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Schattennacht von Dean Koontz

Rezension von Björn Backes

 

Dean Koontz – Chamäleon, Horror-Autor, Psycho-Fanatiker, Frankenstein-Liebhaber, in vorderster Linie jedoch ein absolutes Genie in nahezu allen Bereichen der modernen Literatur. Unlängst schuf der amerikanische Bestseller-Garant mit dem außergewöhnlichen Odd Thomas einen neuen Charakter, der gleich in mehreren Büchern die Hauptrolle übernehmen sollte und dies auch mehr („Die Anbetung“) oder weniger überzeugend („Seelenlos“) umsetzen konnte. „Brother Odd“ bzw. hierzulande „Schattennacht“ bringen den Mann, der die Geister der Toten sehen kann, nun wieder zurück in den Fokus, und das wieder einmal in einem sehr abstrakten, dafür aber definitiv Koontz-üblichen Abenteuer. Konventionen? Ja, die gibt’s auch bei diesem Autor. Doch wie so oft definiert er sie auch in „Schattennacht“ wieder völlig neu…

 

Inhalt:

Die schrecklichen Ereignisse der jüngeren Vergangenheit haben Odd Thomas völlig ausgelaugt und ihn dazu bewogen, seinen inneren Frieden in einem abgelegenen Kloster, meilenweit entfernt von seiner Heimat Pico Mundo, zu suchen. Seit sieben Monaten ist er bereits als Gast in der besinnlichen Einrichtung, an die auch ein Internat für geistig erkrankte Kinder installiert ist, beheimatet, hat dabei Vertrauen zu einem ehemaligen Schläger und der Oberin gefasst, gleichzeitig aber auch einen mysteriösen Selbstmord seines Mitbruders Constantine bezeugen müssen.

Für Thomas endet die Normalität allerdings in dem Moment, als er einige der bedrohlichen Bodachs in den Räumlichkeiten der Abtei entdeckt, die seit jeher für anstehendes Unheil mit größerer Todesfolge stehen. Seine Spur führt ihn zunächst zu einem schwer erkrankten Mädchen im Dämmerzustand, durch dessen Lippen plötzlich seine verstorbene Freundin Stormy spricht, schließlich aber zum beinahe autistischen Jacob, dessen außergewöhnliches Zeichentalent Oddie begeistert, und der in seinen sinnbildlichen Sätzen eine ganze Menge zu verbergen scheint. Die schreckliche Gewissheit, dass der Tod lauert, offenbart sich schließlich, als Odd die deformierte Leiche des verschwundenen Mönches Timothy entdeckt und gleichzeitig beinahe Opfer eines Attentats wird. Und die Bedrohung ist greifbar: eine knöcherne Silhouette treibt ihr Unwesen in der Abgeschiedenheit der Einrichtung. Doch wo stammt sie her? Welche Rolle spielt dabei der suspekte Russe Rodion Romanovich? Und welches Ausmaß wird die Katastrophe haben, die sich durch die Bodachs und das unheimliche Wesen ankündigen, das bereits Bruder Timothy verschlungen hat?

 

Rezension:

Wer die Karriere von Dean Koontz schon ein bisschen länger verfolgt, wird wissen, dass man sein inzwischen enorm großes Werk gehörig differenzieren muss, sowohl was die Einordnung in ein bestimmtes Genre betrifft, vor allem aber, worauf der Autor den Fokus bei seinen phantastischen, meist übersinnlichen Storys gerichtet hat. Gerade bei seinem aktuellen Machwerk „Schattennacht“ scheint dies angebrachter denn je, weil Koontz sich wieder einmal sämtlichen Erwartungshaltungen widersetzt, dabei gleichsam abstrakt vorgeht, aber insgesamt einfach nur ein unterhaltsames – ja, unterhaltsam trifft es wohl am besten – Buch geschrieben hat, das in erster Linie von seinen ungewöhnlichen, bezaubernden Charakteren lebt.

 

Odd Thomas wächst dabei erstmals wirklich in die Rolle von Koontz’ ganz persönlichem Über-Protagonisten hinein. Spitzfindig, clever, intelligent, wortgewandt, frech und ständig mit dem richtigen Kommentar zum passenden Zeitpunkt führt er den Leser aus seiner persönlichen Perspektive heraus durch die bisweilen recht grausamen Ereignisse in der Abtei und wächst einem dabei nun schon zum dritten male sehr schnell ans Herz. Dies liegt mitunter sicher auch daran, dass der Autor seine Hauptfigur zu einer Art Everybody’s Darling aufsteigen lässt, kann aber wahrscheinlich noch mehr auf seine Bodenständigkeit zurückgeführt werden, die einmal mehr einen ungeheuren Kontrast zu den absonderlichen Geschehnissen der Handlung bietet und vor allem aufzeigt, dass die Zeichnungen der Personen in „Schattennacht“ eine tragende Rolle zukommt.

Dabei bietet der Roman an vielen Stellen Dramatik in ihrer pursten Form, so beispielsweise in der Schilderung der Schicksale der geistig beeinträchtigten Kinder oder in den kurzen Momenten, in denen Thomas auf unkonventionelle Art und Weise Kontakt zu seiner dahingeschiedenen Freundin Stormy aufnimmt. Statt das ganze jedoch mit einer übergeordneten Tragik zu würzen, flüchtet sich Koontz in einen wirklich makabren Zynismus, der die Geschichte intensiver begleitet. als man dies bislang von diesem Mann kannte. Und in diesem Sinne ist auch der Weg zu einigen gezielten sarkastischen Seitenhieben nicht mehr weit, den Koontz schließlich in alle Richtungen beschreitet und selbst zwischen den Zeilen in einigen politisch nicht immer korrekten Statements versteckt.

Die Frage ist nun aber ganz berechtigt: Inwiefern findet der Plot in diesem eigenartigen Rahmen Platz zur Entfaltung und darüber hinaus genügend Freiraum, um die beklemmende Atmosphäre authentisch wiederzugeben? Antworten hierauf gibt es mehrere, allerdings keine wirklich konkreten. Einerseits ist die Bedrohung, die sich hier in jeder Nuance verbirgt, sofort greifbar und abstoßend. Und wie gehabt, schafft es der Autor, das verborgene Mysterium auch solange verborgen zu halten, bis die Spannungskurve ihren steilsten Punkt erreicht hat. Die andere Seite wird Fans der Koontz’schen Horror-Kost hingegen nicht gänzlich zu befriedigen wissen. Dem wahren Grauen fehlt es an Tiefe, die Beklemmung wird nicht bis ins letzte Detail ausgereizt, und auch das Zuspiel auf ein eventuell brisantes Finale läuft nicht so fesselnd ab. Aber ganz ehrlich: Das geht in Ordnung, denn Koontz wählt diesmal eine ganz andere Form der düsteren Unterhaltung, die vor allem aufgrund der fantastischen Wortwahl, den geistreichen Wendungen und den fabelhaften Figuren auf andere Ebene für Euphorie sorgt. Ein gutes Beispiel hierfür ist das merkwürdige Beziehungsgeflecht von Romanovich und Thomas, welches in einigen humorvollen, bissigen Dialogen präsentiert wird, die den Geist des Buches prima widerspiegeln – und manchmal sogar unverhofft zum Schmunzeln anregen. Und wer hätte schon gedacht, dass Humor und Horror bei einem Autor dieses Formats so prima harmonieren könnten, ohne dass die zugehörige Geschichte hierbei ihre Glaubwürdigkeit verliert? Nun, auch hier bleibt erst einmal nur Sprachlosigkeit. Doch wenn Koontz es geschafft hat, sein Publikum mundtot zu machen, ist das eigentlich nur ein weiterer Beweis für sein einzigartiges Genie. Und somit letzten Endes auch für die Genialität, die er auch ohne Momente der beängstigenden Atemlosigkeit in „Schattennacht“ verankert hat.

 

Fazit:

Bei einer Veröffentlichung dieses Autors davon zu sprechen, etwas Ungewöhnliches gelesen zu haben, klingt genauso abstrakt wie die Geschichte, die Koontz in „Schattennacht“ entworfen hat. Fakt ist jedenfalls, dass der Mann sein Publikum wieder gekonnt aus der Reserve gelockt hat und seinen neuen Liebling endlich dahinführen konnte, wo ein renommierter literarischer Charakter mit Wiederkennungswert stehen sollte. Dieser Roman ist der noch schuldig gebliebene Beweis, dass Odd Thomas und „Die Anbetung“ keine Eintagsfliegen waren!

 

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Schattennacht

Autor: Dean Koontz

Gebundene Ausgabe: 399 Seiten

Verlag: Heyne (10. November 2008)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 345326584X

ISBN-13: 978-3453265844

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 05.03.2009, zuletzt aktualisiert: 30.11.2018 12:42