aus der Mail entgegen). Auch hier konnte ich erwähnen, dass die Beschreibung der „Göttlichen Komödie“ von Dante entlehnt ist (die Hohlbein vermutlich auch zu Rate gezogen hat – kaum verwunderlich, wenn man über die Hölle schreibt). Auch Parallelen zu Susanna Clarke wurden gesehen (dabei war „Jonathan Strange und Mr Norrell“ nicht einmal veröffentlicht, als „Lycidas“ erschien). Wie gesagt – wir bewegen uns in einem Genre, das eine Vergangenheit besitzt. Joanne Rowling wurde beschuldigt, die Idee zu „Harry Potter“ bei den „Büchern der Magie“ entlehnt zu haben, die ihrerseits ihren Ursprung in den Werken T.E. Whites haben. Hat Goethe bei Marlowe geklaut? Wie sieht es bei Shakespeare aus? Hat Fritz Leiber „Beowulf“ und die „Ilias“ gekannt? Dachte Helen Fielding hin und wieder an Jane Austen? Wir leben in einem Mix der Kulturen, deren Geschichten man kennen sollte. Autoren zu beschuldigen, sich „irgendwo“ bedient zu haben, ist bei einigen Lesern ein beliebtes Spiel, stößt aber, wie gesagt, an Grenzen, wenn die Kenntnis der Literatur nur lückenhaft ist. Die Trilogie um Emily Laing steckt voller Anspielungen und alle sind sie bewusste Anspielungen. Nicht umsonst sagen Mr. Fox und Mr. Wolf: „Wir leben in vielen Geschichten. Sind mal hier und mal im Niemalsland“ Das ist durchaus ernst gemeint. Aber um zur Frage zurückzukommen. Ich gehe mit der Kritik in der Regel so um, dass ich (sofern sie in einer Mail an mich geäußert wird), auf die „Kritikpunkte“ eingehe und erkläre, wo diese oder jene Sache ihren Ursprung hat. Die meisten Leser stellt das zufrieden. Und die wirklich Neugierigen lesen dann sogar die uralten Texte, die die eigentlichen Quellen sind. Und das, denke ich, ist doch etwas durch und durch Schönes.

 

Fantasyguide: London spielt in deiner Trilogie um Emily Laing und die uralte Metropole eine entscheidende Rolle. Wieso fiel die Wahl gerade auf London? Hast du eine persönliche Beziehung zu dieser Stadt?

 

Christoph Marzi: Ich habe als Kind schon viele Romane von Dickens, Stevenson und Austen gelesen und habe einfach eine Vorliebe für alte englische Literatur entwickelt. Ich kenne das literarische London sehr gut. Deshalb wollte ich darüber schreiben. Das ist auch schon alles.

 

Fantasyguide: Hat es eine bestimmte Bedeutung, dass die Romane der „Emily Laing“-Trilogie stets im winterlichen Schneegestöber und nicht auch einmal zu einer anderen Jahreszeit spielen? Oder kommt dabei vielleicht einfach nur eine Liebe zu den Wintermonaten des Jahres zum Ausdruck?

 

Christoph Marzi: Ja, einerseits mag ich den Schnee. Zum anderen ist es eine bewusste Metapher. Schnee kündigt Unheil an. Am Ende ist es die Atmosphäre, die ich von Anfang an haben wollte. Punktum.

 

Fantasyguide: Die Meinungen über deine Trilogie gehen oftmals weit auseinander – es gibt Leser, die schwören würden, dass es keine besseren Bücher gibt, aber es gibt auch Leser, die von sich sagen, dass sie mit den Romanen überhaupt nichts anfangen konnten. Wie erklärst du dir das?

 

Christoph Marzi: Schwierig zu sagen. Ich selbst schreibe in der Regel für mich selbst und nicht für eine bestimmte Zielgruppe. Wenn die Geschichte jemandem gefällt, dann freue ich mich natürlich. Wenn sie jemandem gar nicht gefällt, dann kann ich auch nichts daran ändern. Geschmäcker sind halt verschieden. Etwas Schlimmes sehe ich darin nicht. Es gibt so viele Bücher, dass jeder die Geschichte finden kann, die er sucht. Bücher stehen nicht zueinander in Konkurrenz. Sie sind lebendige Wesen und jedes ist anders. Und so sollte man sie auch sehen.

 

Fantasyguide: Nun hat Mortimer Wittgenstein, der einen Großteil der Ereignisse aus seiner Sicht erzählt, ja seinen ganz eigenen Stil. Hattest du diesen Stil bereits im Voraus ausgearbeitet oder hast du erst während des Schreibens eine konkrete Vorstellung davon bekommen, wie Wittgenstein erzählt und schreibt?

 

Christoph Marzi: Wittgenstein war mir als Charakter von Anfang an bekannt. Und seine Sprache ebenso. Es gab keine bewusste Ausarbeitung. Als er zu leben begann, hat er so geredet, wie er es nun einmal tut. Das ist Mortimer. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

 

Fantasyguide: Wie war das Gefühl, bevor „Lycidas“ veröffentlicht worden ist? Hattest du die Befürchtung, die Leser könnten den Stil deiner Geschichte ablehnen?

 

Christoph Marzi: Das Gefühl war ein großes schwarzes Loch gewesen, sozusagen. Das Feedback aus dem Lektorat war äußerst vielversprechend. Aber ob die Geschichte bei der Leserschaft ankommt, kann man niemals im voraus sagen. Es lässt sich einfach nicht planen. Ich habe die Geschichte ehrlich erzählt, mein Bestes gegeben, und gehofft, dass die Leser Anteil am Schicksal der Charaktere nehmen. Mehr als hoffen kann man da nicht. Das ist bei jeder neu erzählten Geschichte so. Ich denke aber, dass man als Leser merkt, ob Herzblut in einer Geschichte steckt oder nicht. Am Ende ist es doch genau das, was zählt. Ein Autor muss die Geschichte so erzählen, wie er sie erzählen will. Wenn er das tut, dann ist es eine ehrliche Stimme, die man beim Lesen vernimmt. Alles andere ist eine Lüge und, wie jedes Trugbild, irgendwann dem Untergang geweiht.

 

Fantasyguide: Kannst du dir eine Hörspieladaption der "Emily Laing"-Trilogie vorstellen?

 

Christoph Marzi: Als ich klein war, habe ich Hörspiele geliebt. Die H.G. Francis-Reihe von Europa und die Commander Perkins-Hörspiele waren Pflichtprgramm. Die Trilogie als Hörspiel zu erleben, stelle ich mir einfach nur wunderbar vor. Sich zurückzulehnen und die uralte Metropole auf diese Art und Weise zu sehen, wäre wirklich cool.

 

Fantasyguide: Wäre die Trilogie in ihrer Vielschichtigkeit, ihrer Komplexität und vor allem ihrem erzählerischen Stil überhaupt vertonbar?

 

Christoph Marzi: Mit Sicherheit wäre dieses Projekt mit viel Arbeit verbunden. Aber wenn das Ergebnis den Aufwand lohnen würde ... Nun ja, ein Hörspiel ist derzeit zwar nicht geplant, dafür aber etwas anderes. Ich schweige mich da jetzt noch aus, werde die Neuigkeiten aber in meinem Journal ankündigen, wenn die Sache spruchreif ist und das Okay vom Verlag vorliegt. Ich denke aber, dass die Neuigkeit vor Weihnachten noch an die Öffentlichkeit dringen kann.

 

Fantasyguide:

Im Journal auf deiner Homepage ( www.christophmarzi.de ) hast du vor kurzem den Titel deines neuen Buches bekannt gegeben, das Mitte Januar im Arena-Verlag erscheinen soll: „Malfuria“. Kein Titel, anhand dessen man sonderlich viel spekulieren kann, und zum Inhalt wirst du uns vermutlich noch nichts verraten können. Aber vielleicht kannst du unseren Leser schon einmal sagen, in welche literarische Richtung der Roman gehen wird?

 

Christoph Marzi: „Malfuria“ ist ein fantastisches Jugendbuch, der Auftakt zu einer Trilogie. Die Geschichte spielt in Barcelona, das ein etwas anderes Barcelona ist als jenes, das man so kennt. Es geht um Dinge, die in die Stadt kommen. Um Kinder, die mit diesen Dingen, die in die Stadt kommen, konfrontiert werden. Es geht um Freundschaft, Magie und Verrat. Man sieht, ich darf noch nicht soviel verraten. Werde das aber vor Weihnachten, wenn die Verlagsvorschau offiziell ist, nachholen. Teil 2 der Trilogie (der den Arbeitstitel „Meduza“ trägt) ist, denke ich, nach Weihnachten fertig und wird im Sommer 2007 erscheinen.

 

Fantasyguide: Gibt es Ähnlichkeiten zur „Emily Laing“-Trilogie oder ist „Malfuria“ – inhaltlich wie stilistisch – etwas völlig Neues?

 

Christoph Marzi: „Malfuria“ ist inhaltlich und stilistisch etwas Neues. Eine neue Welt, eine neue Erzählweise. Und ich bin gespannt, wie es den Lesern gefällt.

 

Fantasyguide: Inwiefern haben sich denn Arbeit und Recherche zu „Malfuria“ von der Arbeit an der „Emily Laing“-Trilogie unterschieden?

 

Christoph Marzi: „Malfuria“ ist fantastischer und weniger von tatsächlichen historischen Begebenheiten durchsetzt. Ich konnte meiner Phantasie also freien Lauf lassen, weil ich mich nicht so sehr an historische Fakten halten musste, wie das in der „Emily Laing Trilogie“ der Fall gewesen war. Die Geschichte spielt in einem Europa, das etwas anders ist als das Europa, das wir kennen. Die Freiheiten, sich Dinge auszudenken, war hier weitaus größer als bei der „uralten Metropole“.

 

Fantasyguide: Was können die Leser sonst noch in Zukunft von dir erwarten? Gibt es schon konkrete Pläne für weitere Projekte?

 

Christoph Marzi: Zur Buchmesse wird ein neues, wirklich großes Projekt bei Heyne starten. Der Arbeitstitel des ersten Buches lautet „Abraxas“ – und: ja, es wird der Beginn einer neuen Trilogie sein. Zum Inhalt darf und will ich noch gar nichts verraten. Nur soviel: es geht um Dinge, über die ich schon lange habe schreiben wollen. Es wird ein sehr persönliches Buch werden. Es wird schaurig und komisch zugleich sein. In gewisser Weise könnte man es als eine Art Familiensaga beschreiben. Mit einem historischen Hintergrund. Angesiedelt in der Gegenwart. Ich kann zum heutigen Zeitpunkt nur sagen, dass es wahnsinnigen Spaß macht, die Geschichte zu ersinnen. Die Charaktere sind mir schon vor einiger Zeit ans Herz gewachsen. Es wird cool, herzzerreißend, brutal ... und sexy. Mythologisch. Lustig. Und sehr, sehr, sehr düster. Ein ehrliches Buch, in dem mein Herzblut steckt.

Darüber hinaus ist Heyne an einer Kurzgeschichtensammlung interessiert (die Geschichten und Gedichte dafür gibt es sogar schon) und an einer Rückkehr in die uralte Metropole, die aber nicht vor 2008 zu erwarten ist (und, das kann ich hier schon sagen, ganz anders aussehen wird, als man vielleicht erwartet). Daneben gibt es noch eine Geschichte, die mir selbst ganz wunderbar gefällt und (weil sie etwas mit meinen Großeltern zu tun hat) eine meiner Lieblingsgeschichten ist.

 

Fantasyguide: Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast, Christoph – Ich denke, wir können auch in Zukunft noch einiges von dir erwarten und wünsche dir viel Erfolg dabei!

 

Christoph Marzi: Ich habe zu danken ...

 

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Erstellt: 26.11.2006, zuletzt aktualisiert: 11.07.2024 19:06, 3115