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Middlemarch von George Eliot

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Im englischen Örtchen Middlemarch verflechten sich vor dem Hintergrund der beginnenden Industrialisierung die Schicksale mehrerer Personen: Die junge und idealistische Dorothea Brooke erhofft sich von der Ehe mit dem Gelehrten Casaubon geistigen Austausch. Dr. Lydgate soll das neue Hospital leiten und freit um die schöne Rosamond. Deren Bruder Fred wiederum wirbt lange vergeblich um die Bauerstochter Mary ... George Eliots (eigtl. Mary Anne Evans, 1819 1880) virtuos komponierter Roman ist ein Meisterwerk realistischer Literatur: Mit ungeheurer erzählerischer Finesse entwirft er ein ebenso getreues wie dichtes Gesellschafts- und Sittenporträt der englischen Provinz im Viktorianischen England.

 

Rezension:

Es müssen sehr lange Winter gewesen sein, in denen die Leserinnen und Leser nach 1872 Middlemarch zum Erfolg werden ließen, so umfassend und inhaltlich dick gewebt ist das Band aus Geschichten, welches George Eliot hier vor uns ausbreitet.

 

Sie spielen um 1830 irgendwo im Herzen Englands und damit zeitlich vor Queen Victoria. Jedoch spiegelt sich das nach ihr benannte Zeitalter in den moralischen Seiten der Figuren, ganz besonders in den weiblichen, denen George Eliot mit spürbarer Anteilnahme tief ins Herz schaute.

Das Zeitgeschehen spielt nebenher auch eine gewisse Rolle, da durch die Reform des Wahlrechts 1832 das Unterhaus im britischen Parlament derartig gestärkt wurde, dass König Wilhelm IV. eine Regierungsumbildung 1835 nicht mehr durchsetzen konnte. Im Roman spielt dieser Machtkampf eine eher die männlichen Hobbys illustrierende Nebenrolle.

Middlemarch ist ein typischer, ländlicher Ort. Umgeben von Gütern und Herrenhäusern, bunt durchmischt von adligen Familien, reichen Bürgern und Pfarrern, die von ihren Pfründen ganz gut leben können. Das Leben dreht sich um die Landwirtschaft, gesellschaftliche Verpflichtungen, die bereits erwähnte Politik und natürlich die Zukunft der Kinder.

Je nach Stand erhoffen sich die Eltern einen Aufstieg, zumindest aber keinen Abstieg, denn Ehre und Anstand gilt es zu wahren.

Besonders für die Mädchen gibt es innerhalb dieser Schichten diverse Schwierigkeiten.

Zentrale Figur, auch wenn sie nicht immer im Fokus steht, ist die ernsthafte und nachdenkliche Dorothea. Zusammen mit ihrer Schwester Celia lebt sie bei ihrem Onkel, einem gutmütigen, etwas impulsiven und exzentrischen Gutsherrn, der es sich leisten kann, seine Nase in verschiedene Projekte zu stecken, auch wenn ihm vom allen Seiten Gegenwind droht.

Obwohl auch ein adliger Nachbarssohn ihr den Hof macht, ist Dorothea ganz von der Intelligenz und geistvollem Gerede des Pfarrers Casaubon eingenommen, der zu Themen sprechen kann, die ihr schon immer am Herzen liegen und obwohl der alte Hagestolz nur für sein großangelegtes Projekt, eine Abhandlung über Mythen zu schreiben lebt, kann er sich der blühenden Mädchenverehrung nicht verschließen. Sehr zum Entsetzen aller Verwandten und Bekannten macht Casaubon Dorothea einen Antrag und sie nimmt ihn an. Endlich ein Mann, der mit seinem Geist ihren zu neuen Ufern führen kann!

Doch Verehrung ist nicht Liebe und hinter manchem geistvollen Projekt verbirgt sich ein ganzer Friedhof von Lebenszeit. Dorotheas Wunsch nach Bildung wird nicht erfüllt. Casaubon sebst scheitert an Entscheidungsmangel und traut letztlich einer Frau auch gar nicht zu, seine Gelehrtheit zu erreichen.

 

Während Dorothea so dem Heiratsmarkt entzogen wird, bleibt es in der Nachbarschaft spannend. Ein junger Arzt zieht mit neuen Ideen und ferner hochadliger Verwandtschaft nach Middlemarch. Genügend Möglichkeiten, sich in politische und weibliche Fallstricke zu verwirren. Diese weibliche Fessel heißt Rosamond. Verwöhnt und gut behütet aufgewachsen, liebt sie den Glanz und den Schein. Ihre Oberflächlichkeit reicht bis zum Ausblenden der Realität. Selbst in der schlimmsten Krise versucht sie mit allen Mitteln, das ersehnte Leben zu erreichen. Es ist eine literarische Meisterleistung, dass es George Eliot gelingt, diese doch recht simple scheinende Prinzessinnenfigur in warmherziger Tiefe auszuloten. Das Drama um das Scheitern von Lebensentwürfen ist trotz aller Bitterkeit stets auch ein von Hoffnung geprägter Weg.

Man kann Rosamond als Gegengewicht zu Dorothea verstehen. Als extreme Seiten einer weiblichen Lebens-Perspektive. Rosamond erwartet, dass ihr Mann dafür sorgt, sie glücklich zu machen, ihr also Reichtum, Ansehen und Romantik beschert. Dorothea hingegen sucht eine Aufgabe, möchte helfen, Gutes bewirken. Egoismus gegen Altruismus.

Trotzdem sind beide Figuren wesentliche Fassetten des englischen Frauenbildes. Rosamond wurde gar nicht erst für eine realistische Betrachtung der Welt erzogen und auch Dorotheas Idealisierung der Gelehrsamkeit ihres Mannes ist im großen Maße anerzogene Weltfremdheit und noch kindlich naiv.

 

Doch dieser Figuren-Antagonismus Dorothea/Rosamond ist nur einer von vielen Strängen im dichten Geflecht des provinzialen Lebens, den uns Eliot zu studieren vorgibt.

So geht es in einer weiteren komplikationsreichen Liebesgeschichte um einen verantwortungslosen Hallodri, der das Wohl seiner Geliebten und ihrer Familie bedenkenlos aufs Spiel setzt und erst langsam lernt, was es heißt, selbst für die Konsequenzen seines Handelns einzustehen. Auch hier ist es das Mädchen, Mary Garth, die letztlich den klaren Kopf bewahrt, um den Weg für eine gangbare Zukunft zu wählen. Gegen die männlichen Vorstellungen von dem, was gut für sie ist. Das Durchbrechen der Fremdbestimmung erfordert von ihr nicht nur jede Menge Geduld sondern auch Weisheit in einem Maße, wie sie ihr Geliebter Fred nicht besitzt. Nicht ganz unbeabsichtigt fragt man sich, was die kluge Frau an ihm findet.

So sind es auch die Männerfiguren, die am ehesten eine Art negative Rolle spielen, ohne dass Eliot hier tatsächlich verdammt.

Weder Fred in seiner Leichtsinnigkeit, noch Rosamonds Mann Lydgate, der sich mit seinen ärztlichen Ideen gegen Vorurteile durchzusetzen versucht und dabei zahlende Patienten und letztlich seine Lebensgrundlage verliert, geraten zu traurigen Karikaturen. Am deutlichsten wird diese differenzierte Figurenzeichnung jedoch beim Bankier Bulstrode. Ein neureicher Bankier, der sich in Middlemarch einkauft und den seine Vergangenheit einholt, verqickt mit dem Schicksal Dorotheas und ihrer großen Liebe Ladislaw.

George Eliot verknüpft die ganz unterschiedlichen Entwicklungen der Figuren nicht nur mir großer Leichtigkeit und Sinn für dramatische Entwicklungen, sie bedient sich dabei auch einer sehr charmanten Erzählstimme, die allen Figuren gleich wohl gesonnen bleibt, aber mit Schalk und Augenzwinkern Kommentare liefert. Die sich darin offenbarende Warmherzigkeit des Erzählens bildet den größten Anteil am Vergnügen, welches die Lektüre des umfangreichen Werkes bildet. Und doch zeigt sie immer wieder mit spitzem Zeigefinger auf die kleinen gesellschaftlichen Spinnenfäden in denen ganz besonders ihre Frauen fest gefangen sind.

 

Fazit:

»Middlemarch« von George Eliot ist ein tiefer Blick in das Leben einer englischen Kleinstadt und der sie umgebenden Güter zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Standesdenken und Moral bestimmen die Verflechtungen ihrer Bewohner und unterliegen starken Beschränkungen, die mit Glück und Selbstverwirklichung nur selten konform gehen. Mit großer Warmherzigkeit und Augenmerk auf das Schicksal ihrer Figuren lässt George Eliot eine Zeit lebendig werden, in der Männer über Erziehung und Auskommen von Frauen ganz allein entschieden. Eine Zeit, in der eine Träumerin gegen den guten Willen der ganzen Welt kämpfen musste.

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Eure Meinung:

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Buch:

Middlemarch

Original: Middlemarch. A Study of Provincial Life, 1871

Autorin: George Eliot

Übersetzerin: Irmgard Nickel

gebundene Ausgabe, 1207 Seiten

Anaconda Verlag, 2010

Cover: Julius Hübner

 

ISBN-10: 3866475535

ISBN-13: 978-3866475533

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 31.08.2015, zuletzt aktualisiert: 23.08.2019 12:38