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Kolumne: Superhelden

Autor: Holger M. Pohl

 

… die die phantastische Welt nicht wirklich braucht.

 

Superhelden sind gerade mal wieder total angesagt. Dank DC, Dank Marvel. Doch es müssen nicht immer die beiden Comic-Giganten sein, die Superhelden hervorbringen. Die phantastische Forenlandschaft, die Facebookwelt schafft das auch ganz alleine.

 

Einer, dem sicher schon jeder einmal in irgendeiner seiner Inkarnationen begegnete, ist Captain Oberlehrer. Nun, an und für sich ist es ja nichts verkehrtes, wenn man andere an seinem Wissen teilhaben lässt. Es ist immer nur die Frage: Wie!

Captain Oberlehrer macht das jedenfalls auf eine Art und Weise die … nun sagen wir mal oberlehrerhaft ist. In Erwartung des Rohrstocks oder des drohend erhobenen Zeigefingers blickt man sich immer wieder suchend um. Captain Oberlehrer hat nämlich ein paar sehr seltsame Superkräfte. Er weiß viel. Weil er es gelernt hat. Statt aber nun die weniger Wissenden an seinem Wissen lernend teilhaben zu lassen oder ihnen den Weg zu mehr Wissen pädagogisch wertvoll zu zeigen, knallt einem Captain Oberlehrer sein Wissen als alleinrichtige Ansicht, Meinung, Einschätzung oder was weiß ich vor den Latz. Getreu dem Motto: Paragraph 1 - Ich habe immer Recht! Paragraph 2 - Habe ich einmal nicht Recht, dann tritt automatisch Paragraph 1 in Kraft! Punkt und aus.

Kawooom!!!! ist man versucht zu sagen.

Mit Captain Oberlehrer zu diskutieren ist relativ sinnfrei. Recht wirst Du in den seltensten Fällen bekommen. Weil Du weißt ja nicht so viel wie er. Er kann Dir garantiert irgendeinen Text oder sogar ein eigenes Sachbuch um die Ohren hauen, die Deine Ansicht, Deine Meinung, Deine Einschätzung oder was weiß ich zerlegen wie manche Automechaniker Autos zerlegen. Du liegst einfach falsch, kapier das endlich!

Wenn … falls ich mit einer der von mir identifizierten Inkarnationen von Captain Oberlehrer diskutiere, dann tue ich das zum Vergnügen. Oder Zeitvertreib. Jedenfalls immer zu meinem Amüsement. Vieles von dem, was sie anführen, weiß ich oder kenne ich, erlaube mir aber trotzdem anderer Meinung, Ansicht, Einschätzung oder was weiß ich zu sein. Ich weiß allerdings auch, dass ich mich irren kann. Die Möglichkeit des Irrtums ist aber in der kleingeistigen Superheldenwelt von Captain Oberlehrer nicht vorgesehen. Denn … siehe oben: §1 und §2.

In der Regel ignoriere ich Captain Oberlehrer aber. Ich diskutiere viel lieber mit Menschen, die sich der Unzulänglichkeit der eigenen Meinung bewusst sind und keine oberlehrergegebenen Rechtsanspruch auf die absolute Richtigkeit ihres Denkens erheben. Sie können sich ebenso irren wie ich. Sie und ich wissen das …

 

Ein Gedonner! Ein Getöse! Ein Gekrache! Ein Gewitter? Nein! Ein Erdbeben? Nein! Superman? Nein! Das ist Polterman. Während andere still, höflich und mit Manieren den Raum betreten, macht Polterman genau das, was sein Name sagt: Er kommt hereingepoltert! Wie es nun mal seine Art ist.

Neben vielen anderen Dingen zeichnet Polterman seine Vorliebe für Tarnung aus. Mal verkleidet er sich als Autor, mal verkleidet er sich als Verleger. Das soll nicht heißen, dass hinter jedem Autor oder Verleger Polterman steckt, hinter manchen aber schon.

Dabei ist es nun nicht so, dass Poltermans Beitrag zur irgendetwas völlige Banane wäre. Nein, aber es ist so, dass Polterman einfach gerne den Hammer herausholt wo das Hämmerchen genügen würde. Oder anders gesagt: Während Du und ich den kleinen Fleischhammer benutzen, um ein Schnitzel zart zu klopfen, greift unser Superheld zum Vorschlaghammer. Und zwar zum Größten, den er finden kann. Neben dem Schnitzel soll dadurch auch der ganze Rest weich oder breit geklopft werden. Dumm nur, wenn dabei auch manches Porzellan zu Bruch geht. Aber Polterman wäre nicht Polterman wenn ihm das nicht Schnuppe wäre.

Ein Mittel gegen Polterman? Identifizieren - isolieren - ignorieren.

Leider ist das leichter gesagt als getan …

 

Ein Superheld der eher leiseren nichtsdestotrotz aber grausam-nervigen Art ist Mr. Zitatics. Er hat eine herausragende Superfähigkeit: Er weiß, wie man zitiert und das bis zum bitteren Ende. Eigene Worte, die darauf hinweisen könnten, dass er sich seine Beiträge selbst ausgedacht hat, sprich dass er überhaupt gedacht hat, findet man bei ihm selten. Stattdessen gelingt es ihm durch (fast) fehlerfreie Benutzung von Copy&Paste eine irgendwo im Internet gefundene Textstelle nahezu perfekt in das Antwortkästchen einzufügen. Oder er setzt gleich nur einen Link von hier nach irgendwo. Soll doch der interessierte Leser selbst lesen, was da steht. Ich frage mich, wie Mr. Zitatics das im richtigen Leben macht. Ob Mr. Zitatics ein Sammelsurium an Karteikarten bei sich trägt, auf dem alle möglichen mehr oder weniger intelligenten Antworten auf Fragen stehen, die er so gestellt bekommt? Oder ob Mr. Zitatics eine Art Bildschirm auf der Brust vor sich herträgt, auf dem man seine Antworten ablesen kann? Antworten natürlich, die irgendwo, irgendwie, irgendwann schon jemand anderes gegeben hat.

Ich weiß es nicht und frage auch nicht, denn es interessiert mich nicht. Ich verfolge lieber die echten Diskussionsbeiträge. Sie müssen sich zwar nicht mit meiner Meinung decken, aber zumindest zeigt es mir, dass der, der da schreibt, auch ein wenig darüber nachgedacht hat. Und sich die Mühe gibt, das in mal mehr, mal weniger elegante eigene Worte zu kleiden.

Paste&Copy oder Linksetzung mögen dort ihren Sinn haben, wo es zum Beispiel um die Beantwortung einer ganz konkreten Frage geht, etwa “Suche ein Buch mit elefantenförmigen Aliens!”, aber sicher nicht dort, wo es um eine Diskussion geht. Leider ist Mr. Zitatics da ein gaaanz klein wenig uneinsichtigt. Aber nur ein klein wenig ...

 

Ein Superheld der eher schwierigen Art ist Isdoalgem. Der Umgang mit ihm erfordert Fingerspitzengefühl, denn Isdoalgems Haut ist sehr dünn und sehr verletzlich. Man weiß nie so genau, was man wann wie wo sagen darf, denn es kann passieren, dass a) Isdoalgem ausrastet oder b) er sich total verletzt vorkommt oder c) sein Gift über alle versprüht, die gegen ihn sind. Also über alle, denn alle sind gegen ihn. Isdoalgem steht für “Ihr seid doch alle gegen mich!”. Was ist daran nun Superheroesk? Gute Frage. Aber Superhelden sind nun mal nicht leicht zu durchschauen. Wären sie das, wären es keine Superhelden.

Jedenfalls erreicht Isdoalgem mit seinem Gift, dass man sich a) entweder schlecht und schuldig fühlt oder b) ihm erst Recht noch mal kontra gibt, damit alles noch viel schlimmer wird, als es eh schon ist.

Ich kann natürlich nachvollziehen, dass es ein Sch***gefühl ist, wenn alle gegen einen sind. Stellt sich nur die Frage, ob das denn so ist. Vielleicht ist es auch nur eine Verschwörungstheorie, die genau - und objektiv - genommen, gar keine Verschwörung ist. Man denkt nur, es sei eine. Verschwörungstheorien sind aber nun mal in.

Oder es ist eine der vielen selbsterfüllenden Prophezeiungen: Ich glaube, dass alle gegen mich sind, also werden irgendwann alle gegen mich sein. Im Zweifelsfall sorge ich dafür. Denn was sein muss, muss sein! Es darf einfach nicht sein, dass jemand für mich ist. Das ist widernatürlich. Ich bin Isdoalgem, unbeugsam und beratungsresistent

Es ist ein Teufelskreis …

 

Man sieht, die virtuelle Welt der Foren, Social Networks und was sonst noch so existiert im Raum des WWW, braucht weder Marvel noch DC, wenn es darum geht, Superhelden zu erschaffen. Und die aufgezählten sind längst noch nicht alle. Was aber nun tun, um dieser Flut Herr zu werden? Einen pauschalen Ratschlag gibt es nicht. Oder einen allgemeingültigen. Ignorieren ist sicher eine Möglichkeit. Ist einfach nur schade, wenn man sich an der einen oder anderen Diskussion beteiligen möchte, aber dann genau und in erster Linie die sich zu Wort melden, auf deren Wortmeldung man verzichten kann.

Diskussionen könnten viel angenehmer verlaufen, gäbe es Captain Oberlehrer nicht. Sie könnten ruhiger verlaufen, würde Polterman einfach mal darauf verzichten zu poltern. Sie würden konstruktiver verlaufen, wenn Mr. Zitatics mal eine eigene Meinung hätte, die aus mehr besteht als aus Zitaten. Und sie würden auch flüssiger verlaufen, würde Isdoalgem einfach mal verstehen, dass der einzige der gegen ihn ist, er selbst ist.

Aber wie das bei Superhelden leider oft genug der Fall ist, sie sehen ihre Welt als Mittelpunkt des Universums an, auch wenn das nur virtuell ist. Doch in dem Punkt irrten schon bedeutendere Menschen als unsere Superhelden!

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Erstellt: 03.05.2016, zuletzt aktualisiert: 29.03.2020 09:59