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Menschenfresser der Liebe herausgegeben von Joseph Felix Ernst und Philip Krömer

Reihe: Seitenstechen #3

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Wir essen wie wir lieben: einmal gierig, ein anderes Mal voller Genuss. Diese auf den ersten Blick unvereinbaren Bereiche unseres Lebens – das Essen und das Lieben – erweisen sich bei näherer Betrachtung als zwei Seiten derselben Medaille.

Der Band »Menschenfresser der Liebe« macht die Verbindungen sichtbar, indem er uns mitnimmt zu Liebenden und Hungernden, zu Süchtigen und Kannibalen. Die Erzählungen und Gedichte der zeitgenössischen AutorInnen bilden dabei im Wechselspiel mit den klassischen Werken ein opulentes Menü, in dessen Verlauf Tabus gebrochen werden und einige Herzen. Wir essen, wen wir lieben. Bon appétit!

 

Rezension:

Die dritte Ausgabe der jährlich im homunculus verlag erscheinenden Literaturzeitschrift Seitenstechen widmet sich dem weiten Feld der Menschenfresser der Liebe.

Dabei werden klassische und neue Werke zu einem Ganzen zusammengesetzt. Als redaktioneller Kontext dienen lediglich ein Vorwort und die Biographien der beteiligten Künstlerinnen und Künstler. Die Texte sind entsprechend eines mehrgängigen Menüs zusammengestellt, jeder Gang weist mit einer doppelseitigen Grafik auf den Zustand unseres gedeckten Tisches hin und somit auf die abnehmende Zahl unseres Bestecks. Auch für die Überschriften griff man auf eine ungewöhnliche Gestaltung zurück und setzte sie schräg zum Text. »Menschenfresser der Liebe« entwickelt dadurch eine moderne Eleganz, die sehr gut zum grundlegenden Sound der Ausgabe unter der Herausgeberschaft von Joseph Felix Ernst und Philip Krömer passt.

 

Der Großteil der Texte besteht aus Szenen, Betrachtungen, Sprachexperimenten mit ganz unterschiedlichen Universen. Die Themen spiegeln die Bandbreite nichtphantastischer deutschsprachiger Literatur wider. Nicht allen gelingt es, über die technische Ebene hinaus mit einer interessanten Geschichte zu begeistern. Dabei ist das Spiel mit Form und Farbe der Sprache durchaus bunt und vielseitig, aber nur selten werden die künstlerischen Mittel auch tatsächlich angewandt. So vermittelt »Menschenfresser der Liebe« vor allem einen Eindruck von literarischen Möglichkeiten mit einigen ganz besonderen Höhepunkten.

 

Den ersten Gang leiten drei Gedichte von Ulrich Koch ein, der mit seinen überraschenden und ebenso präzisen Bildern den Großteil der Lyrik des Bandes überragt.

 

Lena Ruby folgt dem poetisch nach und kombiniert in dich jagen schwelgende Sätze mit einer twistgetriebenen Jagdszene.

 

Den zweiten Gang darf Sheik Nefzawi mit seinem Der duftende Garten veredeln. Die Tipps aus der Zeit um 1500 bieten einen sehr imposanten Einblick in die Möglichkeiten, männliche Glieder größer zu machen.

 

Einem ähnlich sinnlichen Problem widmet im sich Dritten Gang der Florentiner Dante Alighieri. Vita Nova – Das neue Leben ergründet die Chancen, sich korrekt zu erklären und liefert den Beweis, dass ein Sonett mehr aufzeigen kann als jede weitschweifige Begründung.

 

Eine wunderbare Ergänzung dazu ist liebe heißt von Simon Bethge, das den Dritten Gang beschließt.

 

Das Fischgericht wird passenderweise von einer Reihe Fischgedichten eingeleitet. Die Sinnlichen Verführungen von Bastian Kienitz bieten gedankenumspülte Sprachwellen, die sich von sanftem Plätschern bis zu einem bissigen Angriff auf den Strand der Haut steigern.

 

Als skurrile Dreingabe berichtet der hessische Landsknecht Hans Staden von seinen Erlebnissen in Die wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser-Leute. Ein Gruß aus dem 16. Jahrhundert und zugleich ein anthropologisch hoch interessanter Beitrag zum Menschenfresser-Thema, egal wie glaubwürdig der Bericht auch tatsächlich sein mag.

 

Zwei ganze Leben in Versen präsentiert Michael Spyra in Die Berichte des Voyers. Der balladeske Text entwickelt sich langsam, fängt dann aber mit den innewohnenden Geschichten.

 

Deutlich experimenteller eröffnet Crauss den Sorbet-Gang. le dialogue des carmélites ist ein sprachlich packendes Gedicht, dessen Lesart sich zwischen Bösartigkeit und sexueller Fristration windet, mit Untertönen allein durch die meisterliche Handhabung der Wiederholung als dichterisches Mittel.

 

Ein Kapitel aus dem Kamasutra von Vatsyayana Mallanaga darf nicht fehlen, denn es befasst sich mit dem Beißen beim Liebesspiel. Ein Gericht, das vielleicht nicht jedermann zum Nachahmen verleiten wird, zumindest nicht in voller Bissbandbreite.

 

Leider nur ganz kurz, dafür sehr sympathisch lakonisch und wunderbar passend präsentiert sich als letztes Sorbet dein Auge auf meiner Stirn von Marlene Gölz.

 

Fast im selben Ton eröffnet Christopher Ecker mit Zitronenarm den großen Fleischgang. Ein leichtfließender Text mit so sinnlichem wie grauenhaften Erregungspotential.

 

Erstaunlicherweise irgendwie immer noch auf eine traurige und makabre Art passend ist die sarkastische Satire von Jonathan Swift Ein bescheidener Vorschlag.

Seine Ideen zur Lösung der Hungersnot in Irland sind so beißend, dass man ihre aufrührerische Gefährlichkeit sich durch all die Jahrhunderte hinweg tief ins Fleisch eingraben spürt.

 

Auch Walter Benjamin liebte die provozierende Sprache. Frische Feigen leitet das Dessert ein und erstaunt mit dem derben, kraftvollen Ekel, der sich von Satz zu Satz steigert und der süßen Frucht auch noch das letzte Bisschen Wohlgeschmack raubt.

 

Nach dem Mahl bleibt in Summe eine zufriedene Sättigung zurück. Für die nächste Ausgabe könnte man allerdings noch ein paar weibliche Stimmen mehr involvieren.

 

Fazit:

Das dritte Seitenstechen »Menschenfresser der Liebe« herausgegeben von Joseph Felix Ernst und Philip Krömer kredenzt eine Reihe nahrhafter Texte, wobei vor allem die lyrischen und klassischen Beiträge überzeugen.

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Buch:

Menschenfresser der Liebe

Reihe: Seitenstechen #3

Herausgeber: Joseph Felix Ernst und Philip Krömer

Taschenbuch, 181 Seiten

homunculus verlag, 01. März 2018

Cover: Joseph Felix Ernst

 

ISSN 2364-7728

ISBN-10: 394612058X

ISBN-13: 978-3946120582

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Ulrich Koch – Gedichte
  • Lena Rubery – dich jagen
  • William Blake – Die kranke Rose / The sick rose
  • Jan Snela – Frühstück
  • Johann Wolfgang von Goethe – Todeslied eines Gefangenen
  • Immanuel Reinschüssel – Molekülebene
  • Julia Grinberg – ouroboros
  • Peter Zemla – Aufsehen
  • Sheik Nefzawi – Der duftende Garten
  • Harald Kappel – Weiß nicht
  • Dante Alighieri – Vita Nova – Das neue Leben
  • Alke Stachler – Gedichte
  • Ludwig Uhland – Der Kastellan von Coucy
  • Jonis Hartmann – Tage im All
  • Simon Bethge – liebe heißt
  • Bastian Kienitz – Sinnliche Verführungen
  • Hans Staden – Die wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser-Leute
  • Lasse Jürgensen – Heinrich Institoris
  • Michael Spyra – Die Berichte des Voyers
  • unbekannt – Bibel: Lieder Hingabe und der Verzweiflung
  • Crauss – le dialogue des carmélites
  • Vatsyayana Mallanaga – Kamasutra
  • Marlene Gölz – dein Auge auf meiner Stirn
  • Christopher Ecker – Zitronenarm
  • Dieter Schönecker – vor den speisen / auf der wiese
  • Heinrich von Kleist – Penthesilea
  • Caroline Hartge – der dunklen schwester
  • Giambattista Basile – Der Floh
  • Manfred Kern – Die Liebe im Krieg
  • Peter Paul Wiplinger – kindergefängnis
  • Sigune Schnabel – Kindertage
  • Gorch Maltzen – Was passiert, wenn man in einen Vulkan springt
  • Eckard Sinzig – Il faut que je m’en aille
  • Timo Brandt – Man könnte meinen, alles wär Prärie, vor allem die menschliche Seele
  • Jonathan Swift – Ein bescheidener Vorschlag
  • Walter Benjamin – Frische Feigen
  • Armin Steigenberger – kannibalische kirschen
  • Stefan Heyer – Verloren, das Paradies
  • Marina Büttner – Götterspeise
  • Eugen Egner – Staub und Strahlen

Weitere Infos:


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Erstellt: 08.03.2018, zuletzt aktualisiert: 08.03.2018 21:19