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Magic: The Gathering - Trading Card Guide

Rezension von Christian Endres

 

Das »Almanach« zur Mutter aller Sammelkartenspiele

– ein 1500-Seiten Monster scheinbar direkt aus Dominaria ...

 

Richard Garfield, der geistige Vater des Sammelkartenspiels Magic: The Gathering (zu Deutsch Magic: Die Zusammenkunft), brachte 1993 bei Spiele-Hersteller Wizards of the Coast die Mutter aller Tradingcardgames ins Rollen. Noch im August desselben Jahres erschienen die ersten Karten mitsamt Regelbuch. Seit dem ist die Erfolgsstory von Magic eine Geschichte mit Höhen und Tiefen – dennoch kann Magic von und für sich behaupten, wolkenverhangene Gipfel im Angesicht der Sonne mindestens ebenso oft erstürmt zu haben wie finstere Täler durchschritten. Und trotz allem Hypes um Pokémon und Konsorten, welche in den letzten Jahren ein großes Stück vom Karten-Kuchen abhaben wollten, ist es nach wie vor Garfields phantastisches Ur-Fantasy-Game, das nach diversen Re-Designs und einer Regelbesinnung auf klassische Karten einflussreich die Spieltische rund um den Globus beherrscht.

 

Man kann die Faszination von Magic und jedem anderen Sammelkarten-Spiel [mit phantastischem Hintergrund] leicht zusammenfassen, wenn man sich die beiden glänzenden Säulen betrachtet, auf deren Rücken diese Art von Unterhaltung ruht: Die eine Säule ist freilich die des Eskapismus, die andere die unseres genetischen Erbes als Jäger und Sammler. Phantastische Welten locken uns seit jeher, damit wir uns in ihnen verlieren und den grauen Alltag vergessen. In der Literatur entstehen diese Welten in unseren Köpfen, ab und an illustriert oder in einem Comic oder einer Verfilmung visualisiert – in der Welt von Magic: Die Zusammenkunft aber sind es zu 80% die Illustrationen, in denen wir uns verlieren. Es ist eine phantastische Welt, durch die das Weltenschiff Wetterlicht seine bunte, nicht weniger phantastische Crew befördert, und auch die Eiszeit sowie all die Trugbilder und Visionen, die es zuvor zu sehen gab, und ... – ach, eigentlich haben alle Editionen ihren Teil dazu beigetragen, die in jederlei Hinsicht phantastische Welt von Magic mit Leben, Schicksalen und Begebenheiten zu füllen und diesen riesigen Fantasy-Kosmos ständig zu erweitern, sodass man sich immer leichter und tiefer darin verliert. Volrath der Gefallene, sein Kommandant Greven il-Vec, Karn der Silbergolem, Sierra und ihre Engel, der legendäre Urza und die Bruderkriege, die Felsenburg, Mirri die Katzenkriegerin, Hakim der Erzähler, Eldamri und Multani, die Herren des Waldes, Weltenwanderer, Monster, Helden – es ist ein endloses Fantasy-Ballett, das durch die Welt von Magic tanzt und Spieler wie Sammler einfach mitreißt, wenn man eine gewisse Affinität zur Phantastik sein eigen nennt.

 

Jagen. Sammeln. Das sind Urinstinkte, die in jedem von uns schlummern und von Zeit zu Zeit immer wieder angesprochen werden – die zweite Säule. Unbeschreiblich und für Nicht-Sammler nur schwer nachzuvollziehen ist das Gefühl, eine glänzende, funkelnde Booster-Packung aufzumachen, den charakteristischen Duft der 15 frischen Karten darin einzuatmen und sich auf die drei Uncommons, die eine Rare und die elf Commons zu stürzen und zu schauen, was das Glück einem gebracht hat. Und dann die Option des Tauschens, des gezielten (aber etwas langweiligen ...) Kartennachkaufens, und und und – wer früher Fußballsticker zu den Welt- und Europameisterschaften gekaufttauscht hat, weiß, was für ein besonderes Gefühl, was für ein Kitzel gemeint ist. Ob es nun niedere Instinkte sind oder nicht, archaische Überbleibsel in unserer sonst so rational strukturierten Welt – es gibt kaum etwas Schöneres, als nach langer Zeit, vielen Mühen und verwinkelten Tauschzügen endlich die lang herbei gesehnte Karte in den Händen zu halten oder in die entsprechende Lasche im Sammelordner zu stecken. Eine Magic-Sammlung ist insofern auch immer ein Stück weit eine Sammlung privaten Glücks, gefüllt mit der Befriedigung und der Hochstimmung des verzückten Sammlers und befriedigten, grunzenden Jägers, der seine Beute nach mehr oder minder langem oder harten Kampf erlegt hat.

 

Ordner? Folien? Ja, sicher! Und Preiskataloge, Magazine, Comics, Romane, Kartenboxen im Spieldesign, Hüllen, Poster, Computerspiele, die legendäre Pro-Tour für professionelle Spieler inklusive Preisgeldern, Promo-Karten, Themendecks – das Magic-Franchise ist ebenso mannigfaltig wie gewinnbringend. Kein Wunder also, dass irgendwann – und ich denke, hier hat auch die rasante Entwicklung der technischen Möglichkeiten und des Desktop Publishings eine entscheidende Rolle gespielt – jemand auf die Idee kam, einen Katalog für Sammler und Spieler zu erstellen, in dem bis zu einer gewissen Deadline/Edition alle Karten abgebildet sind.

 

Das Ergebnis: Über 12.000 Karten bis zum Ravnica-Block, chronologisch sortiert nach Editionen, Stand Alone oder Starter, von Alpha mit dem legendären Black Lotus bis zur Neunten Edition, von den Allianzen bis zu Urzas Saga, von Invasion bis zur Spaß-Edition Unglued – hier ist alles drin! Fein säuberlich nach Farben sortiert und nach Spielwert mit einem Punktesystem bewertet, sind sie zwischen den Buchdeckeln dieses 1500-Seiten Monsters aufgereiht, die magischen Magic-Monster, die Zauberer und Helden und Legenden, die Orks und Goblins, Zwerge und Viashinos, Oger und Minotauren. Zwar gibt es Kartenabbildungen und Kartennamen ‚nur’ im englischen Original, doch sollte sich daran kaum jemand stören – erstens gab es auch hierzulande schon immer eine stattliche Zahl Sammler, die nur englische Karten kauften und spielten, und zweitens macht die originale Kartenversion in der Weltsprache und obendrein Muttersprache des Games bei einer Co-Produktion für Deutschland, Frankreich und Italien durchaus Sinn.

 

Trotz seines imposanten Umfangs und seiner enormen Rückenstärke überzeugt das Hardcover im A5-Format aus dem Fantasia Verlag vor allem durch eine saubere, stabile und dennoch stets sehr lesefreundliche Verarbeitung sowie eine ansprechende Gestaltung, zu der natürlich auch das plakative Cover mit dem Motiv von Greg Stapels gehört. Doch zurück zum stattlichen Umfang und der beeindruckenden Dicke des Guides: Man kann den gewichtigen Band immer noch ohne Probleme in die Hand nehmen, das Durchblättern und Stöbern ist ungeachtet seiner Masse die reinste Freude, und auch wenn die Karten nicht in Originalgröße abgebildet sind und um gut die Hälfte verkleinert wurden, erkennt man bis auf einige Ausnahmen noch alles ohne größere Probleme, wenn man sich denn erst einmal an das Format gewöhnt hat und von der Wunschvorstellung betreffend einer Abbildung in Originalgröße Abstand genommen hat. Hinzu kommen ein rudimentäres Vorwort zum Spiel und seiner dramaturgischen Geschichte in drei Sprachen, eine Übersicht aller Editionen samt Erscheinungsjahr sowie das clevere Quickfinder-System, wie man es auch aus der TV-Zeitschrift kennt – in diesem Fall garniert mit Editions-Symbol. Perfekte Übersicht ist hier garantiert.

 

Fazit: Über 12.000 farbige Karten-Abbildungen auf fast 1500 Seiten, eine phantastische Aufmachung im robusten, aber dennoch lesefreundlichen Hardcover sowie eine genial einfache Strukturierung des Guides sprechen im Grunde schon deutlich genug für sich. Wäre der »Magic: The Gathering Trading Card Guide« eine Karte des beliebten Sammelkarten-Spiels (etwa eine braun umrandete, legendäre Artefakt-Kreatur aus der Spaß-Edition Unglued), dann würde in der rechten unteren Ecke der Karte freilich zwei mal eine zehn stehen – oder doch eher ein * und im Kartentext die entsprechende Bemerkung, dass Angriffs- und Widerstandskraft des dicken Bandes gleich der über 12.000 abgebildeten Karten in seinem Inneren sind?

 

Einziger wirklicher Wermutstropfen ist die notwendige Verkleinerung der Karten – ab und an wünscht man sich einfach die Originalgröße, wenn eines der vielen gelungenen Motive der Magic-Künstler nicht 100%ig zur Geltung kommt. Dies tut aber weder der Übersichtlichkeit, noch dem Anspruch auf Geschlossenheit und den kompletten Abdruck der Editionen einen Abbruch.

 

Egal ob passionierter Sammler oder begeisterter Spieler, egal ob aktiver Kartenjäger oder nostalgischer Sammlungsverwalter – wer hier nicht zugreift, ist selbst Schuld! Und verpasst die vielleicht einzigartige, einmalige Gelegenheit, alle seit 1993 erschienen Magic-Karten bis einschließlich den drei Ravinica-Editionen um den Gildenpakt zu sehen.

 

Keine Frage: Dieser Guide ist der Black Lotus unter den sekundärliterarischen Werken zu Magic: Die Zusammenkunft.

 

 

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Buch:

Magic: The Gathering

Trading Card Guide

Hardcover, 1472 Seiten

Fantasia Verlag, August 2006

ISBN: 3935976429

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Erstellt: 08.05.2007, zuletzt aktualisiert: 23.08.2019 12:38