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Nimmermehr von Christoph Marzi

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Nimmermehr ist eine Sammlung von 13 Kurzgeschichten und jeweils einer Erzählung und einem Kurzroman. Außerdem gibt es eine weitere Geschichte, die allerdings schüchtern ist: Sie versteckt sich irgendwo im Buch – der Leser muss jedoch nicht allzu sehr nach ihr suchen. Des Weiteren wird die Sammlung von einem etwas längeren Vorwort eingeleitet; Marzi bringt darin seine Meinung zum Ausdruck, dass Kurzgeschichten besonders schön seien, da sie noch lange über den kurzen Zeitraum des Lesens hinaus wirken würden. Dann macht er noch ein paar kurze Bemerkungen zu seinem Weg zum Schreiben hin sowie zur Entstehungsgeschichte des jeweiligen Textes.

 

Die Geschichten im Einzelnen:

Scarlet (16 S.): Scarlet Hawthorne ist einigermaßen glücklich: Die junge Frau betreibt zusammen mit ihrer Mutter Rima und ihrem Freund Keanu Chinook einen Handel für den Gärtnereibedarf in St. Clouds, Illinois. Etwas aber fehlt, denn sie kennt den Namen ihres Vaters und damit ihre Wurzeln nicht.

Wer die Uralte Metropole kennt, der erfährt hier Neues über eine Nebenfigur; außerdem wird mit Scarlet eine Figur vorgestellt, die in zukünftigen Geschichten über jenen Ort in England eine bedeutende Rolle spielen könnte.

Die lügenhafte Liebe der Lady Lynx (13 S.): Eines Tages taucht Selina auf. Selina ist die neue Mieterin von Unten. Die charmante junge Frau ist etwas eigenwillig: Sie lebt nicht nur in einer beinahe leeren Wohnung (und kommt deswegen täglich um etwas zu borgen), sie fühlt eine besondere Affinität gegenüber Katzen. Und ihr Lächeln ist bezaubernd – man verliebt sich sofort in sie.

In drei knappen Episoden wird die tragische Liebe zwischen einem Musiker und Selina erzählt; zentral ist das phantastische Element, welches mit der von Holly Golightly aus Truman Capotes Frühstück bei Tiffany inspirierten Figur verknüpft ist.

Nachtfahrt (18 S.): Steve Milligan muss für den Kunden ElCom-Systems nach Chester Springs. Da die Angelegenheit keinen Aufschub duldet, muss er über's Wochenende hin, ja sogar bei Nacht von Boston aus mit dem Greyhound Bus aufbrechen. Während Steve über seine Ehe, seine Geliebte und die Probleme von ElCom sinniert, hält der Bus plötzlich an. Überrascht stellt er fest, dass er alleine ist – wo sind die anderen hin?

Diese Hommage an den B-Movie ist eine typische Horror-Geschichte: Ein Allerweltsmensch wird unvorbereitet mit einem entsetzlichen Ereignis konfrontiert, welches mit einem phantastischen Element verknüpft ist.

Wolfsgesang (14 S.): In jenem harten Winter kehrte der König der Wölfe zurück. Nahe der Leichen von Dorfbewohnern hatte man seine Spuren im blutigen Schneematsch gefunden. Jakob der Jäger, der das Dorf beschützt, macht sich um Rose Sorgen, denn das schöne Mädchen mit der roten Kappe besucht trotz der wilden Bestie häufig die einsam im Wald lebende Großmutter.

Diese Kurzgeschichte deutet das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf neu aus – mit einem Dreh am Ende.

Sukkubus (36 S.): Der junge Anwalt Richard Crawford stöbert in einem Antiquariat herum, als er eine mysteriöse, eigenartig attraktive Frau trifft. Da sie von Trauer überwältigt ein Buch in den Händen hält starrt er sie an, was die Fremde ihn aber nicht übel, sondern zum Anlass nimmt, ihn einzuladen. Richard beginnt ihr rasant zu verfallen.

Hier werden eine Liebesgeschichte mit Elementen der Erotik und des Horrors verbunden; zwar gibt es einige Anspielungen an verschiedene Vampirgeschichten, doch mit der Dichte von Kim Newmans Anno Dracula kann die Geschichte nicht mithalten. Stilistisch ist die Geschichte für meinen Geschmack etwas zu kitschig geraten.

Rauchzeichen (28 S.): Die attraktive Feministin Amelia beobachtet den abstoßenden Tabak-Tycoon Phlilip E. Norris. Sie plant den Marktführer der Tabakindustrie gemeinsam mit den anderen Mitgliedern der "Volksfront für ein rauchfreies Amerika" zu entführen und mittels Schocktherapie zu einem militanten Nichtraucher umzuerziehen.

Die Entführung von Jan Philipp Reemtsma einmal anders: Zwar werden in dieser Komödie die Figuren satirisch überspitzt und es soll an makabren Humor a la Theater of Blood (dt. Theater des Grauens mit Vincent Price) angeknüpft werden, doch da Marzi nicht selbst beobachtet und Eigenheiten treffend zu parodieren versucht, sondern Vorbilder überträgt, ist die Geschichte nicht komisch. Das Ganze ist locker mit der Mythologie der Native Americans verknüpft.

The way it is (6 S.): Das Geschäft läuft mies – schon seit Wochen kein Job. Da wird Merkur aufgefordert in den Club Solaris zu kommen. 'N scheiß Job ist besser als kein Job, also hin. Die anderen Planetengötter sind auch schon da – es geht also um ein dickes Ding.

Eine ko(s)mische Groteske, die ihren Humor aus zwei Spannungsverhältnissen bezieht: Einerseits der bizarren Auftragsvergabe und andererseits dem Aufeinanderprallen von hardboiled Stil und antiken Planetengöttern – Venus, die kleine Schlampe, ist mit von der Partie.

Marten (17 S.): In dem nördlichsten der Kaufhäuser geschieht Unheimliches: Jede Nacht verschwindet ein Angestellter und die Leitung unternimmt nichts weiter als die Verluste durch Neuanstellungen zu ersetzen. Neuzugang Marten beschließt den Dingen auf den Grund zu gehen.

Eine weitere Geschichte mit klaffender Form-Inhalt-Schere: Generell wird Beowulfs Kampf gegen Grendel nacherzählt, doch eben nicht in der Halle König Hrodgars, sondern im Kaufhaus und mit Wendung am Schluss. Außerdem ist es eine Adventskalender-Geschichte, mit 24 Kapitelchen.

Briefe vom Abgrund (16 S.): Maxime MacLachlan, eine Studentin der Theaterwissenschaften, ist bitter Enttäuscht worden: Das Leben hat sie in eine Sackgasse geführt. Sie zieht sich in die Einsamkeit der schottischen Küste zurück. Während sie überlegt, wie es mit ihrem verpfuschten Leben weitergehen soll, rechnet sie in einigen Abschiedsbriefen mit ihrer Umwelt ab.

Ein melancholischer 'Briefroman', der sich mit den lichten und finsteren Momenten des menschlichen Miteinanders auseinandersetzt; es ist die einzige Geschichte der Sammlung, die völlig ohne phantastisches Element auskommt.

Vardoulacha (71 S.): Es wird eine engere Verbindung zwischen den bayrischen Wittelsbachern und den Habsburgern angestrebt, doch Franz verliebt sich nicht in die vorgesehene Helene, sondern in die unvorbereitete Elisabeth. So heiratet die Fünfzehnjährige 1854 den Kaiser von Österreich. Schon bald spürt sie die Einengungen: Sie kann nicht dorthin gehen wohin sie will, wann sie will und kann nicht tragen was sie will – das Protokoll regelt jede kleine Einzelheit. Sie kann nicht mal ihre Kinder erziehen – das übernimmt die ungeliebte Schwiegermutter, die heimliche Kaiserin. Da beginnt die frustrierte Kaiserin von einer bleichen Schönheit, die Scheherazade oder Carathis heißt, zu träumen. Elisabeths Gesundheit wird zunehmend schwächer und so wird sie zur Kur in südliche Gefilde geschickt. Auf Korfu trifft sie den mysteriösen Vathek, der Elisabeths Leben für immer verwandeln wird.

In dieser Erzählung wird die Entwicklung von 'Sisi' nachgezeichnet. Die ist allerdings wesentlich düsterer, als es die Geschichten sind, in denen die Kaiserin Romy Schneider oder Michael Herbig ähnlich sieht – sie trifft auf einen Vampir. Eine Schwäche der Geschichte ist der Mangel an Herausforderungen für die Protagonisten, zu den Stärken gehören dagegen die vielen Anspielungen: Zwar hat Marzis Vathek nur wenig mit William Beckfords Vathek gemein, dafür aber mehr mit dem Vampir John Polidoris (in dessen Einleitung wird "Vardoulacha" als Synonym für "Vampir" genannt). Auch an das Rollenspiel Vampire: The Masquerade wird erinnert, schließlich schlüpfen Vampire in die Rollen mächtiger Männer um die Geschicke der Sterblichen aus dem Verborgenem zu lenken.

Prinzessin Pravati und der Elefantenkopfgott (10 S.): Pravati ist die Tochter eines indischen Maharadja. Die Prinzessin wächst behütet auf und kennt keinerlei Leid. Sie verliebt sich in einen britischen Soldaten. Als dieser fällt, macht sie sich auf in den Dschungel um Ganesch zu finden, denn es heißt, der Elefantenkopfgott würde Wünsche erfüllen.

Das Kunstmärchen verknüpft ein indisches Setting mit der klassischen Wunsch-Thematik; natürlich gibt es einen Haken.

Herbsttage singen ihre Lieder (2 S.): Lyrik, die die "goldene Herbsteszeit" mit der "goldenen Zeit der SF" – der Jugend – verknüpft.

Wintermärchen (5 S.): Ein Mädchen zieht am Silvesterabend durch die bitterkalte Stadt. Die Waise hat nichts mehr als ein paar Bücher, die niemand kaufen will.

Dieses Kunstmärchen deutet Hans Christian Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzern neu aus – mit magischer Bücherverbrennung.

Cheapanooka's Creek (7 S.): David Kincaid kehrt von der Universität nach Cheapanookka's Creek zurück. Er nimmt einen Job im Sägewerk an. Er wärmt die Affäre mit der sexy Susan Foster auf. Unterdessen bleibt von zeltenden Teenagern bloß ein blutverschmiertes Zelt zurück. David kennt sich am ehesten damit aus. Gemeinsam mit Polizeichef William Foxworth jagt er das Ding – Ding, denn das Gleichgewicht der Natur wurde gestört.

Die beinahe endgültige Hommage an den Trash-Horror; nur beinahe, da die sonst sehr kurzen Sätze am Ende nicht mehr so konsequent durchgeformt sind.

Nimmermehr (115 S.): Jonathan Morgenstern verbringt die Weihnachtszeit auf Burg Metzengerstein. Da seine Eltern sich gerade trennen und sein Vater zwar einen Restaurationsauftrag auf der Burg angenommen hat, ihm aber ein wichtiger Termin dazwischen kommt, fährt der sechzehnjährige Sohn allein hin. Auf der Burg ist nun einiges merkwürdig: Schon die sympathische Tochter des Kastellans, Greta Grillparzer, mit ihren Schneehund-Augen und doppelten Ohrläppchen ist eine ungewöhnliche Erscheinung; gemeinsam mit ihrer Großmutter Lutzia weist sie darauf hin, dass auf der Burg Metzengerstein die Geschichten lebendig sind – weil sich niemand mehr an die Geschichte des traurigen Junkers erinnert, sei dieser vom Bild verschwunden, welches Vater Morgenstern jetzt restaurieren soll. Damit nicht genug sieht Jonathan des Nächtens einen Ritter im Burghof – was hat es mit all diesen Sonderbarkeiten auf sich?

Dieser Kurzroman ist im Kern eine romantisch-melancholische Schauergeschichte: Der schüchterne Jonathan verliebt sich in Greta und dringt in die Geheimnisse der Burg ein. Eine weitere Spannungsquelle sind die vielen Anspielungen auf E. A. Poes Werk, aber auch auf Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter, den Film Fluch der Karibik und dergleichen. Manche Entwicklung ist altbekannt und daher wenig überraschend, andere, insbesondere die Auflösung, sind deutlich origineller. Zusätzlich meandert die Geschichte; ein paar Schnörkel weniger wären ihr meiner Ansicht nach gut bekommen.

 

Die Geschichten sind zwar inhaltlich recht unterschiedlich, doch meistens eher mittelmäßig. Es wäre interessant zu sehen, wann welche Geschichte entstanden ist, denn gerade die (in der Sammlung) früheren neigen zu umständlichen Einführungen. Generell sind die Geschichten inhaltlich und sprachlich recht zugänglich; sprachlich wäre bisweilen sogar etwas mehr Frische wünschenswert. Um die vielen Anspielungen zu erkennen muss man schon einiges an Leseerfahrung mitbringen. Zum Verständnis der Geschichte sind sie jedoch nicht notwendig. Damit sind die meisten Geschichten eher für Jugendliche bzw. Leser, die noch nicht allzu viele Geschichten aus dem Umfeld kennen, interessant. Anders ist es bei den Geschichten, die meines Erachtens die Glanzlichter sind: Die Stärken von The way it is und Cheapanooka's Creek wird man nur dann schätzen können, wenn man das Umfeld kennt.

 

 

Fazit:

15 phantastische Geschichten und eine weitere. Die Sammlung ist schwer einzuordnen, da sie unfokussiert ist – die Geschichten weisen keinen gemeinsamen Nenner auf. Erschwerend hinzukommt, dass sie qualitativ durchwachsen sind. Wer sehen will, wie Marzi sich ausprobiert, sollte nicht zögern. Wer ein großer Fan der Uralten Metropole oder von ungewöhnlichen Kurzgeschichten ist, sollte sich überlegen, ob er sein Portemonnaie und seine Zeit für wenige gute Geschichten beanspruchen will.

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Nimmermehr

Autor: Christoph Marzi

Heyne TB (9. Oktober 2007)

Broschiert: 400 Seiten

ISBN-10: 3453532759

ISBN-13: 978-3453532755

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 10.11.2007, zuletzt aktualisiert: 23.11.2018 10:18