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Kolumne: Das Lektorat – ein überflüssiges, unbekanntes Luxuswesen

Autor: Holger M. Pohl

 

Es gibt Augenblicke, in denen ich mich frage, ob meine Verleger oder ich oder wir alle zusammen irgendetwas falsch machen. Zu viel Geld (meine Verleger) und zu viel Zeit (ich) mit dem Lektorat verschwenden. Quasi im Luxus frönen, der doch eigentlich nur dekadent ist! Wie sonst soll ich mir die Aussage einer SPlerin erklären, die allen Ernstes auf den Vorschlag, mit dem Lektorat in Vorleistung zu gehen, antwortet: »Niemals, ich habe nicht die Kohle dazu sie aus dem Fenster zu werfen. Ist ja nicht so, dass nicht so gut es geht alles überarbeitet wird. Aber wo keine Kohle kein Luxus.«

 

Zeit ist Geld und Geld ist Kohle. Wo die fehlt, kann man sich dieses Luxuswesen Lektorat eben nicht leisten. Bliebe noch zu klären, ob Braunkohle oder Steinkohle gemeint sind. Und ob das irgendeinen Einfluss auf den Klimawandel hat.

 

Übrigens ist obiges Zitat wörtlich. Also auch mit den kleinen Fehlern, die ein Korrektorat beseitigen würde. Auf das man aber auch gerne verzichtet, weil … siehe Luxus. Die Rechtschreibungsprüfungen der diversen Schreib- und Textprogramme werden es schon irgendwie richten. Aber es geht ja jetzt um das Luxuswesen Lektorat.

 

Also, liebe Verleger, habt Ihr zu viel Geld, weil ihr dieses Luxuswesen aushaltet? Seid nicht so verschwenderisch und schafft diese luxuriöse Geliebte ab! Gebt das Geld lieber … uns Autorinnen und Autoren. Wir fangen bestimmt etwas sehr viel weniger Dekadentes damit an. Ich habe mir da eine Jacht angeschaut, ich kann Euch sagen …

 

Wir Autorinnen und Autoren hätten sogar doppelt etwas davon: Mehr Geld von Euch und mehr Zeit, denn ohne Lektorat keine Lektoratsüberarbeitung und damit mehr Zeit und wie oben beschrieben: Zeit ist Geld und Geld ist Kohle!

 

Ich stoße gerade im SP-Bereich immer wieder auf solch obskuren Ansichten oder – eigentlich noch schlimmer – die Ratschläge von einem SP an den anderen SP. Da tauchen so Dinge auf wie: »Externes Lektorat brauche ich nicht. Ich lektoriere mich selbst.« Gerne genommen wird auch: »Ich bin ja SP geworden, weil ich meine Geschichte nicht von einem Lektor kaputt machen lassen will.« Und natürlich: »X (Verwandter, Freund, Bekannter, Testleser) liest meinen Text und gibt mir Rückmeldung. Das ist genug Lektorat.« Was auch nicht zu verachten ist: »Als ob ein Lektorat über Erfolg oder Nichterfolg eines Romans entscheidet. Lächerliche Ansicht!« Und selbstverständlich der ultimative Rat: »Verzichte auf ein Lektorat. Bringt eh nichts, kostet nur Geld und Zeit! Kannst Du Dir sparen!«

 

Oben genannte Äußerungen sind samt und sonders wörtliche Zitate. Sind das nun generelle Ansichten gerade bei SPlern? Liest sich so, sind sie jedoch nicht. Nicht generell, aber sehr weit verbreitet. Und wenn ich mir so diverse Leseproben bei Amazon (oder den anderen Plattformen, auf denen jeder, der glaubt, schreiben zu können, veröffentlicht) anschaue, dann weiß ich, dass sehr viele solche Dinge auch beherzigen und danach verfahren. Und ich schaue mir mehr Leseproben an, als manch eine(r) denken mag. In der Regel suche ich nach den Autorinnen und Autoren, die solche Dinge von sich geben. Und – siehe oben – ein Blick in die Leseprobe genügt.

 

Leider geschieht das, kann ich da nur sagen! Denn die SPler, die Wert auf Qualität legen, müssen darunter leiden. Unter dem – und ich sage es deutlich, offen und ehrlich – unsäglichen Müll, der von solchem Luxus scheuenden SPlern veröffentlicht wird. Einfach, weil sie es können. Das Veröffentlichen, meine ich. Nicht das Schreiben!

 

Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen Selfpublishing und auch nichts gegen SPler. Es steht jeder Autorin und jedem Autor frei, diesen Weg für sich zu wählen. Es gibt durchaus gute SPler, die wirklich Wert darauf legen, ihren Lesern die bestmögliche Ware (und ja, auch ein Buch ist im Endeffekt eine Ware) anzubieten. Sie würden nichts veröffentlichen, was nicht die ganzen Prozesse durchlaufen hat, die zur Herstellung einer qualitativ hochwertigen Ware erforderlich sind. Deswegen müssen mir ihre Geschichten nicht gefallen, aber das ist nun auch Geschmackssache. Nicht jedes Buch gefällt jedem und das ist gut und völlig in Ordnung. Aber es sind gerade diese SPler, die auch wissen, dass es im Verlauf der Herstellung der Ware einfach Leistungen gibt, die sie nicht selbst erbringen können. Wie etwa das Lektorat. Für sie ist das kein Luxus, weil sie genau wissen, …

     

  • … dass die Kohle für ein externes Lektorat nicht sinnlos verbrannt ist. Sinnlos wäre es, sie nicht zu verbrennen.

  • … dass es ein Ding der Unmöglichkeit für eine Autorin oder einen Autor ist, sich selbst zu lektorieren. Es gibt kein Perpetuum Mobile.
  • … dass eine gute Lektorin, ein guter Lektor keinesfalls versuchen wird, die Geschichte kaputt zu machen. Im Gegenteil: Sie wollen sie in Zusammenarbeit mit dem Autor besser machen.

  • … dass natürlich ein Lektorat nicht über den Erfolg oder Misserfolg eines Werkes entscheidet. Doch es entscheidet oft genug darüber, ob ein Buch lesbar ist oder nicht.
  • … dass kein Testleser – und sei er noch so ehrlich – die manchmal brutale Objektivität eines Lektorats ersetzen kann. Das tut hin und wieder weh, aber dieser Schmerz muss ein. Man kann daran nur wachsen und daraus lernen.
  • Hier könnten noch mehr »dass«“ kommen, denn es gibt sehr viel mehr Gründe, die für ein Lektorat sprechen als dagegen. Und zwar alles was von Null verschieden ist, denn es gibt nicht einen vernünftigen Grund, auf ein Lektorat zu verzichten. Nicht einen einzigen! Nicht für SPler, nicht für Verlagsautorinnen und -autoren, nicht für den Verlag.

 

Ich mag Lektorinnen und Lektoren. Meistens jedenfalls. Nur dann nicht, wenn sie mein Werk zerlegt haben. Schon wieder viel Zeit, die ich sinnvoll opfern muss. Dabei könnte ich in der Zeit so viel sinnlosere Dinge tun. Andererseits … wer macht schon gerne sinnlose Dinge? Also lieber die Kohle verbrennen. Das wärmt einem einfach das Herz!

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Erstellt: 07.02.2020, zuletzt aktualisiert: 29.03.2020 09:59