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Rabenmond – Der magische Bund von Jenny-Mai Nuyen

Rezension von Tamara Nahm

 

Zusammenfassung:

Ein Junge, ein Mädchen. Er ist ein Thronfolger und besitzt übermenschliche Fähigkeiten, sie kommt aus den Armenvierteln der Stadt. Nachdem sie unwissendlich auf ihn geschossen hat, muss der Prinz sie zum Tode verurteilen. Ein Fremder, der später ihr Lehrmeister werden wird, errettet das Mädchen aus den Verliesen und benutzt sie, um seinen Plan zu verwirklichen: er strebt nach dem Geheimnis der Gestaltwandlung, das die herrschende Klasse hütet. Dass sich der junge Prinz in seine Schülerin verliebt hat, kommt ihm dabei gerade Recht.

 

Inhalt:

Die Menschen sind geteilt in zwei Gruppen. Zum einen wird die Welt größten Teils von normalen Menschen bewohnt, zum anderen existieren die Drachen, eine Herrscherklasse, die in Teilen der Welt tyrannisch und willkürlich richtet. Zwar sind die Drachen auch nur Menschen aus Fleisch und Blut doch haben sie eine spezielle Gabe: Zu jeder Wintersonnenwende eignen sie sich die Körper von verschiedenen Tieren an und können sich ein Jahr lang an deren Korpussen, ihren leeren Hüllen, die sie zurücklassen wenn sie ins Jenseits wandern, bedienen. Laut ihnen sind die Drachen dazu berufen zu Denken. Ihre Aufgabe ist es, das Volk mit Verstand zu leiten während es den Menschen gegeben ist zu fühlen. Im Gegenzug dazu haben Drachen keine Gefühle und Menschen wären unfähig, einen klugen Gedanken zu fassen da ihr Herz dies nicht zulassen würde.

Und während die Drachen damit beschäftigt sind, in ihrem Palast Bankette und Schaukämpfe zu veranstalten, sich von bürgerlichen Gildenmitgliedern portraitieren zu lassen oder über ihre Kriegsführung gegen die freien, nicht von Drachen regierten Staaten diskutieren, verbringen die Ruinenbewohner, die ärmsten der Armen ihr Zeit mit Ritus. Das eigentlich verbotene „Spiel“ beinhaltet, ein Kleintier zu opfern und wenige Momente vor seinem Tod den Atem des Tieres aufzunehmen. Dadurch wird eine Art Trance, ein Schweben erreicht, dem den Erfahrungen im Nirwana gleicht. Ihnen wird es möglich zu sehen, was nach dem Tod passiert.

Verboten und mit dem Tode bestraft ist Ritus deshalb, da die Menschen Tiere töten müssen. So kommt es, dass Mion, eine Ruinenbewohnerin, anstatt eines Fuchses den Thronfolger von Wynter erschießt – besser gesagt erschießt sie einen seiner drei Fuchskörper. Wohlwissend, dass sie ihr eigenes Todesurteil unterzeichnet hat, grübelt Mion noch den ganzen Abend über den Drachen. Schließlich kommen Sphinxe, Gestaltenwandler mit dem Körper eines Löwen und bringen sie in den Palast. Als Lyrian, der Prinz erfährt, dass das Mädchen welches seinen Tierkorpus umgebracht hat, hingerichtet werden soll, schickt er Baltibb, Tierpflegerin aus dem Schloss und seine engste Vertraute mit einem Brief in die Verliese um sie zu retten. Baltibb jedoch, von Eifersucht zerfressen, behält das Schreiben ein und richtet Lyrian aus, dass sie zu spät gekommen sei. Das Mädchen sei bereits hingerichtet worden.

Mion wird jedoch von Jagu, einem Gildenmitglied und begabtem Maler gerettet und findet Unterschlupf in seinem Haus. Angeblich soll sie dort sein Handwerk erlernen doch mit jedem vergangenen Tag wird dem Mädchen klarer, dass sie nie eine wirkliche Ausbildung bekommen wird. Stattdessen hat ihr neuer Meister andere Pläne mit ihr. Statt ihr das Zeichnen zu lehren verschwindet Jagu oft tagelang. Mion lässt er ratlos zusammen mit seiner kleinen Dienerschaft und Faunia, einer bildhübschen jungen Frau, die Jagus erster Lehrling ist, zurück. Faunia verabscheut Mion. Das Mädchen glaubt, dass Faunia ihr Herz an ihren gemeinsamen Meister verloren hat. Dieser weist sie immer wieder hart zurück.

Unterdessen im Palast: Lyrian nimmt zusammen mit Baltibb Reißaus. Jenseits des Herrschaftsgebietes der Drachen glaubt Lyrian, ein neues Leben, weit weg von seinen herzlosen Eltern und von den alljährlichen Morden an Tieren, die er, bevor er sich ihrer Körper aneignen musste geliebt hatte. Doch weit kommen die beiden Ausreißer nicht. Nach mehreren Tagen, die sie gegen Räuber gekämpft und in Ruinen geschlafen haben, stoßen sie auf Lyrians Vater, den Kaiser von Wynter – und auf den Krieg. Zusammen mit dem Rest seines Heeres ziehen sie wieder in den Palast und Baltibb steht es nun nicht mehr zu den Prinzen, Freund und heimliche Liebe, zu sehen.

Das Fest der Sommersonnenwende, in dem alle Gilden in de Palast gerufen werden um neue Auftäge zu bekommen, rückt immer näher. Nach einem sinnlosen Wettstreit begleitet Mion ihren Meister in den Palast. Dieser wartet nämlich schon seit er Mion aus den Kerkern befreit hat auf eine Gelegenheit, sie auf den Prinzen treffen zu lassen. Jagu ist besessen davon, das Geheimnis des Gestaltenwandelns zu ergründen, somit zu beweisen, dass die Drachen auch nur gewöhnliche Menschen sind und die Herrschaft an sich zu reißen. Sein Groll sitzt tief. In jungen Jahren verliebte er sich in die zukünftige Kaiserin. Ihm war klar, dass seine Liebe von ihr erwidert wurde. Doch konnte sie den einen, bedeutenden Satz nie aussprechen. In dem Irrglauben, dass Drachen wieso keine Gefühle hätten, weigerte sie sich, ihre Liebe zu dem jungen Maler einzugestehen und wies ihn zurück. Nun wollte er der Kaiserin beweisen, dass auch sie Gefühle entwickeln könne.

Auf dem Fest treffen Mion und Lyrian tatsächlich aufeinander. Er erkennt sie sofort wieder doch aus Angst, er wolle sie doch noch für ihre Tat bestrafen, gibt das Mädchen sich als Faunia aus – ein Geschehnis, dass der wirklichen Faunia das Leben kosten wird.

In den nächsten Wochen treffen sich Mion und Lyrian oft. Zuerst, um ein Portrait des Prinzen anzustellen und dann, weil sie sich verliebt haben. Baltibb plagt die Eifersucht und spioniert ihrem ehemals bestem Freund hinterher. Schon lange hat sie geahnt, dass es mit ihm und dem Ruinenmädchen einmal so enden würde. Doch als sie die schöne Mion erblickt, ist das zu viel für sie. Nur noch einmal trifft sie sich mit Lyrian – gegen das Verbot. Und sie werden verraten. Batibb muss noch in der selben Nacht vor den Sphinxen und Darauden, der Leibgarde der Drachen fliehen. Zusammen mit ihrem Hund flieht sie aus der Stadt und findet schließlich Zuflucht bei Albathuris, einer aufsässigen Rebellengruppe mit dem Ziel, die Tyrannei der Drachen ein Ende zu setzen.

Doch nicht nur Baltibb wird von Neid zerfressen. Auch Faunia kann die Schikane von ihrem geliebten Jagu nicht länger ertragen. In den letzten Tagen spielten die Drei, Mion, Faunia und Jagu, immer öfter Ritus, das alte Spiel aus den Ruinen. In einem ihrer Räusche zündet Faunia nach einem Liebesgeständnis das Atelier an und läuft zu einem gemeinsamen Freund von Mion und Faunia. Kurze Zeit später trifft Baltibb bei den Rebellen auf Faunia und hält sie für das Mädchen, an das ihr geliebter Lyrian sein Drachenherz verloren hat.

Nach Baltibbs Verschwinden erfährt Lyrian, dass er in den Krieg zu ziehen hat. Zwar versichert ihm sein Vater, dass ihm nichts geschehen wird, doch insgesamt drei Monate von Mion getrennt zu sein erscheint ihm unmöglich. In einem letzten Gespräch vor seinem Aufbruch belauscht Jagu das junge Liebespaar und schreitet ein. Er überredet Mion dazu ihrem Prinzen auszurichten, dass er sie in genau drei Monaten, wenn er wieder zurückgekehrt ist, bei Theaterspielen sehen könne. Unter all den Menschen würde es nicht auffallen, wenn er sich heimlich mit Mion treffe.

In Wirklichkeit plant der Meister jedoch, den Thronfolger bloß zu stellen und somit eine Meuterei auszulösen. Das gelingt ihm auch. Nachdem Lyrian seine Liebe zu dem Mädchen vor allen Anwesenden dastanden hat, verbreitet sich die Nachricht, dass die Drachen auch Gefühle haben und somit Menschen seien, wie ein Lauffeuer.

Zu den aufständischen Bürgern Wynters stoßen auch noch die Rebellen, unter ihnen Baltibb. Auch die freien Menschenstaaten stehen den Einwohnern im Kampfe gegen die Herrscher bei und während auf den Straßen die Revolution in vollem Gange ist, begegnen sich Jagu und die Kaiserin ein letztes Mal. In dem Gedanken, dass es sich um die Geliebte ihres Sohnes handelt, tütet sie Faunia.

Zusammen sterben die Herrscherin und der Maler in ihrem fanatischen Glauben an das Richtige.

Mion und Lyrian verschwinden aus der Stadt und schließen sich einer umherziehenden Menschengruppe an – Mions Familie.

 

Zitat:

Die erste Sonnenwende; Kapitel: Drachen; Seite 79 bis 80:

 

„Majestät“, begrüßte er mit einer Verneigung und streckte den Kopf vor, um ihn eingehend zu mustern. „In Eurer natürlichen Gestalt, wie ich sehe? Wie lautet das oberste Gebot der Drachen?“

Er holte leise Luft. „Ein Drache zeigt sich nur in seiner natürlicher Gestalt, wenn es einen expliziten Grund dafür gibt und keine Gefahr droht. Ansonsten schreibt es die Sicherheit vor, einen Tierkorpus zu tragen.“

„Nun, Euer Erscheinen lässt darauf schließen, dass es einen expliziten Grund gibt? Vergesslichkeit? Faulheit? Gewohnheit?“ er grunzte amüsiert. „Wollen wir uns setzen?“

Accalaion wies auf den breiten Schreibtisch in der Mitte des Raumes.

Korpus Fuchs, flüsterte Lyrian in Gedanken. Mit prüfendem Blick beobachtete Accalaion, wie der Fuchs durch die Halle lief, auf den Stuhl und von dort auf den Tisch sprang. Dabei fiel ein Tintenfass auf den Boden und der Fuchs spitzte erschrocken die Ohren.

 

Kritik:

Wieder hat es Nuyen geschafft, ihre Charaktere liebevoll und Ideenreich auszuarbeiten. Jedoch erscheinen sie mir nicht so wandelfähig, wie es noch in „Das Drachentor“ der Fall war. Nichts desto trotz bildet sich wieder eine klare Rollenverteilung heraus: Jagu neigt zu rücksichtslosen Handlungen, da er starrhalsig sein Ziel verfolgt. Im Grunde ist er doch ein guter Mensch. Faunia ist die Edle. Ein Mädchen, das es von unten bis nach oben geschafft hat und ihren Rang mit jedem Mittel verteidigen möchte und Lyrian ist der, der im Grunde nichts über sich und die reale Welt um sich herum weiß und doch nach einer neuen Chance in jener unbekannten Welt strebt. Besonderst mit Atlas, dem Schneiderlehrling, hatte ich besonders viel Lesevergnügen. Er bringt den nötigen Witz und jugendlichen Übermut in die Geschichte. Am Ende bleibt noch Mion, der Hauptcharakter von „Rabenmond“. Sie ist die Bodenständige. Abrupt wird sie aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen und muss sich von Jetzt auf Gleich mit ihrer neuen Situation anpassen. In ihrer Lehrzeit gewinnt sie Übung darin, andere in die Irre zu führen und ihre eigenen Gefühle zu betrügen und doch gibt es einen Teil in ihr, der die Hoffnung, dass die ganze Maskerade ein Ende haben wird, nicht aufgibt. Sie erschüttert nichts so einfach und kehrt am Ende zu ihren Wurzeln zurück.

 

Schreibtechnisch befinden sich Nuyens Bücher alle auf einem gemeinsamen, nicht nur für ihr junges Alter überdurchschnittlichen Level. Das Buch wird hauptsächlich von Handlungsabschnitten geprägt, beschreibende Elemente sind eher selten. Das verschafft dem Leser einigen Freiraum für eigene Vorstellungen. Dass Mion, die ja außergewöhnlich hübsch sein soll, nicht ein einziges Mal komplett beschrieben wird, ist nicht vorteilhaft – allerdings typisch für Jenny-Mais Stil denn auch in „Drachentor“ hat eine Beschreibung ihrer Drachen gefehlt.

Ihre Art sich auszudrücken zieht den Leser schon nach den ersten Abschnitten in den Bann. Sie hat es zur Meisterschaft gebracht, mit Worten zu jonglieren um mit Metaphern und Sinnbildern eine einzigartige Atmosphäre zu schaffen, die mir bis jetzt bei noch keinem anderen Schriftsteller untergekommen ist.

 

Bei der Handlung – ich gestehe es schweren Herzens – breche ich keine Lanze für Jenny-Mai. Mir war schon bei der ersten Erwähnung des Rituals der Drachen bewusst, dass es sich um eine ähnliche Angelegenheit von „Ritus“ handeln muss. Eine Erkenntnis, die letzten Endes den Wendepunkt des Romans mit sich bringt. Damit kann auch der übrige Teil des Plots nicht mehr ganz überzeugen. Ein Pluspunkt für sie ist jedoch, dass sie die Protagonisten gekonnt aufeinander zu führt und ihre Wege wieder voneinander weg führen lässt. Somit weiß man nie sicher, ob man auf die ein, oder andere Person ein paar hundert Seiten später wieder treffen mag. Für Überraschungen ist also gesorgt. Das Ende lässt sie verhältnismäßig offen und frei für die Gedanken des Lesers. Sie erkennt die Menschen am Straßenrand als ihre Familie wieder. Damit endet das Buch. Ebenfalls typisch für sie ist, dass es kein wirkliches Happy-End gibt sondern ein Mischmasch aus Tod und zwei überlebenden, verliebten Charakteren. Eine sehr schöne Lösung wie ich finde.

 

Fazit:

Nicht nur die vertraut wirkende Gestaltung des Covers lässt auf Spannung a lá Jenny-Mai schließen. Auch die Geschichte, eine Mischung aus den Eindrücken des Erwachsenwerdens, des Verliebt seins und des Verlustes kennen die Fans bereits. Fast würde ich behaupten, es ist eine Pflichtlektüre für den Fantasyfan ab 12 Jahren doch dazu fehlt dem Buch ein gewisses, unverwechselbares Extra. Trotzdem ist die Geschichte auf jeden Fall sehr gelungen und jedem, der gerne mal von den 0/8/15 – Schemen der Fantasy abweichen will, empfehle ich dieses Buch.

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Eure Meinung:

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FantasyFan01
Samstag, 02. Oktober 2010 13:50 Uhr
Zuerst einmal muss ich leider zugeben, dass dieses Werk von Jenny nicht ihr überzeugendster Roman ist. Obwohl die Story wirklich wieder sehr einfallsreich und neu ist, wies das Buch doch einige Längen auf und am Ende fiel mir das (v.a. flüssige) Weiterlesen sehr schwer.
ABER. Ein riesiges Lob an die Autorin. Mit ihren Worten hat sie keine Figuren mit nachvollziehbaren Entscheidungen und Handlungen geschaffen, sondern Menschen. Menschen, die falsch machen, was sie nur falsch machen können, und sich in Süchte stürzen, um ihrem Leben zu entkommen.
Selten waren mir die Protagonisten so unsympathisch und gleichzeitig so wichtig wie in dieser Geschichte.

Hoffentlich habe ich jetzt niemanden mit meinen Gedanken verwirrt

Fazit: Für Fantasy-Fans auf jeden Fall zu empfehlen, allerdings mit Vorsicht zu genießen. Es trifft garantiert nicht jedermanns Geschmack

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Buch:

Rabenmond - Der magische Bund

Autorin: Jenny-Mai Nuyen

Gebundene Ausgabe, 500 Seiten

Cbj, September 2008

 

ISBN-10: 3570160009

ISBN-13: 978-3570160008

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 29.10.2008, zuletzt aktualisiert: 28.10.2019 13:53