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Nachtprotokolle von Anke Laufer

Kurzgeschichten

 

Rezension von Cronn

 

In der deutschen Phantastikszene als Kurzgeschichtenautor wahrgenommen zu werden, bedarf einer eigenen Stimme. Diese eigene Stimme, ein schwer zu definierender Sprachfluss in Kombination mit stilistisch eigenem Ausdruck und spezieller Wortwahl, sollte sich vom reinen Fan-Fiction-Allerlei abheben. Sie zu finden, ist eine der lohnenswertesten Angelegenheiten, denen sich ein Autor verschreiben kann.

 

Anke Laufer ist eine Autorin, die mit ihrem Buch Nachtprotokolle diese eigene Stimme bereits gefunden hat. Damit kann schon jetzt eine Empfehlung für alle diejenigen Leser ausgesprochen werden, die sich für anspruchsvolle Literatur interessieren.

 

Doch wie steht es um Themenwahl, Motive und Plots der einzelnen Kurzgeschichten aus »Nachtprotokolle«? Das soll die nachfolgende Kritik der dreizehn enthaltenen Stories aufzeigen.

 

Verlagsinfo:

Ein Fotograf, der eine grauenhafte Entdeckung macht. Ein Optiker, der sich aus Liebe ganz Ozeanien auf die Brust tätowieren lässt. Ein afrikanischer Warlord, der in einem Koffer endet. Eine alte Dame, die ihre Zwillingsschwester tötet. Ein selbsternannter Superheld, der den Penis eines Pottwals entführt. Wir treffen sie in Hochhaussiedlungen, in Hotelzimmern, in Imbissbuden und auf unwirtlichen Inseln – Verfolgte und Mörder, Eigensinnige und Phantasten.

 

Der Klappentext umreißt bereits die Motive und Plots vieler Geschichten, daher kann sofort auf die Kritik eingegangen werden.

 

Kritik:

Mit der ersten Geschichte Hommage an Margaret Thatcher ist gleichzeitig Programm und bitterböse Story. Hier wird der literarische Anspruch von Laufer angedeutet, wobei dies mit Vorsicht zu genießen ist, denn dies geschieht durch eine zwischengeschaltete Instanz, dem Ich-Erzähler und ist somit nicht hundertprozentig auf die Autorin zu übertragen. Dennoch weist einiges darauf hin, dass dem so ist und vor allem nach der Lektüre des gesamten Buches wirkt es so, als habe Laufer hier sich etwas in die Karten blicken lassen. Die Story selbst besitzt noch nicht die volle Ausprägung der eigenen Stimme, aber man kann sie schon erkennen.

 

Weitaus intensiver gelingt dies mit Strandköniginnen. Hier verschmilzt der Ich-Erzähler auf kongeniale Weise mit dem Motiv der Doppelung und auch der Plot hält, was die Erzählstimme verspricht. Die Leerstellen in der Sprache füllt der Leser. Ein Prinzip, das sich ebenfalls häufig bei Laufer findet. Auch die ungewöhnlichen Vergleiche Laufers werden hier bereits erkenntlich.

 

Rumors Bildserie hat eine eigenwillige Form. Die Geschichte entspinnt sich als Folge von beschriebenen Fotos in Kombination mit Zeitungsausschnitten, Randnotizen. Hier ist Laufers assoziierende Sprache in Reinkultur zu erkennen. Eine Reihung von Sprachbildern, verbunden durch kurze Einschübe, lakonisch und parataktisch im Satzbau. Und gerade deshalb trifft die Pointe am Ende mit voller Wucht. Sehr gelungen.

 

Bäume und Gespenster weicht ein wenig von der harten Sprache der Vorgängergeschichte ab, berührt aber immer wieder diese lakonische Schreibart. Die Story rund um ein Spukanwesen ist modern im Stil und auch in der Art, wie der Spuk inszeniert wird. Ein kettenrasselndes Gespenst sollte niemand erwarten.

 

Die Anstiftung ist eine kurze Geschichte rund um eine Passion. Nicht besonders herausragend, aber auch kein Missgriff. Eine interessante Fingerübung.

 

Auch Ozeanien wirkt wie eine Skizze, welche die Persönlichkeit des Protagonisten beschreibt. Dies ist zwar originell in der Sprache, aber gewöhnlich vom Plot der Story her, den man schon lange kommen sieht.

 

Innerirdisch nähert sich in Form von Voicemail-Kapiteln mit dazwischengeschobenen Fremdnotizen der Storyform von »Rumors Bildserie«, behandelt aber sein Thema gänzlich anders. Die Sprache ist weniger lakonisch, mehr elegisch und bietet mit einem lovecraftianischen Plot eine gelungene Abwechslung zum bisherigen Themengebiet. Eine hervorragende Geschichte, die stilistisch und inhaltlich überzeugen kann.

 

Selfmade Superman bietet einen grotesken Protagonisten auf und eine interessante Prämisse. Leider wird sie am Ende nicht von einem kongenialen Storyende gekrönt, sodass die Wirkung verpufft.

 

Rohmaterial erzählt von einem afrikanischen Warlord und deutet den Twist der Erzählung schon sehr früh an. Auch sonst wirkt die Geschichte merkwürdig roh in der Sprache und wenig ausgefeilt vom Personal her. Schade.

 

Tierbedarf ist eine kurze, aber intensive Geschichte. Sie deutet mehr an, als sie preisgibt. Eine Geschichte, die man mehrfach lesen sollte. Dann entfaltet sie erst ihr innewohnendes Potential.

 

Die Auslöschung erzählt von der Begegnung mit einem merkwürdigen Wesen auf einer abgelegenen Insel. Die Story ist handwerklich sauber erzählt, plätschert allerdings ohne Höhepunkt vor sich hin und bietet auch am Ende kaum Ansätze für einen offenen Plot.

 

Das Zwinkern der Venus ist ein sehr gelungenes Psychogramm. Es beschreibt eine Episode im Leben eines jungen Mannes, der in der Pubertät festhängt. Seine negative Stimmung wird zu einer Schleife und er fühlt keinen Ausweg. Da beschließt er dem Drang nachzugeben und sich selbst aufzugeben. Doch am Ende kommt alles anders, als er denkt. Diese psychologisch feinsinnige Studie überzeugt durch eine intensive Sprache und ein feinfühliges Einleben in die Seele des Protagonisten. Tadellos geschrieben und sowohl von Thema, als auch von der Form her gelungen.

 

Auch Überfahrt zeichnet das Psychogramm einer geschundenen Seele, diesmal einer Frau. Sie lebt in einem gewalttätigen Umfeld, aus dem sie ausbricht. Die Autorin beschreibt ihren Weg sehr einfühlsam und mit stimmungsvollen Assoziationen.

 

Fazit:

»Nachtprotokolle« zeigt Anke Laufer als eine Stimme in der deutschen Phantastiklandschaft, die eigenständig und sehr interessant ist. Zwar wirken einige Storys noch wie Fingerübungen und einigen Plots fehlt am Ende der richtige Biss, dennoch überzeugen die handwerklichen Fähigkeiten und der literarische Anspruch der Autorin. Dieser Anspruch sollte die Leser zum Kauf bewegen. Man darf gespannt sein, was dieser Anspruch der Autorin an sich selbst noch bewirken mag. Hoffentlich erzeugt dies weitere Storybände wie der vorliegende.

 

Schade, dass dem Band weder ein Vorwort noch ein erklärendes Nachwort zugeschaltet wurde. Dies hätte zur Einstimmung bzw. zum Ausklang des Bandes sicher vielen Lesern gut getan. Fehlende Illustrationen könnten dann problemlos zu verschmerzen sein.

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eBook:

Nachtprotokolle

Kurzgeschichten

Autorin: Anke Laufer

Dateigröße: 2920 KB, 140 Seiten

BLITZ-Verlag, 1. Oktober 2016

 

ASIN: B01LXOH8U7

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Hommage an Margaret Thatcher
  • Strandköniginnen
  • Rumors Bildserie
  • Bäume und Gespenster
  • Die Anstiftung
  • Ozeanien
  • Innerirdisch
  • Selfmade Superman
  • Rohmaterial
  • Tierbedarf
  • Die Auslöschung
  • Das Zwinkern der Venus
  • Überfahrt

Weitere Infos:

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Erstellt: 19.04.2017, zuletzt aktualisiert: 19.04.2017 09:58