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Junktown von Matthias Oden

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Diese Zukunft ist ein Schlaraffenland: Konsum ist Pflicht, Rauschmittel werden vom Staat verabreicht, und Beamte achten darauf, dass ja keine Langeweile aufkommt. Die Wirklichkeit in »Junktown«, wie die Hauptstadt nur noch genannt wird, sieht anders aus. Eine eiserne Diktatur hält die Menschen im kollektiven Drogenwahn, dem sich niemand entziehen darf, und Biotech-Maschinen beherrschen den Alltag. Als Solomon Cain, Inspektor der Geheimen Maschinenpolizei, zum Tatort eines Mordes gerufen wird, ahnt er noch nicht, dass dieser Fall ihn in die Abgründe von Junktown und an die Grenzen seines Gewissens führen wird. Denn was bleibt vom Menschen, wenn der Tod nur der letzte große Kick ist?

 

Rezension:

Matthias Oden nutzt für seinen Debütroman Junktown ein klassisches Konzept: Ein alter, desillusionierter Bulle versucht in einem verkommenen System einen Mordfall zu lösen.

Doch Matthias Oden holt eine große Drahtbürste hervor, um dem alten Konzept des Hardboiled Krimis jeglichen Rost aus dem Trenchcoat zu bürsten.

 

Solomon Cain ist Ermittler der Geheimen Maschinenpolizei in Jaxton, der Hauptstadt eines totalitären Staates, der sich ganz dem Drogenkonsum verschrieben hat. An der Spitze des Staates stehen der Tripsitter und die Konsumistische Partei. Menschen werden gezüchtet, je nach Bedarf, und entsprechend ihrer Nützlichkeit kategorisiert. Wer durch den staatlich verordneten Drogenkonsum irgendwann einmal zu fertig wird, landet in der Recyclinghalle, wie auch Staatsverräter, etwa Abstinenzler.

Ausdruck der Partei- und Staatstreue ist der Konsum. Leicht beweisbar durch entsprechenden Müll, den man sich je nach Einkommen anfahren und vor die Haustür kippen lässt. Durch die Straßen wandeln Bedufter, die nach festen Plänen Gerüche verbreiten. Drogentrips werden mit den staatlichen und privaten Programmen der Stimmungsorgel untermalt und Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens ist der Rauschparteitag. Die größten Helden sind Goldenen Schützen, deren letzter Drogentrip vor einem breiten Publikum zelebriert wird.

Cain gehört zu jenen alten Kämpfern, die einst in der konsumistischen Revolution das alte Regime stürzten, um Konsum und Drogen zu befreien. Doch die alten Ideale verblassen in der Realität und das Leben bietet Cain kaum noch einen Anreiz, bis er zur Leiche einer Brutmutter gerufen wird. Dieses HWM – Höherwertiges Maschinenwesen, sollte 800 Menschen ausbrüten. Im Verdacht steht der menschliche Liebhaber der intelligenten Maschine. Doch schon bald stößt Cain auf Unstimmigkeiten. Ein geheimes Regierungsprojekt, Ärger mit dem Rauschsicherheitshauptamt, strunzdumme Polizeibeamte und ein anstehender Bluttest bereiten Cain immer ernstere Sorgen …

 

Was für ein Setting! Von Beginn an versorgt uns Matthias Oden mit einem Vokabular, das seine Welt erklärt, ohne all zuviel darüber erzählen zu müssen. Die sprachlichen Ähnlichkeiten zum Dritten Reich und der DDR sind so gekonnt wie raffiniert und gehen von beängstigend wie beim Rauschsicherheitshauptamt bis hin zu lustig, wenn eines der Gefährte als Tripbant, kurz Trippi eingeführt wird. Die komplette Ausrichtung einer Gesellschaft auf den Drogenkonsum ist ungemein fesselnd, vor allem durch unzählige Details, wie etwa den Spritzen anstatt Gläser polierenden Barmann. Gleichzeitig entwickeln sich zentrale Konflikte und Problemfelder direkt aus diesem Hintergrund, wodurch er nicht einfach nur zu einer coolen Tapete wird. Die Verbindung aus bröckelndem Regime, Drogen bedingtem Niedergang der Gesellschaft und einem nicht ganz trivialem Mordfall gelingt Oden mit faszinierender Leichtigkeit.

 

Allerdings zeigen sich Grenzen in der Handlungskomplexität eben durch die Konstruktion der Dystopie. Wohl niemand wird nach 1984 oder Brazil das ungute Gefühl vermeiden können, dass unser nonkonformistische Held Solomon Cain in einer menschenverachtenden Staatsmaschinerie zum Scheitern verurteilt ist und man nur noch angstvoll verfolgt, auf welche Weise das geschieht.

Spätestens, wenn die einzige (lebende) weibliche Figur auftaucht, weichen die Spannungsmomente bangem Ahnen. Und obwohl Oden ein stimmungsvolles und passendes Ende entwirft, gerät die Auflösung des Mordfalles nicht in gleichem Maße zufriedenstellend.

 

Je weiter die Ermittlungen gehen, umso mehr verschiebt sich der Fokus des Romans vom Mord zum Ermittler. Solomon Cain wird dabei immer vielschichtiger, erhält Nuancen und entwickelt sich durch Einsichten in seine Vergangenheit ebenso wie durch die Konfrontation mit seinem grauen Ermittlerleben. Darum kommt die eigentliche Aufklärungsrede nicht von irgendeinem Oberbösewicht, da solche Systeme Verrat und moralische Deformationen bis in die intimsten Bereiche hineintragen.

 

Matthias Oden gelingt mit »Junktown« ein sprachlich überwältigender Sound einer in Drogentrips träumenden Stadt in deren Adern bürokratischer Wahnsinn und systematischer Untergang pulst. Eine Dystopie, die sich ganz dicht an ihre berühmten Genre-Vorfahren heranschiebt.

 

Fazit:

Mit »Junktown« wirft uns Matthias Oden in eine düstere Welt, in der die Revolution ihre Kinder schon längst gefressen hat. Science Fiction auf sprachlich hohem Niveau mit dem gewissen Etwas sorgfältig durchdachter Ideen. Ein grandioses Roman-Debüt!

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Eure Meinung:

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Buch:

Junktown

Autor: Matthias Oden

Taschenbuch, 400 Seiten

Heyne Verlag, 9. Mai 2017

Cover: Das Illustrat

 

ISBN-10: 3453318218

ISBN-13: 978-3453318212

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B01N1P9Z59

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

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Erstellt: 31.05.2017, zuletzt aktualisiert: 31.05.2017 20:09