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Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel

Rezension von Christian Endres

 

Hardcover, Taschenbuch, Hörbuch – und jetzt auch noch eine limitierte Sonderausgabe im kleinformatigen Festeinband. Wenn ein Buch eine solche Behandlung erfährt und nebenbei auch noch einige Preise abräumt, dann hat das in der Regel durchaus seine literarischen Gründe. Wie auch immer: Lange schon war Yann Martels »Schiffbruch mit Tiger« (nicht zuletzt aufgrund des ungewöhnlichen Titels und der hübschen, reduzierten Umschlaggestaltung) auf meinem literarischen Radar – Dank der Sonderausgabe hat es nun, nach über drei Jahren, schließlich auch endlich den Weg auf meinen Lesestapel gefunden. Ob sich die lang überlegte Anschaffung gelohnt hat oder ich das lange Zögern gar bereut habe, wird sich im Folgenden weisen ...

 

Piscine Molitor Patel ist ein Junge aus Indien, der nach einem französischen Schwimmbad benannt (und später sogar getauft ...) worden ist. Schon in jungen Jahren interessiert der kleine Pi sich für Religionen, wenngleich er sich trotz – oder eben gerade wegen – all diesem Interesses allerdings beim besten Willen nicht entscheiden kann, ob er denn nun ein Christ, ein Moslem oder ein Hindu sein möchte. Und im Grunde wäre er ja am Liebsten eh alles zugleich. Doch auch ohne die Religionsfrage ist Pis Leben keinesfalls langweilig oder gewöhnlich – schließlich ist sein Vater der Direktor des Zoos von Pondicherry. Pi verlebt also eine Kindheit in einem Indien zur Zeit des Umbruchs, wo Tradition und Moderne auf kultureller wie politischer Ebene miteinander ringen; einer Zeit, da auch Pi in das Ringen der Weltreligionen hineingesogen wird; und einer Zeit, da ihn Tag für Tag morgens Tiger, Affen, Zebras und Giraffen mit ihrem charakteristischen Lärm im Zoo seines Vaters begrüßen.

 

Während Pis innerer wie äußerer Kampf mit den Religionen eher auf ein dreifaltiges Unentschieden hinausläuft, fällt der Zeitgeist Indiens eine Entscheidung: Pis Familie bricht auf Drängen des Vaters hin alle Verbindungen zur politisch instabilen und für ihn unbefriedigenden Heimat ab, schifft sich auf einem chinesischen Frachter nach Kanada ein und verlässt das Land im Juni 1977 in Richtung Neue Welt. Mit an Bord: Viele Tiere, die auf dem nordamerikanischen Kontinent an andere Zoos verkauft werden sollen; Tiere wie zum Beispiel der bengalische, 450 Pfund schwere Tiger Richard Parker ...

 

Das Schicksal hat allerdings anderes mit Pi und seiner Familie vor: Lange vor Erreichen der amerikanischen Gewässer erleidet die vermeintliche Arche aus China mitten auf dem Pazifik Schiffbruch, und nur der junge Pi, der Tiger Richard Parker, ein Zebra, eine Tüpfelhyäne, eine Ratte und ein Orang-Utan können sich auf einem acht Meter langen Rettungsboot in Sicherheit bringen und entkommen den Fluten. Damit wiederum beginnt eine echte Odyssee für Pi, die zwischen einer ewigen Hommage an Hemingway, einer Lobpreisung des ewigen Kampfes um das so erhaltenswerte Leben sowie einem klassischen, jedoch auch extrem intensiven und äußerst gut geschriebenen Abenteuerroman schwankt.

 

Yann Martel hat das sehr geschickt gemacht: Im ersten Teil seines Romans nimmt er mit Hilfe der Skrupellosigkeit und Leichtfertigkeit der Jugend den Konflikt zwischen den großen Weltreligionen ins Visier und geht subtil und philosophisch, aber eben auch sehr überzeugend und gekonnt mit dieser schwierigen Thematik um. Es macht geradeheraus einfach großen Spaß, wenn der kleine Pi seinen Eltern erklärt, dass er als Anhänger aller drei Religionen doch bitte einen Gebetsteppich möchte, damit er, wenn er zu seinem christlichen Gott betet, sich nicht die Hosen schmutzig macht ...

 

Das Potential zur Allegorie erscheint nach Abschluss dieser imponierenden, impressionsreichen Lektüre schier gewaltig. Martel hat uns im Verlauf seines ungewöhnlichen Werkes schließlich viel gesagt, viel erzählt und viel gezeigt – von der Welt, von den Menschen, von den Tieren und, nicht zuletzt, von sich selbst und der Kunst bzw. der Notwendigkeit des Überlebens. Es wäre allerdings vermessen, an dieser Stelle zu sehr auf einzelnen Standpunkten des Autors zur – beispielsweise – vermeintlich richtigen Religion herumzureiten; ich glaube sogar, dass Martel hier bewusst kein endgültiges Urteil gefällt und genügend Raum für Interpretation und eigene Ansichten gelassen hat. Viel mehr gibt er seinem Leser die Werkzeuge, die Informationen und nicht zuletzt auch die notwendigen Impulse, ja die Gedanken und den Input, damit man nach all den moralischen, philosophischen oder erheiternden Eindrücken und Ansichten zu seinem ganz persönlichem Fazit oder wenigstens einer ganz persönlichen Meinung oder Auffassung zu diesem oder jenem Thema, dieser oder jener Situation gelangen kann – ein großes Geschenk von einem großen Autor, das diesem großen Werk mehr als nur würdig ist.

 

Doch neben all der Philosophie, all den theologischen Fragen und all den biologischen Anekdoten des ersten Teils, ist »Schiffbruch mit Tiger« vor allem im Mittelteil des Buches ein lupenreiner Abenteuerroman in der Tradition großer Vorbilder wie Dafoe oder Stevenson. Martel verlässt – mit dem Untergang des Frachters – dort immerhin freimütig seine eher nachdenklichen Pfade aus dem ersten Abschnitt des Romans und legt hier mal actionreiche, mal nachdenkliche, aber stets intensive, wohlrecherchierte und sehr gut transportierte Szenen aus dem »Alltag« eines Schiffbrüchigen mitten auf dem Pazifik vor (der zudem noch sein Rettungsboot mit einem Tiger teilen muss). Erinnerungen werden dabei vor allem an Hemingways »Der alte Mann und das Meer« wach, nur gibt es statt des Marlins eben ein paar andere, eher wasserscheue wilde Tiere auf dem Boot des kleinen Pi, und die See ist auch nicht ganz so schrecklich mit ihren Gewalten oder den Haien – dennoch ist es ein Kampf zwischen Mensch und Natur, in dem der Preis das Leben ist. Es geht einmal mehr um Ausdauer und Selbstdisziplin, und nicht zuletzt natürlich auch den unbändigen Willen des Menschen, über die Natur und die Widrigkeiten des eigenen Daseins zu triumphieren – und am Ende zu überleben.

 

Mit dem letzten und kürzesten, wohl aber auch witzigsten Part der Geschichte relativiert Martel dann am Ende seines Romans noch ein wenig und versucht, mit der Wahrnehmung seiner Leser zu spielen. Er will uns reizen und ausloten, was wir als Wahrheit anzuerkennen bereit sind, und was nicht – vielleicht ein Test, wie eindrucksvoll und realistisch seine Geschichte bis hierhin war, und ob wir uns von ein paar anderen Fakten und Eingebungen vom Weg abbringen lassen und das »Erlebte« verraten, oder eben daran festhalten. Schlitzohrig und auf stilistisch interessante, ungewöhnliche Art und Weise, überlässt er es also dem Leser höchstpersönlich, ob dieser nun alle zuvor so intensiv beschriebenen und geschilderten Erlebnisse des jungen Pi als gegeben und wahr hinnimmt, oder ob er sie als die Wahnvorstellungen eines Menschen abtut, der über zweihundert Tage auf dem Pazifik verbracht hat – mit oder ohne Tiger, das ist hier die Frage ...

 

Mit der mir vorliegenden Sonderausgabe aus dem September 2006 wandert ein verarbeitungstechnisch interessantes, ja regelrecht un- bzw. außergewöhnliches Produkt in die Buchsammlung des geneigten Lesers: Ein handlicher, gebundener Kleinband, dessen kompakt-kleiner Satzspiegel aus 382 Taschenbuchseiten 527 Kleinbandseiten macht und der einfach unglaublich niedlich wirkt. Man kann ihn ohne Mühe in die Tasche oder den Rucksack, ja selbst die Hosentasche stecken, wenn es sein muss, und immer dabei haben – was man allerdings nicht lange hat, denn dieses Buch will man am besten an einem Tag auslesen. Trotz des kleinen Formats hat der kleinformatige Hardcoverband aber nichts von seiner tollen Covergestaltung (die schon bei allen anderen Ausgaben Verwendung gefunden hat) eingebüßt: Nach wie vor gibt es das maritime Motiv mit dem kleinen indischen Jungen und dem Tiger im Rettungsboot aus der Vogelperspektive, während die hellblauen Wellen Meerestieren – vom Hai bis zur Schildkröte, wie sie eben auch im Buch vorkommen – nachempfunden sind. Dazu kommt ein schmuckes Lesebändchen, die volle Punktzahl in den von der Größe unbeeindruckten Kategorien Einband, Papierqualität, Layout, Druck und Lesekomfort, und diese limitierte Sonderausgabe des Fischer Verlages gelangt in Sachen Aufmachung und Gestaltung mit wenig zu viel – also mit schlichtem Design oder einer netten Idee zur Höchstnote in punkto Aufmachung und Gestaltung.

 

Fazit: Yann Martels Roman ist mehr als ein Abenteuerroman, aber auch mehr als eine philosophisch-theologische Reflexion. Sein »Schiffbruch mit Tiger schwingt sich zur perfekt ausbalancierten Symphonie empor, bei der Harmonie und Action, Philosophie und Humor in abwechslungsreicher Folge vorhanden sind. Die Handlung erleidet niemals Schiffbruch, ist immer interessant, mit Anekdoten oder Wissenswertem gespickt, gut recherchiert und vor allem glaubhaft und so unglaublich intensiv geschildert, dass es einfach nur ein Genuss ist, Martels Geschichte über den schiffbrüchigen Pie und den Tiger Richard Parker zu folgen.

 

Ein außergewöhnliches, intensives Buch, das die Liste meiner Lieblingsbücher nicht nur erweitert, sondern definitiv auch bereichert hat. Sollte ich in naher Zukunft jemals – mit oder ohne Tiger – Schiffbruch erleiden, so hoffe ich, dieses literarische Kleinod mit an Bord zu haben.

 

 

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Eure Meinung:

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Buch:

Schiffbruch mit Tiger

Autor: Yann Martel

limitierte Sonderausgabe

Kleinband, gebunden

Seiten: 527

Verlag: Fischer

Erscheinungsdatum: September 2006

ISBN: 3596509564

Erhältlich bei Amazon


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Erstellt: 28.12.2006, zuletzt aktualisiert: 13.09.2019 10:16