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Heike Reiter: Jenseits des Wächtersteins. Roman.

Photographien von Artur Kittlitz jr.



Abschied und Traum

 

Katalin war niemand, der gerne verreiste. Am wohlsten fühlte sie sich zuhause, wo ihr alles vertraut war. Dennoch stand ihr eine Reise bevor, nach der nie wieder etwas so sein würde, wie vorher. Eine Reise, die jede bisher da gewesene Unternehmung in den Schatten stellen sollte. Aber davon wusste Katalin zu diesem Zeitpunkt noch nichts.


Katalin war erleichtert, das verwüstete Erdgeschoss verlassen zu können. Rasch stieg sie die Treppe hinauf.

Droben waren die Fensterläden geschlossen. Es herrschte schummriges Dämmerlicht. Die Luft war abgestanden und beinahe lauwarm.

Katalin zögerte. Sie wusste nicht recht, wo sie anfangen sollte. Schmerzlich waren alle Zimmer für sie. Unschlüssig betrachtete sie die alten, wuchtigen Türen. Trotz des schlechten Lichts konnte sie die messingfarbenen Schildchen erkennen, die Mela darauf hatte anbringen lassen.

Da gab es eine Erinnerungskemenate, die Herbstblattstube, die Mondkammer oder den Wintersaal. Jeder Raum trug einen Namen und war dementsprechend eingerichtet. Mela war eine phantasievolle Frau gewesen.


Soleil

 

Unvermittelt hatte sich ein Reich von Schattenwesen, von Geistern, Dämonen und Feen aufgetan. Plötzlich wurde Wahrheit, was tagsüber nur Märchen oder Sage sein durfte.

Es war, als stünde Katalin vor einem weit geöffneten Tor und blicke in eine Welt, die sie noch nie gesehen hatte. Märchenhaft und fürchterlich, wunderschön und erschreckend. Die erschlagende Vielzahl dieser Adjektive war weder übertrieben, noch ausreichend, um zu beschreiben, was Katalin in diesen Augenblicken empfand.

Da lag ihr ein Land zu Füßen, das nur darauf wartete, entdeckt zu werden. Abseits ausgetretener Touristenpfade, abseits von Vernunft und Verstand.

Auf einmal wusste Katalin, warum sie hier war. Der Feenfelsen war das Tor. Das Tor zu einer anderen Welt.

Deshalb hatte sie, hatte Mela herkommen müssen. Um Laurents Land der uralten Sagen und Legenden zu sehen, in dem die Wirklichkeit selbst nicht mehr als ein Märchen war.


Soleil sah ihn an. "Wie ist es nun? Haben Sie noch immer Bedenken, wenn ich Sie und Katalin begleite?"

"Wer sind Sie, Soleil?" fragte Monsieur Gouchet entkräftet. "Und woher wissen Sie all das?"

Sie lächelte. "Sie sind nicht so allein, wie Sie glauben, Monsieur. Und Ihre Stimme ist nicht so stumm, wie Sie denken. Ich möchte Ihnen helfen."

"Helfen ..." Der alte Mann betrachtete nachdenklich die runden Dolden der Hortensienblüten. "Ich habe fast vergessen, wie es ist, wenn man Hilfe angeboten bekommt." Er hob den Kopf. "Ein schönes Gefühl." gestand er zaghaft lächelnd. "Wissen Sie," fuhr er dann fort. "Das alles dauert nun schon so lange." Er seufzte. "Ich bin sehr müde geworden, mit der Zeit."

Soleil sah ihn mitfühlend an. "Dieses Mal wird Ihre Hoffnung nicht vergebens sein." sagte sie.

"Versprechen Sie mir das?"

Soleil lächelte. "Kann ein Schmetterling Versprechungen machen?" fragte sie kokett.

Der alte Mann sah sie an und fühlte seit langem wieder einmal bewusst die Wärme der Sonne auf seinem Gesicht.

"Wenn der Schmetterling ein Bote ist wie Sie, dann ganz bestimmt." erwiderte er.

"Noch immer haben Sie den Glauben nicht verloren." stellte Soleil fest.

"Nein. Das habe ich nicht." sagte Monsieur Gouchet. "Der Glaube ist alles, was mir geblieben ist. Trotz allem."


Argoat

 

Als Katalin mit Soleil zum Pfarrhaus ging, um dort nach Laurents Brief zu fragen, grübelte sie darüber nach, ob sie wirklich die Chance zur Umkehr hatte. Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr kam es ihr so vor, als müsse alles genau so und nicht anders ablaufen, seit sie den Koffer mit Laurents Briefen und den Fotografien geöffnet hatte. Als sei damit ein Uhrwerk des Schicksals in Gang gesetzt worden, das nicht mehr angehalten werden konnte.


Im Moor, so tief im Sumpf, das kein Weg hinführen mochte, gingen zwei Gestalten. Sie trugen lange schwarze Mäntel. Die Kapuzen hatten sie so tief über den Kopf gezogen, dass sie an Mönche in ihrer Kutte erinnerten.

Katalin schlug eine Hand vor den Mund, um nicht zu schreien. Der Schattenmann war wieder da und er war nicht mehr allein!

Katalins Knie begannen zu zittern. Fort, nur fort! Sie begann zu laufen. Als sie das Auto erreichte, musste sie erst einmal stehen bleiben, um nach Luft zu schnappen. Sie hielt sich am Wagen fest und keuchte. Ihr Blick wanderte furchtsam ins Moor hinaus. Dort war nichts. Nur zwei blattlose, verkrümmt da stehende Bäume, die der Sumpf umschloss. Der Wind bewegte ihre krüppeligen Äste, so dass es aussah, als ob sie sich bewegten.

Katalin fuhr sich über die Augen, doch der Eindruck verging nicht. Die Bäume blieben, was sie waren. Katalin lehnte sich gegen das Auto und versuchte gleichmäßiger zu atmen. Langsam kam die Vernunft zurück und mit ihr der Verstand. Überreizt, war das einzige Wort, das Katalin zu ihrem Zustand einfiel.

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Erstellt: 18.05.2005, zuletzt aktualisiert: 24.01.2015 03:50