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Kolumne: Unterschätzt den Leser nicht!

Autor: Holger M. Pohl

 

Wie ich schon schrieb, geistere ich öfter durch die Foren des WWW als man denkt oder dem einen oder anderen vielleicht lieb ist. Aber es finden sich da immer wieder wunderbare Steilvorlagen…

Neulich stieß ich dabei auf einen Thread – nicht ganz zufällig zugegeben –, der sich mit meiner Kolumne „Der Leser – das unbekannte Wesen“ beschäftigt. Mit Interesse habe ich die einzelnen Beiträge verfolgt. Eine Aussage gefiel mir dabei besonders – oder soll ich sagen missfiel mir? Sie lautet: „Der Leser weiß nicht, was er will.“

Das klingt mir sehr nach einer pauschalen Entmündigung des Lesers.

Leser wissen schon, was sie wollen. Vielleicht können sie es nicht auf den Punkt genau formulieren, gut, aber wissen tun sie es schon! Beschränken wir uns nur einmal auf die Belletristik – denn Sach- oder Fachbuchleser wissen ganz sicher, warum sie ein Sach- oder Fachbuch kaufen –, so ist die erste und ursprünglichste Willensäußerung des Lesers: er will gut unterhalten werden!

Manchem klingt das nun sicher zu pauschal und zu nichts sagend. Das ist es auch – doch ohne tiefer zu gehen, mehr an Willensäußerung des Lesers haben wir zunächst einmal nicht. Ich sehe nun auch schon manche gerümpfte Nase und höre das eine oder andere „Pah, unterhalten!“. Aber es ist nun mal einfach so: der ganz normale Leser liest zuerst einmal, weil er unterhalten werden will.

Wenn wir tiefer gehen, dann können wir diese „Unterhaltung“ natürlich differenzieren und das hilft uns weiter, auf der Suche nach dem Willen des Lesers.

Da ist einmal der Leser, der einfach nur durch eine spannende, kurzweilige, einfache und verständliche Geschichte unterhalten werden will. Der Leser, dem nicht der Sinn nach Problemen, sozialen Fragen, Umweltschutz oder ähnlichem steht. Er will, wenn er liest, einfach nur ein paar Stunden seiner Freizeit entspannend ausfüllen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Nennen wir diesen Leser das eine Extrem der Leserschaft.

 

Das andere Extrem ist dann natürlich der Leser, der komplizierte, anspruchsvolle, nachdenkliche, philosophische, tiefschürfende, experimentelle usw. Texte will. Der Leser, dem der Sinn nach absolut außergewöhnlichem steht. Der sich nach dem Lesen oder auch schon während des Lesens stundenlang mit dem beschäftigen will, was er liest. Für den Unterhaltung mehr ist, als nur zu lesen.

 

Zwischen diesen beiden Extremen sind unzählige Nuancen möglich.

Der Leserwille ist vielfältig und zu sagen „Der Leser weiß nicht, was er will.“ ist so richtig oder falsch wie zu sagen „Der Autor weiß nicht, was der Leser will.“

Der Leser, liebe Kollegen der schreibenden Zunft, weiß, was er will. Es ist nun an uns seinen Willen zu erkennen und ihm diesen Willen zu erfüllen.

„Aber ich schreibe doch, was ich will. Ich muss doch zuerst einmal mit dem zufrieden sein, was ich schreibe!“ Richtig – aber schließt das eine das andere aus? Oder anders gesagt: zuerst überlegen, für wen man etwas schreibt und dann für diesen Leser etwas schreiben, was man schreiben will und mit dem man am Ende zufrieden ist – und dieser Leser hoffentlich auch.

Blaise Pascal sagte einmal: „Die besten Bücher sind die, von denen jeder Leser meint, er habe sie selbst machen können.“ Das war vor rund 350 Jahren.

Daran hat sich nichts geändert. Versetzt Euch also einmal in die Lage des Lesers, werte Kollegen, und Ihr werdet schnell erkennen, dass Eure Leser sehr wohl wissen, was sie wollen! Die Frage dabei ist lediglich: habt Ihr Euch in den richtigen Leser versetzt? Denn, wie ich schon sagte, der Leser ist ein unbekanntes Wesen. Und das Unbekannte sollte man niemals unterschätzen!

 

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Erstellt: 07.10.2007, zuletzt aktualisiert: 29.03.2020 09:59