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Projekt Mensch hrsg. von Wilko Müller Jr.

Anthologie

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

»Projekt Mensch«, so lautet das Motto des 9. Elstercons, eines Treffens von Science Fiction Lesern, Fans und Autoren im August 2008 in Leipzig. Anlässlich der Veranstaltung rief der Projekte-Verlag zu einem Storywettbewerb auf. Uns erreichten über 40 Beiträge, aus denen wir schon aus Platzgründen die passendsten Geschichten auswählen mussten.

Die Autorinnen und Autoren näherten sich dem Projekt auf die verschiedenste Weise: über die Religion, als Grabrede, als konventionelle Story; sie schrieben über Maschinen und Menschen und Menschmaschinen, über das Ende der Menschen und neue Anfänge …

 

Rezension:

Der Elstercon ist vor allem durch die Namen seiner Gäste zu einem Highlight im deutschen SF-Jahr geworden, umso schöner, dass auch im Rahmen eines Kurzgeschichtenwettbewerbes an der Zukunft gebaut wird. Wie die Verlagsinfo anmerkt, wurde aus über 40 Beiträgen ausgewählt und so fanden dann auch 24 Arbeiten ihren Weg ins Buch.

 

Das Inhaltsverzeichnis weist erfreulich viele Autorinnen auf, leider gibt es keine weiteren Informationen zu den Autoren, die mir bis auf Michael Schmidt auch alle unbekannt waren und selbst die Geschichte von Michael kannte ich schon.

Das Cover von Mario Franke gefällt mir ausnehmend gut und passt zum Projekt.

 

Das Thema des Wettbewerbs lautete »Projekt Mensch« und die Autoren näherten sich ihm auf verschiedene Weise, allerdings kristallisierten sich beim Lesen einige Hauptthemen heraus, etwa die Neuerzählung der Schöpfungsgeschichte, Berichte über gescheiterte Experimente oder die Probleme Künstlicher Menschen. Doch kommen wir zu den Geschichten selbst.

 

Die Anthologie beginnt recht schwach mit Angelika Pauly und ihrer Story Das aufgesetzte Leben des Herrn I.. Anstatt ihrer Idee vom simulierten PC im PC Raum zu geben und ihre Charaktere zu entwickeln, wird die dünne Handlung kurz angerissen und mit einem Kommentar erklärt. Das ist eine Skizze, aber keine Geschichte.

 

Hingegen von Altvater Asimov inspiriert ist Berhard Horwatitschs Memmie um eine Androidin, die unter Mordverdacht gestellt wird. Mit Sinn für Humor aber auch mit Bedacht, eine stimmige künstliche Intelligenz zu beschreiben, gelingt es dem Autor eine eigenständige Variante dieses typischen Roboter-Szenarios zu entwickeln.

 

In Alfred Görlachs Schöpfungsgeschichte Das ewige Projekt "Mensch" geht es in erster Linie um Religionsschelte. Unspannend und ohne echte Idee.

 

Da Michael Schmidt zu meinen Freunden zählt, werde ich sein Brainpool nicht ungeschoren davon kommen lassen. Michael liebt Action und klare Handlungsabläufe ohne großen Schnickschnack drumherum. Sein Cyperspace-Thriller hat denn auch die üblichen Zutaten, den Cop, den größenwahnsinnigen Wissenschaftler, die betrogene Hauptfigur und jede Menge Mord- und Totschlag. Michaels trockener Erzählstil ist ganz auf die Handlung fixiert, sodass der Hintergrund stets etwas blutleer bleibt. Umso mehr Profil verleiht er seinen Figuren, die jedoch in der engen Story nicht genug Stoff haben, sich auch wirklich zu entfalten. So bleibt ein schnell erzählter Krimi um eine Zukunftsvision, wie man sie aus einer Nachrichtenmeldung gewinnen kann.

 

Der Beitrag von Nancy Walther zum Projekt Mensch ist keine Geschichte, sondern eine Grabrede. Als Idee und Auflockerung sicher nicht schlecht, leider etwas moralinsauer.

 

Christina Frosio versucht in Maxim die Probleme eines Mannes zu beschreiben, der an einem medizinischen Test gegen das Altern teilnimmt und dabei fast vor die Hunde geht. Man spürt in der Geschichte, wie tief die Autorin in die Psyche ihrer Figur eindrang. Leider sind die stilistischen Schwächen der Geschichte zu groß, um ihr Potential ausschöpfen zu können.

 

Jochen Baiers Perlig 23-12 musste ich mehrmals lesen, bevor ich mir sicher war zu verstehen, worum es dem Autor ging. Der Wunsch nach dem Wissen um die Zukunft, oder die Sehnsucht nach vorhersehbarer Ordnung und damit der Verlust der eigenen Schöpfungskraft, die Abhängigkeit von fremden Visionen, all das steckt in der Geschichte und wenn der Autor nicht gar zu gestrafft geschrieben hätte, könnte man sie zu den besten der Anthologie zählen.

 

Eine weitere Schöpfungsgeschichte lieferte Fritz Beck mit Mission Neues Leben. Zwar geht es bei ihm ohne Gott und Bibel aber die teilweise witzige Story scheitert an zu geringem Stoff.

 

Für mich eine der besten Geschichten des Bandes ist Pascal Gregory surrealistische Story Die Zunge des stählernen Chamäleons. Zwar schwächt der Autor die Wirkung des herausragenden ersten Teils durch den schwachen erklärenden zweiten Teil, aber von der Idee über die sprachliche Gestaltung ist seine Traumwelt mehr als überzeugend und lesenswert. Ich würde den Abspann ganz streichen.

 

Anneliese Wipperling schafft mit Welt ohne Nacht eine eigene Kosmologie. Auch wenn sie ihre gut dosierte Alienhistorie in einer kosmischen Vision eher ätherisch enden lässt, stimmt hier alles. Überzeugende Figuren, stimmige Exotik und passende Perspektivwechsel. Alles in allem eine fast schon klassische und gut geschriebene Science Fiction Story.

 

Um ein Experiment mit menschlichen Klonen geht es L.J. Cropley Zweihundert. Aus der Sicht des elfjährigen Neutrums K79 erfahren wir vom Alltag der Klonkinder, die kurz davor stehen, sich zu entscheiden, welches Geschlecht sie wählen wollen.

Dabei entwickelt K79 durch die verabreichten Hormone nicht nur ihre eigene Persönlichkeit, es beginnt auch die Grenzen seines Lebens in Frage zu stellen.

Letztlich präsentiert uns der Autor eine Geschichte über ein Experiment, das außer Kontrolle gerät, auch wenn wir keinen ordentlichen Abschluss der Geschichte serviert bekommen. Der störende Erklärungseinschub durchbricht die ansonsten spannend und gut geschriebene Story.

 

Erneut mit der Schaffung von Menschen befasst sich Tom A. Tenzer in Hybris. Dabei erzählt auch er von einem Versuch, der sich gegen die Wissenschaftler wendet. Es gibt viel Alienblut und einen siegreichen Menschen. Letztlich etwas zu wenig um wirklich begeistern zu können.

 

Bitterböse ist Ave von Michael Karner. In seiner düsteren Zukunftsvision konfrontiert er den Leser mit zwei gleich grausigen Entwicklungen der Menschheit. Kurz aber stimmungsvoll.

 

Dieter Stiewis Computerarbeitsplatz beginnt mit einer sehr realistischen Beschreibung eines typischen Büroalltags, leider jedoch weicht der Realismus mehr und mehr der Story-Idee. Übrig bleibt eine ziemlich unlogische Story ohne Schärfe oder Inspiration.

 

Sabine Kurz begibt sich mit ihrer Geschichte Der blinde Allsehende ebenfalls in die Welt medizinischer Experimente. Auf der Suche nach dem perfekten Roboter werden menschliche Sinne für eine Übertragung optimiert. Die Beschreibung der medizinischen Folter ist beeindruckend, allerdings wandelt sich die Story zu eine Zeigefingerpredigt und bleibt letztlich weit hinter ähnlichen Geschichten zurück.

 

Auf eine Stammtisch-Pointe zielt Shayariel mit der Geschichte Böses Erwachen. Ist die Beschreibung der leeren Welt zunächst noch einigermaßen spannend, verliert sich der Autor zunehmend in unglaubwürdigen Entwicklungen und Leistungen des Protagonisten um dann gegen Ende mit billigem Sex Punkte sammeln zu wollen. Übelster Trash.

 

Helge Löbel lässt in Heimat Roboter revoltieren. Dabei mischt er Ideen wie globale Intelligenz und Vernunftwerdung von KI. Solide aber nicht wirklich fesselnd.

 

Ganz und gar exotisch ist Thorsten Schweikards Afrika-Story Toekoms. Der Schutz eines neuen Wunderstaates steht im Mittelpunkt. Mit den Augen von Nuru Hasanti betrachten wir die Probleme an der Grenze zwischen Paradies und Elend und erleben ein großes politisches Wunder. Auch wenn der Traum des Autors wenig realistisch erscheinen mag, ihn zu träumen kann nicht schlecht sein. Innerhalb der Geschichte funktioniert es jedoch nicht. Zu unwahrscheinlich ist die friedliche Lösung in letzter Sekunde, zu gestellt der Konflikt.

 

Herrlich skurril ist Jakub Matejas Diese verdammten Maschinen. Böse und in flottem Stil präsentiert ohne sich allzu ernst zu nehmen, macht diese etwas andere Robotergeschichte großen Spaß.

 

Aus der Sicht eines geistig begrenzten Kindes erzählt Uwe Schimunek seine postapokalyptische Story Neustart. Solide und stimmig beschreibt er den Alltag und das Beziehungsgeflecht der kleinen Gemeinschaft. Leider endet der Text ohne wesentlich mehr behandelt zu haben.

 

Auch Sacia Meghriche hat in ihrem Das Adams-Projekt kaum mehr zu berichten, als ihre Idee. Schwankend zwischen humoristischer Einlage und moralischem Anliegen versandet der Text recht schnell.

 

Die Jury des Elstercons wählte Elisabeth Meisters Die Andere auf den dritten Platz. Mit großem Gespür für die emotionale Welt ihrer Figuren. Auf der einen Seite Silja, eine primitive Wilde, die aus einem Reservat davonläuft und auf der anderen Seite die zivilisierte Goja, mit den Gedanken und Gefühlen einer überlegeneren Rasse. Ohne Zweifel gelingt es der Autorin beide Seiten authentisch zu beschreiben, aber trotz des bitteren Endes hätte ich mir noch etwas mehr Hintergrund und Substanz gewünscht.

 

Platz Zwei belegte Holger Mossakowski mit Axel, Suse und ich. Der satirische Kampf dreier Angestellter gegen ihren genetisch optimierten Chef ist tatsächlich eine der besten Storys in der Anthologie. Die Kombination aus genüsslicher Gegenwartsschelte und finsterer Zukunftsvision ist glasklar geschrieben, schnell und voller Spott.

 

Auch mir gefiel die Gewinnerstory von Olaf Kemmler am besten. Die Examensarbeit geht einen großen Schritt in der Evolution des Menschen vorwärts und zeigt eine Welt mit synthetischen Menschen, die unserer zwar nicht unähnlich ist, aber ganz in der Hand von ziemlich weit entfernten Verwandten des Homo Sapiens liegt. Die weibliche Hauptfigur Luna ist ein neugieriges und rebellisches Wesen, das nicht nur gern gegen Regeln verstößt, sondern auch genau die richtigen Fragen stellt. Dass sie dabei ganz nebenbei Staatsgeheimnisse offenbart und die ganze Welt umkrempelt macht sie nur noch sympathischer.

Eine sehr gute Science Fiction Story mit einem ausgewogenen Verhältnis von Zukunftsvision und vorzüglicher Charakterisierung.

 

Fazit:

Die Elstercon-Anthologie vereint eine ganze Reihe guter Geschichten und auch einige wenige schwache Storys, in erster Linie aber ist sie die Plattform für eine ganze Reihe unbekannter Autoren von denen man nur hoffen kann, noch mehr zu hören.

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Eure Meinung:

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Buch:

Projekt Mensch

Anthologie

Herausgeber: Wilko Müller Jr.

Projekte Verlag Cornelius, Juni 2008

Taschenbuch, 243 Seiten

Cover: Mario Franke

 

ISBN-10: 3866345321

ISBN-13: 978-3866345324

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Angelika Pauly: Das aufgesetzte Leben des Herrn I.
  • Berhard Horwatitsch: Memmie
  • Alfred Görlach Das ewige Projekt »Mensch«
  • Michael Schmidt: Brainpool
  • Nancy Walther: Projekt Mensch
  • Christina Frosio: Maxim
  • Jochen Baier: Perlig 23-12
  • Fritz Beck: Mission Neues Leben
  • Pascal Gregory: Die Zunge des stählernen Chamäleons
  • Anneliese Wipperling: Welt ohne Nacht
  • L. J. Cropley: Zweihundert
  • Tom A. Tenzer: Hybris
  • Michael Karner: Ave
  • Dieter Stiewi: Computerarbeitsplatz
  • Sabine Kurz: Der blinde Allsehende
  • Shayariel: Böses Erwachen
  • Helge Löbel: Heimat
  • Thorsten Schweikard: Toekoms
  • Jakub Mateja: Diese verdammten Maschinen
  • Uwe Schimunek: Neustart
  • Sacia Meghriche: Das Adams-Projekt
  • Elisabeth Meister: Die Andere
  • Holger Mossakowski: Axel, Suse und ich
  • Olaf Kemmler: Die Examensarbeit

Weitere Infos:


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Erstellt: 12.09.2008, zuletzt aktualisiert: 15.03.2019 13:00