Olympos (Autor: Dan Simmons)
 
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Olympos von Dan Simmons

Rezension von Björn Backes

 

Mit „Ilium“ gelang Dan Simmons seinerzeit der ganz große Wurf. Das fantastische, mythologisch beeinflusste Fantasy-Epos kulminierte seinerzeit in der Ankündigung eines gewaltigen Krieges, der von Menschen und Göttern ausgefochten werden sollte, aber erst einmal nur angekündigt wurde. Einige Zeit ist seither vergangen, in denen Simmons-Fans geduldig ausharrten, um endlich die Fortsetzung zur modernen Interpretation von Homers Meisterwerk in Empfang nehmen zu können. Nun ist es soweit: „Olympos“ folgt nun auch in der Taschenbuch-Ausgabe und entwickelt sich auf Dauer zu einem kleine, besser gesagt großen Meisterwerk, in dem der Autor kaum weniger mutig vorgeht als seinerzeit in „Ilium“.

 

Inhalt:

Der Krieg zwischen Göttern und Menschen steht unmittelbar bevor, nachdem der Philologe Thomas Hockenberry den Verlauf der Geschichte durch einen radikalen Eingriff völlig umgekrempelt hatte. Doch die Bündnisse in beiden Fraktionen werden zunehmend wackliger; Griechen und Trojaner werden in ihrer Verbindung uneins und zerstritten, aber auch die weiterentwickelten Götter sehen ihr Bündnis als eine Bedrohung für ihre individuellen Ziele und bekriegen sich nach ihrer kurzen Zweckgemeinschaft. Infolge der Kriegshandlungen brechen die Verbindungen zwischen der Erde und dem Olymp endgültig zusammen; Achilles bleibt als einziger zurück und erleidet in seiner Liebschaft zu Penthesilea eine bewende Tragödie.

Zu dieser Zeit machen sich auch die Moravecs auf der Erde breit, um ihre Forschungen voranzutreiben. Während ihre Expedition vorwiegend friedliche und wissenschaftliche Zwecke verfolgt, treten die Voynixe nach jahrtausendlanger Dienerschaft in den Krieg mit ihren ehemaligen Vorgesetzten. Es liegt an den Altmenschen, bei einer waghalsigen Expedition in die höchsten Regionen der Welt, die Geheimnisse der Vergangenheit zu lüften und der schier übermächtigen Bedrohung zu trotzen. Die Welt scheint im Chaos zu versinken, jetzt da selbst die Götter die Kontrolle zu verlieren drohen!

 

Rezension:

Ähnlich wie auch „Ilium“ so ist auch „Olympos“ ein unheimlich schwerer Roman, der einerseits durch einen kaum greifbare Komplexität in Erscheinung tritt, andererseits aber auch durch seine vielen gewagten Thesen Beachtung findet, in denen sich Simmons dauerhaft sehr weit aus dem Fenster hinauslehnt. Zwar sind die Verknüpfungen zu Homers Gesamtwerk „Ilias“ nur noch sehr vage und werden größtenteils von den vielen modernen Science-Fiction-Inhalten untergraben, doch da immer noch entscheidende Parallelen bestehen, die sich durch die wichtigsten Eckpunkte der Handlung ziehen, kommt man nicht umher, die Story auch außerhalb der gewöhnlichen Blickwinkel zu betrachten und analysieren.

Und genau hier schneidet „Olympos“ in den ersten Phasen seiner Entwicklung gar nicht so beachtlich ab. Mal ganz davon abgesehen, dass man die Handlung ohne das besagte Vorwissen aus „Ilium“ kaum verstehen wird, verstrickt sich der Autor hier in so zahlreiche Nebenstränge, dass man auch mit den nötigen Hintergrundinformationen zwangsläufig den Überblick verliert. Dementsprechend schrumpft die Motivation nach den ersten Kapiteln nachhaltig, da man nicht mehr genau einzuschätzen weiß, an welchen Stellen der Story nun Prioritäten zu setzen sind, inwiefern bestimmte Entwicklungen nun relevant sind, welche Protagonisten auch noch solche bleiben und wohin die Handlung auch nur ganz grob tendiert.

Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass die Inhalte des Vorgänger-Epos’ partiell völlig umgepflügt werden. Hatte man sich auf einen epochalen Krieg zwischen der Fraktion der Götter und den Trojanern und Griechen auf der anderen Seite eingestellt und eine Schlacht sondergleichen erwartet, trübt Simmons die Hoffnungen auf eine Bombast-Inszenierung mit gewaltigen Umbrüchen und einigen vermeintlichen Unschlüssigkeiten in der Entwicklungen der Volksvertretungen, die erst im späteren Verlauf wirklich logisch erscheinen. Dies ist der eine Punkt.

 

Auf der anderen Seite wird das Durchhaltevermögen der Leser im zweiten Abschnitt der Geschichte auf alle Fälle belohnt. Viele vergessene Zusammenhänge, die bereits in „Ilium“ angeschnitten, aber nicht wieder aufgegriffen wurden, kehren plötzlich in den Komplex zurück, die neuen Entwicklungen werden wieder detaillierter skizziert und letzten Endes auch reflektiert in die Handlung eingebunden, und schließlich gewinnen auch die Charaktere wieder jenes Format, welches „Ilium“ bereits auszeichnete, insbesondere was Achilles und Harman betrifft, die hier etwas konkreter vorgestellt werden. Außerdem findet Simmons Schritt für Schritt Antworten für die teils sehr abstrakten Fragen der Ausgangsgeschichte, und selbst wenn manche Lösungen nicht ganz so befriedigend sind, wie man es sich anfangs womöglich erhofft hatte, so gilt dem Autor letztendlich doch größter Respekt für seine mutigen Theorien und das Risiko, mit der teils sehr heftigen Interpretation des „Ilias“ entweder ganz tief zu stürzen oder sich gegen alle Skepsis zu behaupten. „Olympos“ mag zwar nicht mehr ganz so faszinierend sein wie der unglaublich starke Vorgänger; aber in Sachen Intensität erreicht die Story in der zweiten Hälfte ein durchaus vergleichbares Niveau.

 

 

Fazit:

Simmons hatte sich mit „Ilium“ selber eine große Hürde aufgestellt, die für „Olympos“ zur Messlatte werden und schlimmstenfalls zum Stolperstein werden sollte. Die Lösung, die der Autor in seinem neuen Mega-Epos gefunden hat, ist allerdings durchaus befriedigend und über weite Strecken auch wirklich meisterlich. Sieht man mal von der ungeheuren, schwerfälligen Komplexität der ersten Seiten ab, darf man bei Simmons’ vielleicht schwierigster Herausforderung definitiv von einer mehr als akzeptablen Umsetzung sprechen.

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 202404190222384a35370a
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Olympos

Autor: Dan Simmons

Broschiert: 956 Seiten

Verlag: Heyne (1. September 2008)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3453524438

ISBN-13: 978-3453524439

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 24.11.2008, zuletzt aktualisiert: 05.09.2020 15:12, 7813