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Kalt wie Stahl von Dan Simmons

Reihe: Joe Kurtz 3

 

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Bevor wir loslegen, die schlechte Nachricht zuerst: Kalt wie Stahl wird wohl der finale Auftritt von Schnodderschnauze und Anti-Held Joe Kurtz bleiben. Zumindest scheint Dan Simmons keine Ausflüge in die zwielichtige Unterwelt von Buffalo geplant zu haben. Immerhin hat Band 3 der Serie auch schon ein Jahrzehnt auf dem Buckel. Traurig, ich weiß. Aber andererseits kann – und darf – man für den finalen Kurtz-Auftritt einiges erwarten; ganz besonders von einem Meisterautor wie Simmons, der scheinbar in fast jedem (nicht-)phantastischen Genre heimisch zu sein scheint, und fast ausschließlich lang anhaltende Duftmarken hinterlässt.

Rekapitulieren wir: Es war einmal ein ebenso harter wie brillanter Privatdetektiv; schwer und ehrlich schuftend und auf der richtigen Seite stehend. Ein Individuum, dem die Zukunft zu Füßen lag, bis ihm selbige brutal unter den Füßen weggezogen wurde. Jene Nacht, in der Joe Kurtz Gleiches mit Gleichem vergalt und den Mörder seiner Partnerin und großen Liebe seiner gerechten Strafe zukommen ließ, brachten ihm zwölf lange und harte Jahre hinter Gittern ein. Nach Beendigung seiner Strafe war aus dem einstigen Vorzeigeschnüffler ein Aussätziger geworden, den weder potenzielle Klienten noch jene Behörden, mit denen er einst zusammengearbeitet hatte nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden – selbst wenn sie es könnten. Denn seiner einstigen Profession darf Joe Kurtz nicht mehr nachgehen.

Jedenfalls nicht mehr auf offiziellem Weg. Und so schloss sich Kurtz mit seiner früheren Sekretärin zusammen, gab vor, ein Teil des modernen Online-Datinggeschäfts zu sein – und suchte weiterhin Ärger. Nicht nur, weil es auf den rauen Straßen Buffalos noch offene Rechnungen zu begleichen gab. Nein, sondern weil der Ärger auch Joe Kurtz mit hässlicher Regelmäßigkeit eine Visite abstattete. Für die einfache Bourgeoisie zur Persona non grata abgestempelt, sind es nun die zwielichtigen und mit reichlich krimineller Energie versehenen Individuen gewesen, die Joes Dienste in Anspruch nahmen – mal mehr, mal weniger. Denn dieser gesellschaftliche Bodensatz versteht unter „Bezahlung“ mitunter etwas vollkommen anderes als Hinz und Kunz von nebenan. Von daher kein Wunder, dass viele von Kurtz’ Auftraggebern bereits mit gezückten Klingen hinterm Rücken seiner Rückkehr entgegenfiebern.

Tja, und nun? Hat sich Kurtz so ziemlich mit jeder gewichtigen kriminellen Vereinigung angelegt – und es stets irgendwie geschafft, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Gleichzeitig macht sich bei ihm aber auch eine Art Müdigkeit breit; wird er dem unablässigen, lebensbedrohlichen »Räuber und Gendarm«-Spiel allmählich überdrüssig.

Doch wie schon erwähnt: Nicht immer ist es Kurtz, der den Ärger sucht – mitunter (und gar nicht mal so selten) ist es umgekehrt. So auch an jenem Abend, als Kurtz gemeinsam mit seiner Bewährungshelferin nach einem weiteren Gespräch die Tiefgarage aufsucht und beide prompt von unbekannten Schützen niedergestreckt werden. Doch während Kurtz mehr oder weniger glimpflich aus der Affäre schlittert, hat es Peg O’ Toole schwerwiegender erwischt. Soll heißen, sie liegt im künstlichen Koma; Zustand kritisch. Noch während sich Kurtz den tierisch brummenden Schädel über die Motive der Schützen zermatert, gibt es Besuch. O’ Tooles Onkel und sein Partner/Scherge suchen das Krankenbett der Bewährungshelferin auf und machen ferner Joe klar, dass sie ihn auf dem Kieker haben. Umgekehrt ist es aber nicht anders. Denn dieser Mann und Kriegsveteran wirkt für Joe alles andere als koscher. Doch welchen Grund sollte er haben, seine Nichte umzubringen? Waren es letztlich doch die beiden großen Mafiafamilien, die schon lange Kurtz’ Kopf auf einem Silbertablett serviert haben wollten?

Es wird nicht einfacher. Und als mit der Polizistin Rigby King auch noch eine alte Flamme von Kurtz auf der Bildfläche erscheint, sogar noch komplizierter. Schließlich sind Kurtz’ Nachforschungen nicht nur ansatzweise am Rande der Legalität und werden nun, mit Kings ebenfalls exzellent ausgeprägten Fähigkeiten, zu einem Ritt auf der Rasierklinge. Und weil das Übel immer dreifach auftaucht – oder bei Joe, sogar vierfach – wenden sich mit den Mafiaoberhäuptern Angelina Farino Ferrara und Toma Gonzaga auch noch zwei seiner härtesten Gegenspieler an ihn. Der Grund? Verzweiflung. Offenbar gibt es irgendwo dort draußen jemanden, der es auf ihre Dealer abgesehen hat und sie reihenweise umlegt. Also noch eine Sorge mehr … oder doch nicht? Denn scheinbar sind die Morde und der Anschlag auf irgendeine perfide Weise miteinander verbunden – wenn Joe bloß wüsste, wie …

 

Klingt ein bisschen verworren, ist es auch – und darf es auch gerne sein. Anders als bei den »echten« Hardboiled-Autoren ist es geradezu zwingend, dass Simmons Story komplexer und ein bisschen weniger stringent ist, dadurch aber auch spannender und raffinierter. Nun ja, was soll man sagen? Er besteht diese Prüfung abermals mit wehenden Flaggen. Selbst alte Crime-Hasen werden Augen machen, wie raffiniert jenes Labyrinth ausgebaut ist, in dem sich Joe Kurtz diesmal wieder findet. Selbst kurz vor dem mitreißenden Finale tappt man mitunter sogar noch ziemlich im Dunkeln, ehe Simmons den Vorhang fallen lässt. Literarische Magie, bei der man einfach nur Bauklötze staunt. Insofern verkommt der finale Auftritt des Schnüfflers nicht zum zweischneidigen Schwert, sondern zu einem weiteren Höhepunkt, der die beiden vorangegangenen Triumphe sogar noch ein ganzes Stück zu überflügeln weiß. Wenngleich hie und da durchaus etwas Melancholie mitschwingt. Man kann ihn mitunter spüren, den Abschiedsschmerz des Autoren. Womöglich ist dies auch der Grund, warum Simmons seinem Protagonisten mehr Tiefe verleiht, eine (vage) Vergangenheit und ihm sogar ein paar romantische Augenblicke gewährt. Auf jeden Fall tut es gut, erfahren zu dürfen, dass auch einem Joe Kurtz endlich mal etwas Gutes widerfährt – selbst in kleinen Dosierungen. Ferner haben diese kleinen Intermezzi aber auch einen anderen Zweck, nämlich den des tief Durchatmens. Pausen oder Längen gibt es innerhalb der über 400 Seiten von Kalt wie Stahl nämlich so gut wie keine. Praktisch mit dem ersten Satz, ja dem ersten Wort geht Kurtz-Thriller Nr. 3 ab wie die sprichwörtliche Feuerwehr. Oder wie eine abgefeuerte Kugel. Und wenn man denkt, es kommt nicht mehr … gibt es zum krönenden Abschluss nicht nur ein, sondern gleich zwei Finale respektive Showdowns die definitiv zum Besten und rasantesten gehören, was das Genre seit langer Zeit produziert hat.

 

Fazit: Es heißt Abschied nehmen, von einem der coolsten und kaltschnäuzigsten Ermittler der jüngsten Vergangenheit und einer großartigen Serie. In »Kalt wie Stahl« laufen sowohl Dan Simmons als auch sein ruppiger Antiheld Joe Kurtz erneut zu Höchstform auf und verabschieden sich gleich mit mehreren Donnerschlägen. Bravo!

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Eure Meinung:

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Buch:

Kalt wie Stahl

Reihe:Joe Kurtz 3

Originaltitel: Hard as Nails, 2003

Autor: Dan Simmons

Übersetzer: Manfred Sanders

Taschenbuch, 448 Seiten

Festa-Verlag, Mai 2013

 

ISBN-10: 3865522300

ISBN-13: 978-3865522306

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00CGMNVF6

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

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Erstellt: 10.08.2013, zuletzt aktualisiert: 10.10.2020 16:25