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Nebelauge

Autor: Matthias Deigner

 

Die Helden saßen müde von ihrem Marsch beim Lagerfeuer. Kalim, der Krieger, fettete seine Waffen und besserte seine Rüstung aus. Doch seine Gedanken waren bei ihrem letzten Kampf. Sorona, die Magierin, las in ihrem Reisezauberbuch, auch ihre Gedanken schweiften ab zu ihrem letzten Kampf. Merina, die Kriegerin, verband ihre Wunde am linken Oberarm neu, auch sie dachte noch an den letzten Kampf. Toulek, der Scout und Fährtensucher, studierte seine selbst angefertigten Karten, doch auch er war noch beim letzten Kampf mit seinen Gedanken.

 

Nebelauge schaute ins Feuer, heute hatte er eine Prüfung seines Glaubens und seiner Lebenseinstellung erfahren müssen. Nebelauge wußte um heilende Kräuter, er wußte wie er Wunden zu verbinden hatte und er war in der Lage sich ohne Waffen zu verteidigen. Er wollte nicht töten, er durfte nicht töten und er konnte nicht töten. Doch in diesen Zeiten, in denen eine lange Reise mit mancherlei Gefahren verbunden war, konnte eine solche Einstellung tödlich enden.

 

Die Gruppe mit der er reiste kannte ihn schon lange, sie kannte auch seinen früheren Weg, auf dem er hätte töten können. Doch einige Ereignisse prägten sein Leben, so daß er diesen Weg nicht mehr beschreiben konnte. Nun war er ein Freund des Lebens, er liebte sich und auch alle anderen Lebewesen und Geschöpfe, so seltsam manche auch aussehen mochten. Er erlernte das Handwerk des Wundheilers, er beschäftigte sich mit Heilpflanzen und einige wenige Male schenkte ihm seine Göttin die Kraft verlorenes Leben wieder einzuhauchen. Überhaupt hatte er ein sehr inniges Verhältnis zu der Göttin des Lebens, der Geburt und der Erneuerung. Auch wenn sie keine riesigen Tempel besaß und ihre Anhängerschaft eher gering war, so hatte doch nur sie diese heilige Macht das Leben zu geben. Nebelauge liebte seine Göttin ebenso wie alles andere und vielleicht stand er deshalb in ihrer Gunst sehr hoch.

 

Doch der letzte Kampf den er erleben mußte, und an den die anderen auch gerade dachten, war eine der vielen Prüfungen des Lebens und seines Glaubens.

 

Es war in einem Tal das sie an diesem Tage durchlaufen mußten. In diesem Tal lebten seltsame, große, fliegende Wesen. Sie hatten ihre Nester an den unzugänglichen Steilhängen befestigt. Man hätte sie eventuell als fliegende Menschen bezeichnen können, doch sie waren am ganzen Körper mit einem Federkleid bedeckt. Aber sie hatten Arme und Beine, klauenbewehrte Hände und Füße, auch der Kopf war eher menschenähnlich. Sie hatten ihr Revier im Tal, sie waren Fleischfresser und lebten daher von den Tieren die im Gebirge wohnten.

 

Während ihrer Brutzeit waren sie jedenfalls sehr angriffslustig und diese war zu eben jener Zeit als die Gruppe durch das Tal ziehen mußte.

 

Kalim ging wie gewöhnlich der Gruppe voran, hinter ihm kam Toulek, der nur dann die Führung übernahm wenn seine Talente gebraucht wurden. Hinter Toulek gingen Sorona und Nebelauge und den Schluß bildete Merina, deren Sinne so ausgezeichnet waren, daß selbst der beste Dieb oder Meuchelmörder es sehr schwer gehabt hätte an sie heranzukommen. Kalim beäugte immer wieder mißtrauisch diese seltsamen Flugwesen. Noch schienen sie nur von ihnen beobachtet zu werden, aber das konnte sich jederzeit ändern.

 

Kalim nahm seine Axt aus der Halterung am Gürtel und schnallte seinen Schild fester an seinen Unterarm. Sein Schwert überprüfte er indem er es halb aus der Scheide zog und dann langsam wieder hinein gleiten ließ. Er war bereit. Die anderen in der Gruppe bemerkten Kalims Kampfvorbereitungen. So nahm Toulek seinen Bogen und hängte den Köcher an seinen Gürtel, seinen schweren Kampfdolch überprüfte er kurz. Sorona konzentrierte sich auf einige Angriffs- und Schutzzauber. Merina zog ihr Langschwert und ihr Kurzschwert, sie liebte die Kampftechnik mit diesen beiden Klingen sehr und sie beherrschte sie auch. Nebelauge ging zu Kalim an die Spitze.

 

Nicht um sich zu schützen, sondern um Kalim zu bremsen. Er redete langsam auf ihn ein, doch der Krieger hörte, wie üblich, nicht zu.

 

Da erfolgte der Angriff der Flugwesen, eines stürzte sich auf Kalim, der wehrte es geschickt mit seinem Schild ab und versuchte mit seiner Axt einen Hieb zu landen, doch dies mißlang. Toulek schoß seine ersten Pfeile ab und traf das nächste heranfliegende Wesen in den Flügel, dann in die Brust und danach noch einen Halstreffer. Das Wesen fiel herunter und blieb blutend am Boden liegen, schreckliche Schmerzen standen in seinem Gesicht. Einige andere hatten Flammenblitze von Sorona erhalten und auch Merinas Schwerter trugen das Blut des Feindes. Die Gruppe stand eng beieinander und so wagten die Wesen vorerst keinen weiteren Angriff.

 

Etwa zwanzig Schritte von ihnen entfernt lag noch immer das schwerverletzte Wesen. Toulek legte einen Pfeil ein um dem Wesen das Lebenslicht auszublasen. Doch Nebelauge lief schon in die Richtung und so wollte Toulek nicht unnötig riskieren ihn zu treffen. Als Nebelauge bei dem Wesen ankam kniete er sich nieder und begann damit es zu verbinden.

 

Die Halswunde erwies sich als nicht so gefährlich, trotzdem verband er sie ebenso wie die Brustwunde. Am Flügel war allerdings ein Knochen gesplittert und das mußte geschient werden. Er wollte gerade damit anfangen, da hörte er Merina schreien: "Nebelauge, paß auf!". Er schaute nach oben und sah drei der Wesen heranfliegen, er sah sie sich an und blickte dann wieder zu seinem Patienten um den Flügel zu schienen.

Doch dazu kam er nicht, eines der Wesen packte ihn und schleuderte ihn weg. Die anderen zwei Wesen hoben derweil ihren verletzten Artgenossen an und trugen ihn nach oben. Nebelauge drehte sich um und ging zu seinen Freunden zurück. "Nebelauge," schrie Kalim "eines Tages wirst du für deinen Leichtsinn bezahlen!". Nebelauge schwieg. Nun noch vorsichtiger ging die Gruppe weiter, nachdem der Weg wieder frei war. Und wieder erfolgte ein Angriff, doch diesmal war Kalim nicht so geschickt und so wurde er schwer verwundet, er stürzte zu Boden, eine klaffende Wunde quer über seine Brust. Blut quoll hervor und schnell bildete sich unter ihm eine Blutlache. Die anderen waren bald in Kämpfe verwickelt, so daß keiner den verletzten Kalim schützen konnte.

 

Nebelauge hatte sich rechtzeitig zu Boden geworfen und er stand jetzt auf. Zielstrebig ging er zu Kalim, bei ihm angekommen versuchte er die Blutung zu stoppen. Das Wesen, das auch Kalim verletzt hatte, flog erneut an, diesmal würde es Nebelauge erwischen. Rechtzeitig bemerkte er es, doch statt sich in Deckung zu legen, warf er sich schützend über Kalim. Das Wesen riß seine Tunika in Fetzen und verwundete ihn leicht am Rücken. Nachdem der kurze Angriff vorüber war begann er damit Kalims Wunde zu verbinden. Bald hatte er die Blutung gestoppt. Er schaute sich um. Merina hatte eines der Wesen in der Mangel, es stand mit dem Rücken zur Felswand und blutete aus einigen Wunden. Merina setzte zum letzten Schlag an, von hinten nahte mit großer Geschwindigkeit ein anderes Wesen. Sie wußte es und sie wußte, wenn sie rechtzeitig zur Seite springt würde es seinen Artgenossen für sie töten. Sie sprang. Die beiden Flugwesen sahen sich kurz sehr erstaunt an, doch da stand schon Nebelauge zwischen ihnen. Er wußte, daß er nur mit viel Glück überleben würde, er wußte aber auch das er es tun mußte.

 

"Schütze alle Lebewesen, Nebelauge, schütze auch ungeborenes Leben und junges Leben ebenso wie altes Leben.", so hatte seine Göttin einst zu ihm gesprochen und er wußte, daß er dafür auch eventuelle Opfer bringen mußte.

 

Beide Flugwesen waren überrascht, das Wesen das heranflog hatte seine Krallen eingezogen, nachdem es bemerkte das sein potentielles Opfer weggesprungen war und jetzt prallte es schon auf, zum Glück für Nebelauge.

 

Selbst Merina war von der Tat Nebelauges mindestens ebenso überrascht, wie die beiden Flugwesen. Sie dachte kurz darüber nach wer wohl jetzt ihre Wunden verbinden würde. Doch der Aufprall war gar nicht so hart, so als habe das Flugwesen gestoppt, oder wurde es vielleicht gestoppt?

 

Nebelauge überlebte und auch die beiden Flugwesen überlebten und flogen weg. Und sie griffen nicht mehr an.

 

Kalim war bewußtlos geworden, doch Nebelauge erbat eine schnelle Heilung für ihn und diese wurde auch gewährt.

 

Nun saßen alle stumm am Lagerfeuer, nur noch Nebelauge gab leise Geräusche von sich, die jedoch vom Prasseln des Lagerfeuers übertönt wurden, er weinte. Er weinte, weil er glücklich war. Er war glücklich denn er glaubte eine weitere schwere Prüfung bestanden zu haben. Hätte er gewußt wie viele Prüfungen er noch erdulden mußte, so hätte er vermutlich nicht aufgehört zu weinen.

 

Er gehörte zu den Menschen die nicht töten wollten und nicht töten konnten und er mußte seinen Glauben und sein Gewissen prüfen lassen.

 

Nicht diejenigen wurden geprüft die töten wollten und töten konnten, wie es wohl normaler gewesen wäre. Aber der Mensch versucht sein Bestes, ich hoffe es wird ihm gelingen wie Nebelauge.

 

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Erstellt: 25.07.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58