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Kolumne: Die Sache mit … den Rezensionen!

Autor: Holger M. Pohl

 

Man wird immer beurteilt. Tag und Nach, 24 Stunden, 7 Tage die Woche, 365 (oder 366) Tage im Jahr. Irgendjemand beobachtet einen immer und fällt dein Urteil. Oder schreibt eine Rezension. Das ist keine Science Fiction, keine Utopie mehr. Big Rezi-Brother is watching you! Denn die früher grenzenlos groß erscheinende Welt ist dank Internet ein kleines heimeliges Dorf geworden und wie es auf dem Land nun mal üblich ist, kennt jeder jeden oder jeder kennt einen, der jeden kennt. Als Autor ist man heute vor keiner Rezension mehr geschützt. Selbst in den unzugänglichsten Ecken des Amazonas-Gebietes oder in den letzten Tälern des Himalajas könnte jemand sich meine Werke als E-Book zu Gemüte führen und eine Rezension dazu schreiben. So er oder sie der deutschen Sprache mächtig sind. Ich schreibe ja nur in Deutsch. Andere allerdings auch … leider.

 

Dass ich der Ansicht bin, dass nicht jeder, der in der Lage ist, die Tasten der Tastatur seines Computers, Notebooks, Netbooks, Tablets usw. zu betätigen, auch in der Lage ist, eine Geschichte zu verfassen, habe ich auch schon ab und zu mal von mir gegeben. Dass es dennoch genügend solcher … nennen wir sie mal höflich Autorinnen und Autoren gibt, ist leider eine der Tatsachen, die sich nicht ändern lässt. Ich habe absolut nichts gegen Schreiben als Hobby - ich schreibe ja selbst. Doch man sollte ehrlich sein und sich irgendwann eingestehen, dass Schreiben eben nicht mehr als das ist und es auch bleiben sollte: ein Hobby für die eigenen vier Wände, für das eigene Vergnügen. Aber nicht mehr. Doch leider ist das Veröffentlichen heute so einfach geworden. Jeder kann, so sie oder er lustig ist, ein Werk der lesenden Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Ich will nicht in Abrede stellen, dass das auch durchaus seine positiven Aspekte hat. Die bösen Verlage haben nicht mehr alle Veröffentlichungsmacht. Aber sie haben nun auch nicht mehr das Monopol auf veröffentlichten Müll.

 

Was hat das nun mit Rezensionen zu tun? Nichts, viel, alles. Wie man es nimmt. Das Internet hat vielen Dingen Tür und Tor geöffnet. Nicht nur dem Schreiben und Veröffentlichen, sondern auch dem Kritisieren und Rezensieren. Die einen sehen das als Segen, die anderen als Fluch. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem: ein segensreicher Fluch oder ein verfluchter Segen. Denn so wie heute jede oder jeder ein Werk veröffentlichen kann, so kann heute auch jede oder jeder ein Werk rezensieren. Kurz einen Blog erstellt, kurz mal auf Amazon rezensiert und schwuppdiwupp bin ich Rezensent. Es ist so einfach wie das Schreiben. Und ebenso schwer. Und ebenso umweltunfreundlich. Müll ist nun mal Müll, ob es solcher oder solcher ist.

 

Leider hat sich nämlich gerade bei Rezensionen von Büchern (und nur davon rede ich! Wie ein elektronisches Gerät oder ein Möbelstück rezensiert wird, ist mir an dieser Stelle herzlich egal!) eine Unsitte breit gemacht, die es möglicherweise früher auch schon gab, aber wie so vieles weit weg war. Doch dank moderner Medien kam es wie alles nun sehr viel näher. Es ist die Unsitte der Gefälligkeitsrezi. »Schreib Du mir eine positive, schreib ich Dir eine positive!” Das ist die eine Variante. Die andere ist: “Lieber Verwandter/ Bekannter/ Freund/ Arbeitskollege* (*bitte das Zutreffende wählen), schreib mit doch eine positive Rezi!«

Und sobald die erste 5*-Rezi da ist, hat der Autor respektive die Autorin nichts Besseres zu tun, als in irgendeine Facebook-Gruppe, ein Forum oder sonst eine Plattform der digitalen Welt einzufallen und für sein Werk mit dieser wunderbar 1-zeilig-kurzen »Ich finde das Buch toll und war begeistert bis zum letzten Satz«-5*-Superduper-Rezi Werbung zu machen. Das Dumme ist, dass es Menschen wie mich gibt, die dann tatsächlich da mal reinschauen. Das noch Dümmere ist, dass man solche Gefälligkeitsrezis ziemlich schnell erkennt. Die Variante 1 daran, dass man sich nicht scheut auf Facebook in Autorengruppen dazu aufzufordern, eine Rezi zu schreiben und gleichzeitig im Gegenzug verspricht, ebenfalls für das Werk des anderen eine zu verfassen. Variante 2 lässt sich noch leichter erkennen: Einfach mal beim Rezensenten auf »Alle meine Rezensionen« gehen. Gerade bei SP und Indies, aber auch bei von DKZV verbrochenen Werken stellt man fest: »Ups, der Rezensent hat sich genau dieses Werk ausgesucht um seine erste, seine allererste Rezi zu verfassen und dann auch noch gleich 5 güldene Sterne zu vergeben!«

 

Das soll nun nichts gegen SP oder Indies heißen (gegen DKZV-Erzeugnisse aber schon!), doch ist das nicht auffällig? Wer mir nicht glaubt, der soll das selber mal testen, wenn wieder eine Autorin, ein Autor ins heimelige Internet-Wohnzimmer hereinschneit und mit seinem ersten (und oft einzigen) Beitrag nichts Besseres zu tun hat, als sein Werk zu bewerben und auf die tolle 5*-Rezi bei Amazon zu verweisen. Ich versichere Euch: Es tun sich Abgründe auf!

 

Da fällt mir übrigens noch eine Variante der Varianten ein. Warum sollte ich bei Facebook (oder sonst wo) Kolleginnen oder Kollegen ansprechen oder warum sollte ich jemand aus meiner Umgebung bemühen, mir eine schöne Rezi zu schreiben? Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Ich bin doch selbstgefällig! Ich lege mir einfach diverse Amazon-Accounts zu und schreibe mir meine Rezis selbst! Dann bin ich niemandem etwas schuldig außer mir selbst. Die ideale Lösung! Also, sollte mein nächstes Werk bei Amazon 500 5*-Rezis haben, dann könnt Ihr sicher sein, dass die alle ganz ehrlich und ungeschönt und schonungslos offen sind! Ich schreibe garantiert keine Fake-Rezis. Versprochen! Ich würde doch nie so unehrlich sein und behaupten, dass mein Werk mir nicht gefällt!

 

Wobei wir nun wieder bei der Ehrlichkeit sind. So wie man sich irgendwann ehrlicherweise eingestehen muss, dass das Schreiben nicht unbedingt das Hobby ist, das man der Öffentlichkeit antun sollte, so sollte man sich ehrlicherweise auch eingestehen, das Gefälligkeitsrezis rein gar nichts bringen. Denn dummerweise ist die Welt dank Internet mittlerweile ein heimeliges, kleines Dorf. Gefälligkeiten sprechen sich schnell herum.

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Erstellt: 30.05.2019, zuletzt aktualisiert: 30.05.2019 17:22