Quellcode (Autor: William Gibson)
 
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Quellcode von William Gibson

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Die Journalistin Hollis Henry wird beauftragt, einen Artikel über eine neue Kunstform zu schreiben. Doch als sie ihre Recherchen mit dubiosen Agenten und Kriminellen in Kontakt bringen, ahnt sie, dass es hier um etwas ganz anderes geht – um etwas, das nicht nur Hollis' Zukunft, sondern die der gesamten Welt für immer verändern könnte …

 

Rezension:

Quellcode ist der zweite Teil der dritten Trilogie von William Gibson in deren Zentrum das Unternehmen Blue Ant steht. Eine Werbeagentur unter Leitung des ominösen Mäzens Bigend. Doch der Roman schließt nur grob an Mustererkennung (»Pattern Recognition«, 2004) an.

 

Der Klappentext entwirft ein typisches Thriller-Szenario und tatsächlich ist »Quellcode« eine actionreiche Geschichte, die eine ganze Reihe der typischen Ingredienzien aufweist und dennoch spürt man recht bald, dass hier eine Gangart eingeschlagen wird, die einem Dude am Sonntagvormittag entspricht.

William Gibson tanzt seinen langsamen Walzer mit drei komplett unterschiedlichen Hauptfiguren, die jede für sich eine eigene Art der Entspanntheit durchs Leben weist.

 

Da ist zunächst Hollis. Sie hatte Anfang der Neunziger Erfolg in einer zum Kult gewordenen Band, The Curfew, verlor Geld in der DotCom-Blase und bastelt nun etwas stümperhaft an einer Journalistik-Karriere. Die große Chance verspricht ein Artikel für das Magazin „Node“ über Locative Art - einer virtuellen Kunst, bei der man mittels eines speziellen VR-Helmes virtuelle Kunstwerke an ganz bestimmten Koordinaten sehen kann, etwa dem Ort an dem River Phoenix starb. Doch recht schnell erweist sich sowohl das Magazin, als auch der technische Hintergrund der neuen Kunst als geheimnisvoller, als Hollis zunächst dachte. Immer wieder gewinnt auch ihre ehemalige Rolle als Bandmitglied eine Bedeutung – mit jedem kleinen Handlungsschnipsel um die Reportage gewinnt Hollis zusätzliche Konturen. Wir erleben eine relaxte Amerikanerin, die gelernt hat, mit den Katastrophen umzugehen. Ob 9/11, DotCom, Irakkrieg oder Bush-Administration (die als einzige nicht namentlich erwähnt wird), der Verlust globaler Zuversicht schuf einen Menschenschlag, der zwar nicht mit einem guten Ende rechnet, aber ihm gelassen entgegensieht. Schließlich geht es immer irgendwie weiter, man muss nur etwas daraus machen. Hollis kennt zwar Angst, sie stellt sie sich als Mongolischen Todeswurm vor, aber sie verfällt nicht in Panik und kann selbst in undurchsichtigen und potentiell gefährlichen Situationen in der kühlen Beobachterposition bleiben, wartend auf den richtigen Zeitpunkt, zu agieren. Kühl heißt hier auch gar nicht emotionslos, das ist sie auf keinen Fall. Eher ist es die Distanziertheit, die aus einer ganzen Menge überstandener Krisen herrührt.

 

Die zweite Person ist Tito, ein junger Mann unbestimmter Nationalität, aber dennoch deutlich ein Mitglied der vielfältigen amerikanischen Emigrantenschicht, den wir in einer mafia-ähnlichen Struktur kennenlernen, die in New York ihren Geschäften nachgeht. Er spielt Keyboard, komponiert Musik und lebt in der festgefügten Welt seiner Aufträge, so scheint es. Doch recht bald wird deutlich, dass Titos Familie wesentlich mehr ist, als eine kriminelle Organisation. Sie ist wirklich eine Familie, mit Wurzeln in Kuba, dem Geheimdienst und asiatischer Philosophie. Ihre Ausbildung ist komplex und liegt vom Niveau her über dem ihrer Kontrahenten, von welcher staatlichen Stelle sie auch kommen mögen. Die Familie ist groß, doch fest verbandelt. Und obwohl wir Tito in mehreren Momenten erleben, die an Einsamkeitsmetaphorik kaum zu überbieten sind – allein in einem fensterlosen Zimmer, mitten in New York, in einem fast leerstehenden Gebäude, der Raum nur spärlich möbliert und Tito starrt an die Decke und grübelt über die Guss-Spuren im Beton nach – obwohl also diese Einsamkeit überdeutlich offenbar ist, verspürt Tito sie nicht nur nicht, er ist auch tatsächlich nie allein. Neben der Familie lernen wir bald noch zwei weitere, diesmal innere Welten kennen, die ihn in der Realität fest verankern: Eine asiatisch geprägte Religion, deren Gottheiten ihn im wahrsten Sinne des Wortes lenken, und das Systema – eine Zen-artige Meditationsebene, die seine Wahrnehmungen erweitert und ihm eine andere Sicht ermöglicht. Titos Gelassenheit ist ein Insichruhen, eine Zusammenfassung all jener teils mythischen Bewusstseinserweiterungen, die weder technisch noch religiös begründet sind. Im Gegensatz zu Hollis musste Tito nicht auf Erleben reagieren, er hat es erlernt.

 

Wieder ganz anders gewinnt unsere dritte Hauptfigur ihre innere Ruhe. Milgrim ist ein Junkie. Ein gefallener Angehöriger des amerikanischen Mittelstands. Abhängig von stimulierenden Pillen, dient er gezwungenermaßen einem Bullentypen, um für ihn eine Handy-SMS-Kurzsprache zu übersetzen – Volapuk. Dabei handelt es sich um eine Übertragung der eigentlich mit kyrillischen Lettern geschriebenen russischen Sprache in lateinische Buchstaben – ein Relikt aus der Zeit, als Tastaturen noch einheitlich englisch waren. Da Milgrim zum Dienst gepresst wurde und mit Drogen gefügig gehalten wird, ist er zunächst nur der auf sich fixierte Beobachter dessen, was Brown, sein Aufpasser und Chef, erledigt. Sie überwachen einen Illegal Facilitator - IF - der irgendwie für Brown und seine Leute interessant ist, ohne dass Milgrim es zunächst aus seiner Ich-Konzentriertheit heraus näher ergründen kann, warum. Eine neue, stärkere Pille öffnet ihm nicht nur die Sicht, er beginnt zudem in einem Buch zu lesen, das er in einer Manteltasche fand: Über revolutionären Messianismus im mittelalterlichen Europa. So wird immer deutlicher, dass Milgrim vor seiner Drogensucht nicht nur ein hochintelligenter Mann gewesen war, er beginnt auch allmählich über den engen Horizont der nächsten Pille hinauszusehen. Er wird nicht nur nach und nach aktiver, er untersucht auch das Geschehen zunehmend kritischer, wenn auch weiterhin hauptsächlich als Beobachter. Milgrims Welt ist analytisch, chemisch geschärft und entschleunigt.

 

Alle drei Hauptfiguren streben auf eine gemeinsame Koordinate zu, die markiert ist von einem geheimnisvollen Container und einem Masterplan, der die Geschichte mit einem feinen Netz durchzieht. Gibson bewegt sich nicht wirklich in ferner Zukunft, fast ist es schon Vergangenheit, wenn man bedenkt, wie schnell Geräte wie der iPod veralten, jedoch liegt das Hauptaugenmerk des Autors mehr auf das Beschreiben einer Gegenwart. Er untersucht sie soziologisch anhand seiner so verschiedenen Hauptfiguren und politisch durch das Einbeziehen global agierender Nebenpersonen. Ein bisschen mag er in die Zukunft spekulieren, etwa wenn es um Locative Art geht, aber insgesamt ist »Quellcode« eine aktuelle Bestandsaufnahme, eine Wortmeldung des Autors zu einer amerikanischen Wirklichkeit, die irgendwie zäh auf der Stelle trat. Es ist eine Vorgeschichte zur Change-Bewegung Obamas.

 

Am Ende wird der Leser auch genau so entlassen. Es ist eine Veränderung möglich, die Geschichte liegt in den Händen von Leuten, die ruhig und bedacht vorgehen, ohne Gewalt – wie der Dude.

 

Die Heyne-Ausgabe ist eher lieblos, das Cover beliebig und ohne Bezug zum Inhalt. Der Titel »Quellcode« stammt noch von der gebundenen Erstausgabe und ist nicht wirklich nachvollziehbar und es gibt auch keinerlei Hinweis auf den Vorgänger »Mustererkennung«. Aber das sollte niemand stören, das chillige Buch zu lesen.

 

Eingefleischte Gibson-Fans könnte der Roman aber gerade im Vergleich mit »Mustererkennung« weniger gefallen. Eine sehr kritische Auseinandersetzung mit dem Roman findet sich im Oliblog.

 

Fazit:

Ein merkwürdiger Thriller, der sich zunehmend als politische Wortmeldung William Gibsons erweist, der fern seiner Cyberspace-Visionen einen scharfen Blick auf die amerikanische Wirklichkeit der letzten Jahre unter Bush Jr. Wirft. Großartige Figuren und und eine seltsame Gelassenheit machen den Roman für all jene zum Genuss, die Zeit haben, zu lesen.

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Buch:

Quellcode

Original: Spook Country, 2007

Autor: William Gibson

Übersetzerin:Stefanie Schaeffler

Heyne, Mai 2010

Taschenbuch, 463 Seiten

 

ISBN-10: 3453526805

ISBN-13: 978-3453526808

 

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 22.08.2010, zuletzt aktualisiert: 24.09.2021 17:33