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Interview mit Sergej Lukianenko

geführt von Christel Scheja


Sergej Lukianenko und Christiane Pöhlmann am 05.06. 2014 im Berliner Otherland
Sergej Lukianenko und Christiane Pöhlmann am 05.06. 2014 im Berliner Otherland

Der 1968 in Kasachstan geborene Autor Sergej Wassiljewitsch Lukianenko studierte Psychologie und arbeitete lange Jahre in diesem Bereich, bis er sich Anfang der 1980er Jahre dazu entschied, freiberuflicher Schriftsteller zu werden. Heute lebt und arbeitet er mit seiner Frau Sonja in Moskau, nachdem seine „Wächter“-Romane auch international zu Bestsellern wurden.

 

Ein besonderer Dank geht übrigens an Frau Christiane Pöhlmann, die Übersetzerin von „Trix Solier“, die nicht nur die Fragen dieses Interviews vom Deutschen ins Russische übertrug, sondern auch die Antworten des Autors ins Deutsche.


 

Fantasyguide: Vielen Dank, dass Sie sich zu einem Interview bereit erklärt haben, Herr Lukianenko. Zunächst einmal einige allgemeine Fragen, die die deutschen Leser sicherlich auch interessieren, dann einige speziellere zu Ihrem neusten Roman „Trix Solier“.

Wie lange begeistern Sie sich bereits für die phantastischen Genres? Waren Sie bereits vor ihrer Karriere als Schriftsteller Science Fiction-, Horror- oder Fantasy-Fan?

 

Sergej Lukianenko: Für diese Art Literatur begeistere ich mich seit meiner Kindheit. Ich habe mit fünf Jahren lesen gelernt, und seitdem liebe ich diese Genres (zunächst Science Fiction, später Fantasy und Horrorliteratur). Vor vierzig Jahren sind in der Sowjetunion noch wesentlich weniger entsprechende Texte veröffentlicht worden, obendrein unterlagen sie alle einer strengen Zensur. Man muss jedoch zugeben, dass diese Zensur auch Erzeugnisse von minderer Qualität aussiebte, so dass nur wirklich gute Texte zur Veröffentlichung gelangten.

 

 

Fantasyguide: Welche Autoren und Themen haben Sie damals begeistert und geprägt?

 

Sergej Lukianenko: Mir haben viele sowjetische Autoren gefallen, beispielsweise die Brüder Strugatzki, Sergej Snegow und Wladislaw Kapriwin. Von den ausländischen Autoren haben mich Clifford Simak, Isaac Asimov, Robert A. Heinlein, Robert Sheckley und Harry Harrison angesprochen.

Später, als in der UdSSR mehr westliche Autoren übersetzt wurden, lernte ich die Bücher von Stephen King, Tolkien und Clive Lewis schätzen, und heute begeistern mich die Werke der britischen Schriftsteller Terry Pratchett und Jasper Fforde. Und wenn es um Märchenschriftsteller geht, da bin ich ein ausgesprochener Fan von Michael Ende, Astrid Lindgren und natürlich von Joan Rowling.

 

 

Fantasyguide: Wie lange schreiben Sie bereits Kurzgeschichte und Romane? Was bewog Sie dazu ihren Beruf aufzugeben und sich ganz dem Schreiben zu widmen?

 

Sergej Lukianenko: Ich habe mit achtzehn Jahren meine ersten Erzählungen geschrieben, und es dauerte nicht lange, da erschienen bereits einige der Texte in Zeitschriften. Ein paar Jahre später kam dann mein erstes Buch heraus. Obwohl ich mein Medizinstudium noch fortsetzte, wusste ich tief in meinem Innern, dass es mich wesentlich stärker zur Literatur zieht. Daher habe ich nur ein Jahr als Psychiater gearbeitet, bevor ich dann ganz zur Literatur übergewechselt bin. Es war eine schwierige Entscheidung, denn als Schriftsteller ist man längst nicht so abgesichert wie als Arzt. Aber ich hatte Glück, meine Bücher wurden schnell populär.

 

 

Fantasyguide: Welche Zielgruppen haben Sie im Auge, wenn Sie ihre Romane schreiben: Kinder, Jugendliche oder Erwachsene?

 

Sergej Lukianenko: Einige meiner Bücher sind für Erwachsene gedacht, denn in ihnen geht es um Gewalt und Sex, sie sind wesentlich härter und anspruchsvoller. Dann gibt es Bücher für Kinder und Jugendliche, in denen ich bewusst etwas "weicher" schreibe. Aber wie ich mittlerweile weiß, lesen Kinder auch die "Bücher für Erwachsene", während Erwachsene mit Vergnügen in den "Kinderbüchern" schmökern. Am Ende ist es wohl so, dass der Leser selbst entscheidet – was auch immer der Schriftsteller sich gedacht haben mag!

 

 

Fantasyguide: Auf welchen Grundlagen basieren die russische Science Fiction und Fantasy? Gibt es da bestimmte literarische Meilensteine, auf die sich Autoren und Künstler beziehen oder gar Vorläufer der Genres?

 

Sergej Lukianenko: In Russland gibt es eine lange Tradition von phantastischer und mystischer Literatur. Bereits im 18. Jh. wurden entsprechende Romane über die Zukunft oder über Reisen in andere Welten veröffentlicht.

Außerdem nahmen etliche der russischen Klassiker in ihren Werken phantastische, märchenhafte oder mystische Versatzstücke auf, man denke nur an Nikolaj Gogol, Alexej Tolstoi, Alexander Kuprin, Alexander Puschkin oder Fjodor Dostojewski.

Endgültig als literarische Gattung haben sich Science Fiction und Fantasy aber erst im 20. Jh. herausgebildet, mit den Schriftstellern, die ausschließlich in diesem Genre schreiben.

 

 

Fantasyguide: Welche Klassiker aus dem Westen sind auch in Russland seit vielen Jahren bekannt und beliebt? Hat sich in den letzten dreißig Jahren nach Glasnost und Perestroika viel verändert?

 

Sergej Lukianenko: Im Großen und Ganzen waren die meisten westlichen Science Fiction- und Fantasy-Schriftsteller auch in der Sowjetunion bekannt. Nur mystische Texte wurde wenig veröffentlicht (weil der Kommunismus die Mystik abgelehnt hat), und natürlich auch die Schriftsteller nicht, die offen gegen die Sowjetunion und den Kommunismus auftraten.

Aber selbst ein leidenschaftlicher Antikommunist wie Robert Heinlein wurde in der UdSSR publiziert. Mit dem Beginn der Perestroika konnten dann alle Autoren herausgebracht werden, seitdem entscheidet nur noch der Markt über eine Buchveröffentlichung.

 

 

Fantasyguide: Welche Unterschiede sehen sie zwischen amerikanischer und russischer Science Fiction beziehungsweise Fantasy, damals und heute?

 

Sergej Lukianenko: Die amerikanische Science Fiction und Fantasy ist meiner Meinung nach sehr stark, wenn es um die "Weltenkonstruktion" geht, also darum, ungewöhnliche gesellschaftliche Systeme und Welten zu entwerfen.

In der russischen Science Fiction sind die "Welten" eher traditionell geprägt, dafür wird größeres Gewicht auf die Helden und Figuren des Buches gelegt. Diese Tendenz geht noch auf die Sowjetzeit zurück, als die "gesellschaftlichen Experimente" der Schriftsteller von den Machthabern missbilligend beäugt wurden, so dass sich die Schriftsteller darauf konzentrierten, ihre Helden, nicht aber ihre Welten zu beschreiben.

 

 

Fantasyguide: Nun zu „Trix Solier“ selbst. Wie kamen sie überhaupt auf die Idee für diesen Roman? Gab es einen bestimmten Auslöser oder gar eine Vorlage, die sie inspirierte?

 

Sergej Lukianenko: Die Idee war sehr einfach: Ich habe angefangen, einfach für mich, zum Vergnügen, einen kleinen Text zu schreiben, in dem ich die gängigen Klischees der Fantasy ironisiert habe, in der es Könige und Herzöge, Ritter und Magier, Zauberei und Intrigen geben muss.

Nach gut zehn Seiten merkte ich dann, dass mir der Held ans Herz gewachsen war und mir seine Abenteuer gefielen. Zwei oder drei Jahre habe ich mich immer wieder gefragt, ob ich nicht zu diesem Stoff zurückkehren sollte, dann fiel die Entscheidung. Und ich war selbst überrascht, wie leicht und mit welchem Vergnügen ich dieses Buch geschrieben habe. Die Figuren jieperten förmlich danach, von ihren Abenteuern zu erzählen.

 

 

Fantasyguide: Es ist ja in der phantastischen Literatur oft so, dass junge Adlige ins kalte Wasser geworfen werden und sich erst einmal im Umfeld einfacher Menschen beweisen müssen. auch Trix muss da seine Lektionen lernen und tappt in so manches Fettnäpfchen. Konnten Sie gar nicht anders, als diesen satirischen Unterton einzubringen, oder wollen sie damit etwas besonderes aussagen?

 

Sergej Lukianenko: Dass Trix ins kalte Wasser geworfen wird, hängt genau damit zusammen, dass ich ursprünglich das Genre persiflieren wollte, in dem eine solche Situation ja nicht gerade selten anzutreffen ist. Andererseits lieben die meisten Schriftsteller Helden, die sich in einer komplizierten Situation wiederfinden und gezwungen sind, ihre Ziele unter großen Mühen zu erreichen.

Das ist ein Gesetz des Genres: über Figuren zu schreiben, bei denen alles in Butter ist und die keine Probleme haben, ist einfach langweilig. Ganz zu schweigen davon, wie langweilig es erst wäre, ein solches Buch zu lesen!

 

 

Fantasyguide: Warum haben sie ausgerechnet einen Jungen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden als Helden der Geschichte gewählt, obwohl das eigentlich ein gängiges Klischee ist?

 

Sergej Lukianenko: „Trix Solier“ ist in gewisser Weise ein Erziehungsroman. Er erzählt von einem jungen Mann, der sich mitten in der Adoleszenz befindet, der von der Kindheit Abschied nimmt, aber seine kindliche Unmittelbarkeit und Rigorosität noch nicht verloren hat.

Das ist ein sehr gutes Alter, um durch die Abenteuer des Helden die Welt um ihn zu zeigen, denn in diesem Alter sind Abenteuer und Questen interessanter als Liebe oder Karriere. Außerdem verändern sich die Menschen gerade in diesem Alter, und eine Charakterveränderung ist nun einmal das Interessanteste, was man in einem Buch schildern kann.

 

 

Fantasyguide: Oder sehen sie im magischen Alter zwischen vierzehn und sechzehn gerade die größten Möglichkeiten für Abenteuergeschichten?

 

Sergej Lukianenko: Im Prinzip ja. Ein Jugendlicher als Held kommt in vielen Romanen von Jules Verne und Stevenson, von Boussenard und Mark Twain, Joan Rowling und Stephen King vor. Es ist das Alter der Abenteuer, und da, wo ein Erwachsener dreimal nachdenkt, stürmt ein Jugendlicher bedenkenlos vorwärts. Für einen Schriftsteller ist ein Jugendlicher als Held einfach ein gefundenes Fressen!

 

 

Fantasyguide: Im Grunde schildern sie ja in „Trix Solier“ eine Welt mit einem sehr konservativen Gesellschaftssystem, in dem gerade die Frauen mehr oder weniger nur in relativ passiven, sehr klassischen Rollen zu finden sind. Hat das einen Grund?

 

Sergej Lukianenko: Der Grund ist die Geschichte selbst. Im Mittelalter (und die Welt von „Trix Solier“ ist eine märchenhaft-mittelalterliche voller Privilegien und Formalitäten) haben die Frauen in der Tat eine traditionellere Rolle gespielt.

Alledings gibt es in „Trix Solier“ mindestens eine Heldin, die sich sehr aktiv verhält, und das ist die Fürstin Tiana, in die sich Trix verliebt. Sie nimmt an vielen Abenteuern teil und hilft den Helden oft aus der Patsche. Im Grunde ist sie ein modernes Mädchen, das sich mit der passiven Rolle nicht zufrieden gibt.

 

 

Fantasyguide: Haben Helden, Schurken, Szenen und Schauplätze reale Vorbilder oder Inspirationsquellen?

 

Sergej Lukianenko: In „Trix Solier“ nicht. Ich führe oft Figuren ein, die der einen oder anderen realen Person nachempfunden sind. Aber in „Trix Solier“ sind die Figuren von A bis Z frei erfunden. Allerdings ähnelt die Welt, in der sie leben, in vielen Dingen der unseren, auch einige Ereignisse oder Erscheinungen haben Parallelen zu unserem Leben.

 

 

Fantasyguide: Das Ende des Romans deutet an, dass dies nicht das einzige Abenteuer von „Trix Solier“ sein könnte. Planen Sie schon eine Fortsetzung?

 

Sergej Lukianenko: Ich habe nicht nur die Absicht, ich bin bereits damit fertig. Das zweite Buch heißt „Neposeda“ (Zappelphilipp) und erzählt von neuen Abenteuern, die Trix und seine Freunde erleben.

Diesmal müssen sie sich ins heiße südliche Samarschan begeben, um einen Krieg zu verhindern und einen übermächtigen Magier daran zu hindern, die gesamte Welt zu erobern. Und zu Ihrer Frage von vorhin: In ihm wird Tiana eine noch aktivere Rolle haben. Es ist ein witziges und spannendes Buch geworden, das im Herbst in Russland herauskommt. Und ich hoffe sehr, dass es auch seinen Weg nach Deutschland findet. Aber das hängt natürlich davon ab, wie den deutschen Leserinnen und Lesern das erste Buch gefällt!

 

 

Fantasyguide: Vielen Dank für das freundliche Gespräch. Wir wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute und weiterhin viel Erfolg!

 

Sergej Lukianenko: Ich danke Ihnen für die interessanten Fragen und die Möglichkeit, mich an die deutschen Leserinnen und Leser zu wenden!

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Erstellt: 21.08.2010, zuletzt aktualisiert: 16.05.2019 13:31