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Knallmasse von Ulrich Holbein

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Es knallt und zischt. Roboter Knallmasse lebt mit seinesgleichen im Staat des Dröhnens DeziBel, wo man das Klobige, Harte schätzt und das Weiche, Runde verabscheut. Als sich jedoch durch einen Sportunfall seine Weltsicht verkehrt und er dem Organischen plötzlich zugetan ist, hat er den Platz in seinem bisherigen Lebensraum verwirkt. Der Staatsapparat macht unerbittlich Jagd auf den Abweichler.

Auf seiner Flucht vor den Häschern der höchsten Krachtheoretin Dr. Dr. Dr. Dr. Druckmüller entweicht er, zwei menschenähnliche Wulwiletten im Gepäck, durch den Reißverschluss des Himmels ins bunte Universum, dem Yin zum Yang DeziBels. Doch wie die Batterien aufladen, wenn einem weit fort von zuhause der Saft ausgeht? Seine Suche nach einer neuen Energiequelle führt ihn durch allesverzerrende Spiegelwelten und intergalaktische Kindergärten, durch Form und Farbe und himmlische Musik, sie macht ihn zum Paten eines Wulwilettenkindes und zum Symbol für die Überwindung scheinbar unüberwindbarer, eiserner Grenzen.

 

Rezension:

Bereits 1993 erschien im Gerstenberg Verlag Knallmasse. Ein kosmisches Märchen. Autor Ulrich Holbein konnte nun im homunculus verlag eine vollständig überarbeitete Neuausgabe unterbringen.

 

Knallmasse ist ein denkender Roboter. Er hat ein Haustier namens Stöpsel, liebt Krachmusik, fährt jeden Tag brav mit seinem Zentralschulranzen in die Zentralschule Nordost von DeziBel, erschauert beim wohligen SCHLAG und lauscht freudig den Weisheiten aus den Dröhnenden Schriften von Frau Dr. Dr. Dr. Dr. Druckmüller. Ein völlig normaler DeziBelit also. Der Tag beginnt wie immer. Mit 66 anderen Zentralschulpflichtigen besteigt er den Omnibus zur Zentralschule, man erklärt sich gegenseitig, welche Fächer und welche Lehrerinnen man am Meisten mag und freut sich auf die Lieblingsstunden.

Im Biologieunterricht bei Frau Dr. Kackflasche erlebt die Klasse voller Entsetzen ein Paar Wulwiletten – weiche Wesen!

Doch im anschließenden Abhärtungsunterricht prallt er gegen ein Sportgerät und träumt benommen einen farbenfröhlichen Traum. Plötzlich sind Farben und Weiches gar nicht mehr so eklig. Spontan hilft er den ausgebüxten Wulwiletten aus der Zentralschule zu entkommen und steht alsbald auf der Verschrottungsliste. Eine abgefahrene Reise jenseits der Schutzfolie von DeziBel beginnt …

 

Es ist gar nicht so leicht, Knallmasse von Ulrich Holbein zu beschreiben oder gar einzuordnen. Es ist eine Art SF-Märchen, ein bisschen Coming of Age Trip, Satire, Abenteuerroman, bitterböse Gesellschaftskritik und vor allem ein lustvolles Sprachexperiment.

 

Holbeins Universum ähnelt dem von Antoine de Saint-Exupéry. Die Physik weicht einer fantasievollen Alles-ist-möglich-Umgebung. Im All schwimmende Inseln, alles verändernde Spiegel, eine Schneeballschlacht zwischen zwei Schneemannplaneten und noch vieles mehr. »Knallmasse« platzt an einigen Stellen aus allen nur erdenklichen Nähten.

Diese märchenhafte Welt ist dabei angefüllt mit ernsten Themen. So erblindet Knallmasse etwa bei der Flucht aus DeziBel und muss auch die Schwierigkeiten überstehen, nichts sehen zu können. Bald stellt sich das Problem der Regeneration, denn außerhalb seiner Heimat kann er sich nicht einfach irgendwo zum Kraft tanken anschließen. Hinzu kommt, dass DeziBeliten nicht sonderlich beliebt sind, da sie versuchen, durch heftigen Krach das restliche Universum zu stören. Besondere Raumschiffe machen Jagd auf Wulwiletten, um sie zu erforschen oder wie in Knallmasses Schule, als Abschreckung in Käfigen zu halten.

Überhaupt ist die gesamte DeziBel-Gesellschafft ziemlich repressiv. Alles ordnet sich einer totalitären Ideologie unter. Die Zentralschulpflichtigen werden indoktriniert, Andersdenken führt zur Verschrottung, da sie offensichtlich auf einen Fehler hinweist. Gegen das Weiche und Bunte wird gewettert und ihm jegliche Daseinsberechtigung abgesprochen.

Im Gegenzug offenbart sich das restliche Universum als kunterbunte Anarchie. Am deutlichsten wird das, als Knallmasse und seine Wulwiletten-Freunde auf eine Art Kita treffen. Geführt von zwei alten Männern, toben sich dort Dutzende Kinder jenseits von pädagogischen Konzepten aus. Alles geht drunter und drüber und funktioniert trotzdem. Oder gerade deshalb. Ulrich Holbein missioniert nicht. Selbst das Ende schlägt einen völlig unerwarteten Weg ein, passt aber überraschenderweise ganz wunderbar zum Rest des Buches.

 

Knallmasses Wunsch, weich zu werden, gehört zudem zu den typischen Topoi der Phantastik. Von Pinocchio über den Eisernen Holzfäller bis hin zu Data wird der Wunsch eines künstlichen Wesens nach Menschlichwerdung thematisiert. Holbein löst den Konflikt auf eine eigenwillige Art und zeigt die Probleme einer solchen Transformation.

 

Das Buch lebt neben der kraftvollen und oft wortwitzverliebten Sprache zudem von den Illustrationen, die der Autor selbst erschuf. Dadurch erhält man auch optisch ein Bild der Figuren und Schauplätze und obwohl die Zeichnungen an ein Kinderbuch erinnern, spiegelt sich in ihnen auch die Ernsthaftigkeit eines Textes, in den sich immer wieder und völlig problemlos eine fantasievolle Volte stiehlt.

 

Fazit:

»Knallmasse« von Ulrich Holbein ist ein fröhliches Spiel mit Worten, Genres und phantastischen Themen. Halb Märchen, halb Science-Fiction, aber stets eine Geschichte, die ganz von Herzen kommt.

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Buch:

Knallmasse

Autor: Ulrich Holbein

Gebundene Ausgabe, 258 Seiten

homunculus, 20. März 2017

Cover und Illustrationen: Ulrich Holbein

 

ISBN-10: 3946120938

ISBN-13: 978-3946120933

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

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Erstellt: 10.04.2017, zuletzt aktualisiert: 11.04.2017 07:41