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Taub und Stumm

Autor: Matthias Deigner

 

Regen kühlte die Erde, nach der langen Hitzeperiode, ab. Die ersten Tropfen verdampfen beim Aufschlagen auf die Erde, erst langsam wird aus dem trockenen Staub der Straßen feuchter, unwegsamer Schlamm.

 

Karenha reitet schon seit Stunden durch den immer stärker werdenden Regen. Als es anfing zu regnen, empfand sie es noch als angenehm, doch inzwischen war sie durch und durch naß und die anfängliche Abkühlung wurde zu einer empfindlichen Kälte.

 

Tolvin schrie einmal wieder, doch Karenha hatte sein Schreien noch nie gehört, und sie wird es auch nie hören, denn sie war Taub. Tolvin hätte vermutlich trotzdem geschrien, auch wenn er gewußt hätte, daß sie taub war, denn der Hunger ließ ein Baby nun mal schreien.

 

Karenha hatte ihn auf einer Lichtung gefunden, dort lag er, von seiner leiblichen Mutter im Stich gelassen, und er wäre wohl verhungert, wenn Karenha ihn nicht zu sich genommen hätte. Als sie ihn dort so liegen sah, wußte sie, es wäre ihre Aufgabe, und sie wußte, sie würde es schaffen. Zudem wußte sie zu gut, wie es ist, alleingelassen zu werden und zu versuchen mit aller Kraft zu überleben. Denn auch sie wurde ausgesetzt, als ihre Eltern feststellen mußten, daß sie weder sprechen, noch hören konnte. Damals war sie fünf gewesen und so mußte sie einen Überlebenskampf gewinnen, jeden Tag und jede Nacht. Sie war ungefähr elf, als sie von einer Söldnerin entdeckt wurde, diese nahm sie auf und lehrte sie den Umgang mit den verschiedensten Waffen. Bald bemerkte Karenha, daß ihre anderen Sinne viel schärfer waren als bei gewöhnlichen Menschen, und so wurde sie zu einer guten Kämpferin.

 

Als sie alt genug war, trennte sie sich von ihrer Lehrerin und als Geschenk erhielt sie ein Pferd, daß ihr inzwischen treu ergeben war, eine Rüstung und ein Schwert. Bald wurde sie trotz ihrer offensichtlichen Behinderungen als Söldnerin von den unterschiedlichsten Leuten bezahlt. Doch sie war einsam und wenn sie allein am Lagerfeuer saß, weinte sie oftmals innerlich. Selbst wenn sie von anderen bezahlt und als Kämpferin anerkannt wurde, so wollte kein Mensch etwas mit ihr zu tun haben.

 

Tolvin war froh als sie aufhörten zu reiten und als das Feuer brannte hörte er auch auf zu schreien, denn er wußte, daß es bald etwas zu essen geben würde. Wegen des Regens hatte sie sich sogar eine Höhle ausgesucht, bald brannte das Feuer und kurz darauf war auch die Milch warm. Karenha hatte tiefe Gefühle für Tolvin entwickelt, doch sie wußte, es würde fortan nicht so einfach werden Arbeit zu finden, denn wo sollte das Kind hin. Doch sie würde es schon irgendwie schaffen. Sie hatte schließlich endlich eine wichtige Verantwortung und nichts wollte sie unversucht lassen, um diese auch zu bewältigen. Es erfüllte sie mit Stolz zu wissen, daß sie es schaffen würde, zwei Münder zu ernähren und sie glaubte auch, daß viele sie jetzt mit anderen Augen ansahen. Nachdem sie Tolvin gefüttert hatte, wickelte sie ihn in ein Fell und legte ihn zum Schlafen hin. Nun holte sie sich eine Pfanne aus ihrem Rucksack und briet sich darin etwas Fleisch, daß sie zusammen mit einer Scheibe Brot aß. Nach ihrem Mahl machte sie ihr Geschirr sauber, legte noch einige Holzscheite auf und danach wickelte sie sich in eine Decke ein, um zu schlafen.

 

Sie hätte vielleicht erst die ganze Höhle untersuchen sollen, denn es war eine erstaunlich große Höhle und im Innern schlummerte ein erstaunlich großes Wesen, ein Drache. Und dieser erwachte, als er einen Geruch wahrnahm, der ihn an Mensch erinnerte. Zudem vernahm er ein jammerndes Schreien. Er wußte, daß Menschen so schrien, er schaute sich um, in seinem Reich waren sie noch nicht, doch er wußte sie würden zu ihm kommen, sie kamen immer zu ihm. Sie wollten seine Schätze, und sein Leben. Doch Lur wollte es erst gar nicht dazu kommen lassen, nein, er wollte sie gleich erledigen, so stand er auf und ging in Richtung des Ausgangs.

 

Tolvin schrie mal wieder, seine Hose war naß und er konnte nicht einschlafen, doch wie immer reagierte sie nicht auf sein Geschrei. Karenha nahm auf einmal einen Geruch wahr, andere hätten ihn wahrscheinlich nicht wahrgenommen, doch Karenha spürte die Gefahr, die von diesem Geruch ausging. Sie setzte sich auf und schaute sich um, zuerst dachte sie, es wäre noch dunkler geworden in der Höhle weiter hinten, doch dann sah sie die aufblitzenden Zähne im Schein des Feuers. Der Drache hatte ein gefährlich aussehendes Gebiß, auch der Rest an ihm war das, das man wohl als furchterregend bezeichnete. Doch das Abscheulichste an ihm war sein Gebrüll, und genau das beeindruckte Karenha nicht, denn sie war schließlich taub.

 

Lur brüllte, er wußte, welche Angst Menschen bekamen, wenn er brüllte, doch die Frau die da saß, zeigte keine Angst, im Gegenteil, sie stand auf und zog ihr Schwert, und Lur begann noch lauter zu brüllen. Tolvin schrie wie am Spieß, doch auch das hörte Karenha nicht, er hatte erbärmliche Angst und dementsprechend volle Windeln. Karenha wollte nicht den Drachen bekämpfen, sie wußte nicht, was sie da tat.

 

Lur hörte zu brüllen auf und sah auf die blitzende Schneide von Karenhas Schwert. Selten hatte er Kämpfer gesehen die seinem Brüllen wiederstanden, noch seltener waren es Frauen. Lur hörte Tolvin schreien und jetzt wußte er, warum sie so mutig war und vor ihm stehen blieb. Er drehte sich um und ging.

 

Karenha atmete erleichtert auf, sie steckte das Schwert zurück in die Scheide und legte sich zum schlafen hin, nachdem sie sich ausgiebig um Tolvin gekümmert hatte. Warum der Drache gegangen war, wußte sie nicht, doch sie wußte nun endlich, daß sie Tolvin helfen konnte, wann immer er sie brauchte.

 

...Fortsetzung siehe "Karenha und Tolvin"

 

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Erstellt: 25.07.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58