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NOCTURNO

Autor: Markus Kastenholz

 

Die Nacht war voller Lichter!

Voller Klänge!

Voller Düfte!

Und voller Leben!

Man durfte es sich nur nicht bequem machen, mußte, ohne sich je zu gestatten, müde zu werden, erhobenen Hauptes dagegen ankämpfen. Sich nonchalant zurücklehnen, Däumchen drehen und sich von der Ignoranz des Fortschritts mitreißen zu lassen, bedeutete den unwiderruflich ersten Schritt zurück, dem zwangsläufig viele weitere folgten. Ebenso, sich in die vermeintliche Geborgenheit der heimatlichvertrauten, hell erleuchteten und beheizten vier Wände zu verschanzen, weil man sich vor der dunklen Fremde ängstigte und ihren mutmaßlichen Gefahren hilflos ausgeliefert fühlte.

Wachsam bleiben! lautete die Devise. Offenen Auges verhindern, betäubt und gelähmt zu werden von Streß, Hektik, psychosomatischen Gebrechen und den abertausend anderen grandiosen Errungenschaften der allseligmachenden Zivilisation. Das Raubtier, das unvermindert in jedem noch schlummerte, brauchte Platz zum Atmen: Die wenigen verbliebenen Instinkte, die Millionen Jahre währender Evolution noch nicht zum Opfer gefallen waren, mußten aus den tiefsten Schubladen des Oberstübchens hervorgegraben und reaktiviert, hinausgeschickt werden in die unendlich erscheinenden Weiten tiefster Schwärze. Und war jener magische Funke guten Willens erst einmal entfacht, kam der Rest ganz von allein.

Cassandra wußte, sie mußte sich permanent weiterentwickeln oder es wenigstens versuchen. Stagnation bedeutete Tod. Kein körperlicher Tod, kein rapide verwelkendes Fleisch, aus dem stinkende Nahrung für die Maden wurde, sondern geistige Abgestumpftheit. Das galt es jede Sekunde, die sie dachte, fühlte und lebte zu verhindern.

Sie entspannte sich in ihrem Liegestuhl, gleich neben ihrem mit Folie abgedunkelten Wohnmobil, nahm den lästigen Druck von den Muskeln und bemühte sich, möglichst flach Luft zu holen. Jede Faser ihres Selbst ballte sich nach innen zusammen; sie konzentrierte sich völlig auf ihre Emotionen und schaltete gleichzeitig den Verstand aus.

Scheinbar schwerelos ließ sie sich fallen in ein tiefes Loch, in der Raum und Zeit längst jede Bedeutung verloren hatten, tauchte ein in einen Strudel schillernder, rotierender Farben. Für einen kurzen, flüchtigen Moment stieß sie das funkensprühende Tor zu ihrem Unterbewußt sperrangelweit auf.

Erfüllt von tiefempfundenem Glück durfte sie einen jener seltenen Augenblicke absoluter Klarheit erleben, in denen alles Nebensächliche unweigerlich nach hinten drängte und nur das Wesentliche blieb: Die rhythmische, wild pulsierende nächtliche Eleganz rings um sie herum erschien ihr wie ein Organismus gigantischen Ausmaßes. Ein allumfassendes kosmisches Feld. Pure Lebensenergie! Es umgab sie, es durchfloß sie, und es hielt das ganze Universum zusammen. Mit der Intensität ihrer übersensiblen Sinne sog sie diese ungezügelten Kräfte in sich auf, absorbierte sie in maßloser Gier.

Leise seufzend streckte sie sich, fuhr sich mit beiden Händen durchs pechschwarze Haar, das sie mit einem Gummi-band zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Lächelnd verschränkte sie die Arme hinterm Kopf und sah ihrem oxidierenden Atem zu, wie er aufstieg und sich nebulös in alle vier Himmelsrichtungen verflüchtigte. Oft, bei jeder sich bieten-den Gelegenheit, ging sie nach draußen und beobachtete, ließ sich möglichst nachtnächtlich von der beschaulichen Stille und der Atmosphäre wie eine Schiffbrüchige ziellos, wohin auch immer, treiben. Dennoch kam niemals auch nur der geringste Hauch von Routine und erst recht nicht Langeweile auf, entdeckte sie jedesmal von neuem weitere Nuancen, Facetten und Details, für die sie bislang blind gewesen war und die das Wunder mit jedem Mal vollkommener werden ließen.

Solange sie sich erinnerte hatte sie immer nur am Tag geschlafen und die Nacht statt dessen genutzt, ein erfülltes Leben zu führen: in ständigem Unbehagen, fast Angst vor den ersten rotgoldenen Strahlen der aufgehenden Sonne, die das Gesamtkunstwerk mit beschwingter Leichtigkeit zerstörten. Doch das änderte nicht das geringste an der Faszination, die sie gefangen hielt und niemals nach-, geschweige denn sie loslassen würde.

Froh war sie, sich ihre Einzigartigkeit leisten zu können. Heilfroh! Die Tortur, vom ersten Tag der Lehre an lustlos vor sich hinzuarbeiten und sehnsüchtig die Pensionierung zu erwarten, war schadlos an ihr vorübergezogen; sie konnte tun und lassen, wonach ihr war, ohne sich zu erlauben, bequem zu werden. Andere waren weitaus schlechter dran. Die durften - falls sie überhaupt Arbeit gefunden hatten! - pünktlich um sieben Uhr morgens ihren eintönigen Job antreten, kamen abends geschlaucht und miserabel gelaunt nach Hause und mußten früh ins Bett, um anderntags wieder ausgeschlafen und im Vollbesitz ihrer Kräfte zu schuften. Ein notwendiges, ein enervierendes Übel: Man wollte eine schöne Wohnung, ein schnelles Auto und mindestens dreimal pro Jahr in Urlaub, um zu baden, zu tauchen, Ski zu fahren, zu flirten und sich zu betrinken: Simple, wenn auch kostspielige Bedürfnisse, die geweckt wurden und befriedigt werden mußten, weil einer damit begonnen hatte und die anderen bemüht waren, um nichts nachzustehen.

Einige Handvoll Menschen waren selbst jetzt noch unterwegs, und noch mehr arbeiteten sogar, tauchte es schnappschußgleich in ihr auf, als irgendwo gerade eine Kirchturmuhr eins schlug. Taxifahrer und Krankenschwestern fielen ihr spontan ein. Aber auch Nachtwächter, Barkeeper, Zeitungsdrucker, Polizisten, Huren und viele, viele andere, die teils notgedrungen, teils freiwillig ihren Broterwerb in diese Zeit verlegt hatten. Deshalb waren sie jedoch keineswegs besser als die Tag-Arbeiter und Nacht-Schläfer. Die Nacht bedeutete für sie nicht mehr und nicht weniger als eine Tageszeit. Auch sie wollten immer mehr und immer mehr für immer weniger!

Wo waren die Individualisten geblieben?! Die Steppenwölfe, die ihre Freiheit noch nicht auf dem Altar des Kommerz' geopfert hatten?! Für die es das unbestritten Höchste war, ihren eigenen Willen durchzusetzen?! Die zwar ebenfalls bemüht waren, ihr Leben aus eigener Kraft zu bestreiten, anstatt sich lethargisch auf Vater Staat und sein soziales Netz zu verlassen, die sich andererseits jedoch den bitternötigen persönlichen Freiraum gönnten, selbst wenn das finanzielle Einschränkungen bedeutete. Die den verzehrenden Leidenschaften in ihren Herzen frönten und sich lieber als Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Fotograph oder Musiker versuchten, als am Fließband im Akkord für den doppelten Lohn. Sie hatten das Vorrecht, kreativ zu sein und sich selbst zu verwirklichen. Für viele zählte das weitaus mehr als Reichtum, Ruhm und Ehre.

Von ihrer privilegierten Position durfte sich Cassandra freilich keine hochnäsigen Urteile erlauben, darüber war sie sich im klaren. Bei Licht besehen bedeutete es nämlich puren Luxus, sich bedenkenlos die Nacht um die Ohren zu schlagen. Einfach nur dazuliegen und das einzigartige Ambiente zu genießen! Gleichzeitig wußte sie jedoch, niemand würde je dieselbe Faszination an der Schwärze der Nacht aufbringen können oder wollen, wie sie. Kein Satanist, kein Gruftie, kein Wiccaner und ganz besonders niemand, der allen Ernstes von sich behauptete, ein ‚normaler Mensch’ zu sein.

Schöne Aussicht hieß der kleine Platz am Waldrand der steil hinaufführenden Kreisstraße 630 inmitten des geschichtsträchtigen Rheingaus. Dieser schlichte Name wurde dem atemberaubenden Panorama dieses Ortes kaum gerecht. In einer wolkenlosen Wahnsinns-Nacht wie dieser reichte der Blick bis weit auf die linke Rheinseite, bis ins siebzig Kilometer entfernte Bad Kreuznach. All die vielen kleinen und größeren Städte der Umgebung schienen im apathischen Dornröschenschlaf zu liegen, und doch waren es wabernde Ansammlungen funkelnder Glühwürmchen. Jede golden leuchtende Straßenlaterne ein flammenumzuckter Drache, jede präweihnachtliche Lichterkette im Vorgarten verbreitete myriadenhaften Glanz, und jede einsame Kerze im Fenster wurde zum Zeichen unbeugsamer Hoffnung. Von starken Scheinwerfern angestrahlte Kirchen, Schlösser und besonders der Rheingauer Dom reckten sich empor wie lodernde Leuchtfeuer, die auf einem linksrheinischen Gipfel gelegene Rochuskapelle gleich gegenüber ein szintillierender Leuchtturm für die Ewigkeit. Und über allem wachte die altkaiserliche Dame Germania auf dem Niederwald als Relikt eines fernen, gewonnenen Krieges, Krone und Schwert mit eisernem Griff fest umklammert.

Geblendet von dieser überirdischen Erhabenheit schaute sie nach oben, und sei es nur, um sich ein wenig abzulenken. Es funktionierte nicht: Am klaren Winterhimmel thronte Orion, der böotische Jäger, mit seinen drei charakteristischen Gürtelsternen, als seien sie von einem göttlichen Wesen an einer Schnur aufgereiht worden, auf daß man sich daran ergötze. Daneben residierten die Sternbilder Zwillinge, Stier, Fuhrmann, Großer und Kleiner Hund sowie die Piejaden und knapp über dem Horizont der hellweiße Sirius. Mehr noch: Winzige Lichtpünktchen der orbitalen Satelliten reflektierten unnachahmlich den Sonnenglanz an ihren blankgewienerten Hüllen und machten, ohne selbst erstrahlen zu dürfen, indirekt auf sich aufmerksam.

Wer wie Cassandra bestrebt war, möglichst nachtnächtlich Dunkelland zu genießen, beschäftigt sich früher oder später zwangsläufig auch mit der Astronomie. In den flüchtigen Jahrzehnten ihres Lebens war das Firmament mit seinen ungezählten großen, kleinen und auch nahezu unsichtbaren Bewohnern zum echten Freund für sie geworden. Ein steter Begleiter der wechselnden Jahreszeiten, die kamen und gingen, ebenso wie prasselnder Regen, heftiger Schneefall, donnernder Sturm und flirrende Hitze.

Nur Frau Luna fehlte. Neumond. Heute nacht bewahrte sie sich ihre Intimität. Die noviluniumbedingte Unsichtbarkeit war Cassandra jedoch nur allzu recht. Ihr prächtiggrelles Licht hätte nur den fahlen Glanz der Sterne überdeckt; die Zivilisation sorgte ohnehin für genügend Immissionen, um jedem Hobby-Sternengucker ohne Zugang zum Hubble-Teleskop kalte Schauder über den Rücken zu jagen. Mittlerweile mußte man sich schon sehr weit in die Einsamkeit hinauswagen, um mehr als nur die größten Sonnen zu erkennen.

Einsamkeit, die war ihr unbekannt. Im düsteren Zwielicht des Gebüschs und in den Bäumen ringsum raschelte es, seitdem sie hier ihr Lager aufgeschlagen hatte. Hin und wieder erscholl das erregte Piepsen einer Maus oder heisere Schreie eines Raubvogels; im Sommer fragile Fledermausschwingen über ihr und das Schnaufen der Igel: Tiere auf ihren nächtlichen Beutezügen oder aus Gründen, die sie kaum in Erwägung zu ziehen vermochte. Wie immer verzichtete sie darauf, sie zum Verstummen zu bringen oder zu vertreiben, indem sie schrie oder etwas nach ihnen warf. Es verband sie mehr mit ihnen, als mit den borniertverwöhnten Wohlstandsbürgern, die unbedacht mit Scheuklappen durchs Leben stapften, weder nach links noch nach rechts sahen, sondern nur geradeaus, ohne zu erkennen. Deshalb lohnte es sich eher, ihre nocturnen Artgenossen nicht zu stören und ihnen lediglich zu lauschen. Das gebot ihr der Respekt.

Das leise Tuckern vollbeladener Transportkähne auf dem Rhein, tief unter ihren Füßen, und das Rauschen eines Zuges, das der eisige Wind zu ihr trug, bewiesen ebenfalls, sie war nicht allein. Darüber hinaus die wenigen Autos, die auf verwaisten Straßen ihren unbekannten Zielen entgegenrasten, und ganz zu schweigen vom bedrohlichtumben Brummen der vielfarbig blitzenden, christbaumgleichen Flugzeuge, die im Sekundentakt über sie hinwegzogen.

Mit ihrem Lebensrhythmus erlebte man auch weitaus mehr als andere Menschen. Und wenn schon nicht mehr, dann doch zumindest anderes. Zwar würde ihr der zweifelhafte Genuß eines Sonnenbades auf ewig ein Rätsel bleiben, dafür hatte sie dreimal UFOs gesehen: lichtumschwirrte Flugobjekte, für die sie keine Erklärung fand. Viel zu schnelle, viel zu wendige Manöver hatten sie vorgeführt, um Flugzeuge oder militärische Prototypen zu sein. Kein Problem! Wer so oft wie sie die schiere Unendlichkeiten auf sich einwirken ließ, den mußte kein esoterisch angehauchter UFOloge mit pathetischem Feuereifer von der Existenz außerirdischen Lebens überzeugen. Das All mit seinen Billiarden Sonnen und noch mehr Planeten nur zu erschaffen, um lediglich auf dem kleinen, blauen Nichts namens Erde den Samen des Lebens zu pflanzen wäre die größte denkbare Platzverschwendung gewesen.

Nur ein Werwolf - der war ihr leider noch nicht begegnet. Doch sie war überzeugt - falls es den gab, würde sie ihn irgendwann gewiß auch noch treffen!

Um der Wahrheit die Ehre zu reichen, mußte sich Cassandra eingestehen, ihr Leben barg auch gewisse Nachteile. Der allgegenwärtige, unaufhaltsame Fortschritt kam ihr in vielerlei Hinsicht jedoch entgegen: Geld hob es sich inzwi-schen mühelos am Automaten ab. Vergessen auch die düsteren Zeiten, als sie noch einem Nachbarn ihren Einkaufszettel mitgegeben hatte, damit er gegen ein Trinkgeld für sie einkaufte. Die Supermärkte waren inzwischen zwar längst geschlossen, doch das Warensortiment der Tankstellen entschädigte sie dafür. Wundervolle Restaurants luden zudem bis spät in die Nacht zum Einkehren ein, und im Zweifelsfall gab es immer noch den Pizza-Service oder einen Burger-Laden.

Dennoch: Niemand weit und breit, vielleicht sogar niemand auf diesem winzigkleinen Planeten zwischen zwei un-bedeutenden Seitenarmen der Milchstraße war fähig, dieselbe Muße an der Nacht aufzubringen wie sie!!!

Lautes Motorengeknatter zerriß die beschauliche Stille und katapultierte Cassandra abrupt aus ihrer nachmitternächtlichen Besinnlichkeit. Prüfend sah sie sich um und entdeckte einen einsam tanzenden Scheinwerferkegel auf der Straße unter ihr, der skalpellartig die Schwärze aufschlitzte. Unaufhörlich gab die Person im Sattel Gas, holte das Letzte aus dem Motor, um die erhebliche Steigung zu überwinden. Dennoch erreichte der Roller kaum Schrittempo.

Begeisterungslos über die brennende Helligkeit, die die magische Atmosphäre wie eine Seifenblase platzen ließ, hob sie die rechte Braue und schickte dem Fahrer einen mißmutigen Blick entgegen, der leider nicht genügte, ihn an Ort und Stelle zu verschrumpeln. Ihre Abneigung nahm noch zu, als sie bemerkte, wie er den rechten Blinker setzte, nicht wie inständig erhofft in Richtung Wald fuhr, um dort Liebespärchen im Auto zu beobachten und an sich rumzufummeln, sondern die Kreisstraße verließ und geradewegs auf den Aussichtsplatz zusteuerte, direkt auf sie zu. Während das Gefährt kurz darauf auf dem Kies neben ihr ausrollte, entdeckte sie zwischen den Beinen des Fahrers ein großes Bündel.

Er nahm seinen Helm ab, schob ihn über den Lenker. Das Gesicht eines jungen Mannes tauchte auf, der ihr freundlich zunickte. „Hallo.“

Sie ignorierte ihn - wie er es nicht anders verdiente!

Achselzuckend stieg er ab. „Ich hoffe, ich störe nicht.“

„Doch.“

„Sorry.“ Obwohl er verdammt genau wußte, unerwünscht zu sein, dachte er nicht daran, Cassandra den Gefallen zu tun und einfach zu verschwinden.

„Mach' wenigstens das verdammte Licht aus.“

„Geht leider nicht“, schüttelte er den Kopf und öffnete seinen Rucksack: Die Einzelteile eines astronomischen Fernrohrs kamen zum Vorschein, die er sorgsamst vor sich auf dem Boden ausbreitete. „Ohne Licht krieg' ich das hier nie zusammen.“

Mehr als ein weiteres Seufzen fiel ihr dazu beim besten Willen nicht ein. Sie entschied, besser zu schweigen.

„Von hier aus hat man eine phantastische Sicht“, stellte er überflüssigerweise fest. „Ich komme oft hierher.“

„Um ehrlich zu sein, ich hab' diesen Platz erst heute zufäl-lig gefunden. Aber er hat das gewisse Etwas, öfter herzukommen.“

Prüfend hob er den Kopf. Aus den Augenwinkeln schielte er zu ihrem Wohnmobil hinüber und entdeckte das Münchner Kennzeichen. „Du machst hier Urlaub?“

„Mehr oder weniger.“ Cassandra erhob sich, kam mit langsamen, geschmeidigen Schritten auf ihn zu, um das Fernrohr in Augenschein zu nehmen: eines jener Anfängermodelle, das man als Freundschaftswerbung für ein Illustrierten-Abo auswählt, da die anderen Prämien noch schlechter sind. Umständlich drehte er mit dem Schraubenzieher seines Offiziersmessers an der Verbindungsstelle, versuchte die beiden Segmente miteinander zu verbinden. Das Stativ wackelte erbärmlich. Offenbar machte er das zum ersten Mal. Einige Scheiben hätten wahre Wunder gewirkt; trotzdem dachte sie nicht daran, ihr Wissen mit dem Hobby-Astronom zu teilen.

„Ich heiße Thomas.“ Er reichte ihr die Hand, doch sie ver-schränkte nur trotzig die Arme vor der Brust und musterte ihn skeptisch aus dunklen Augen. Dennoch dachte er nicht daran, locker zu lassen: „Siehst du den Stern da oben?“ versuchte er eine andere Masche, deutete hinauf zum altbekannten Orion. „Das da ist die Beteigeuze - eine rote Sonne. Nicht wie unsere, die ist verhältnismäßig klein und außerdem gelb. Die Be-teigeuze jedoch ist riesig! In unser Sonnensystem versetzt würde sie fast bis zum Mars reichen.“

Wen zur Hölle wollte er damit beeindrucken? Einen Säugling? „Bist du nur hier, um in den Himmel zu gucken?“

„Gibt's denn noch 'nen anderen Grund?“

„Ich zum Beispiel will die Nacht genießen, das ganze Ambiente. Spürst du...“

„Die Nacht genießen?“ unterbrach er sie ungläubig und sah sie an, als hätte sie nicht nur behauptet, UFOs, sondern auch kleine, grüne Männchen gesehen zu haben. „Was ist schon dran an der Nacht, außer, daß sie dunkel und scheißkalt ist?!“

„Banause!“ Cassandras Gesicht wurde plötzlich zur wutverzerrten Fratze. Ihre linke Hand schnellte vor, packte Thomas im Haar und riß seinen Kopf nach hinten. Ohne Zögern, ohne Zaudern drang ihre Rechte in seinen Hals ein, schlitzte ihm die Schlagader mit rasiermesserscharfen Fingernägeln auf - viel zu schnell, viel zu präzise und viel zu tödlich, als daß er den flüchtigsten Gedanken an Gegenwehr fassen konnte. Tatenlos mußte er mit ansehen, was mit ihm geschah, wie sein Fleisch aufplatzte, sein Blut fontänenartig aus ihm hervorschoß und ihn ebenso verließ wie das Leben.

Keine Furcht, geschweige denn Ekel, den sie dabei empfand. Im Gegenteil, begierig preßte sie ihre Lippen auf die klaffende Wunde, um möglichst keinen kostbaren Tropfen zu vergeuden. Dennoch konnte sie nichts dagegen tun, daß sich am Boden eine Pfütze bildete. Lustvoll trank sie das heraus-strömende Blut, leckte es vom sterbenden Fleisch, nahm es wie Nektar in sich auf und stillte ihren maßlosen Hunger. Erst als der Fluß endgültig versiegt war, ließ sie von der Leiche ab, schleuderte sie achtlos zu Boden und wischte sich dann mit dem Handrücken den Mund ab.

Vielleicht war es ja wirklich zuviel verlangt von einem Menschen, die Nacht annähernd so zu achten, zu schätzen, zu respektieren und vor allem zu lieben wie sie. Vermutlich war ein Mensch mit seinem eingeschränkten Denken und Fühlen auch gar nicht dazu fähig.

Heute jedenfalls verzichtete sie darauf, ihr Opfer im Wohnmobil mit dem Kopf nach unten aufzuhängen und ihm Kochsalzlösung in die Adern zu pumpen, damit das darin verbliebene Blut hinausfloß, sie es in Flaschen abfüllen und Vorräte für sogenannte ‚schlechte Zeiten’ anlegen konnte. Das erschien ihr nicht nötig, nicht jetzt und auch nicht heute.

Schließlich veranstaltete die Leipziger Pfadfinderjugend übermorgen ihr vierteljährliches Zeltlager, verbunden mit einer nächtlichen Schnitzeljagd im Wald.

 

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Erstellt: 03.07.2005, zuletzt aktualisiert: 23.02.2019 14:17