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Schänderblut von Wrath James White

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Hin und wieder gibt es Ideen, bei denen man sich unweigerlich die Frage stellen muss, warum man noch nicht selbst darauf gekommen ist. Oder andere Autoren. Dabei ist die Sache fast schon zwanghaft logisch und liegt einfach auf der Hand. So auch jene Frage: »Wenn Vampirismus und Lykanthrophie Krankheiten sind, also durch Erreger hervorgerufen werden – wie ist es dann beim handelsüblichen Psychopathen bestellt? Oder bei einem Kannibalen? Und wie könnte solch eine mutmaßliche Krankheit geheilt werden? Was wäre das Gegenmittel?«

Ein simples, aber faszinierendes Konzept, das Wrath James White da in seinem deutschsprachigen Romandebüt aufgegriffen hat. Sogar noch viel mehr als das. Denn White gehört zu jenem Kaliber von Autoren, die ihre Zelte in der Nachbarschaft von Autoren wie Edward Lee, Jack Ketchum, Brian Keene oder Nate Southard aufgeschlagen haben. Man muss also schon ziemlich abgebrüht sein, will man die Welt dieses Mannes betreten.

Richtig abgebrüht. Denn schon mit Kapitel 1 lotet der Mann die Schmerzgrenze aus, beschreibt er detailliert und zugleich versiert das schreckliche Martyrium eines kleinen Jungen namens Joseph Miles, der von seinem irren Peiniger in dessen Keller festgehalten und auf unvorstellbare Weise missbraucht wird. Man muss kein Vater oder keine Mutter sein, um danach erst einmal tief durchzuatmen. Nicht einmal Ketchum ging bei seinem Roman Evil so dermaßen unerbittlich vor. Gleichzeitig erkennt man aber auch: dies ist keine kranke Splatterorgie, die dem reinen Selbstzweck dient. White kann schreiben – und er ist mutig. Anders als etwa Richard Laymon, der Gewalt oftmals mit schwarzem Humor paarte, steigt sein jüngerer Kollege tiefer hinab in die Dunkelheit, überwindet Grenzen und setzt sich parallel mit der schlimmsten Bestie von allen auseinander: dem Mensch. Plakativ, aber nicht reißerisch.

 

Trotz dieses unvorstellbaren Traumas überlebt Joseph und findet sich 10 Jahre später als Kunststudent an der Uni wieder. Dennoch begleitet ihn der Horror von einst weiterhin konstant wie ein Schatten, mögen die physischen Narben verheilt sein – die psychischen sind es keineswegs. So wundert es keinen, dass Joe von seinen Mitstudenten und –studentinnen eher gemieden wird. Auch sein Mitbewohner ist froh, wenn er ihn nicht sehen muss. Und die Mitstreiter im Kunstkurs? Strafen ihn mit Ignoranz, während ihnen parallel dazu ein eisiger Schauer über die Rücken läuft; jedes Mal, wenn sie eins von Joes ent- beziehungsweise ausgearteten Machwerken ins Blickfeld bekommen. Normale Aktfotos sehen jedenfalls anders aus – und sind garantiert weniger blutig und brachial. Wobei der eher schüchterne Joe nicht von allen wie ein Zirkusfreak behandelt wird. Gelegentliche Komplimente und Annäherungsversuche des weiblichen Geschlechts können dies bezeugen. Doch was würden die Damen über ihren potenziellen Freund/Liebhaber denken, wenn er ihnen einen Blick in sein entartetes Seelenleben offenbaren würde? Etwa die Überzeugung, nach den unsagbaren Ereignissen seiner Kindheit von einer Art Krankheit befallen zu sein, die ihn immer stärker zum Mörder, Vergewaltiger und Menschenfresser werden lässt? Sein Interesse an ganz besonderen Fleischgerichten, die nächtlichen Ausflüge in die bizarrsten Underground-Sexclubs der Stadt?

Doch an ebendiesem Ort begegnet Joe eines Nachts ihr. Seiner ganz persönlichen, prallen, wohlgeformten, anbetungswürdigen Göttin namens Alicia. Gegenseitige Zuneigung und die Lust nach hartem, ungestümen Sex arten schnell in etwas vollkommen anderes aus; mit einem hässlichen Schlussakt als Höhepunkt – einer von vielen, wohlgemerkt. Denn auch wenn Alicia weiß, dass Joe völlig wahnsinnig ist und seine Vorstellungen mehr als entartet sind … sie kann sich einfach nicht von ihm lösen. Empfindet sogar Mitleid mit ihm, nachdem er ihr seine traurige Vergangenheit gebeichtet hat – die erst abgeschlossen sein wird, wenn er seinen Peiniger von damals, der mittlerweile in einer geschlossenen Anstalt sein Dasein fristet, endgültig den Garaus macht. Dem Urvampir praktisch den Kopf abschlagen; den Erreger seines Wahns gewissermaßen eliminieren und damit alle Verbindungen kappen. So irre es zunächst klingen mag, beschließt Alicia letztlich doch mit Joe mitzukommen. Aus Liebe? Oder hat sie sich womöglich ebenfalls anstecken lassen? Hat sich der Killer-Virus auch schon in ihr ausgebreitet?

 

Wie gesagt: empfindliche Gemüter sollten sich vielleicht was aus der Dark Fantasy-Ecke besorgen, aber auch wer’s deftiger mag, sei vorgewarnt. So ungeschönt und brutal schreibt momentan wohl keiner; auch kein Edward Lee oder Jack Ketchum. Während bei Lee – zweifellos ein meisterhafter Autor – der Gewaltgrad und die damit einhergehende Verstörung mitunter ausgehebelt werden, indem er eine ordentliche Prise Anarchie beigibt und es bei Ketchum trotz aller Härte stets eine (imaginäre) Grenze gibt, pfeift Wrath James White auf derlei Konventionen. Eine Entscheidung, die in doppelter Hinsicht authentisch wirkt. Zum einen, weil hier nichts verwässert wird, aber dennoch nie reißerisch wirkt. Und zum anderen, weil der Autor offenbar auf eigene Erfahrungen zurückgreifen kann.

Wer wie White in einem von Gewalt, Drogen und Kriminalität geprägten Viertel aufwuchs, der kann diese prägenden Jahre wohl kaum verdrängen. White tut dies auch nicht; im Gegenteil. Zwischen den Zeilen bemerkt man immer wieder einen gewissen Drang, das Erlebte und Gesehene niederzuschreiben; wirkt Schänderblut aus Sicht des Autors wie die umgekehrte Katharsis seines Protagonisten, der sein fehlgeleitetes Verhalten und seine »Bestimmung« als notwendigen und richtigen Prozess der Reinigung betrachtet, aber – so viel sei verraten – in dieser Hinsicht eine hässliche Überraschung erleben wird. Ist Joseph Miles demzufolge ein bedauernswerter Mensch? Zu Beginn definitiv. Doch je schneller sich seine Abwärtsspirale dreht, wird aus Mitleid irgendwann Abscheu. Der zwischenzeitlich wieder zu Bedauern wird. Mit fortschreitendem Verlauf artet Joes Odyssee in ein Schicksal der – nicht nur – eigenen Zerstörung aus, gegen deren beinahe gottgleichen Stärken er wenig bis gar nichts ausrichten kann und die ferner mit der etwas gutgläubigen Alicia prompt ein weiteres Opfer erhalten, das sie genüsslich vergiften können. Oder hat Joe letzten Endes doch Recht; ist sein Wahn und der von Alicia doch einem teuflischen Virus zuzuschreiben?

Auch hier bleibt White ambivalent, verzerrt er mit Raffinesse das Kognitive – ähnlich wie es Joe und vielleicht sogar noch ausgeprägter Alicia ergeht. Und ebendort, in dieser kalten, finsteren Region wirken die brutalen Akte von Misshandlung, Verstümmelung und Kannibalismus gerechtfertigt. Hätte White irgendwann einen Schwenk vollzogen, wäre aus »Schänderblut« gewiss ein vollkommen anderes Buch geworden – nämlich eins, das bei weitem nicht so unter die Haut gehen würde.

 

Fazit:

Einer der heftigsten Horror-Thriller seit sehr langer Zeit. Ein Buch, das weh tun kann; das gleichermaßen Ekel wie Mitleid hervorruft. Aufwühlend, spannend, brachial – und damit ein Musterbeispiel für modernen Schrecken mit authentischem Beigeschmack. Schwer zu glauben, doch mit seinem deutschen Einstand hat Wrath James White die Latte für kompromisslosen Horror ein beachtliches Stück höher gelegt. Dies zu toppen, wird auch für seine weitaus erfahreneren Kollegen kein Leichtes werden. Somit dürfte »Schänderblut« jetzt schon der wohl härteste Schocker des Jahres sein.

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Eure Meinung:

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Buch:

Schänderblut

Original: Succulent Prey, 2008

Autor: Wrath James White

Übersetzer: Manfred Sanders

Taschenbuch, 384 Seiten

Festa-Verlag, 25. Juni 2013

Titelbild: Danielle Tunstall

 

ISBN-10: 386552219X

ISBN-13: 978-3865522191

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00D9976KQ

 

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Erstellt: 11.09.2013, zuletzt aktualisiert: 30.11.2018 12:42