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Kolumne: Objektiv gesehen

Autor: Holger M. Pohl

 

Eigentlich wollte ich mich darüber echauffieren, dass mein Beitrag zu D9E für nicht einen der relevanten SF-Preise nominiert wurde. Aber das hatten wir schon mal. Dann fiel mir ein, dass ich eigentlich doch auch preislos glücklich sein kann. Hatten wir aber auch schon. Und schließlich dachte ich daran, dass ich mir selbst einen Preis verleihen könnte. Doch auch das wäre nicht neu.

Objektiv betrachtet also nichts neues. Ich … HALT! STOPP! OBJEKTIV! Das ist es doch! Reden wir ein wenig über Objektivität. Oder Subjektivität. Was für manche dasselbe ist, halten sie doch ihre Subjektivität für Objektivität.

 

Objektiv gesehen wird sich wahrscheinlich kaum jemand für diese Kolumne interessieren. Subjektiv gesehen halte ich sie für gelungen, innovativ, stilistisch einwandfrei und so weiter und so fort. Kurz gesagt: Ich halte sie für absolut preiswürdig!

 

Objektiv gesehen haben manche künstlerischen Werke - und ja, auch ein literarischer oder lyrischer Text ist ein Kunstwerk - den Preis, der ihnen verliehen wird, nicht verdient. Subjektiv bekommen manche genau das, was sie verdienen.

 

Ich frage mich, was manche erwarten oder wollen, wenn sie fordern, dass Preise für ein Kunstwerk nach objektiven Kriterien vergeben werden sollen. Was genau sie unter diesen objektiven Kriterien verstehen. Objektivität heißt nicht zuletzt, dass etwas messbar sein muss. Kann Kunst messbar beurteilt werden? Sicher, kann sie. Die Frage ist nur, ob das dann auch Kriterien für einen Preis sein können. Ich kann, so ich es für wichtig erachte, zählen, wie viele Zeichen ein Buch hat. Oder wie viele Personen darin direkt oder indirekt vorkommen. Wie lange das längste Wort ist. Oder … oder … oder. Für statistische Zwecke sicherlich bedeutsam. Aber für einen Preis?

 

Natürlich kann sich eine Gruppe von Menschen zusammen tun und eine Werteskala für Stil, innovative Inhalte, Farbigkeit der Personen und so weiter festlegen, nach denen eine Preisvergabe erfolgen soll. Wetten dass ich es problemlos schaffe, eine andere Gruppe von Menschen zu finden, die es dann genau gegenteilig bewertet? Was die einen für stilistisch toll halten, wird den anderen stilistisch unterirdisch erscheinen. Was die einen für innovativ halten, wird den anderen wie die x-te Wiederholung vorkommen. Was die einen für gelungene Farbigkeit der Personen halten, wird den anderen entweder zu Monochrom oder zu bunt sein. Alles in allem also nicht wirklich objektiv, wenn man es objektiv betrachtet. Es ist menschlich subjektiv. Und das ist gut so!

 

Was soll ich auch mit einem Preis, der nach streng objektiven Kriterien vergeben wird für etwas, in das ich - wie man so schön sagt - mein Herzblut stecke? Der Verfasser eines Textes - und ich meine hier Texte wie Kurzgeschichten, Novellen, Romane, Gedichte, kurz gesagt Prosa oder Lyrik - wird seinen Text auch nicht nach objektiven Kriterien verfassen. Er wird etwas bestimmtes ausdrücken, Emotionen und Leidenschaft rüberbringen, uns zum Lachen oder weinen bringen wollen, uns mit den Figuren leiden oder jubeln lassen wollen. Sicher, er wird sich dazu stilistischer oder anderer handwerklicher Hilfsmittel bedienen. Aber wenn mich der Verfasser eben dieses Textes nicht erreicht - warum sollte ich ihm dann trotzdem einen Preis verleihen, nur weil er die Hilfsmittel meinetwegen nahezu perfekt anwendet?

 

Eben! Es geht doch bei schöngeistigen Texten darum, ob der Verfasser das erreicht, was er erreichen will - nämlich mich zu erreichen! Wenn ich also mit einem meiner Texte eine wie auch immer geartete Jury erreiche und die meint, ich sei des Preises würdig … warum sollte ich dann fordern, dass der Preis nach objektiven Kriterien vergeben werden muss? In der Regel ist es doch auch so: Bekomme ich den Preis, dann ist es mir doch völlig schnuppe, welche Kriterien die Jury angelegt hat. Bekomme ich ihn nicht, sind mir die Kriterien ebenfalls völlig schnuppe. Denn dann hat die Jury einfach etwas falsch gemacht. Im Zweifelsfall war sie nicht objektiv. Ich kaufe Kleidung ja auch nicht ausschließlich danach, weil sie qualitativ hochwertig ist. Gefallen sollte sie mir auch. Etwas, was von schlechter Qualität ist und mir dazu noch nicht gefällt, kaufe ich nicht. Aber wenn es mir gefällt, dann schaue ich natürlich auch nach der Qualität. Das eine ohne das andere? Nein!

 

Subjektiv gesehen sind Kurzgeschichten für mich vergeudete Zeit. Ich lese sie nicht, ich schreibe sie nicht. Ausnahmen bestätigen allenfalls die Regel. Doch das gilt eben nur für mich. Objektiv gesehen sind Kurzgeschichten ein wesentlicher Bestandteil der Literaturlandschaft. Ohne Kurzgeschichten würde der Literatur etwas fehlen. Möglicherweise sogar etwas essentielles! Wer sie also schreiben oder lesen möchte, der soll das tun! Meine subjektive Einstellung dazu darf kein Maßstab für andere sein!

 

Objektivität und Subjektivität müssen sich die Waage halten. Gerade dann, wenn es um die Beurteilung von Dingen geht, die nicht zu messen sind. Oder der Maßstab von unserer Individualität abhängt. Wenn etwas objektiv gut ist, dann ist es das immer. Unabhängig davon, wer es beurteilt. Wer also objektive Kriterien für die Beurteilung literarischer Werke fordert, der sollte vorsichtig sein. Er könnte sie bekommen! Oder einen oder keinen Preis!

 

Natürlich, und auch das ist wie so vieles menschlich, wird man enttäuscht sein, wenn man für einen Preis, auf den man spekuliert hat, dann gar nicht erst nominiert wird oder, falls nominiert, ihn dann doch nicht gewinnt. Man kann das dann im stillen Kämmerlein mit sich ausmachen oder laut jammernd diese Ungerechtigkeit in die virtuelle Forenwelt hinausposten. Letztendlich ist aber beides sehr subjektiv. Auch nach objektiven Kriterien beurteilt. Doch zumindest für Letztgenannte ist nun ein Licht am Horizont des Jammertals zu sehen, denn …

 

… wir vom Fantasyguide überlegen uns, einen neuen phantastischen Preis ins Leben zu rufen um all jene zu würdigen, denen so übel mitgespielt wurde: den FGPFENNUNG, den Fantasyguidepreis-für-enttäuschte-Nichtnominierte-und-Nichtgewinner. Vielleicht in Form einer goldenen Himbeere. Möglich wäre auch eine goldene Jammerträne. Ein paar Kandidaten für die Nominierung haben wir schon. Wer will noch auf die Liste?

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Erstellt: 15.06.2016, zuletzt aktualisiert: 29.03.2020 09:59