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Roter April von Santiago Roncagliolo

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Félix Chacaltana Saldívar, der Stellvertretende Bezirksstaatsanwalt der Provinz Huamanga, war schon vor einem Jahr aus Lima nach Ayacucho versetzt worden, doch erst jetzt hat er einen wichtigen Fall bekommen: Am Ende des wöchentlichen Osterkarnevals wurde ein bis zur Unkenntlichkeit verbrannter Leichnam gefunden. Chacaltana will alles richtig machen, doch auf seine Anforderungen und Berichte wird kaum reagiert. Die Polizisten haben sich den Leichnam nicht einmal angesehen. Dabei weist der Gerichtsmediziner auf erschreckende Details hin: Der Leiche wurde ein Arm abgesägt. Jemand hat ihr ein Kreuz in die Stirn geschnitten. Aber das scheint niemanden zu interessieren. Auf der offiziellen Parade zur Fastenzeit spricht Chacaltana den Polizeihauptmann Pacheo an, der ihn wieder vertröstet. Als der Staatsanwalt insistiert, schaltet sich ein Militär ein, der vorher mit Pacheo geredet hatte – Kommandant Carrión. Für ihn ist die Sache klar: Weibergeschichten und Eifersucht führten zum tödlichen Streit; das gibt es jedes Jahr beim Karneval. Chacaltana kann das nicht nachvollziehen – wieso hatte man den Toten so seltsam verstümmelt? Er hält es für möglich, dass die kommunistischen Terroristen vom Leuchtenden Pfad wieder aktiv werden. Carrión weist ihn zurecht: Das Militär hat den Leuchtenden Pfad vollständig zerschlagen. Mit solchem Gerede sollte man nicht anfangen. Chacaltana erhält seinen Polizeibericht und schließt den Fall ab: Es war ein tragischer Unfall. Doch in den folgenden Tagen tauchen noch mehr verstümmelte Leichen auf. Das kann bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen niemand gebrauchen. Kommandant Carrión stattet Chalcatana mit besonderen Vollmachten aus.

 

Huamanga liegt im Süden Perus und gehört mit zu den ärmsten Regionen des Landes. Dort hatte der Leuchtende Pfad, eine gewaltbereite kommunistische Gruppe, ihren Ursprung. Zwar muss der Staatsanwalt bei seinen Berichten Worte mit dem Buchstaben "ñ" meiden, weil er auf seiner Olivetti-Schreibmaschine fehlt, und die Gerichtsmedizin ist in die Gynäkologie umgezogen, weil die Kühlung wegen der inoffiziellen Stromausfälle ausgefallen ist, aber trotzdem befindet er, dass die Provinz in der Moderne angekommen ist.

Im März und April des Jahres 2000 herrscht eine angespannte Stimmung in der Stadt. Da sind zunächst die Feiertage: Die Menschen feiern, sie tanzen und trinken. Viele Touristen sind da. Im April sind Wahlen. Da darf nichts schief gehen – vor allem, wenn die Presse dabei ist. Die Provinz ist arm. Es trifft vor allem die indigene Bevölkerung – wer ihr zugeordnet wird, der wird keine Karriere machen. Das frustriert viele Menschen. Aufgrund dieser Frustration konnte der Leuchtende Pfad einst gut gedeihen. Viele Familien haben unter dem Konflikt gelitten, schließlich musste das Militär mit aller Härte gegen die Aufständischen vorgehen – wenn einer trotz Folter nichts aussagte, musste er ein Terrorist sein, denn alle anderen hätten irgendetwas ausgesagt um ihre Kooperationsbereitschaft anzuzeigen. Die Nachkommen der Inkas sind immer noch Unterworfene. Darüber hinaus herrscht eine Stimmung unterschwelliger Gewalt – man hört Schläge und Schreie, man sieht Mädchen mit zerschlagenem Gesicht und Versehrte.

Die Darstellung des Settings ist zentral in dieser Geschichte. Es geht aber nicht um pittoreske Anden-Dörfer mit weiß getünchten Lehmwänden, Ziegenhirten und Panflötenmusik, sondern um gesellschaftliche Zusammenhänge, vor allem denen von Justiz, Politik und Militär, Macht, Gewalt und Glauben – und deren Wirkung auf den Menschen. Das Setting ist damit ein Milieu.

 

Bei den Figuren gelingt es Roncagliolo eine relativ große Zahl zu etablieren, die sehr unterschiedliche Typen sind, gleichzeitig aber stets natürlich und plausibel wirken.

Staatsanwalt Chacaltana ist die Hauptfigur. Er ist mittlerweile nicht mehr der jüngste, hat es aber nicht sonderlich weit gebracht. Seine Gattin hat ihn deshalb verlassen: Er habe keinen Ehrgeiz. Das stimmt jedoch nicht ganz. Chacaltana ist zwar eher passiv, wendet aber viel Energie auf um alles nach Vorschrift zu machen. Schon in Lima dürfte er damit nicht weit gekommen sein, doch in Ayacucho ist das Wort des Vorgesetzten Gesetz – und in der Hierarchie ganz oben steht Carrión. Mit Mut und Hartnäckigkeit, die seiner Naivität entspringen, macht er Dienst nach Vorschrift. Dabei kann es selbstverständlich nicht bleiben. Carrión hält den Poesieleser aus der Hauptstadt für einen (linksgerichteten) Intellektuellen. Tatsächlich ist es Chacaltanas Bildung, Gesetzestreue und Empfindsamkeit, die ihn für den Leser sympathisch machen. Nach europäischen Maßstäben ist er jedoch ein sexistisches Ekel: Vergewaltigungen in der Ehe gibt es nicht – er fordert in solchen Fällen (die er häufig zu bearbeiten hat) den Ehemann auf, bei der Ausübung der ehelichen Pflichten weniger grob zu sein. In Ayacucho ist das eine ganz typische Haltung. Dies ist die eine Seite seines Zwiespalts, der ihn zu zerreißen droht. Auf der anderen Seite ist seine Verehrung für seine tote Mutter. Er hat ihr ein Zimmer eingerichtet, besucht sie in der Mittagspause und entschuldigt sich, wenn er sich verspätete. Er versucht ganz in ihrem Sinne zu leben – aber woher weis er, was sie will?

Die anderen Figuren sind je nach Bedeutung für die Geschichte deutlich weniger ausgeprägt: Carrión und Edith, die zwanzigjährige Freundin von Chacaltana, sind vielschichtiger als Richter Briceño oder Gerichtsmediziner Posadas, die nur in wenigen Szenen auftreten.

 

Der Plot vereint Elemente aus Polit-Thriller und Regionalkrimi – doch eines vorweg: Wer auf die Gemütlichkeit der Cozy Crimes oder die Klarheit des Whodunits hofft, wird enttäuscht – der Kommandant ist nicht der einzige, der Massengräber zu vertuschen hat. Gemütlichkeit kommt an keiner Stelle auf. Zentrale Spannungsquelle ist das Verhältnis der Gesellschaft zur Vergangenheit des Kampfes gegen den Leuchtenden Pfad, aber auch die Zerrissenheit der Gesellschaft zur Jahrtausendwende. Je mehr Chacaltana erreichen will, desto mehr muss er im Sinne des Kommandanten arbeiten – er stellt fest, dass er schnell in einem Sumpf aus Korruption versinkt. Chacaltana stellt sich die Frage ob die Jagd nach dem Mörder dieses Wert ist – schließlich ist der Kommandant selbst für Massengräber verantwortlich. Neben der Longitudinalspannung des Rätsels und der Bedrohung Chacaltanas gibt es also auch reichlich Transversalspannung – "Was ist das größere Übel?" ist nur eine der aufkommenden Fragen. Es gibt sogar ein paar Anspielungen; der Mörder bringt sich in die Nähe von Jack the Ripper. Nach meinem Dafürhalten sind es etwas zu viele unterschiedliche Spannungsquellen: So konkurrieren die Zerrissenheit Chacaltanas mit der rohen Gesellschaft und den mysteriösen Morden.

Der Plotfluss leidet nicht darunter. Nach einem schnellen Einstieg – Chacaltanas Bericht über den ersten Leichenfund – werden das Setting bereitet und die ersten Hinweise gegeben. Dann wird es immer schneller, bis zum wahren Pageturner.

 

Bisweilen wird Roter April im Zusammenhang mit dem magischen Realismus genannt. Dieses wird wohl an den an Ritualmorde erinnernde Verbrechen liegen. Darüber hinaus spielen die Toten eine große Rolle: Der Mörder sieht sie überall. Auch Chacaltana vergleicht die Menschen zuweilen mit Toten. Wie erwähnt spricht er dazu mit seiner Mutter, ohne sich dabei jemals einzubilden, sie lebe. Meines Erachtens ist der Roman aber dann am magischten, wenn Carrión sich über die Geschichte der Provinz, die sehr weit in die Vergangenheit zurückreicht, und die Ursprünge der Gewalt auslässt. Die Stimmung erinnert dann ein wenig an die wahnhaft-surrealistische Stimmung in Apocalypse Now, wenn Captain Willard zu den Khmer des Colonel Kurtz kommt. Er selbst beschreibt es treffend: "The horror. The horror." Damit stellt sich dem Leser die Frage, ob es sich um Wahnsinn oder Magie handelt – er muss sie selbst beantworten.

Die Erzähltechnik ist sehr unauffällig und lenkt nirgends vom Inhalt ab.

 

Abschließend eine Bemerkung zur Authentizität: Roncagliolo hatte selbst für einige Jahre für eine Menschenrechtsorganisation in der entsprechenden Gegen gearbeitet und verarbeitet in dem Roman seine diesbezüglichen Erfahrungen.

(PS: In den letzten Monaten (seit Mitte 2008) hat sich die wirtschaftliche Situation extrem verschlechtert und daraus folgend haben die politischen Spannungen wieder zugenommen; das geht soweit, dass der Leuchtende Pfad wieder aktiv wird.)

 

Fazit:

Zur Osterzeit finden sich in Ayacucho, der Heimat des Leuchtenden Pfades, einige seltsam verstümmelte Leichen an – es ist an dem naiven Staatsanwalt Chacaltana im völlig korrupten System eine Lösung zu finden. Roncagliolo bringt in diesem äußerst spannenden Polit-Thriller dem Leser auch große Probleme dieser Region Perus näher.

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Titel: Roter April

Reihe: -

Original: Abril rojo (2006)

Autor: Santiago Roncagliolo

Übersetzer: Angelica Ammar

Verlag: Suhrkamp (Februar 2008)

Seiten: 331-Gebunden

Titelbild: Hermann Michels und Regina Göllner

ISBN-13: 978-3-518-41964-9

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 05.07.2008, zuletzt aktualisiert: 12.05.2016 13:51