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Scharfe Zähne von Toby Barlow

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

In L. A. prallen Gegensätze aufeinander: Die Schönen und Reichen cruisen mit eleganten Luxuskarossen, während ein Heer von hässlichen Armen die Drecksarbeiten für einen Hungerlohn ausführt. Anthony ist einer von ihnen. Er findet keinen anderen Job als den eines Hundefängers. Seine Kollegen sind unangenehme Typen. So richtig warm wird er mit ihnen nie. So kümmert es ihn auch nicht wirklich, dass ein paar von ihnen verschwinden. Seine neue Freundin kümmert ihn allerdings sehr. Die wiederum ist ein Spitzel für den Werwolf Lark. Larks Rudel verdient Geld, indem es kleine Drogenlabors platt macht – wohl Konkurrenz. Doch Lark hat weiter reichende Pläne. Darum auch der Hundefänger. Zu Larks Bedauern ist das jedoch nicht sein einziges Spiel, denn es gibt noch zwei weitere Rudel in der Stadt. Das eine scheint plump zu agieren. Lark schickt seinen besten Mann Baron, um das Rudel zu infiltrieren. Das andere Rudel ist aber sehr vorsichtig – so richtig kann Lark es nicht fassen. Das nagt an ihm. Vielleicht hatte er sich auch mehr um Baron kümmern sollen, denn der entwickelt eigenen Pläne. Die Werwölfe sind indes nicht die einzigen Spieler in L. A. Außer ihnen sind da noch Mr. Venable und sein riesiger Partner, die mysteriöse Ziele verfolgen, und der Cop Peabody, den die verschwundenen Hundefänger sehr wohl etwas angehen. Nach und nach beginnen die Pfade, sich zu kreuzen und zu verwirren. Bei so gewalttätigen Gruppen mit unterschiedlichen Interessen kann Gewalt nicht lange ausbleiben.

 

Barlows Roman fällt deutlich aus dem Rahmen. Am augenfälligsten ist das Format. Hier ein kleiner Auszug:

 

Entgegen der Regel

Funktionierte alles.

Ihr Appetit ist auf jede Art und Weise gewaltig geworden,

sie schlafen in der Küche miteinander, im Wohnzimmer,

und sie isst riesige Teller voller Pasta.

Der einzige Hinweis auf kommenden Ärger kündigt sich an,

als sie gerade eine große Schüssel Bolognese aufisst,

bekleidet nur mit einem T-Shirt und einem Tanga.

"Ich glaube", sagt sie, ihre Wörter ein bisschen entstellt,

da ihr Mund voll ist, kaut, während sie mit der Gabel gestikuliert,

"Ich glaube, wir sollten uns ein paar Pistolen besorgen."

 

In gewisserweise knüpft Scharfe Zähne an mittelalterliche Versepen wie Beowulf an. Wie diese Epen durchzieht Barlows Roman eine besondere Sprachmelodie – allerdings nicht die von Bänkelsängern, sondern die von Rappern und Hip-Hoppern. Die Sprache ist krass und aus dem Leben der Subkulturen gegriffen, der Rhythmus nicht eben diffizil. Das wird jedoch nur begrenzt durchgehalten; ob es an Barlow oder der Übersetzung liegt, sei dahingestellt.

 

Die anderen Aspekte sind dem mehr oder minder stimmig angepasst. Das Setting wird zum Beispiel nur sehr knapp, vor allem als atmosphärische Untermalung eingesetzt. Es werden in erster Linie die schäbigen Seiten des Südens von L. A. gezeigt. (Nebenbemerkung: Für 65 Dollar kann man Stadttouren durch Gangland machen – wenn man einen Verzicht auf Klage unterschreibt, wenn man während der Tour Opfer eines Verbrechens wurde.) Der Fokus der Erzählung ruht dabei so sehr auf den Figuren, dass kaum etwas jenseits davon zu sehen ist.

Um die Verwendung des Settings einmal mit der Filmemacher-Sprache zu beschreiben: Gedreht wird mit wackeliger Handkamera, die vor allem in Nahaufnahmen und Totalen den Fokus auf die Handlungen der Figuren legt. Diese Technik findet sich in den anderen Aspekten gespiegelt.

 

Den Figuren wird relativ viel Raum gewährt, wobei die Charakterisierungen weniger durch inneren Monolog, als vielmehr durch Dialoge und Taten erfolgt. Da es zudem sehr viele Figuren gibt, können die einzelnen Figuren wiederum nur wenig ausgeführt werden. Es gibt drei Rudel, die jeweils aus einem Leitwolf, einer Wölfin und einer Anzahl von subalternen Wölfen bestehen. Alle Wölfinnen werden mindestens ein wenig vorgestellt, von den Leitwölfen wird vor allem Lark vorgestellt. Er gehört zu den wenigen Figuren, die eine gewisse Vielschichtigkeit entwickeln: Er ist ein machtbewusster Leitwolf, ein kalter Stratege, aber auch ein Hund, der sich auf kindliche Art nach Zuneigung und bloßer Nähe sehnt. Mit den Rudeln gibt es etwa ein Dutzend Figuren, die wenigstens eine gewisse Rolle spielen. Hinzu kommen noch drei Parteien, die in den Konflikt der Wölfe hineingezogen werden: Anthony und weitere Hundefänger, Peabody und weitere Cops, Venable und weitere Verbrecher. Und daneben gibt es noch völlig unabhängige Figuren. Es fällt dem Leser sehr schwer, immer den Überblick zu behalten, zumal die Figuren genauso plötzlich wie sie auftauchen auch wieder verschwinden können.

Die Figuren sind alle gebrochen und entstammen meist einem Milieu, das Umgang mit Verbrechern pflegt – die Werwölfe sind alle mehr oder weniger selbst Verbrecher, einige, um einfach materiellen Gewinn zu machen, andere aus Motiven wie Rache oder Selbstschutz. Weiterhin gibt es noch Anwälte, Polizisten und andere Menschen, deren Kunden Verbrecher sind.

Um in der Filmemacher-Sprache zu bleiben: Meist werden schnell geschnittene Szenen voller hektischer Aktivität oder Dialoge gezeigt, ruhige Szenen und innere Monologe sind eher selten. Damit werden die Charaktere natürlich auch mit eher kräftigen Strichen gezeichnet.

 

Etwa ebenso viel Raum wie den Figuren gewährt wird, wird dem Plot gelassen. Passend zur Anlehnung an die Versepen kann man den Plot als Epos begreifen: Es gibt sechs Parteien, die mehr oder minder unterschiedliche Ziele verfolgen. Es geht den aktiven Figuren vor allem um Machtgewinn und Rache, den passiven eher um Selbstschutz, materielle Abgesichertheit, ein zufriedenes Leben – kurzum: um den Erhalt des Status Quo. Damit sind die Spannungsquellen ein extrem bunter Strauß: Es gibt viele Intrigen, manches Rätsel, ein bisschen Romantik und immer wieder krasse Action. Alles Spannungsquellen, die sich gut mit dem Thriller vertragen – so gesehen könnte man den Roman als epischen Thriller begreifen. Doch daneben wird immer wieder das Lebensgefühl der Außenseiter aufgerufen – hier sind wir wieder beim Rap und Hip-Hop: Armut, Frust und Gewalt bilden eine unheilige Dreifaltigkeit.

Ein weiteres Thema sind die Werwölfe. Barlow streicht die Gewaltbereitschaft, die Ausdauer und die Gier heraus, doch auch die Fähigkeit zur absoluten Unterordnung, zum blinden Gehorsam gehören dazu. Barlow vergleicht die Werwölfe eher mit verwilderten Meuten von Straßenkötern als mit wild lebenden Wolfsrudeln. Sie leben am Rande der Gesellschaft, verachtet, ausgestoßen, werden aber toleriert, solange ihre Übergriffe die Reichen und Mächtigen nicht belangen. Außer der Fähigkeit, sich verwandeln zu können, scheinen sie normale Menschen bzw. Hunde/Wölfe zu sein – als Menschen sind allerdings ihre Sinne schärfer und als Tiere besitzen sie menschliche Ratio. Der Werwolf scheint in jedem Menschen zu schlummern – er muss nur geweckt werden, was nicht immer leicht ist. Obwohl der scharfe Geruchssinn der Werwölfe gelegentlich eine große Rolle spielt, wird er eingenwilligerweise nicht herausgehoben behandelt.

Bei der Behandlung der Themen hätte Barlow meines Erachtens besser auf mehr Realismus und vielleicht auch mehr Mut gesetzt. Mehr Realismus wäre insofern wünschenswert gewesen, als dass die Geschichte etwas zu sehr zu Pathos und Melodram neigt, mehr Mut insofern, als dass die antibürgerlichen Lebensentwürfe alle negativ gezeichnet werden und zum Scheitern verdammt sind: Das Bürgerliche unterwirft die Außenseiter am Ende in der einen oder anderen Art alle.

 

Fazit:

Lark schickt seine Wölfin zum Hundefänger Anthony, denn er hat weitreichende Pläne – doch er hat auch die Rechnung ohne die beiden anderen Rudel und den mysteriösen Mr. Venable gemacht. Toby Barlow wagte mit seinem Roman Scharfe Zähne ein ungewöhnliches Experiment. Er orientiert sich an mittelalterliche Versepen, modernisiert diese allerdings radikal: Die Sprachmelodie ist die des Hip-Hop, die Figuren entstammen den Subkulturen der Verbrechermilieus und der verknüpfende Plot lässt sich als epischer Thriller beschreiben. Sprache, Figuren und Plot passen insofern zusammen, als dass alle Aspekte zersplittert und gebrochen sind. Es wirkt, wie die wackelige Handkamera, die stets mitten im Geschehen ist und nur schnelle geschnittene Nahaufnahmen, statt ruhiger Überblicke gibt. Nichtsdestoweniger ist es inszeniert und meines Erachtens wäre etwas mehr Authentizität wirkungsvoller gewesen. Doch im Wesentlichen geht es bei Experimenten nicht um stimmige Unterhaltung, sondern um anregende Lektüre – und genau das bietet der Roman.

 

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Roman:

Titel: Scharfe Zähne

Reihe: exquisite corpse 4

Original: Sharp Teeth (2007)

Autor: Toby Barlow

Übersetzer: Verena Bauer & Thomas Ballhausen

Verlag: Milena (September 2009)

Seiten: 362 Gebunden

Titelbild: Jörg Vogeltanz

ISBN-13: 978-3-85286-181-4

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 08.06.2010, zuletzt aktualisiert: 18.04.2019 12:18