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Sturm von Wolfgang Hohlbein

Rezension von Christine Schlicht

 

Ein verheerender Sturm tobt durch München, doch das stört den Computerspezialisten Dirk Gallwynd nur am Rande. Ihn plagen Alpträume von seiner verschwundenen Tochter, die er panisch sucht. Drei Jahre zuvor schon räumte seine afrikanische Ehefrau, die Mutter von Akuyi, von einem Tag auf den anderen die gemeinsamen Konten und verschwand spurlos.

 

Der undurchsichtige Detektiv Biermann hat eine Spur von Kinah, der Ehefrau, gefunden und vermutet einen Zusammenhang mit dem Verschwinden der Tochter. Diese Spur führt nach Marokko und Gallwynd überwindet seine Flugangst, um mit Biermann und dessen zwielichtigen, ewig bekifften Helfer John und der hübschen Freundin des Detektivs in einem kleinen Fischerdorf nach Kinah zu suchen. Sie werden dabei ständig von einem Araber verfolgt, der sich Ventura nennt.

 

Wo immer Dirk Gallwynd auftaucht, scheint er von einem Sturmwind verfolgt zu werden. Das Flugzeug nach Marokko wird von einer Böe getroffen, die fast zum Absturz führt. In einer Grotte am Meer finden sie tatsächlich eine Spur, machen dort aber auch Bekanntschaft mit einem Meteorologen, der nicht gut auf sie zu sprechen ist. Als ein Sturm, der auch durch die Höhlen fegt, Gallwynd von den anderen trennt, wird er von dem Meteorologen und der seltsamen Heilerin Lubaya, der er schon in München begegnete, gerettet. Im Chaos des Sturmes taucht auch Kinah auf, doch die Wiedersehensfreude wird getrübt durch den scheinbaren Verlust des Meteorologen, der beim Zusammenbruch der Grotte zurückblieb.

 

Kinah hatte ein seltsames Verhältnis zu dem Meteorologen und gibt Dirk die Schuld an seinem Tod. Dennoch erfährt er von Kinah die Hintergründe über die Stürme und seine Tochter. Allerdings hat er wenig Verständnis für die Zusammenhänge, denn die liegen im Verständnis von Kinah zu ihrem Volk und dessen Verhältnis zu den Göttern und Dämonen. Und der Wunderwaffe, welche Stürme ganz nach Belieben hervorrufen kann und damit die ganze Welt zerstören konnte, weil das klimatische Gleichgewicht mit ihr gestört würde.

 

Hinter dieser Maschine ist auch Ventura her. Und der Schlüssel zu dieser Maschine sind Kinah und Akuyi – und deren Zwillingsbruder Noah, dessen Existenz Kinah Dirk verschwiegen hat und der von Kinahs Vater, einem Schamanen, in dessen Heimat großgezogen wurde.

 

Um die geheimnisvolle Windmaschine zu zerstören machen sie sich mit Biermann, John, Janette und dem versoffenen russischen Piloten Jurii mit dessen alter Maschine auf nach Ägypten, wo sie bei einem geheimnisvollen Walfriedhof in der Wüste die Maschine zu finden hoffen. Das Flugzeug wird verfolgt und abgeschossen. Die Besatzung überlebt, fühlt sich dann aber von einem dritten Hubschrauber bedroht. In diesem sitzen der totgeglaubte Meteorologe und – Ventura. Sie bieten Hilfe an, doch Biermann und John greifen an. Sie werden getötet, doch es gelingt ihnen auch, den Hubschrauber zu zerstören.

 

Zu Fuß macht sich die seltsame Truppe Überlebender auf den weiteren Weg. Sie treffen auf Noah und seinen Großvater, der allerdings kurz zuvor verstarb. Etwas, das Dirk in einer Vision sah, seinem letzten Gespräch mit dem Schamanen am Lagerfeuer. Im Gegensatz zu Akuyi, die ihrer Mutter ähnelt, ist Noah weiß. Akuyi ist in Gefahr, sie wurde von den Leuten gekidnappt, welche den „Thunderformer“ bedienen.

 

Die Gruppe setzt alles daran, Akuyi zu befreien und die Maschine zu zerstören.

 

 

Macht Wolfgang Hohlbein eigentlich noch etwas anderes als mit seinen Büchern Druckmaschinen in Gang zu halten? Schlafen geht auch noch? Oder ist er in eine Zwischenwelt eingetaucht, in der die Tage 48 Stunden haben? Angesichts der Masse an Geschichten, die seinen Fingern entströmen und irgendwelchen Tatstaturen eingeflüstert werden, kann man solche Gedanken bekommen. Leider leiden die Romane ein wenig darunter, weniger wäre mehr. Ein wenig mehr Zeit, die in die Entwicklung der Charaktere gesteckt wird, hätte auch „Sturm“ gut getan. Ebenso ein bisschen mehr Zeit, um eine Struktur zu finden, bei der nicht beständig der Lesefluss unterbrochen wird und welche die Geschichte logischer und somit glaubwürdiger werden lässt.

 

Wie viele Hohlbein-Romane aus dem Bereich der Phantastik hat man schon gelesen? Wenn es mehr als drei waren, dann kommen dem Leser diverse Charaktere aus „Sturm“ doch recht bekannt vor. Andere Namen, gleiche Persönlichkeit. Man wird den Eindruck nicht los, dass da ein Stapel Archetypen bereit liegt und je nach benötigter Anzahl von Charakteren werden diese blind aus dem Stapel gezogen und mit neuem Namen und anderen Haarfarben wieder verwendet.

 

So bleiben die Charaktere trotz aller Offenheit irgendwie oberflächlich und leider auch wenig glaubwürdig. Der Protagonist Dirk Gallwynd hätte eigentlich alles, um den Leser mit ihm mitfiebern zu lassen und doch wird man mit ihm nicht warm. Zumal er ein einer Tour als der absolute Depp dargestellt wird, der bis zum bitteren Ende eigentlich immer nur von den Ereignissen mitgeschleift wird, im Weg steht und gar nicht selbst tätig wird. Und als Computerspezialist völlig unfähig ist, technische Geräte zu bedienen? Bei einer antiken Funkenpusterei in einem archaischen russischen Flugzeug mag das noch angehen, doch wenn er mit GPS und Klimamodellen am Computer nichts anfangen kann, dann könnte man anzweifeln, dass er tatsächlich diesen Beruf ausübt.

 

Auch Kinah bleibt leider sehr oberflächlich, obwohl sie beständig durch ihre Herkunft und den Ahnenkult Tiefe vermuten lässt. Ihre gespaltene Persönlichkeit zwischen moderner Welt und mystischer Herkunft könnte für sich ein spannendes Buch füllen, doch sie bleibt trotz ihrer Hautfarbe farblos. Die Rolle der fetten Heilerin Lubaya bleibt gänzlich im Dunkeln. Sie ist immer da, wenn jemand verletzt wird und heilt selbst die schlimmsten Wunden, sogar Bauchschüsse. Aber was sie mit der ganzen Geschichte zu tun hat, oder warum sie erst in München war und dann plötzlich auch in Marokko, das bleibt ihr sahniges Geheimnis.

 

Der Roman enthält dazu ärgerliche Sprünge im Handlungsablauf, sie stören den Lesefluss erheblich und lassen den Leser häufig mit großen Fragezeichen im Gesicht zurück. Rückblenden zu vergangenen Gesprächen mit Freunden, Visionen von Gesprächen mit einem geheimnisvollen Alten am Lagerfeuer oder wirre Träume. Warum gerade diese Szenen an diesen Stellen? Meist dann, wenn die Charaktere gerade mitten in der Katastrophe sind. Scheinbar enthalten alle diese eingeworfenen Bruchstücke Hinweise. Aber für wen? Und welche?

 

 

Und wenn die Schwenks Cliffhanger sein sollen, um den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten, dann leider nur mit mäßigem Erfolg. Es fällt unwahrscheinlich schwer, nach Ablauf der Vergangenheitssequenzen oder der Träume, der Visionen wieder in die Storyline zurückzufinden. Das ist schlicht ermüdend. Einerseits reißt die Spannung ständig ab, zum anderen schleppt man während der weiteren Lektüre beständig gedanklichen Ballast mit sich herum und fragt sich, wann denn nun genau diese Hinweise wichtig werden.

 

Eigentlich gar nicht, denn am Ende ist es alles nur eine Auseinandersetzung mit konventionellen Waffen, welche die Gefahr bannt. Wozu nun unbedingt die Zwillinge Akuyi und Noah zusammengebracht werden mussten, um die Dämonen zu besänftigen (was nicht stattfindet), bleibt genauso offen wie viele andere Dinge, zum Beispiel die Rolle Venturas oder die Identität derjenigen, welche den Thunderformer benutzen.

 

Fazit

„Sturm“ ist durchaus spannend und angesichts der sich derzeit häufenden Naturkatastrophen eine naheliegende Thematik auch für eine Geschichte im Genre der Phantastik. Hier sind nicht nur technische Errungenschaften, sondern auch Sturmgötter und –Dämonen am Werk, nicht nur die Maschine. Leider wurde das Potenzial nicht ausreichend ausgeschöpft, trotz der Masse von über 600 Seiten. Dreiviertel des Buches lang quält man sich ein bisschen und am Ende geht alles viel zu schnell. Es bleiben zu viele offene Fragen.

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Eure Meinung:

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Andreas
Donnerstag, 04. Oktober 2007 07:53 Uhr
Nachdem ich bereits einige Bücher von Wolfgang Hohlbein gelesen habe bin ich bei dem "Sturm" angelangt und muss gestehen das ich mich durch dieses Buch quäle. Manche Werke von Hr.Hohlbein sind wirklich spannend zu lesen andere hingegen eher langweilig und konstruiert. Der Sturm gehört nach meiner Meinung in die zweite Klasse. Manchmal habe ich den Eindruck als würden zwei verschiedene Personen die Bücher schreiben so verschieden sind diese.

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Sturm

Autor: Wolfgang Hohlbein

Gebundene Ausgabe

632 Seiten

Verlag: Knaur

Erschienen: Februar 2007

ISBN-10: 3426661683

ISBN-13: 978-3426661680

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 12.05.2007, zuletzt aktualisiert: 18.01.2019 08:39