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Paradise Lost

Rezension von Cronn

 

Als ich aus dem Durchgang trete, worüber die Eiszapfen wie spitze Drachenzähne geifern, reiße ich die Augen vor Erstaunen weit auf.

Ich befinde mich in einer gewaltigen Höhle, deren Ausmaße ich kaum einzuschätzen wage. Vor mir erstreckt sich ein Bohlenweg über einen Sandstrand, wird zum Steg und endet über einem großen See. Strandkörbe stehen herum, achtlos hingeworfene Spielzeuge von Kindern und Angelruten. Rechts thront ein Leuchtturm auf einer Insel, während der Weg links hoch zu einem Anwesen führt.

Alles erscheint mir unwirklich, passt nicht hierher. Wie Kulissen, aus Sperrholz gefertigt. Ist das eventuell das Set für einen Film? Sind die Steinwände des Anwesens nur aufgemalt, sind dahinter lediglich stützende Balken zu finden?

Ich steige den Weg die Anhöhe hinauf, vorbei an prasselnden Außenduschen. Oben ist ein merkwürdiges Denkmal für die Opfer einer Explosion aufgestellt. Keine Ahnung, worauf das anspielt. Dann stehe ich in eine Art Innenhof, der von Lichterketten überspannt wird. Das Gebäude, das ich von oben gesehen habe, ist innen erleuchtet und scheint also keine reine Filmkulisse zu sein. Ein Fenster ist offen. Durch das steige ich ein.

Ein Foyer empfängt mich. An den Wänden große Fenster und Bücherregale. Ich lese die Buchrücken, finde deutschsprachige Bücher neben fremdsprachigen. Wozu dient das alles? Wer hat hier gewohnt?

Ich wende mich nach links, finde eine offene Doppeltür und dahinter mit dreckigen Lacken abgetrennte Wohnbereiche in einer Diele. Offensichtlich haben hier mehrere Menschen zusammen auf engstem Raum eine Zweckgemeinschaft errichtet. Es finden sich Spielsachen und Kuscheltiere. Also waren es Familien. Mir läuft es kalt über den Rücken.

»Ewa, bist du hier?«, rufe ich in die Stille. Ich habe zwar wenig Hoffnung, dass hier ein Lautsprecher verbaut ist und Ewa mir antworten kann, aber es ist besser als die ringsum dräuende Stille.

Ich trete auf eine breite Treppe, die hinauf in den ersten Stock führt. Was mich wohl oben erwarten wird?

 

Paradise Lost ist das jüngst erschienene Game vom Entwickler PolyAmorous und wird von All in! Games als Publisher vermarktet. Auf Steam hat es größtenteils positive Rezensionen erhalten. Grund genug also, mal nachzusehen, was es mit dem Game auf sich hat.

 

Hintergrund:

Der Zweite Weltkrieg hat in »Paradise Lost« nicht 1945 geendet. Die Nazis haben mit Atomwaffen fast ganz Europa verwüstet. Man schlüpft in »Paradise Lost« in die Rolle eines 12jährigen Jungen, der nach dem Tod seiner Mutter durch das atomar verstrahlte Polen zieht und dabei einen Bunker entdeckt. Auf dem Foto seiner Mutter ist auch ein Mann und im Hintergrund ein Bunkerzeichen. Ob er mehr darüber herausfinden wird, wenn er hinab in die Geheimnisse des Bunkers steigt?

 

Das Spiel enthält mehrere Erzählstränge, die miteinander verwoben sind. Unter anderem ist das der vom 12jährigen Szymon, der nach der eingesperrten Ewa im Bunker und dem Geheimnis seiner Herkunft sucht. Auf der anderen Seite ist auch die Geschichte der Bunkergesellschaft enthalten, sowie die Story derjenigen, die vor Szymon den Bunker aufgesucht haben. Insgesamt ist die Geschichte also sehr vielfältig und spannend.

 

Die Art und Weise des Erzählens ist aber gewöhnungsbedürftig. Es gibt wenige Zwischensequenzen, dafür wird mehr durch environmental Storytelling erzählt. Das bedeutet, dass man beim Durchsuchen der Räumlichkeiten sehr genau auf die Details achten sollte, damit man sich selbst einen Reim auf die Vorkommnisse machen kann. Das ist teilweise sehr gelungen inszeniert, wenn man beispielsweise auf die verschiedensten Räume stößt und anhand der darin befindlichen Möbel und Gegenstände auf die Personen schließen kann.

Immer wieder gibt es auch Dialogszenen zwischen Szymon und Ewa. Diese sind aber nicht immer packend in Szene gesetzt und wirken teilweise bemüht und langatmig. Eine Verbindung der beiden Charaktere wird aber dennoch aufgebaut. Die Sprecher bemühen sich redlich, kommen dennoch etwas steif herüber. Das mag daran liegen, dass sie zwar englisch sprechen, aber einen deutlichen osteuropäischen Akzent haben.

 

Gameplay:

»Paradise Lost« ist ein Spiel, das durch eine narrative Explorationserfahrung glänzen will. Dies bedeutet, dass das Hauptaugenmerk auf der Geschichte liegt, die man durch das Durchwandern der Spielwelt erfährt.

 

Damit geht einher, dass man andere Spielelemente hier kaum vorfindet. So gibt es anders als bei Amnesia keinen Feind, der einen begleitet und verfolgt. Auch existiert kein rollenspieltypisches Progressionssystem mit Loot und Charakterwerten und dergleichen. Allerdings gibt es einige Gegenstände, die man finden und an anderen Stellen einsetzen muss, um im Spiel voranzukommen. Dieses Gameplayelement ist allerdings recht sparsam eingesetzt. In der Regel gelangt man recht problemlos voran.

 

Der Schwerpunkt liegt ganz klar auf der Exploration, sprich dem Erkunden der Spielwelt. Hier findet man immer wieder Notizen, Zeichnungen und dergleichen mehr, welche die Hintergründe der Story anreichern. Ab und an gibt es auch Audiologs, in denen man Storypuzzleteile zum Hintergrund der Spielwelt erfährt. Auch die Räume erzählen Geschichten durch die darin befindlichen Möbel, Gegenstände und dergleichen mehr. So findet man Anzeichen eines Kampfes innerhalb eines Zugwagons: fest montierte Maschinengewehre, leere Patronenhülsen, Einschusslöcher in den Wänden etc. pp..

Später entdeckt man auf der gegenüberliegenden Seite weitere Kampfspuren und kann somit folgern, dass sich hier zwei Parteien gegenüberstanden. Anhand von Notizen und Audiologs klärt das Game sodann die Hintergründe der Auseinandersetzung auf und treibt den Storyverlauf voran. Das macht »Paradise Lost« sehr geschickt.

 

Aber man muss sehr aufmerksam sein und sich auf die Erzählweise einlassen können, sonst wirkt das Game inhaltsleer und spannungsarm. Nicht jeder Spielertyp mag diese Erfahrung, es ist also vor allem für Storyenthusiasten interessant.

 

Auffallend sind auch kleinere Gamedesignentscheidungen, die den Spielfluss bremsen. So ist die durchschnittliche Laufgeschwindigkeit sehr langsam und lässt sich auch kaum merklich durch die Sprint-Taste erhöhen. Die Hotspots für auszulösende Aktionen sind durch Kreise dargestellt, das Anvisieren derselben fällt nicht leicht. Sehr schnell ist man ein wenig zu weit links oder rechts davon und schon kann man die Aktion nicht durchführen. Dass man anschließend noch die Maus nach oben oder unten bewegen muss, erinnert an die Mechaniken der Penumbra-Spielreihe von Frictional Games. Aber bei »Paradise Lost« wird keine Ingame-Aktion grafisch dargestellt, wie das Aufschieben von Schubladen, sondern es gibt lediglich einen grafischen Aktionsindikator (Kreis mit sich füllendem Balken darin), sodass hier die Mausbewegung nicht zu erhöhter Immersion führt und somit eigentlich unnötig ist. Auch störend ist die Tatsache, dass man nicht automatisch beginnt, Leitern hinauf- oder hinunterzuklettern, sobald man dort anlangt, sondern einen Mausklick braucht. Das Treppenlaufen ist zudem holprig gestaltet, da die Spielfigur nach zwei Kletterzügen eine kurze Pause macht.

 

Die Level von »Paradise Lost« sind nach den fünf Trauerphasen von Elisabeth Kübler-Ross, einer schweizerisch-US-amerikanischen Psychiaterin, eingeteilt: Verdrängung, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz. Das macht sich auch storytechnisch bemerkbar, aber nicht so stark, wie man vermuten würde. Hier ist Potential brach liegen gelassen worden.

 

Grafik und Sound:

»Paradise Lost« sieht sehr gut aus. Die grafischen Details, die Texturdichte und vor allem die Lichteffekte sind auf sehr hohem Niveau. Sieht man etwas genauer hin, wiederholen sich die Assets sehr schnell. Beispielsweise sind lediglich eine Handvoll Bücher in den Regalen unterschiedlich und wiederholen sich, was die Immersion stört.

 

Die Lichtstimmung muss nochmals erwähnt werden, denn diese trägt zu der sehr gelungenen Atmosphäre bei. Hier haben die Designer alles richtig gemacht. Die Lichtstrahlen fallen einzeln durch Bretterwände oder beleuchten stimmig mit verschiedenfarbigen Licht die Umgebungen. Das wirkt in sich geschlossen und aufeinander abgestimmt.

 

Der Sound ist durch das häufige Fehlen von Musik gekennzeichnet. Das passt sehr gut zur Atmosphäre von »Paradise Lost«. Der Rest des Sounds ist vor allem Umgebungssound: ein Brummen, ein Surren von Maschinen, der Hall von Schritten in den Höhlen und dergleichen mehr. Es wirkt nicht sonderlich spektakulär, ist aber ordentlich gelungen und trägt zum Aufbau einer unheimlichen, bedrohlichen Atmosphäre bei.

 

Fazit:

»Paradise Lost« ist kein Spiel, das Durchschnittsspieler·innen erreichen wird. Zu leer wird es sich anfühlen, zu eckig an manchen Stellen beim Gameplay. Sobald man sich aber auf die Storytiefe einlässt, mit Fantasie die Lücken füllt, erzeugt »Paradise Lost« eine sehr gute Atmosphäre und einen Spannungsbogen, der zum Weiterspielen reizt.

Vor allem die Bunkerwelt und die darin aufgebaute Gesellschaft sind innovativ erfunden und überzeugen die Spieler·innen durch ihre Storytiefe. Wer gerne eine ruhige Narration in einer alternativen Historie erfahren möchte und den innewohnenden Gruselfaktor mag, ohne erschreckt zu werden, ist sicherlich bei »Paradise Lost« gut aufgehoben.

 

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PC-Spiel:

Paradise Lost

Entwickler: PolyAmorous

Publisher: All in! Games

Veröffentlichung; 24. März 2021

 

Erhältlich bei: steam


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Erstellt: 24.04.2021, zuletzt aktualisiert: 16.11.2022 17:38