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Kurzgeschichte: Mr. Hunkleton

von Matthias Deigner

 

 

_"Jason würdest du bitte sofort diese Aufgabe an der Tafel rechnen!" Miss Taylor war laut geworden, weil Jason, wie so oft in den letzten Tagen, geistesabwesend aus dem Fenster starrte. "Hast du gehört, Jason?", jetzt schrie sie bereits schrill. Doch Jason schien sie heute überhaupt nicht zu hören, er starrte aus dem Fenster.

Sein Blick folgte der Washington Street, bis diese in die Vilmor überging, dort in der Vilmor an der Ecke zur Old Lincoln stand es, das große alte Haus der Familie Hunkleton.

 

Mr. Hunkleton war der Veterinär der Stadt, zu ihm ging Jason oft um eine seiner vielen Geschichten anzuhören von einer seiner vielen Reisen in der ganzen Welt.

Heute vor einer Woche ist es dann passiert und mit Schrecken denkt Jason daran zurück. Wie schon erwähnt ist Jason oft zu Mr. Hunkleton gegangen, da er, bevor er sich hier niederließ, viel in der ganzen Welt herum gekommen war. Er war unter anderem auch in Afrika, wo er Voodoo und Schwarze Magie kennen gelernt hatte. Oder bei kanadischen Indianern, die ihm von ihrer Magie erzählten. Überhaupt war das sein liebstes Thema Zauberei und Magie, Beschwörungen und Anbetungen, Hexen und Schamanen, Geister und Dämonen. Leider konnte Jason nicht ganz alles glauben, was Mr. Hunkleton ihm so erzählte. Ob es nun Voodoo Priester waren, die Tote zum Leben erweckten oder indianische Medizinmänner, die Stürme besänftigen konnten. Auch wenn es immer Spannend zuging bei Mr. Hunkletons Erzählungen, die Wahrheiten waren oftmals dünn gesät.

 

Aber Jason ging ja nicht zu ihm, um Wahrheiten zu hören, sondern um sich etwas zu gruseln. Dies gelang Mr. Hunkleton auch immer. Zum Geschichten erzählen gingen Mr. Hunkleton und Jason in die Bibliothek, die mit einem offenen Kamin beheizt werden konnte. Dort standen viele Bücher in verschiedenen Sprachen und Mr. Hunkleton sagte auch oftmals Stolz, daß er fast ein Dutzend verschiedene Sprachen beherrschte. Manchmal, so dachte Jason, erzählt er mir immer wieder eine spezielle Geschichte, doch jedesmal so verdreht, daß man sie nicht direkt vergleichen kann, doch irgend etwas, schien ihm, war immer gleich.

"Es geschah im Jahre... " fing er dann immer an zu erzählen, und nun konnte Jason einer spannenden Geschichte lauschen. Doch um bei dieser einen Geschichte zu bleiben, sie sollte Jason wohl auf die Geschehnisse vorbereiten die vor einer Woche passierten. Niemals hätte Jason erwartet, daß ein Fünkchen Wahrheit in dieser Geschichte stecken könnte. So hat es ihn dann auch sehr überrascht, als er ihm offenbarte, daß er heute, also an dem Tag vor einer Woche, keine Geschichte erzählt, sondern seine wundersame Welt zu sehen bekommen sollte. Nun ab und zu hat er auch schon mal einen getrunken, und so dachte Jason sich, er hat vielleicht zu tief ins Glas geschaut. Doch wie konnte Jason es auch nur erahnen, was kommen und passieren sollte. Mr. Hunkleton führte Jason an eben jenem Tag vor einer Woche nicht wie üblich in die Bibliothek, sondern in den Keller. Da fing es auch schon an, denn das Haus hatte ein zweites, sehr viel tiefer gelegenes Kellergeschoß. Es mußte nachträglich gebaut worden sein, denn zuerst führte ein Treppenschacht etwa zwanzig oder gar dreißig Meter nach unten. Jason war sich nicht einmal mehr sicher, ob er sich direkt unter dem Haus befand. Sie konnten ohne weiteres unter dem Garten sein, oder wer weiß wo. Mr. Hunkleton öffnete jedenfalls die Tür und trat in einen dunklen Raum ein. Mit dem Strahl seiner Taschenlampe zeigte er auf einen Stuhl, auf den Jason sich setzen sollte. Er selbst ging dann in eine andere Ecke des Raumes.

 

Mr. Hunkleton sorgte dann für Licht aus einem Kohlebecken und einigen Fackeln, die an den Wänden befestigt waren. Aus einer riesigen eichernen Truhe nahm er eine neue Fackel entflammte diese am Kohlebecken und steckte sie in einen leeren, dafür vorgesehenen, Halter an der Wand.

Der Raum war etwa zehn mal zehn Meter groß und außer der großen Truhe, einem Bett, einem Tisch, um den vier Stühle standen, war er leer und schmucklos, d.h. noch die Tür durch die sie hereinkamen und eine weitere Tür, die durch einen Balken verriegelt war.

 

Mr. Hunkleton kramte derweil eine Kristallkaraffe aus der Truhe und zwei kristallene Sherrygläser. Bisher hatte Jason erst einmal Sherry getrunken und das heimlich bei seines Vaters Geburtstag. Mr. Hunkleton stellte die Karaffe und die Gläser auf den Tisch und schenkte ein.

"Jason, du weißt, daß meine Frau und mein einzigstes Kind gestorben sind. Nun dieses Haus muß ich irgendwann einmal weitergeben und es kann nicht mehr lange dauern. Du bist der einzigste, der meine Aufgabe würdevoll weiterführen kann, doch will ich dir erst einmal zeigen worum es geht."

Er trank einen Schluck von seinem Sherry und bat auch Jason mit einer höflichen Geste zu trinken. Der Sherry lief wie Öl seine Kehle hinunter und er schmeckte gut, viel besser als der seines Vaters. Mr. Hunkleton sah ihn einige Minuten an, dann schaute er auf die Tür hinter sich, die noch tiefer ins Erdreich vorstoßen sollte, wie Jason bald erfahren würde. Dann begann er erneut von seinem seltsamen Besitz zu sprechen, den Jason erben sollte: "Jason, du bist siebzehn Jahre alt und ich weiß es wird nicht unbedingt einfach für dich in drei bis vier Jahren mein Erbe anzutreten, es war auch für mich nicht einfach damals vor fünfzig Jahren. Doch ich weiß, daß du in den nächsten Jahren vieles lernen mußt weil du sonst nicht als Bewacher und Hüter dieses Platzes in Frage kommen kannst und ich muß anfangen dich zu lehren, was du wissen mußt.". Nach diesen Worten stand er auf und ging erneut zu der großen Truhe. Er holte einen Schlüsselbund und einen alten Säbel hervor, den er sich am Gürtel befestigte. Die Fackel die er am Anfang in den Halter gesteckt hatte, holte er nun und löschte alle anderen Fackeln. Nur das Kohlebecken erhellte den Raum, gespenstisch.

 

Er ging zu der zweiten Tür, hob den Balken beiseite und stellte ihn gegen die Wand. Dann schloß er die Tür auf. Er drehte sich zu Jason um "Du brauchst keine Angst zu haben, auch wenn es dir schwer fallen wird, sie nicht zu haben.". Er drückte die Klinke nach unten und die Tür schwang leise auf.

Mr. Hunkleton ging mit der Fackel durch den seltsamen Gang voran, dieser ging langsam nach unten. Nach etwa hundert, vielleicht auch mehr Metern, begannen diese seltsamen Laute, die nicht enden wollten. Ein Schlürfen kam dort von unten herauf und es hörte und hörte einfach nicht auf, es war unnatürlich und grotesk zugleich. Angewidert blieb Jason stehen, doch Mr. Hunkleton zerrte ihn weiter und weiter, tiefer und tiefer. Dem Gang schloß sich eine endlos anmutende Treppe an. Es mußten zwei- vielleicht auch dreihundert Stufen gewesen sein, die Jason gelaufen war, bis Mr. Hunkleton vor einer Tür stehen blieb. Hinter der Tür hörte Jason dieses Schlürfen, doch das Geräusch war nur eines von vielen. Auch glaubte er leise Klageschreie zu hören die vielleicht von Menschen stammten. Mr. Hunkleton blieb einige Sekunden regungslos vor der Tür stehen, dann drehte er sich ruckartig um und sah Jason an. Der stand da und starrte auf die mit Eisen beschlagene Tür. "Jason, du mußt unbedingt bei mir bleiben, hab keine Angst es wird nichts geschehen, solange du bei mir bleibst. Hast du das verstanden?" fragte Mr. Hunkleton, Jason nickte, denn zum Sprechen war sein Mund zu trocken. An das was Jason hinter der Tür alles zu sehen bekam wird er sich noch lange erinnern, sehr lange nach seinem Tode wird er noch das alles vor sich sehen.

 

Mr. Hunkleton öffnete die schwere Tür, obwohl er eine Fackel dabei hatte schien es Jason als würde es dunkler werden, viel dunkler. Das lag aber nur daran, daß sie von dem Gang direkt auf eine breite steinerne Brücke kamen, die einen endlos tiefen Graben zu überspannen schien. Die Brücke war vielleicht zweihundert Meter lang, auf der anderen Seite war wiederum eine Öffnung im Fels. Jason schaute nach links und rechts, da war einfach nichts zu erkennen, nur die totale Finsternis, ebenso oben und unten. Da, was war das, da stand etwas schwarzes, schwärzer als die dunkelste Dunkelheit und diese Körperform erinnerte an einen nicht festgewordenen Pudding, doch ein Pudding bewegte sich nicht auf eine solch obskure Weise. Es hatte einen viel zu großen Kopf auf einem viel zu langen und zu dünnen Hals, die Hälfte des Gesichtes war durch ein breites Maul ausgefüllt, in diesem Maul waren viele große Zähne die unordentlich in einer krummen Reihe standen. Diese Zähne waren gelblich braun und von einem widerlichen Aussehen. Jason drehte sich um, Mr. Hunkleton war mindestens zehn Meter vor ihm, nur noch schwach drang das Licht zu ihm durch. Er rannte los und erreichte ihn, bevor ihn dieses Wesen hätte erreichen können. Jason zitterte am ganzen Leib, Schweißperlen rannen an seinem Gesicht herunter und vermischten sich in der nähe seiner Mundwinkel mit Tränen. Gemeinsam erreichte dieses Gemisch dann leicht die Kinnspitze wo es sich zu großen Tropfen versammelte, um kurz darauf auf das Hemd von Jason herabzutropfen. Doch Mr. Hunkleton schien das nichts auszumachen, denn fast munter schien er weiterzugehen.

Jason wurde warm und kalt, endlich hatten sie das sichere Ende der Brücke erreicht. Mr. Hunkleton schritt in den dunklen Gang ein und erhellte ihn ein wenig mit seiner Fackel, er drehte sich um und winkte Jason zu, ihm zu folgen. Der tat es bereitwillig, denn allein da stehen zu bleiben war viel verrückter, als dem wahnsinnigen Mr. Hunkleton zu folgen. Doch Jason ahnte nicht, was ihn gleich erwarten würde, denn sonst wäre er lieber stehen geblieben. Der Gang führte vielleicht dreihundert Meter geradeaus. Von vorne war ein schwacher Lichtschein zu erkennen, der stärker wurde je näher sie herankamen. Dann endete der Gang. Sie standen fast ganz oben auf einer Art Treppe, die in einem Kegel an der Wand kreisrund nach unten und nach oben führte. Nun Jason stand fast ganz oben und so sah er den größten Teil dieses Kegels von oben herab. Es war abscheulich um nicht zu sagen es sah tödlich gefährlich aus und er war allein mit Mr. Hunkleton und diesen Kreaturen. Unten in der Mitte der Halle saß ein menschenähnliches Wesen auf einem steinernen Thron. Es hatte spitze Ohren und ein riesiges Maul, daß zum Teil an die schwarze Masse draußen bei der Brücke erinnerte, doch es war beharrt hatte zwei, wenn auch sehr kurze, Beine, war stämmig und sah irgendwie gefährlich aus. Vor allem die Augen, diese tiefen schwarzen Augen, die glanzlos aussahen und vernichtend. Er, es sah aus als wäre es männlich, saß auf einer Art Thron aus Stein, um ihn herum lagen Knochen von was oder wem auch immer, und das Wesen selbst lutschte gerade bei einem dieser Knochen das Mark aus. Aber es war nicht allein, um es herum waren noch einige dieser schwarzen Wesen, es konnte nicht noch schlimmer werden und doch wurde es das, als Jason die anderen Wesen sah.

 

Aus einer Art Gang, der wohl von einem anderen Keller oder sonstwoher kommen mußte, kamen zwei seltsame Wesen. Sie sahen aus wie steinzeitliche Fische, doch hatten sie Arme und Beine und das Gebiß war zehnmal schlimmer als das eines jeden Hais, auch hatten sie Stachel an vielen Stellen ihres Körpers. Sie waren grün, etwa so wie Seetang, und ihr Bauch war weißlich, wie bei Fischen eben. Doch das war noch lange nicht alles, Jason sah ein weiteres Wesen, welches ihn noch oft in seinen Träumen heimsuchen sollte. Es war groß, viel größer als all die anderen Kreaturen und es war häßlich. Es sah aus wie ein riesiger fliegender Regenwurm mit unendlich vielen spitzen Stacheln, sogar die Farbe war die des Regenwurmes. Doch dieses gräßliche Maul war es und als es sah wie Jason es anstarrte öffnete es das Maul oder verzerrte es vielmehr zu einer Art Grinsen. "Jason, Jason", Mr. Hunkleton rüttelte an Jason, "komm! Er hat uns zu sich gerufen!". Jason blieb stehen, dann schüttelte er den Kopf und starrte Mr. Hunkleton an. Dieser schien merklich unruhig zu sein, denn er hatte damit gerechnet, daß Jason über all das erfreut wäre, doch er war es nicht.

 

Wie sollte er auch erfreut sein über ein solches Sammelsurium grotesker Masken die ihn anstarrten. Widerlich sabbernd, seltsame glucksende Laute von sich gebend, in wahnwitzigen Formen und Farben. Nur eines hatten alle Wesen gemein, sie sahen gefährlich aus.

Mr. Hunkleton zerrte Jason die Treppe nach unten, er hatte aufgehört zu weinen, doch der Schweiß floß weiterhin in Bächen an seinen Wangen, seinem Hals oder sonstwo herunter. Soweit war die Welt noch in Ordnung, dachte Jason, der Schweiß läuft noch nach unten. So liefen sie an Höhlen und Gängen vorbei und Jason schreckte manchmal zurück, wenn ihn etwas aus der Finsternis anstarrte.

 

Doch bald hatte er abgeschaltet, rechtzeitig denn kurz darauf stand er unten, vor dem Wesen auf dem Thron und es sah ihn weiterhin an. Jason schaute mit reglosen Augen auf die Wesenheit auf dem steinernen Thron, als er auf einmal etwas hörte.

"Du sollst in Zukunft diese Stätte der Zuflucht bewachen, Sterblicher. Eigentlich bist du ein Wurm, den ich mit der bloßen Hand zerdrücken könnte und es wäre mir ein leichtes dies zu tun. Dein Vorgänger, der neben dir steht, wird bald in ein anderes Land ziehen, ein Land, in dem er ein großes Haus besitzt und viel Geld. Du wirst dir im Laufe deiner Aufgabe das gleiche verdienen können und auch du wirst das Wissen erlangen um in dieses Land übersiedeln zu können, wenn deine Zeit gekommen ist. Ich will natürlich, daß du deine Aufgabe gut tust, denn sonst könnten wir hier nicht mehr lange existieren und auch du mußt den Eid schwören. Nicht heute, sondern erst dann, wenn wir Mr. Hunkleton ziehen lassen. Ohne einen Wächter hätten uns die Menschen schon lange vernichtet und es gäbe uns nicht mehr. Für dich, der du uns zum erstenmal siehst, mögen wir scheußlich aussehen und abstoßend wirken, aber lasse dich nicht durch unser Äußeres erschrecken.". Das Wesen erzählte weiter, es können Stunden gewesen sein, Jason erwachte erst wieder, als er an der Schreibmaschine saß und den anonymen Brief schrieb.

 

Auf einmal schauten alle in der Klasse aus dem Fenster, vor dem Hunkleton Haus standen Armeelastwagen und schwerbewaffnete Soldaten stürmten das Gebäude. Nach etwa drei Stunden kamen die Soldaten wieder raus, vielmehr das, was davon übrig war. Es waren nicht einmal mehr die Hälfte. Die anderen waren noch unten, Detonationen folgten und das Haus begann zu brennen. Tage später patrouillierten noch immer Soldaten an dem verkohlten Schutthaufen des einstmals schönen Hauses des Veterinärs Mr. Hunkleton.

Doch keiner sollte je von dem Schrecken erfahren, der ihm Keller gehaust hatte oder noch hauste? Außer den wenigen Soldaten, die überlebt hatten und Jason, der träumte und dann traf er Mr. Hunkleton im Traum. Doch das ist eine andere Geschichte.

 

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Erstellt: 31.12.2005, zuletzt aktualisiert: 18.01.2015 02:16