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Nach der Bombe von Philip K. Dick

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Sieben Jahre nach dem Dritten Weltkrieg geht das Leben im idyllischen West Marin County unweit von San Francisco seinen gewohnten Gang – fast so, als wäre die Bombe nie gefallen. Die Menschen treiben einen regen Tauschhandel und setzen nach und nach die Errungenschaften der Technik wieder instand. Wenn da nur nicht dieses Mädchen wäre, dessen Zwillingsbruder in ihrem eigenen Körper heranwächst. Wenn da nicht Hoppy Harrington wäre, ein von einem früheren Atomunfall Schwerstbehinderter, der plötzlich rätselhafte telepathische Kräfte in sich entdeckt. Und wenn da nicht dieser Mann wäre, Dr. Bruno Bluthgeld, ein durchgedrehter Atomphysiker, dem ein Nuklearkrieg offenbar nicht genug ist …

 

Rezension:

Die Angst vor einem Atomkrieg ist zwar auch heute noch gerechtfertigt, aber ein so großes Massenphänomen wie zu Hochzeiten den Kalten Krieges, ist sie nicht mehr.

Dass sich auch Philip K. Dick seine Gedanken über eine Zukunft nach dem Atomkrieg machte, verwundert wenig. Allerdings ist Dr. Bloodmoney or how we got along after the bomb keine postapokalyptische Dystopie, wie es sie inzwischen zu Hauf gibt.

Vielmehr nähert sich Dick dem Thema auf eine für ihn typische Weise. Dabei sind zwei Aspekte besonders stellvertretend für viele seiner Texte: Die amerikanische Kleinstadt und die Psychoanalyse.

Zunächst jedoch beginnt alles in einer Großstadt. Wir lernen Stuart McConchie kennen, der vor dem Fernsehgeschäft in dem er arbeitet, die Straße fegt und die Leute beobachtet. Er sieht so den neuen Patienten von Dr. Stockstill, einem Psychiater. Der Patient ist kein geringerer als der Physiker Bruno Bluthgeld, dem die Welt eine Atomkatastrophe im Jahr 1972 verdankt und nun zunehmend psychisch labiler wird.

Im Fernsehgeschäft fängt derweil der Tag mit einer Überraschung an, der Besitzer hat aus Nächstenliebe einen neuen Techniker eingestellt, den schwerbehinderten Hoppy Harrington. Seine Arme und Beine sind stark verkürzt - Phokomelus nennt man sie. Hoppy fährt in einem Wagen, arbeitet mit künstlichen Greifarmen und kann Dinge auf seine eigene Weise reparieren.

Und es gibt noch das Ehepaar Dangerfield, dessen Start zum Mars die ganze Welt am Fernseher verfolgt, auch Bobby und Georg Keller, Freunde von Dr. Stockstill.

Da fallen die Bomben.

Mit ihnen gehen große Teil des bisherigen Lebens unter, aber nicht alles wird zerstört. Sieben Jahre später haben sich die Figuren jede auf ihre eigene Art mit der Veränderung arrangiert. Viele von ihnen leben nun in einer dörflichen Gemeinde einige Kilometer von San Francisco entfernt ...

 

Es ist schwer, Dicks Roman mit einem Abenteuerroman zu vergleichen. Etwaige Erwartungshaltungen an einen SF-Roman werden nicht erfüllt. Vielmehr müht sich Dick, sein Bündel an Figuren fast willkürlich aufeinander einwirken zu lassen. Als Rahmen wählt er eine Art Kleinstadtidylle, die sich aber zunehmend als ziemlich hartes Pflaster erweist. Zwar ist die Zivilisation nicht untergegangen, aber ein normales Leben ist noch lange nicht wieder möglich. Es hat seinen ganz eigenen ironischen Charme, dass die Ordnung von typischen Wohlfahrtsvereinsfrauen aufrecht erhalten wird. In einer ziemlich bösen Szene wird dem neu eingestellten Lehrer klargemacht, warum man seinen Vorgänger hinrichten lassen musste.

Es ist kein Zuckerschlecken, das Leben nach der Bombe.

Das ist das Witzige, die großartige Satire n diesem Roman: Die Katastrophe führt zunächst dazu, dass sich die Welt auf die gute alte Kleinstadt zurückzieht. Auf eine heile Idylle des Mittelstands. Dabei geht Dick zusätzlich davon aus, dass nach dem Zusammenbruch der Ordnung die Leute ganz selbstverständlich zu kapitalistischen Regeln greifen. Man bietet seine Dienste an, Verkauft Dinge, lebt von Inseraten – Staat existiert nur in sehr engen Grenzen. Vielleicht lotet Dick hier Themen aus, wie sie durch Atlas Shrugged von Ayn Rand aufgeworfen wurden.

 

Dicks feine Figurenzeichnungen strotzen nur so von psychischen Defekten bzw. Auffälligkeiten. Sie äußern sich meist durch die Beobachtungen der anderen Figuren. Der stete Perspektivenwechsel liefert so eine Kommentierung, in der sich das Selbstbild mit der Sicht der anderen Charaktere schneidet. Besonders deutlich wird dies bei Bonny Keller, die ihre Seitensprünge eher nebenbei begeht und für ein Geheimnis hält, während sie fast jeder Mann intensiv beobachtet.

Dick zeigt uns ständig, wie stark sich Innen- und Außensicht der Figuren unterscheiden. Bis hin zur krassen Umkehrung, wenn der scheinbar imaginierte Bruder eine reale Entsprechung besitzt und man die Menschen vor der Wahrheit schützen muss, weil es einfacher ist an eine labile Tochter zu glauben.

Auch das gehört zu den Kleinstadtfassaden, die Dick genüsslich aufreißt, ebenso wie die generelle Fremdenfeindlichkeit. Dinge, die auch eine Katastrophe nicht zu ändern vermögen, wie offensichtlich Dicks Befürchtung oder Gewissheit ist.

 

Diese eher realsatirischen Elemente verbindet Dick mit einigen phantastischen. Da wären Hoppys übersinnliche Fähigkeiten. Praktischerweise ist Hoppy nicht ganz auf seine Behinderung beschränkt. Er kann mit Geisteskraft Dinge bewegen und reparieren, Gedanken lesen und sogar bis in den Orbit hinauf Macht ausüben. Während er zunächst seine wachsenden Fähigkeiten nutzt, um unverzichtbar zu werden und sich dadurch Achtung zu verschaffen, ja sogar seine Behinderung faktisch unsichtbar werden zu lassen, stürzen sie ihn zunehmend in den Wahnsinn. Die Gier nach Macht und Anerkennung ist dabei ein direktes Produkt der früheren Diskriminierung und offenbart die soziale Schwäche der ländlichen Gemeinschaft.

Interessanterweise greift Hoppy in seiner Allmachtsphantasie auch etwas an, dass in Dicks Roman eine Sonderrolle einnimmt. Hoppy versucht, die Kommunikationsmöglichkeiten von Dangerfield zu übernehmen, der nach dem Scheitern des Marsfluges um die Erde kreist und ein globales Radioprogramm veranstaltet. Aus dem riesigen Archiv des Raumschiffs sucht er Musik zusammen, erfüllt Wünsche, die ihn über verbliebene Funkgeräte erreichen und liest aus Romanen vor. Welch retrospektives Bild! Wieder sitzen ganze Familien vor dem Radio und lauschen der Show. Der einsam im All kreisende Mann bringt den Menschen so etwas wie gemeinsames Glück, gleichzeitig verbindet er sie über alle Grenzen und Trümmer hinweg.

Und genau diesen Engel greift Hoppy an. Er nutzt seine fantastischen Fähigkeiten dazu, etwas Gutes zu zerstören. Sein Scheitern ist typisch Dick. Ein noch skurrilerer Mutant besiegt und verdängt ihn. Dass Dick dabei mit dem Sujet des imaginierten Freundes spielt und hier nebenbei noch die psychischen Abgründe im Wesen eines kleinen Mädchens ausmisst, ist so gruslig wie grandios.

 

Sehr interessant sind die beiden Nachworte. Zunächst überrascht Dick mit der Aussage, Stuart als sympathisch empfunden zu haben und ihm autobiografische Züge verpasste. Obwohl man der Figur durchaus einige negative Aspekte zuschreiben kann, von Leichenfledderei bis hin zum Essen von Ratten. Dennoch ist der Hinweis nachvollziehbar, dass Stuart somit eher zu den normalen Figuren des Ensembles gehört.

 

Jonathan Lethem hingegen meint in seinem Nachwort, Dick würde sich in seiner Betrachtung des Romans irren und stellt die spannende Frage: Wer ist Hauptfigur des Romans? So eindeutig lässt sich das tatsächlich gar nicht sagen und jeder Leser wird vielleicht ganz andere Kandidaten als die Angelpunkte des Romans bezeichnen.

 

Fazit

Nach der Bombe von Philip K. Dick bietet eine nur scheinbar übliche Postapokalypse, die ihre eigene Note durch eine Verbindung mit damals sehr phantastischen Elementen gewinnt. Dicks Welt lebt von ihren eindringlich und sehr genau beschriebenen Figuren, die fernab jeder Künstlichkeit einfach ihr Ding in einer irre gewordenen Umgebung durchziehen.

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Eure Meinung:

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Buch:

Nach der Bombe

Original: Dr. Bloodmoney or how we got along after the bomb, 1965

Autor: Philip K. Dick

Übersetzer: Friedrich Mader

Taschenbuch, 320 Seiten

Heyne, 1. November 2004

Mit Nachworten von Philip K. Dick und Jonathan Lethem

 

ISBN-10: 3453530047

ISBN-13: 978-3453530041

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 16.10.2012, zuletzt aktualisiert: 29.10.2018 19:23