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Necronomicon – Geheimnisse des Mythos

Rezension von Karl-Georg Müller

 

264 Seiten sind eine ganze Menge Lesestoff, wenn man in Betracht zieht, wie das Thema des im gewohnt gediegenen Cthulhu-Outfit aufgemachten Buches sich darstellt: es will ein Buch über Bücher sein. Bei der Seitenzahl könnte der Leser leicht den Eindruck ins Spiel bringen, nachgerade komplette Abschriften drin vorzufinden. Doch das hat „Necronomicon – Geheimnisse des Mythos“ gar nicht nötig. Denn wie wir im Vorwort erfahren, ergänzten die Autoren über die beiden amerikanischen Epigonen „Keeper’s Companion“ 1 + 2 hinaus (die sich neben der Literatur auch Aspekten wie Fertigkeiten, forensischer Medizin oder Feuerwaffen widmeten, also eben nicht sein Hauptgewicht auf das gedruckte Wort legten), die als Grundlage genommen wurden und aus welchen viel Nützliches in die deutsche Fleißarbeit transportiert wurde, das Kompendium um die interessantesten Vertreter aus allen Chaosium- und Pegasus-Abenteuerbänden. Das meiste gaben die deutschen Ausgaben her, weil dafür in reichem Maße Bücher und Artefakte kreiert worden sind; der Einfallsreichtum deutschsprachiger Autoren ist in dieser Beziehung beispielhaft.

 

Bevor jedoch die Beschreibung der Kostbarkeiten einsetzt, werden erst einmal grundlegende Thematiken abgehandelt. Die sind aber keineswegs schnödes, vielleicht gar überflüssiges Beiwerk, sondern bergen eine Fülle sehr wesentlicher Informationen, die spätestens beim Umsetzen eigener Ideen nützlich sind. „Eine kleine Geschichte des geschriebenen Wortes“ fasst genauso profund und in prägnanter Kürze wichtiges Detailwissen zusammen wie das nachfolgende Kapitel über die unterschiedlichen Möglichkeiten, Texte niederzulegen (wozu neben der Papierform eben auch keramische Botschaften oder die Knotenschnüre der südamerikanischen Quipu). Das sind Hinleitungen zu eigenen Mythos-Schriftstücken, die man als Spielleiter seiner Gruppe präsentieren mag.

 

Danach geht es aber auch schon mitten in das essentielle Mythoswissen: „Bedeutende Werke des Mythos“ bezeichnet das wichtigste Kapitel im Buch, und hier wird es so richtig interessant. Die Beschreibung der einzelnen Bücher beginnt mit einem einführenden Text (dies sind oftmals Schilderungen von Personen, die mit dem Text einschlägige und meist ungute Erfahrungen gemacht haben), der atmosphärisch sehr gelungen auf die Standardinformationen wie „Stabilitätsverlust“, „Cthulhu-Mythoswissen“ oder „Studierdauer“ hinführt. Darüber hinaus werden kritische Anmerkungen zu den Pamphleten gemacht, die dem Originaltext meist amateurhaft nacheiferten und in der Regel einen reduzierten Auszug an Mythoskenntnisse vermitteln. Daneben sind Punkte wie Auswirkungen beim Querlesen ebenso bedeutsam wie die Auswirkungen beim Studieren; alleine das oberflächliche Querlesen kann bei einigen Büchern bleibende Schäden nach sich ziehen.

 

Ein ganz besonderes Highlight fristet auf Seite 71 sein unscheinbares Dasein; das ist wirklich sehr humorig, zeigt aber auch, dass die Autoren dieses Buch gar nicht so recht an den Mythos glauben. Wenn sie da mal nicht zu übermütig sind!

 

Über die reine Wissensvermittlung hinaus lassen sich eingestreute Beiträge zu den Autoren der Bücher entdecken oder einige Szenarioideen, die dann natürlich auf der Grundlage zu entdeckender Schriften fußen.

 

Nach einem ähnlichen Schema gliedern sich die beiden nächsten Kapitel auf: „Weitere Werke des Mythos“ und „Okkulte Bücher“. Besonders das letztgenannte Kapitel birgt sehr viele Kleinodien, die eine Kampagne bereichern können (und das die Informationen darüber aus dem Spielleiter-Handbuch abrundet). Meist handelt es sich um mehr oder minder genaue Beschreibungen von Leuten, Orten oder Geschehnissen, die den Spielern, so sie denn in ihren Besitz gelangen, Recherchen erleichtern oder als letzter „Wink mit dem Zaunpfahl“ bei der Informationssuche dienen können.

 

Wer eigene Mythosbücher ersinnen will, kann sich Anregungen und Tipps aus dem Beitrag “Meine kleine Mythostext-Fibel“ gewinnen. Sehr schön die Bemerkungen zum zeitgemäßen Schriftbild (mit Beispielen dazu aus verschiedenen Epochen), die richtige Wahl der Schreibweise (vervollständigt durch eine Übersicht einiger frühneuhochdeutscher Wörter); ausreichendes Material, um sich selbst an die Arbeit zu begeben. Auf demselben nützlichen Niveau befindet sich sodann “Botschaften aus dem Dunkeln“ mit seinen Erklärungen zu Geheimschriften. Das ist alles natürlich nicht im allerletzten Maße umfassend, sondern gibt erste Einblicke und vermittelt ein Gefühl dafür, wie mit dem Gegenstand „Mythoswissen“ umgegangen werden kann. Diejenigen, die sich in die Materie richtig hineinknien möchten, werden diese Beiträge als Appetithappen betrachten und sich weiterführende Literatur beschaffen (das mindert den Wert des Buches in keiner Weise!)

 

Neben der Literatur besticht das Cthulhu-Universum naturgemäß durch arkane Gegenstände, die jeweils ihre Eigenheiten bergen und meistens in direktem Zusammenhang mit okkulten Vorgängen stehen: „Arkane Raritäten“ nimmt sich diesem großen Feld an und beschreibt beispielsweise „Die Lampe von Alhazred“ oder „Das Sedefkar-Simulakrum“, das in der neuen Kampagne um den Orient-Express eine tragende Rolle spielt. Nicht viel anders geht es im Abschnitt „Fremdartige Artefakte“ zu, wieder eigenartige Gegenstände, wieder die gleichen gelungenen Beschreibungen, die für eine Aufnahme in eine Abenteuerserie mehr als ausreichend sind.

 

Abgerundet wird das voluminöse Buch durch eine Erzählung um John Godfrey, der sich unaufhaltsam in die Lektüre von Mythosbüchern verstrickt und – natürlich – tragisch endet. Die kurze Geschichte wird durch eine Vielzahl an Buchauszügen illustriert, die dem Text seine ganz spezielle Würze verleiht.

 

Im Anhang werden neue Zauber, eine Zusammenstellung der behandelten Bücher und weitere, ausgewählte Zauber aus eben diesen Büchern aufgelistet.

 

Bevor ich zum Abschluss komme, dürfen ein paar lobende Worte zur Gestaltung des Bandes nicht fehlen, wiewohl die bei jedem Produkt aus der deutschen Cthulhu-Schmiede angebracht sein dürften, es also eher einer Wiederholung gleicht („some procedure …“ und so). Zahlreiche Fotografien und Zeichnungen (unter anderem von Chris Schlicht, die jüngst durch ihre sehr gelungenen Titelbilder zur neuen Fantasy-Serie „Saramee“ auf sich aufmerksam macht) machen dieses Buch zur Augenweide, die im Grunde nur durch einen I-Tüpfel getoppt werden könnte: Vierfarbdruck. Aber den Preis dafür möchte dann auch keiner bezahlen müssen, also belassen wir’s bei diesem kleinen Traum …

 

Kein Traum ist „Necronomicon – Geheimnisse des Mythos“, sondern reine Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit ist nur im Schriftbild grau (okay, eher schwarz), aber ansonsten eine bunte Vielfalt an Mythoswissen, das einen hohen Nutzwert für den Spielleiter besitzt. Eine Kaufempfehlung erübrigt sich in diesem Falle, denn für jeden, der eine Cthulhu-Runde um sich schart und ein wenig mehr als oberflächliche Gruselatmosphäre verteilen will, gehört ein solches Inventar zur Standardausrüstung. Es führt kein Weg daran vorbei, dieses Necronomicon ist so schrecklich gut, dass man’s einfach haben muss.

 

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Eure Meinung:

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Necronomicon – Geheimnisse des Mythos

Cthulhu-Quellbuch

264 Seiten

Hardcover

ISBN: 3937826149

Erhältlich bei: Amazon

 

weitere Infos:


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Erstellt: 18.07.2005, zuletzt aktualisiert: 11.01.2015 08:24